Das Wetter. Darüber wird viel zu wenig gesprochen.

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An der Kasse im Bahnhofskiosk herrscht Stau. Bevor der junge Mann, dem ich mein Heft über den Tresen gereicht habe, mir auf meinen Zehner rausgeben kann, müssen von seinem Kollegen noch einige Zigarettenkunden abkassiert werden. Er blättert also mit dem Daumen quer durch das „Das Wetter – Magazin für Text und Musik“ und sagt danach kurz und trocken: „Das ist ein cooles Heft. Super gemacht, gutes Papier. Damit kenne ich mich aus.“ Deshalb geht es ab jetzt nur noch darum, ob der Kioskmann Recht hatte. Auf mich wirkte er seriös.

Punkt 1, die Formalien. „Das Wetter“ besticht durch die Papierauswahl. Der Umschlag hat eine leicht genarbte Oberfläche, die das Titelfoto seidenmatt erscheinen lässt. Der Innenteil ist größtenteils auf naturweißes Werkdruckpapier gedruckt, was perfekt zu den leicht entsättigten Farbfotos passt. Für eine Reihe des Fotografen Mitko Mitkov wurden einige Seiten hochweißes Papier dazwischengeschoben. Durch diesen Kunstgriff wirken die kleinformatigen Bilder wie Echtfotos aus dem Labor. Bis hierher volle Übereinstimmung mit dem Verkäufer im Bahnhofskiosk.

Das Heft beginnt mit einem kleinen weißen, aber bestimmten „Nein“ auf einer völlig schwarzen Seite. Es ist der Auftakt zu einem Editorial, in dem der Herausgeber und Chefredakteur Sascha Ehlert die trostlose Weltlage am Anfang eines verkorksten Jahres deutlich beschreibt, zur Aktivität und zum Gegenhalten auffordert und sein Magazin als eine andere Antwort auf „die Beschissenheit der Dinge“ definiert. Keine trostlose Dopplung im Spiegel wolle das Heft sein, nicht einmal „real“, sondern ein Porträtsammlung von Menschen, die mit dem, was sie tun, etwas mehr wollen.

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Der erste Text handelt von der 30-jährigen Stefanie Sargnagel aka Sprengnagel, die sich mit Sammlungen kurzer und kürzester Tagebucheinträge in den Literaturbetrieb hineingeschrieben hat. Auf acht Seiten hat der Autor Jan Wehn den Platz, auf eine Beschreibung ihrer Texte zu verzichten und stattdessen diesen besonderen Sound einfach im O-Ton einbinden zu können.

Wer Lust hat, ihre Texte am Stück zu lesen und sich einfach nur von einem nächtlichen „Oidar“ überraschen zu lassen und erst danach den Kontext dazu nachzublättern, kann das übrigens auf Facebook tun. Es lohnt sich, und man glaubt ihr aufs Wort, wenn sie ihm Gespräch mit „Das Wetter“ sagt, das ständige Mitteilen sei eine Bereicherung ihres Alltags: „man hat ständig eine Erzählerstimme im Kopf“. Ihre Beeinflussung durch den Realismus der Wiener Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist ebenfalls nachvollziehbar. Erst recht, wenn man als Kind selbst zunächst erschrocken und dann auf Jahre begeistert war, dass es neben einer süßlichen Kinderbuchwelt auch Geschichten mit stinkenden Müllkübeln und echten Pickeln gab.

Mir persönlich war Stefanie Sargnagel bisher nur durch die Beschreibung einer sehr besonderen Sorte Schweiß geläufig, den sie zu meinem großen Vergnügen in den Jeans der Musiker von Wanda vermutete. Weiter hinten in „Das Wetter“ findet sich ein Interview mit dieser Band – geführt von Sascha Ehlert – der die Musiker sehr hartnäckig mit Nachfragen nach ihrem Selbst- und Fremdbild piesackt.

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Das Layout von „Das Wetter“ ist dicht und das gesamte Heft kommt mit kaum mehr als drei Garamond-Schriftschnitten aus. Die Genauigkeit der Detailtypografie lässt einen trotz kleiner Schriftgrade das lange Interview mit Jochen Distelmeyer mit Vergnügen lesen. Das liegt möglicherweise allerdings auch an seinen Antworten – er erzählt so anschaulich über die Einflüsse, die seine Musik prägen, dass man am liebsten Namen für Namen unterstreichen möchte, um das Interview noch einmal auf der Tonspur nachvollziehen zu können.

Was unabhängige und kleine Magazine wie „Das Wetter“ so wertvoll macht, ist die Plattformfunktion für Talente, die man in Zeitschriften mit hohen Auflagen noch nicht findet: Eine leise Kurzgeschichte von Jan Wehn ist beispielsweise mit zwei Buntstiftzeichnungen der jungen Illustratorin Si-Ying Fung bebildert, der man nach einem Besuch auf der Seite ihrer Künstlergruppe „tapir & klotz“ mehr Aufträge wünscht.

Die Geschichte des Folkmusikers Jackson C. Frank, sein Verschwinden und die Spurensuche seines Fans Jim Abbott zeichnet Andreas Bock auf sechs Seiten nach, und er tut das nicht chronologisch, sondern mit Einschüben, Originalzitaten und sehr sprachgewaltig. Es ist im besten Sinne eine Geschichte, erzählt von jemandem, dem man gerne zuhört, weil er weiß, wie Spannungsbögen sein müssen.

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Der Kioskmann lag mit seiner Einschätzung des Magazins goldrichtig. Es fällt schwer, das Haar in der Suppe zu finden und wenn das so ist, dann kann man ja auch einfach mal genießen. Zum Beispiel das Interview mit Theresia Enzensberger, die mit ihrem „BLOCK“-Magazin ein reines Textmedium gründete und in wenigen Worten viele der Mechanismen anspricht, die die Medienlandschaft momentan so vorhersehbar und langweilig erscheinen lassen. Und schließlich sagt sie: „Wenn man es nicht ausprobiert, woher soll man dann wissen, ob die Leute sich nicht auch für gute Sachen interessieren?“

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Das Wetter
2/2016, 98 Seiten, 8,50 Euro
Verlag: Das Wetter – Magazin für Text und Musik, Berlin

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4 Kommentare

  1. Vielen Dank für die erneut gute Kolumne.

    Der Link zu Tapir und Klotz funktioniert leider nicht ganz richtig.

  2. Sehr schön geschrieben, Peter Breuer.

    Über einen Link zum Onlinekauf des Magazins hätte ich mich noch gefreut, so es diese Möglichkeit denn gibt.

    Ich werde immer mal wieder bei Euch vorbei schauen, euer Format spricht mich an.

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