Seelenbrecht: „Allet Fake News, allet Quatsch!“

Natürlich gibt es ihn. Muss ja. Schließlich hat er einen Brief geschrieben, mit blauer Tinte und schön geschwungen. Im Briefkopf: sein Name. Sigmar Seelenbrecht. Beruf: Journalist. Das steht da auch. Das ist wichtig. Denn im Brief bittet er, die „hochgeschätzte Aufmerksamkeit“ auf eine Dokumentation zu lenken, die heute Nacht im Fernsehen läuft. Über ihn, Seelenbrecht, den „Meisterreporter“. Den Mann, an dem sich so viele andere namhafte Journalisten orientiert haben. Eine „wohlwollende Kenntnisnahme“, schließt Seelenbrecht, wären ihm „Freude & Ehre zugleich“. Die ganz alte Schule.

Kein Wunder: Sigmar Seelenbrecht ist jetzt 81. In der Dokumentation, die ihm die ARD widmet, spricht er über sein bewegtes Reporter-Leben: Er war es, der als erster dem Hausbären von Joseph Ratzinger begegnete, Romenius, einem ganz süßen Tier. Er war es auch, der legendäre Interviews mit Putin führte und mit Brandt, und der früh prophezeite, dass der Berliner Flughafen nicht fertig wird. Und er war es, der aufdeckte, dass der Beginn des Farbfernsehens ein Lug war, bei dem die Zuschauer bloß meinten, Farben zu sehen, weil die TV-Industrie sie unter Halluzinogene gesetzt hatte, so ein synthetisches Zeug, ganz schlimm. Aber – wer erinnert sich nicht an diesen großen Skandal.

Niemand? Na, gut. Wie auch.

Natürlich gibt es ihn nicht, diesen Seelenbrecht. Aber es könnte ihn geben. Weil er so nah dran ist an diesem Typus des kernigen Journalisten aus der alten Bundesrepublik, der nun vor der Bücherwand seines Lebens von der alten Zeit erzählt. Raunend im Ton. Stets wissend. Und ein bisschen tattrig, mit verwischter Sprache, wie am Ende Peter Scholl-Latour. Das ist alles so täuschend, so fein und empathisch inszeniert, dass wohl genug Leute der Illusion erliegen dürften, wenn sie um 23.30 Uhr „Das Erste“ einschalten. Hat auch der zuständige WDR-Redakteur gesagt, nachdem er den Film gesehen hatte: „Wisst ihr was“, hat er gesagt, „da werden wieder viele Leute glauben, das ist echt.“

Sigmar Seelenbrecht sitzt in seiner Berliner Wohnung vor einer Bücherwand und liest Zeitung
Seelenbrecht in seiner Berliner Wohnung B. Lindhorst/beckground tv

Schuld daran ist Olli Dittrich. Der „Meisterreporter“ Seelenbrecht ist seine siebte Parodie im so genannten TV-Zyklus: Dittrich war, unter anderem, Gutelaune-Moderator im Frühstücksfernsehen und alle Gäste in einer Talkshow, er war Sandro Zahlemann, ein wirrer Ost-Reporter auf der Suche nach dem König von Bhutan, und dieser Schorsch Aigner, Franz Beckenbauers Doppelgänger – ein Kabinett der Fernsehgestalten. Dass Dittrich gerade Seelenbrecht gut gelingt, liegt auch daran, dass er so einen „alten Haudegen“, wie er sagt, selbst erlebt hat: seinen Vater Kurt, der früher für den Springer-Verlag arbeitete, unter anderem für die „Welt am Sonntag“ und die „Berliner Morgenpost“.

An einem Nachmittag voriger Woche sitzt Dittrich in einem Schnittraum in Hamburg und schaut Seelenbrecht ins Gesicht. Der Film ist fast fertig. „Frankie“, Dittrichs Cutter, der eigentlich Frank Tschöke heißt, „ein Soldat des Humors“, hat bis in die Morgenstunden geschnitten. Dittrich will einfach mit niemand anderem zusammenarbeiten, immer dieselben Leute: Tom Theunissen, sein Co-Autor, die Maskenbildnerinnen, Frankie, alle sind ihm wichtig, er lobt sie in höchsten Tönen. Weil es ja auch sein Team ist, das aus ihm den macht, den er da jetzt auf dem Bildschirm betrachtet: einen anderen Menschen, der seine Vorlage in vielen, vielen Figuren der Vergangenheit hat.

Zum Sonntagsprogramm bei den Dittrichs gehörte früher, als Dittrich noch ein Kind war, natürlich auch die Diskussionsrunde „Der Internationale Frühschoppen“ mit Werner Höfer, in der immer alle rauchten und tranken. Wenn sein Vater das damals einschaltete, erzählt Dittrich, „habe ich als kleiner Butschi schon neben ihm gesessen und das auch angesehen. Ich wusste natürlich überhaupt nicht, worüber die da reden. Aber diese Leute! Und der Höfer dazwischen, mit einem Wein! Ich fand diese Typen alle ganz phantastisch!“

Dittrich ist begeistert, er strahlt, wenn er davon spricht. Solche Typen wie damals, sagt er, gebe es sicher auch heute noch, „aber die bekommen nicht mehr diese epische Breite im Fernsehen“. Er gibt sie ihnen nun. Jedenfalls einem ihnen: Sigmar Seelenbrecht.

Sigmar Seelenbrecht im Anzug mit gestreifter Krawatte, Brille und weißem Kinn- und Oberlippenbart.
Seelenbrecht ganz nah Beba Lindhorst/beckground tv

Seelenbrecht sagt etwas, Dittrich lacht. Auch wenn er das, also sich, also Seelenbrecht und diese eine Stelle gewiss schon etliche Male auf dem Monitor gesehen hat. Das ist lustig zu beobachten, wie Dittrich da sitzt und über Seelenbrecht lacht wie über einen Fremden. „Der Geist ist da, das freut mich sehr“, sagt Dittrich. Vor ein paar Stunden war Abnahme durch den Sender, der ist auch zufrieden, und jetzt geht’s noch Tage lang an die Details: Farben korrigieren, Töne putzen. Neues Material alt wirken lassen, wenn es in einer früheren Zeit spielen soll. Ein riesiger Aufwand steckt in diesen 45 Minuten, wie immer, wenn Dittrich ans Werk geht. Wirklich fertig ist der Film erst seit zwei Tagen.

Dittrich arbeitet wie besessen an Details. Kollegen macht sowas auch wahnsinnig, dabei muss man diesen Perfektionismus uneingeschränkt verehren, eben weil daraus gutes, hochwertiges Fernsehen entsteht, kein kaulauernder Krach, sondern mit Liebe für Feinheiten. „Das sind alles Miniaturbausteine“, sagt Dittrich. „Wie der richtige Tränensack, der vielleicht zwei Millimeter zu hoch angeklebt worden ist, und dann muss der eben wieder runter.“ Punkt. Alles Bausteine. Da passt es nur, dass dann auch dieser Seelenbrecht selbst das fertige Produkt bewirbt, handschriftlich, mit beigelegten Fotos seiner größten Momente. So würde er es auch machen, wenn es ihn gäbe.

Und wer entscheidet, wie es läuft? Allein Dittrich. Er weiß genau, wie er es haben will. Wie bei jeder Figur hatte er auch bei Seelenbrecht ein genaues Bild im Kopf. Körperhaltung. Dialekt. Bartform. Das alles sei wichtig. Und natürlich ein biografischer Horizont, Seelenbrechts Seele. „Das Gesamtgefühl muss stimmen, wenn man die Figur sieht und hört“, sagt Dittrich. „Da hat man noch gar keinen Inhalt, nur den Eindruck. Das packt einen, weil es authentisch ist.“

Sigmar Seelenbrecht mit längeren Haaren vor einem Schild mit der Aufschrift "Kommentar", so etwa in den Siebzigerjahren.
Seelenbrecht in den Siebzigerjahren Beba Lindhorst/beckground tv

An Seelenbrecht hat Dittrich besonders gereizt, dass er ihn in verschiedenen Lebensphasen spielen kann: vom jüngeren Reporter, mit grobem Sakko und Vollbart, bis zum „alten Sack“, gebrechlich und grau. Außerdem: das Genre. Eine Mockumentary, also eine vermeintliche Dokumentation, die Reales mit Erfundenem vermischt. Das kennt man inzwischen ganz gut, von Dittrich, auch von anderen. Bei Seelenbrecht treten nun etwa Günther Jauch auf oder Ulrich Deppendorf, um seine Größe zu bezeugen. Sie machen das gut, glaubhaft. Aber vermutlich kann ohnehin keiner den bedeutungsschweren Krisen-Modus von „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo so gut imitieren wie er selbst. „Hätten wir mehr von diesen Seelenbrechts“, sinniert er, „der Journalismus hätte heute nicht die Probleme, die er in Deutschland hat.“

Sigmar Seelenbrecht steht vor zwei Autos (Golf) der frühen Gerneration, der rote ist mit "Test 2" beschriftet auf der Heckscheibe, der rote mit "Test 1".
Auto-Tester Seelenbrecht Beba Lindhorst/beckground tv

Dittrich liebt die Arbeit mit Archivmaterial, mit Szenen von früher und mit realen Begebenheiten, die er Teil seiner Fiktion werden lässt: Der Bär im Wappen von Papst Benedikt XVI? Ist wirklich echt. Klare Sache, was sich dahinter für eine kuriose Geschichte verbirgt, oder? Und es gab ja tatsächlich diesen komischen Fehler, als das Farbfernsehen startete und schon farbig war, bevor Willy Brandt den Knopf dafür betätigte. Da muss doch etwas nicht stimmen! Und diese Sache mit Putin, der schon mehr als 100 Jahre alt sei, weil er eingefroren und nach Bedarf aufgetaut wird! Ist doch so, oder? Naja, vielleicht auch nicht. Ganz sicher sogar nicht. Das hat Seelenbrecht nun auch aufgedeckt.

Es ist eine Freude, wie sich Realität und Fiktion immer wieder neu mischen, auf mehreren Ebenen. Und dass ausgerechnet Seelenbrecht die Putin-Geschichte als falsch entlarvt, weil darin ein Interview vorkommt, dass einst er mit Putin gemacht hat – über dessen Hund. Das Spiel mit Realität und Fiktion macht Dittrichs Arbeit gerade jetzt so sehenswert, eben weil heute so oft nicht ganz sicher ist, wobei es sich um die Wahrheit handelt und wo um eine Lüge.

Gerade in ihrer Abwegigkeit wirkt die Putin-Verschwörungstheorie, als könnte es sie tatsächlich geben. An solche Sachen glauben Leute heutzutage, so absurd sie auch klingen mögen. Nur einem macht keiner was vor: Seelenbrecht. Als er den Film mit der Putin-Verschwörung sieht, berlinert er empört: „Wat is’n dit fürn Blödsinn. Is dit Kasperfernsehen, oder wat?“ Und später, als er die alte Putin-VHS aus dem legendären „Giftschrank“ geholt hat, als Beweis, ruft er: „Allet Fake News, allet Fake News! Allet Quatsch!“

Damit kann so einer wie Seelenbrecht natürlich gar nichts anfangen. Fake News. Alternative Fakten. Verschwörungstheorien. Gibt’s ja gar nicht. Gibt’s halt eben doch. Aber nicht (oder: kaum) zu Seelenbrechts Zeit. Darauf ist er so eitel stolz wie manch einer seiner realen Kollegen. „Ick bin an der Wahrheit interessiert, nich‘ wahr“, sagt er. Mit der können man in Würde altern. „Wenn du was wissen willst, frag den Seelenbrecht. Der sagt die Wahrheit!“ Ein Zitat von Willy Brandt, sagt Seelenbrecht. Schon früh, in den Siebzigern bereits, haben sie ihn „Faktenjäger mit der gestreiften Krawatte“ genannt. Seelenbrecht ist quasi der Großvater der Scharen von Factcheckern, die es heute gibt.

„Wir leben in einer völlig anderen Welt als noch vor fünf oder zehn Jahren“, sagt Dittrich. Die Methoden, wie das Internet genutzt werde, um Menschen gezielt zu manipulieren, hätten „eine ganz große Wucht, die man nicht an der falschen Stelle trivialisieren sollte.“ Deshalb wird sein Film vom Sender auch nicht als reale Dokumentation verkauft, das könnte man ja so machen: Noch mehr aufs Glatteis führen. Aber das ist nicht Dittrichs Weg. „Da achte ich schon sehr genau drauf. Das ist ja gerade der Witz, dass wir das ausreichend dokumentieren. Indem etwas gezeigt wird, von dem man weiß, dass sich dahinter Olli Dittrich verbirgt. Das ist das einzige Schlupfloch nach draußen.“

Mit so etwas wie Medienkritik soll das alles aber nichts zu tun haben. Allein das Wort schon. Durch den Ausdruck würde seine Arbeit „eine andere Wucht“ erhalten, so „sehr bedeutend besetzt“, sagt Dittrich. Und das will er nicht. Es sei wie mit dem Begriff der Bedeutung, auch sowas: „Was wollen Sie uns damit sagen? Dieser ganze Käse!“, sagt Dittrich. Natürlich halte das, was er mache, auch den Verhältnissen den Spiegel vor, „aber das tut jede Parodie“.

Dittrich will nicht belehren, er will unterhalten, Menschentypen nachahmen. „Wir sind ja völlig gaga, wie wir an diesen Figuren arbeiten, das glaubt uns ja kein Mensch“, sagt er. Aber: „Das ist meine Methode! Ich kann immer feiner werden, dann guckt die Figur nur so, ganz leicht, und dann freuen sich die Leute plötzlich.“ Die unfreiwillige Komik zu zeigen, die es überall gebe, „das ist mein Ding“, sagt Dittrich. Dass ihm „Das Erste“ dafür einen Sendeplatz eine halbe Stunde vor Mitternacht reserviert hat und vorher noch Dieter Nuhr reden darf – an Dittrichs Stelle könnte man das bescheuert finden, es beklagen, aber er nimmt es gelassen. Weil, diese Medienkritik… Dittrich fängt an, wie Seelenbrecht zu berlinern: „Allet Quatsch!“

„Der Meisterreporter – Sigmar Seelenbrecht wird 81“, Das Erste, 23.30 Uhr

Link zum Film in der ARD-Mediathek.

 

7 Kommentare

  1. @Raoul

    Finde ich auch interessant. Leider entspricht das wohl dem Zeitgeist, dass TV-Kritiken heutzutage oft „großartig“ lauten oder „grausam“. Entweder schwärmerisch oder vernichtend. Hans Hoff etwa ist ein echter Könner darin: Daumen rauf oder Daumen runter, dazwischen ist kein Platz.

    Das ist dann aber auf Dauer für die Leser ebenso fad wie für die Leute, die Programm machen. In diesem Fall vertraue ich mal auf die Expertise von Boris Rosenkranz. Auch, weil der Meedia-Autor, der Olli Dittrich am liebsten in Frührente schicken möchte, neulich noch Kai Blasberg in recht serviler Art als „coolste Sau im deutschen TV“vergötterte. Irgendwie werde ich bei Hendrik Steinkuhl den Eindruck nicht los, da möchte vor allem ein unbekannter Kritiker mit großen Worten auf sich selbst aufmerksam machen.

  2. Immerhin hat Herr Steinkuhl lobende Worte für die Maske und die Technik gefunden.
    Bei Herrn Rosenkranz hat man eher den Eindruck, die Lobpreisung war schon vor seinem Besuch bei der Produktion im großen und ganzen fertig und musste nur noch mit ein paar knackigen Zitaten des Meisters angereichert werden.

  3. @3 Boris Rosenkranz
    „… hat man eher den Eindruck …“ ist eine präzise Formulierung, die erkennen lässt , dass der Kommentator sich seiner subjektiven Wahrnehmung bewusst ist und die Richtigkeit seiner Annahme nicht unterstellt.
    Und obwohl Sie das klar erkennen können, haben Sie die Größe, einfach mal zu zugeben, dass er recht hat.
    Finde ich ganz toll.

  4. @3: Herr Seelenbrecht wäre stolz auf Ihre investigative Recherche und knallharte Schlussfolgerung. Endlich spricht’s mal jemand aus, darf man ja eigentlich nicht sagen.

  5. Wenn ich sehe, wie „BILD“ heute seinen fünf!und!sechzigsten! Geburtstag zelebriert und Deutschland wieder mal mit einer kostenlosen Sonderausgabe überschwemmt, gewinnt die Idee mit dem einundachtzigsten Wiegenfest immer mehr an Charme und trifft voll ins schwarze.
    Ich stehe nicht an, das neidlos zuzugeben!

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