„Was Medienjournalisten machen, würde uns niemals jemand durchgehen lassen“

Zum Start von Übermedien haben wir ein langes, kontroverses Gespräch mit „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo über Chancen und Risiken, Glanz und Elend der Medienkritik geführt. In dieser Tradition haben wir uns zum ersten Geburtstag von Übermedien mit Kai Gniffke getroffen. Seit elf Jahren leitet der 56-Jährige die Redaktion ARD-aktuell, in der „Tagesschau“, „Tagesthemen“, „Nachtmagazin“ und tagesschau.de entstehen. Wie di Lorenzo hat er sich vorbereitet und Munition mitgebracht, unter anderem: ein Beweisfoto und eine für ihn sehr erfreuliche Umfrage.


Herr Gniffke, vor zwei Jahren habe ich über Sie geschrieben: „Vielleicht könnte die ‚Tagesschau‘ jemand anderes finden, der öffentlich auf Kritik an ihrer Arbeit reagiert? Jemanden, für den eine ‚Diskussion‘ etwas anderes ist als eine Ansprache?“ Es ging damals um den Pariser Trauermarsch nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ und die Frage, warum die „Tagesschau“ den Eindruck erweckte, dass die Staats- und Regierungschefs den Marsch angeführt hätten. Das war nicht hilfreich für unsere freundschaftliche kollegiale Zusammenarbeit, oder?

Kai Gniffke Foto: NDR/Thorsten Jander

Definitiv nicht. Es hat aber auch andere Medien gegeben, die deutlich härter zugelangt haben, die auch mit Falschaussagen operiert haben. Mir hätte es gut gefallen, wenn „Spiegel Online“ und die „taz“ zumindest hinterher erklärt hätten, dass sie falsche Behauptungen aufgestellt haben, auch uns gegenüber. Das ist nach wie vor nicht ausgeräumt.

Deswegen dachte ich, ich spreche es gleich mal an.

Ich glaube, ich hatte Recht. Ich bin sogar sicher. Wir konnten definitiv sagen, dass der Aufmarsch der Politiker nicht in einer abgesperrten Seitenstraße stattgefunden hat, wie es „taz“ und „Spiegel Online“ bis heute unkorrigiert behaupten. Übrigens können wir mit einem Foto belegen, dass vor den Politikern noch eine Gruppe ging, die ebenfalls besonders geschützt war: die Kollegen und die Angehörigen der Opfer. Ich habe mich gefragt, warum wird skandalisiert, dass wir die Politiker irgendwie nicht „entlarvt“ haben – hätten wir das mit den anderen, den Angehörigen, auch tun sollen? Wir haben absolut korrekt berichtet, und deshalb habe ich nichts zurückzunehmen von dem, was ich damals gesagt habe.

Sie waren auch sehr wütend.

So wütend war ich gar nicht.

Aber der Fall ist für Sie schon mal kein Beispiel für gelungene Medienkritik.

Im Gegenteil, mit falschen Fakten zu argumentieren, ist schlechte Medienkritik.

Der Gedanke von Ihnen, der mich so geärgert hat, war der, dass man ja so eine Inszenierung, „eine große Geste von Millionen von Menschen und zahlreichen Politikern“, nicht kaputtmachen solle. Es ist aber doch nicht Aufgabe von Medien, für eine möglichst stimmige Inszenierung zu sorgen, sondern auch einmal den Zoom aufzuziehen und zu zeigen, wie denn eigentlich die Situation da war.

Das sehe ich bis heute anders. Es war eine Inszenierung, so wie Politik immer irgendwie Inszenierung ist. Wenn Kohl und Mitterrand auf den Feldern von Verdun Hand in Hand stehen, ist das auch eine Inszenierung. Es ist ein Symbol und als solches haben wir es auch gezeigt. Da hatte ich nicht den Eindruck, dass es jetzt journalistisch geboten ist zu sagen, dass der Teil mit den Politikern besonders gesichert war – sonst würde jeder unserer Beiträge über die Bundeskanzlerin beginnen: „In einem schwer gesicherten Bundeskanzleramt hat heute…“. So viel Medienkompetenz sollten wir den Menschen zutrauen: dass sie wissen, wenn irgendwo Politiker oder Prominente auftreten, sind die umringt von Kameras. Dann brauche nicht unbedingt den Gegenschuss.

Es gibt diese klassischen Nachrichtenbilder, Demonstranten verbrennen eine Flagge, wo man auch nur gelegentlich in einer Totalen sieht, dass da zehn Demonstranten stehen mit einer Flagge, die sie vor hundert Fotografen verbrennen. Auch da hilft es ja, aus dieser Szene rauszugehen, um sie richtig einschätzen zu können.

Ja, das ist richtig. Wenn ich weiß, es ist eine Inszenierung, um einen bestimmten Eindruck zu erwecken von einer Situation, die so möglicherweise gar nicht vorhanden ist. Das ist bei der Aktion in Paris definitiv nicht der Fall gewesen.

Missbrauch des „Tagesschau“-Blogs

Wir haben uns 2007 zum ersten Mal getroffen, als Sie den Grimme-Online-Award für das „Tagesschau“-Blog bekommen haben. War das eine bessere Zeit?

Es war eine andere Zeit. Es war eine Zeit, in der es die massiven Angriffe auf uns – und zwar auch physisch, auf unsere Reporterinnen und Reporter, aber eben insbesondere verbal in Mails und über soziale Medien – einfach nicht gegeben hat.

Es war auch eine Zeit, als Sie noch die Hoffnung hatten, mit einem Instrument wie einem Blog Leute überzeugen, Dinge bewegen, Diskurse führen zu können. Die haben Sie irgendwann zwischenzeitlich verloren.

Na ja, wir haben damals die Ambivalenz des Internets noch nicht so gesehen: Dass es nicht nur ein Raum ist, in dem man sich informieren kann, sondern auch ein Raum, in dem man sich formieren kann zu bestimmten Fraktionen, die sich dann in bestimmten Foren treffen und sich ihre eigene Medienrealität schaffen.

Es gab irgendwann eine Phase, wo Sie keine Lust mehr hatten, sich da selbst in die Manege zu stellen.

Das hatte zwei Gründe: Zum einen hatte ich den Eindruck, dass ich irgendwie alles schon mal geschrieben hatte. Zum anderen – und da sind wir bei der Medienkritik – hatte ich zunehmend die Erfahrung gemacht, dass einzelne Zitate aus dem „Tagesschau“-Blog missbraucht wurden, um Dinge, die wir tun, zu skandalisieren – insbesondere wenn man öffentlich macht, dass man mit dem Ergebnis seiner Arbeit an dem oder einem anderen Tag nicht ganz so zufrieden war.

Journalisten fordern von Ihnen, Fehler zuzugeben, und wenn Sie das tun, hauen sie sie Ihnen um die Ohren.

Ja, wenn man ganz ehrlich ist, fährt man besser, wenn man den Ball flach hält. Die Nutzerinnen und Nutzer nehmen es aber anders wahr. Das sind keine Medienjournalisten, sondern die haben ein Interesse an Selbstreflexion der Medien und die haben auch einen Anspruch darauf, dass wir uns immer wieder kritisch hinterfragen und dies aber auch öffentlich machen. Deshalb überlegen wir gerade, wie wir dies wieder ein bisschen auffrischen können. Der „Tagesschau“-Blog ist nach wie vor ein Werkzeug, mit dem man arbeiten kann. Aber mit Facebook-Live zum Beispiel kann man auch was machen. Wir werden im Laufe des Jahres noch mal sehr intensiv in den Dialog mit unseren Nutzerinnen und Nutzern einsteigen.

Hättest du geschwiegen …

Dann müssen Sie im Zweifel die Reaktionen der professionellen Medienkritiker einfach ausblenden?

Manchmal, wenn es hart kommt, versucht man sich ein bisschen zu trösten und sagt: Die Medienseite liest ja eh keiner. Aber das wäre eine arrogante Haltung, die ich mir gar nicht erst aneignen möchte. Nehmen wir das Beispiel mit Frau Sudings Beinen. Da habe ich öffentlich gemacht, dass das eine Form von Abbildung in der Öffentlichkeit war, die ich nicht in Ordnung fand. Das geht uns bis heute noch nach; dieser Schwenk über Frau Sudings Beine ist mittlerweile fast Legende. Dann sagt man irgendwann: Hättest du geschwiegen, wäre das vielleicht weiser gewesen.

Brisanter war Ihr Eingeständnis, dass die Bilder von den Flüchtlingen, die die „Tagesschau“ zeigt, vielleicht nicht ganz repräsentativ sind. Auch das ist nicht kommentiert worden als gute Selbstkritik, sondern als Eingeständnis eines Skandals.

Ja. Das ist ein sehr gutes Beispiel. Ich habe gesagt, wir Journalisten müssen uns immer wieder prüfen, ob wir nicht zu viel die Kindergesichter zeigen, weil es natürlich das ergreifendere Bild ist, während doch zum damaligen Zeitpunkt eher junge Männer kamen. Das habe ich als Mahnung an uns selbst in den Raum gestellt. Das führte dazu, dass die, die uns nicht wohlgesonnen sind, das als Beleg genommen haben: Jetzt haben wir endlich den Beweis für die Manipulation! Selbst Medienjournalisten haben getitelt mit: „ARD räumt falsches Flüchtlingsbild ein.“

Werden Sie da nicht einfach Opfer von Medienmechanismen, unter denen sonst die Leute leiden, über die wir und Sie jeden Tag berichten?

Ja. Das sage ich auch hier im Team immer wieder: Es tut uns mal ganz gut, wenn wir selbst spüren, wie das ist, wenn man Gegenstand der Berichterstattung ist und eine gewisse Ohnmacht spürt oder sich ungerecht behandelt fühlt, etwa durch Zuspitzungen in Headlines. Das hilft und das macht auch ein bisschen demütiger.

Interne Debatten nach externer Kritik

Haben Sie das Gefühl, dass diese Diskussion trotzdem etwas bringt, die Selbstkritik, die Auseinandersetzung mit Medienkritik?

Medienkritik hilft uns am meisten, indem sie unsere internen Diskussionsprozesse aktiviert. Wenn es eine Kritik an einer bestimmten Form der Berichterstattung gibt, dann finden sich hier im Konferenzraum 30, 40, manchmal 50 Leute zusammen, um sich auszutauschen: Sind wir da auf dem Holzweg? Bilden wir Pegida richtig ab? Haben wir ein richtiges Flüchtlingsbild? Nennen wir die Täterherkunft? Der öffentliche Diskurs ist nicht immer so fruchtbar wie unsere interne Diskussion, die viel härter geführt werden kann.

Und die wird von der öffentlichen Debatte angestoßen?

Genau. Der öffentliche Diskurs mit Medienjournalisten hat auch noch einen großen Haken: die Asymmetrie. Medienjournalisten dürfen anscheinend wie Feuilleton-Redakteure ihre Bewertungen einfach eins zu eins in ihre Texte eingehen lassen, unabhängig davon, ob’s da jetzt eine Faktenlage zu gibt oder nicht. Das würde uns niemals jemand durchgehen lassen, auch nicht in einem solchen Diskurs. Dann wird mir gnadenlos um die Ohren gehauen, wenn ich Meinung und Fakten vermische.

Wie lautet Ihr Urteil über den Zustand der Medienkritik heute?

Es gibt Dinge, die ich mit Skepsis sehe. Zum einen das Gleichsetzen von Quote mit inhaltlicher Qualität – vor allem, wenn die Quote schlecht war. Sonst wirft man uns immer vor, „quotengeil“ zu sein. Aber dann kommt jeden Tag morgens eine dpa-Meldung, wer gestern wieder Quotensieger war – und da spielt das inhaltliche, das qualitative Argument überhaupt keine Rolle. Da steht dann: Sender A, fulminanter Erfolg, alles richtig gemacht. Wenn wir in der Primetime eine Hochglanz-Dokumentation über’s Darknet hatten, wird das kein Quotenbringer, und trotzdem finde ich ist es richtig, aber das wird oft nicht hinreichend gewürdigt.

Der zweite Punkt, der mich stört, ist das Rattenrennen: Wer war am Schnellsten? Von vielen Medienjournalisten wird nach besonderen Nachrichtenlagen immer wieder diese Frage aufgeworfen, wann waren welche Sender drauf? Bei Berlin hieß es: Ah, n-tv war aber schneller und CNN war auch schon da. Auch da spielt das inhaltliche Argument, was hat denn der Sender in dem Moment geboten, keine Rolle. Es geht nur noch darum: Wer war Erster?

Verunsichern solche Debatten auch intern?

ARD-aktuell ist eine sehr selbstbewusste und traditionsbewusste Redaktion, die mit einem gewissen Stolz auch auf ihre Arbeit guckt, aber natürlich gehen solche Debatten nicht gänzlich spurlos an uns vorüber.

Hier und da auch mal ein Anflug von Genervtheit

In welcher Form erreicht Sie Kritik überhaupt?

Unmittelbar: in Form von Mails, die die Menschen uns schreiben – und die wir alle auch beantworten, wenn sie uns darum bitten. Das hält uns ganz schön auf Trab, aber jede dieser Antworten lese ich. Dann gibt es die offiziellen Programmbeschwerden, wo ich dann auch regelmäßig Gast bin im Programmausschuss des Rundfunkrats, im Rechts- und Eingabe-Ausschuss und im Rundfunkrat selbst. Da sage ich aber klar: Das ist das geltende Recht, die Menschen haben einen Anspruch darauf, sich beschweren zu können. Und wenn sie das tun, dann kann mir das vielleicht hier und da auch mal einen Anflug von Genervtheit bescheren, aber das ist gefälligst meine Aufgabe, mich damit auseinanderzusetzen. Und dann kriege ich natürlich jeden Tag eine Auswertung dessen, was über uns geschrieben wurde.

Wie schaffen Sie es bei der Masse, ein Gefühl dafür zu behalten, welche Kritik berechtigt ist und welche man als Unsinn abtun kann?

Wir haben ein kleines Team, das sich mit all diesen Nutzeranfragen und -kritiken beschäftigt. Da legen wir großen Wert drauf, das kritisch zu reflektieren. Wir nehmen das etwa zum Anlass zur Überprüfung: Haben wir jetzt eigentlich zum Beispiel hinreichend hinterfragt, ob die „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ wirklich eine seriöse Quelle ist oder nicht? Solche Impulse nehmen wir ernst.

Generell ist die Syrien-Berichterstattung ja ein Klassiker, dann sage ich, komm, lasst uns noch mal ein Redaktionsgespräch machen. Neulich hatten wir den langjährigen ARD-Hörfunk-Korrespondenten für die Region hier, Martin Durm. Der hat noch mal versucht, uns zu erklären, wer da gegen wen und warum kämpft. Damit wir ein Gefühl dafür kriegen, wie wenig wir im Detail oft wissen oder wie unübersichtlich es ist und wie vorsichtig man da in den Formulierungen sein muss.

Kritiker wie die Herren Bräutigam und Klinkhammer, die im Akkord Beschwerden schreiben, werfen der „Tagesschau“ vor, dass ihre Syrien-Berichterstattung durch eine westliche Propaganda-Brille getrübt ist, die Rolle der sogenannten Rebellen völlig falsch darstellt, die Ursachen dieses Konflikts ausblendet.

Die haben eine sehr eigene Interpretation dieses Konflikts. Wichtig ist mir, dass uns noch kein wirklich gravierender Fehler oder gar Verstoß vorgeworfen werden konnte …

Es geht ja weniger um einzelne Fehler, sondern um die Frage, ob die „Tagesschau“ konsequent pro-westliche Propaganda macht, einseitig gegen Russland.

Ich kenne den Vorwurf, ich lese den nahezu täglich. Und jeden Tag aufs Neue versuchen wir zu begründen, warum wir das anders sehen. Ich nehme insofern jede abgelehnte Programmbeschwerde auch als eine gewisse Bestätigung unserer Arbeit.

Medienkritik als Munition für Lügenpresse-Rufer?

Medienkritik findet heute statt vor dem Hintergrund der pauschalen „Lügenpresse“-Vorwürfe. Müsste sich die Medienkritik ändern und darauf Rücksicht nehmen – um diesen Leuten nicht noch Munition zu liefern?

Das muss den Kritikern egal sein. Denn uns als Nachrichtenleuten muss es auch egal sein, was aus einer Nachricht, die wir verbreiten, von interessierter Seite gemacht wird. Wenn wir sagen, dass Flüchtlinge sexuell übergriffig wurden, dann wird es Menschen geben, die das für ihre Zwecke politisch gebrauchen oder missbrauchen – darauf können wir keine Rücksicht nehmen.

Was ich mir von den Kritikern wünsche, ist ein respektvoller Umgang miteinander. Wir sind relativ hart im Nehmen, aber wenn jede Zuschrift oder Programmbeschwerde damit beginnt, dass wir die letzten verachtenswerten Nato-Schergen sind, dann sinkt erst mal die Diskursbereitschaft ein Stück weit ab.

Die Auslands-Korrespondenten sind ganz besonders Zielscheibe der Kritik.

Wenn der Moskau-Korrespondent jeden Tag seine Kinder in die Schule bringt, ist das kein Spaß – wenn er am Abend vorher mit Foto in „Russia24“ gelaufen ist. Unsere Korrespondentin in Polen ist vor ein paar Tagen in der Hauptnachrichtensendung des polnischen Fernsehens mit Foto gezeigt worden – überspitzt formuliert – als die schlimmste Demagogin, die auf dem Planeten rumläuft. Für die ist das echt kein Spaß. Deshalb ist es für uns wichtig, dass wir unseren Korrespondentinnen und Korrespondenten den Rücken stärken und auf ihre Expertise vertrauen. Gleichzeitig sprechen wir auch immer kritisch mit ihnen über ihre Berichterstattung.

Ein Qualitätsmanager, kein Ombudsmann

Welche Rolle soll der neue Qualitätsmanager spielen, den Sie jetzt kürzlich angekündigt haben?

Wie alle Medien stecken wir in tiefgreifenden Veränderungsprozessen, da besteht die Gefahr, die inhaltliche Qualitätskontrolle aus dem Blick zu verlieren. Und die ganze Diskussion um Vertrauenswürdigkeit geht natürlich nicht spurlos an uns vorüber. Gerade für uns als „Tagesschau“, die wir immer tagesaktuell arbeiten, ist es hilfreich, wenn jemand unser Programm in etwas längeren Zyklen und mit etwas distanzierterem Blick beobachtet und darauf hinweist, wenn wir ein Thema oder ein Phänomen nicht hinreichend würdigen.

Ist diese Person auch Ansprechpartner nach außen hin, dass Leute sich an ihn wenden können?

Nein, deshalb nennen wir ihn oder sie auch nicht „Ombudsmann“. Seit 2014 hat die Zahl der Zuschriften und Eingaben so drastisch zugenommen, dass wir einen Menschen damit überfordern würden.

Ist dieser Qualitätsmanager eine Konsequenz aus der Diskussion um die Berichterstattung über den Mordfall in Freiburg, wie überall stand?

Nein. Das ist schon wesentlich länger geplant. So aus der Hüfte schießen wir neue Funktionen nicht.

Freiburg und die Folgen

Dann lassen Sie uns über Freiburg reden. Was hat diese riesige Aufregung über die Entscheidung der „Tagesschau“, nicht über die Festnahme des Täters zu berichten, verändert?

Für mich ist zunächst mal die Erkenntnis geblieben: Es zählt nur die 20-Uhr-„Tagesschau“ – denn auf tagesschau.de hatten wir das Thema ja nachmittags schon aufgegriffen. Wir haben die Diskussion sehr offensiv geführt. Unsere Argumentation läuft im Kern auf einen Satz hinaus: Warum soll ich über die Festnahme eines Tatverdächtigen berichten, wenn ich über das Verbrechen selbst noch gar nicht berichtet habe? Bis heute habe ich noch keine wirklich schlüssige Antwort auf diese Frage bekommen, und deshalb stehen wir zu der Entscheidung.

Sie haben ja dann am nächsten Tag darüber berichtet, mit dem Argument, dass es jetzt ein politisches Gesprächsthema ist. Das hätte man aber doch am Tag vorher schon kommen sehen können.

Deshalb habe ich auch ausdrücklich gesagt, man hätte es auch anders entscheiden können. Für mich überwog aber an der Stelle wirklich das Argument: Wir haben über das Verbrechen nicht berichtet – sollen wir über die Festnahme eines Tatverdächtigen berichten, nur weil er Flüchtling ist? Wenn dann aber wenige Tage später in Bochum ein neuer Fall auftritt und die Kanzlerin sich äußert und der Innenminister und der Vizekanzler, dann muss ich sagen, okay, das ist doch eine veritable gesellschaftliche Debatte, ja, und dann greifen wir das Thema auf.

Verstehen Sie die Bedeutung, die dem beigemessen wird: Ob ein Thema in der 20-Uhr-„Tagesschau“ vorkommt?

Ich finde es gut, dass das so ist. Es zeigt mir, dass wir mit einem anderen Maßstab gemessen werden als andere Nachrichtenanbieter. Wenn man eine Reichweite hat wie die „Tagesschau“, wenn sich jeden Abend zehn Millionen Menschen um dieses Lagerfeuer versammeln und von uns wissen wollen, was nach unseren Maßstäben an diesem Tag wichtig war, dann trägt man eine gigantische Verantwortung. Die ist einem nicht in jedem Moment bewusst, aber die Freiburg-Diskussion hat uns dafür erneut sehr sensibilisiert.

Das Absurde daran ist ja, dass die Diskussion mit so einem heiligen Ernst geführt wird, als würden diese zehn Millionen Leute nichts anderes gucken als die „Tagesschau“ – und von einem Thema nichts mitbekommen, wenn es darin nicht vorkommt. Andererseits kann die Diskussion ja nur deswegen so laut und unter Beteiligung so vieler Menschen geführt werden, weil jeder sich längst aus anderen Quellen informiert hat – und im Grunde die „Tagesschau“ anscheinend nur guckt, um einen Abgleich zu machen.

Ja, das ist so. Viele Menschen haben über Tag schon Informationen bekommen, und trotzdem gibt es das Bedürfnis, abends um 20 Uhr abzugleichen, was war da jetzt nach der Ansicht von ARD-aktuell wirklich wichtig heute.

Ist das nicht eine absurde Überschätzung der Bedeutung dieser Nachrichtensendung?

Das will ich nicht bewerten.

Darf nochmal lodern vor dem Wetter

Bei Twitter wurde ein Bild herumgereicht, das viele Screenshots zeigt von „Tagesschau“-Meldungen über Waldbrände in Kalifornien. Das ist natürlich schon eine Diskrepanz, wenn Sie beschreiben, wie skrupulös Sie nach Relevanz sieben – aber Waldbrände in Kalifornien schaffen es gefühlt immer in die „Tagesschau“.

Deshalb sage ich auch immer, dass wir einen Nachrichtenkriterien-Mix haben. Da ist erst mal Relevanz und dann kommt die Relevanz, Relevanz, Relevanz, ungefähr zehn Mal, und ab Position elf kommen auch andere Kriterien. Es gibt auch das Kriterium Bild. Und da ist ein Waldbrand ein Bild, was dann vor dem Wetter eben auch noch mal für 20 Sekunden lodern darf.

Okay, die 20-Uhr-„Tagesschau“ wird täglich von knapp zehn Millionen Menschen gesehen, und trotzdem erscheint sie mir als ein totaler Anachronismus. Meinen Sie wirklich, dass dieses Format Zukunft hat?

Wenn die 20-Uhr-„Tagesschau“ das einzige wäre, was wir machen, dann würde ich mir wirklich Gedanken machen, ob das das Zukunftsmodell ist. Ich bin aber fest überzeugt, dass jedenfalls für die nächsten zehn Jahre die 20-Uhr-„Tagesschau“ das prägendste für unsere Marke bleibt. Ich habe vor acht Jahren zu den Menschen gehört, die gesagt haben, das lineare Fernsehen geht dem Ende entgegen. Jetzt habe ich mich eines Besseren belehren lassen: Die Fernsehnutzung steigt, die „Tagesschau“ bricht einen Rekord nach dem anderen. Menschen wollen diese Viertelstunde nutzen, weil sie wissen, da kriege ich nach einem ganz harten Sortiervorgang wirklich nur noch das, was die „Tagesschau“-Redaktion nach ihren Kriterien für das Wichtigste hält. Diese Funktion wird noch viele Jahre wichtig bleiben.

Der Wert des Rituals

„Nehmen wir einmal an, ein und dasselbe Ereignis würde in den verschiedenen Nachrichtensendungen verschieden oder sogar widersprüchlich dargestellt. Welcher Nachrichtensendung würden Sie am ehesten glauben?“
ARD Tagesschau, 20 Uhr 47,1 %
ZDF heute, 19 Uhr 17,6 %
RTL aktuell, 18.45 Uhr 12,1 %
SAT.1 Nachrichten, 20 Uhr 4,5 %
ProSieben Newstime, 18 Uhr 2,3 %
RTL II News, 20 Uhr 1,2 %
sonstige 7,9 %
würde gar keiner Nachrichtensendung glauben 5,1 %
würde auf andere Nachrichtenquellen zurückgreifen 2,3 %
Quelle: ARD-Trend 2016 (3.000 Befragte ab 14 Jahren, 5.11.-5.12.2016, Kantar TNS, München)

Die scheint sich aber gelöst zu haben von der Frage, ob Leute nach dem Gucken klüger sind als vorher oder Dinge verstanden haben. Das Ritual „Tagesschau“ dient stattdessen zur Beruhigung und zur Selbstvergewisserung.

Natürlich ist die „Tagesschau“ auch etwas sehr Ritualisiertes. Rituale sind entstanden, weil sie den Menschen auch Halt geben. Da ist erst mal nichts Schlechtes dran. Wenn wir im Ritual erstarrten und immer alles gleich machten, dann hätten wir unseren Beruf verfehlt. Aber ich glaube, darin liegt auch die Stärke der „Tagesschau“: Dass die Leute sich drauf verlassen können bei uns, die dramatisieren nicht, aber die beschönigen auch nicht.

Besonders deutlich wurde mir das 2008 bei der Finanzkrise, als plötzlich alles darauf hindeutete: Es ist echt richtig knapp, und jetzt kommt’s drauf an, wie fällt der erste Satz in der „Tagesschau“ aus: Das Guthaben ist nicht mehr sicher – oder alles ist gut. Wir haben weder das eine noch das andere gemacht. Wenn wir da dem Affen Zucker gegeben hätten, dann wären möglicherweise viele Leute zum Bankautomaten gegangen.

Waren Sie bei dem angeblichen Treffen im Bundeskanzleramt damals, als Angela Merkel verschiedene Chefredakteure gebeten haben soll, keine Panik zu machen?

Nein, aber der damalige Präsident des Deutschen Bankenverbandes bat uns um ein Hintergrundgespräch. Dann saßen mein damaliger Stellvertreter Thomas Hinrichs und ich mit ihm zusammen, und er erklärte uns eine Stunde lang, dass die Welt absolut in Ordnung ist und dass alles fein ist und kein Risiko besteht. Nach dem Gesprächs schauten Thomas Hinrichs und ich uns an und sagten zueinander: „Hast du auch den Eindruck, es brennt lichterloh, und es ist viel enger als wir das bislang geglaubt haben?“ Da waren wir uns sofort einig – und wie sich hinterher herausstellte, war es genau so.

Was haben Sie dann gemacht? Sind Sie zu Ihren Leuten gegangen und haben gesagt: Guckt mal, ob’s nicht vielleicht eigentlich noch viel schlimmer ist?

Genau. Egal, woher jetzt die Beruhigungspillen kommen, wir bitten um eine blitzsaubere Recherche und dann auch entsprechend zu formulieren.

Es gibt eine große Diskussion gerade um „Fake News“ und zweifelhafte neue Konkurrenten wie „Breitbart“. Hat die „Tagesschau“ die Glaubwürdigkeit, Menschen zu überzeugen und da Aufklärung leisten zu können?

Ja, wobei ich nicht glaube, dass wir im Fernsehen unsere Stärke im Entlarven haben. Das sollten wir auf einer gesonderten Plattform tun. Unsere Stärke liegt eher in der Beständigkeit, in der Beharrlichkeit und in der Unaufgeregtheit der „Tagesschau“. Wenn wir auch nur den Anschein erweckten, mit missionarischem Eifer Dinge geraderücken zu müssen, würde das niemanden überzeugen. Ich setze eher darauf, dass sich Kontinuität, Recherche und eine größtmögliche Unabhängigkeit und Überparteilichkeit am Ende auszahlt. Das ist die Rolle, die die „Tagesschau“ dabei spielen kann.

Transkription: Gudrun Baltissen

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12 Kommentare

  1. „Es war eine andere Zeit.“

    Natürlich war es das. Eine Zeit der Fakten, differenzierten Analyse, investigativen Journalismus und Behauptungen und Anschuldigungen die nur auf echte Belege gestützt durchgekommen sind.
    Ok, nicht ganz so rosig aber verglichen mit heute schon.
    Auch war damals die Kluft zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung nicht ansatzweise so tief. Womit das jetzt wohl korrelieren könnte!?

    Und die Publikumsbeschwerden der Ex-Tagesschau/NDR-Leute Klinkhammer und Bräutigam sind gut begründet, entsprechend belegt und „bequellt“ und nachvollziehbar.

  2. Nicht witzig, ein Interview mit Mr. Fake News, den Lügenbaron Gniffke ist maximal abstoßend, nach der ersten Antwort war es mit meinem goodwill schon vorbei

  3. @2 Hans Meyer
    Lies du uns doch demnächst die Nachrichten vor, du scheinst ja ein wahrer Ausbund an Kompetenz und Argumentationsfähigkeit zu sein.
    Und lass den Müller das Wetter tanzen

  4. Warum waren unter diesem Beitrag anfangs keine Kommentare möglich?
    Ich wollte nur ein Lob loswerden:
    Stefan Niggemeier hat ziemlich gut gefragt und nachgehakt. Besonders positiv ist mir das beim Thema ‚Freiburg‘ aufgefallen, wo er es dem Gniffke nicht ganz einfach gemacht hat. Und natürlich bei der Frage über die lodernden Waldbrände! Lesenswertes Interview.

  5. @Andreas Müller: Die fehlende Kommentiermöglichkeit anfangs war nur ein Versehen. Wir hatten ein paar technische Probleme bei der Veröffentlichung (für ein paar Stunden war auch das Interview nicht komplett zu lesen), dabei ist das passiert.

  6. „Wenn ich weiß, es ist eine Inszenierung, um einen bestimmten Eindruck zu erwecken von einer Situation, die so möglicherweise gar nicht vorhanden ist. Das ist bei der Aktion in Paris definitiv nicht der Fall gewesen.“
    Doch, das ist der Fall gewesen. Es sollte der Eindruck erweckt werden, die Politiker rücken zusammen mit den Menschen und laufen seit‘ an seit‘ mit ihnen den Gedenkmarsch.
    Das war aber nur heiße Luft. Ob da jetzt vorne weg die Angehörigen der Opfer waren, spielt für mich keine Rolle.

  7. @7:
    Apropos Ulfkotte, dass sein Ableben in der Tagesschau gemeldet wurde hat mich doch sehr verwundert. War der Mann wirklich so wichtig, oder war das nicht vielmehr den ständigen Lügenpresse-Vorwürfen geschuldet, dass man nicht wieder von irgendwelchen Alutüten hören wollte, die Tageschau berichte nur einseitig?

  8. Sehr souveränes Interview – von beiden Seiten.

    Ich hoffe, dass alle Menschen sich auf dem Niveau auseinandersetzen könnten.

  9. Hauptsache der erste Schnee des Jahres in Südjapan fand eine Woche später mit Bildstrecke Einzug in die Tagesschau. Absurd.

  10. Hauptsache der erste Schnee des Jahres in Südjapan fand eine Woche später mit Bildstrecke Einzug in die Tagesschau. Absurd.

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