Uhrenvergleich

"Chronos" – es ist neun Minuten nach zehn.

„Chronos“ – es ist neun Minuten nach zehn.

Barack Obama trägt eine Armbanduhr für 400 Dollar. Ein robustes Teil mit dunklem Zifferblatt, recht schmucklos, das man in jeder Mall kaufen kann. Er hat sie allerdings nicht gekauft, sondern vom Geheimdienst zu seinem 46. Geburtstag geschenkt bekommen. Vermutlich ist eine Wanze darin versteckt, aber das scheint ihn kalt zu lassen.

An manchen Tagen liegt ein noch preiswerteres Fitness-Armband um sein Handgelenk. Im matten Vollgummi des Bewegungsmessers sind bloß zwei Knöpfe zu sehen. So viel Understatement kann man sich nur als Präsident der Vereinigten Staaten leisten. Wer weiß schon, welche geopolitischen Ereignisse er mit einem Druck auf diese Tasten in Gang setzen könnte.

Obama wird „Chronos“, das Uhren-Magazin aus dem Ulmer Ebner-Verlag, vermutlich nicht lesen, aber es scheint dennoch Männer zu geben, die sich das Heft kaufen. Warum nur Männer? Weil die Uhren des Magazins ausschließlich Herrenarmbanduhren sind.

Kein Magazin für Hungerleider

Nur auf Seite 38 sind zwischen all den mehr oder weniger auffälligen Weckern drei zarte weiß-rosa Damenuhren sehen. „Wer sich selbst oder einem lieben Menschen eine solche Uhr schenkt, schenkt mehr als ein Instrument, das die Zeit anzeigt“, schreibt die Autorin. Wie wahr, und bei einem Preis von 21.700 Euro für die rosafarbene Velvet Paris zeigt der Schenkende/“Chronos“-Leser auch, dass er einen gewissen Sinn für das Wesentliche hat, kein Hungerleider ist und die Liebste mit „einem Schub optischer Wellness“ verwöhnen möchte.

Es lässt sich schon beim ersten Durchblättern als blutiger Uhrenlaie festhalten: Uhren für Frauen haben die Brillis obendrauf, Uhren für Männer haben die Rubine als Zahnradlager im Inneren. Das sieht man in „Chronos“ auf vielen Doppelseiten mit sehr detailreichen Makroaufnahmen. Jedes noch so winzige Bauteil eines Schaltradchronographen ist gefast, zum Wölkchenschliff gebürstet, poliert und mit Zierrat versehen, den man im Normalfall erst zu sehen bekäme, würde man auf die abstruse Idee kommen, den Nobelwecker mit einem sehr kleinen Schraubenzieher zu zerlegen.

„Chronos“ ist so hochwertig gefertigt wie sein Sujet: seidenmattes, schweres Papier, man spürt unter dem Finger das Pulver des Drucklacks, mit dem ein Abfärben der brillanten Fotos auf der Gegenseite verhindert wird. Der Ton der Texte ist nüchtern; es wäre ja auch lächerlich, die aufregenden Fakten (Tegimentverfahren mit Hartstoffbeschichtung!) mit zusätzlicher Emotion aufzuladen. Ähnlich ist es mit dem eher konventionellen Layout, das einen dezenten Schritt hinter den Fotografien bleibt.

Für problemorientierte Menschen ein Traum

Nach einer Quarzuhr muss man in der „Chronos“ lange suchen. Die einzige Referenz an die schnöde Neuzeit ist eine Smartwatch, deren Bildschirm so gut auflöst, dass man sie nicht von einer mechanischen Uhr unterscheiden kann. Also im Prinzip ein Computer, der optisch nicht von einem hölzernen Karteikasten zu unterscheiden ist. Falls einem die digitale Uhr nicht gefällt, kann man sie nach zwei Jahren für einen Aufpreis gegen ihr mechanisches Pendant tauschen.

Mit „Chronos“ lernt man Wörter kennen, die von Microsoft Word reflexartig unterkringelt werden: Nivagauss, Paraflex-Stoßsicherung oder Glucydur-Unruh. Außerdem haben mechanische Uhren haben oft gleich mehrere Komplikationen – für problemorientierte Menschen ist das ein Traum.

Eine Uhr von Kienzle oder Junghans bekam man früher zur Konfirmation und dann musste die halten, bis man in die Midlife-Crisis kam. So kann man natürlich nur denken, wenn man kein richtiger Kerl ist: Ein Chronometer wie die Vacheron Constantin für 75.100 Euro, das ist ein ganz anderer Schnack als die profanen Vorlieben der Modelleisenbahner, die sich irgendwann an dem Kesselwagen mit der Bayer-Reklame sattgesehen haben oder die Preiser-Figurengruppe auf dem Kunstrasen um ein Exhibitionistenpüppchen für drei Euro ergänzen.

"Chronos" und die Kampftaucheruhr – in der Dusche eher zu klobig

„Chronos“ und die Kampftaucheruhr – in der Dusche eher zu klobig

Ans Eingemachte geht „Chronos“ schließlich mit einer Reportage über einen Taucher, der die „Luminor Marina“ des Schweizer Herstellers Officine Panarai testet. Unter der Dusche wäre die Uhr etwas übertrieben, aber für einen Kampftaucher, der bei einem mehrstündigen Einsatz Dekompressionsstops einlegen muss, ist die Uhr ideal. Bei diesem Test ist „Chronos“ ungewohnt kritisch: „Das polierte Gehäuse wirkt an dem mit Schminke und Schlamm getarnten Kampfschwimmer etwas auffällig“. Ja, genau, das war auch mein erster Gedanke.

Im Editorial des Chefredakteurs Rüdiger Bucher wird übrigens Klartext gesprochen: Gesucht wird die perfekte Uhr, für den, der alles gesehen hat. Die ultimative „Exitwatch“, mit der die Suche endlich ein Ende hat. Dass es dieses Ende nicht gibt, zeigt die vorletzte Seite: Am 12. Februar erscheint die nächste Ausgabe. Und die Suche dauert schon mehr als zwanzig Jahre.

„Chronos“ / 01.2016
116 Seiten, 7,90 Euro
Ebner Verlag, Ulm

 

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3 Kommentare

  1. Mein aktuelles Zeiteisen hat unwesentlich mehr gekostet als eine Ausgabe „Chronos“. Hält seit 5 (?) Jahren (können auch schon mehr sein), zeigt zuverlässig die exakte Uhrzeit (auf Minutenebene) und sieht aus wie…..’ne Uhr.
    Irgendwann wird die Batterie fertig sein, dann wird sich weisen ob ein Wechsel derselben sinnvoll oder eine Neuinvestition auf vergleichbarem finanziellem Niveau angezeigt ist.

    Ausweislich eine verkaufte Auflage von knapp 12.000 (nur Deutschland) jd. zweiten Monat. Nicht schlecht für einen doch relativ teuren….Katalog.

  2. Officine Panerei ist ein ital. Uhrenhersteller, zwar mit Produktion in der Schweiz, aber die Firma hat ihren Sitz in Mailand….

  3. Officine Panerai stammt aus Florenz, produziert in Neuchâtel und gehört zur Richemont-Gruppe mit Sitz in Genf.

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