„Y-Kollektiv“-Doku über Heli-Skiing

Leider nicht so geil

Eine Frage, der man bei „jungen Formaten“ von ARD und ZDF ja besonders gerne auf den Grund geht, lautet: Was sind das für Leute? Zum Beispiel: Was sind das für Leute, die ihre getragenen Socken im Internet verkaufen? Was sind das für Leute, die bei Trash-TV-Formaten mitmachen? Was sind das für Leute, die diesen oder jenen ausgefallenen Fetisch praktizieren?

Die Was-sind-das-für-Leute-Doku hat zwei Vorteile. Erstens: sie erfüllt oft voyeuristische Bedürfnisse. Und zweitens kann man sich bei diesem Format – wenn man keinen Bock drauf hat – ziemlich viel Recherche sparen. Denn der Reporter oder die Reporterin begleitet einfach die Protagonisten, lässt sie von sich erzählen, und kommentiert manchmal, dass das ja schon „krass“ sei, was die Person XY da sagt oder tut. Wir haben das bei Übermedien schon an der ein oder anderen Stelle kritisiert. Auch der Youtuber Vince hat dieses Muster in seiner sehr lustigen Parodie auf Funk-Reportagen einmal herausgearbeitet.

Das junge Format „Y-Kollektiv“ – seit einigen Monaten erwachsen und nicht mehr bei Funk, sondern in der ARD-Mediathek – hat gerade auch mal wieder so eine Reportage gemacht. In dem Film mit dem Titel „Heli-Skiing – Leider geil!?“ geht die Autorin der spannenden Frage nach: Was sind das für Leute, die sich mit dem Hubschrauber auf Berggipfel der rumänischen Karpaten fliegen lassen, um dann den pulververschneiten, „unberührten“ Hang hinabzuwedeln?

Wobei ich mich ehrlich gesagt frage, ob sich das wirklich jemand fragt, oder ob man die Antwort nicht auch so geben kann: Leute, die Heli-Skiing betreiben, das sind Leute, die lieben die Berge und den Wintersport, haben genug Geld, und ja, vielleicht haben sie schon manchmal ein schlechtes Gewissen, wegen des Klimas und der Umwelt und des möglicherweise vom Hubschrauberlärm gestressten Karpatenbärs. Doch, wie der Titel der Doku schon sagt, es ist halt einfach „leider geil“.

Alle so nett hier

Die „Y-Kollektiv“-Reporterin scheint wirklich wissen zu wollen, wer die Leute sind. Am Telefon hätten sie ganz „bodenständig“ geklungen, aber eigentlich denke sie bei Heli-Skifahrern schon an Snobs, sagt sie am Anfang ihres Films. Nun ja, zumindest hält sie mit ihrer Voreingenommenheit nicht hinterm Berg. Diese ist dann auch ganz schnell verflogen, denn die Heli-Skifahrer sind, wie sich herausstellt, auch ganz nette Menschen. Offenbar so nett, dass es der Reporterin im Laufe des Films immer wieder bemerkenswert schwerfällt, ihnen mal so richtig dagegenzuhalten. Wie etwa in dem Moment, als einer der Heli-Skifahrer diese Behauptung aufstellt: Wenn fünf Leute in einem Heli zwei Minuten den Berg hochfliegen, sei das umweltfreundlicher als das ganze Wasser, das überall „rausgesaugt“ werde für den Kunstschnee auf den Pisten. Das ist wirklich Whataboutism in seiner wirrsten Form. (Und ich kann auch ein bisschen verstehen, dass es der Reporterin da schwerfällt, sofort zu kontern.)

Das „Y-Kollektiv“ macht es sich in dieser Doku auf jeden Fall sehr einfach. Die einzigen Menschen, mit denen die Reporterin für ihren Film vor der Kamera spricht, sind die, die Heli-Skiing-Urlaub machen, und die Mitarbeiter bzw. Chefs der Heli-Skiing-Firma. Irgendwie klar, dass da niemand wirklich etwas Kritisches zum Thema beizutragen hat.

Reporterin interviewt den Manager der Ski-Heli-Firma
Besser Heli fliegen als mit dem Auto pendeln? Is‘ klar. Screenshot: ARD Mediathek

Die Reporterin spricht den Manager auf den Kerosinverbrauch des Helikopters an. Der ist natürlich vorbereitet auf so eine Frage und kontert: „Ein Helikopter stößt weniger aus als ein Auto, mit dem Menschen in die Stadt zur Arbeit fahren. Das ist eine Statistik, du kannst sie online finden.“ An dieser Stelle musste ich laut lachen. Was für ein Unsinn. Immerhin macht sich das „Y-Kollektiv“ die Mühe, mal „nachzurechnen“ und siehe da, ihr Ergebnis: Das ist ja schon ziemlicher Quatsch, der rechnet sich das irgendwie hin. Man hätte auch mal überlegen können, so einen irreführenden, eigentlich schon dreisten O-Ton vielleicht gar nicht zu bringen.

Soft Talk im Skilift

Auch im Skilift versucht es die Reporterin mit einer leicht kritischen Frage an ihren Protagonisten: Ob er sich nicht manchmal Gedanken mache über den „Umweltaspekt“. Antwort des jungen Mannes: „Das ist natürlich ein schwieriges Thema.“ Keine weiteren Fragen. Sie wolle ja nicht die „Umweltmoralkeule schwingen“ textet die Reporterin die Szene im Sessellift ab, aber sie hätte „schon gerne gewusst, wie er über dieses Thema denkt“. Man fragt sich: Was will sie denn hören? Dass der Heli-Ski-Fan im Sessellift sein Tun hinterfragt, ins Tal zurückfährt und zukünftig nur zum Bäumepflanzen wiederkehrt? Seine Antwort gibt er doch: Es ist die Tatsache, dass er in den Hubschrauber steigt, den Berg hinabfährt und es „geil“ findet.

Es wäre an dieser Stelle zu einfach, diese Leute als die ganz großen, die allerschlimmsten Klimasünder von allen zu verurteilen. Denn in ihrem grundsätzlichen Verhalten unterscheiden sie sich ja nicht wirklich von den allermeisten von uns. Heli-Skiing stellt die kognitive Dissonanz der Gesellschaft bezogen auf die Klimakrise und Umweltzerstörung nur so schön plakativ und offensichtlich dar.
Und apropos „Umweltmoralkeule“, die die Reporterin nach eigenen Angaben ja nicht schwingen will. Es ist schon bemerkenswert, wie sie mit dieser Aussage ihre eigene Arbeit diskreditiert. Den Finger in die Wunde zu legen bei Leuten, die sich so etwas leisten können, und bei denen, die damit Geld verdienen, obwohl sie alle wissen, dass es Auswirkungen auf Natur und Klima hat, das ist keine „Umweltmoralkeule“. Das ist Journalismus – wenn man seine Interviews vorbereitet und die Fakten parat hat.

Ach ja, die Bären

Drohnenaufnahme von Heli-Skifahrern in den Karpaten
„Feuchteste Träume“ für Wintersprort-Fans

Nebenbei bemerkt geht es ja beim Thema Wintersport und Heli-Skiing um noch viel mehr als um den CO₂-Ausstoß bzw. den Kerosinverbrauch von Helikoptern. (Die werden möglicherweise sowieso irgendwann elektrisch fliegen.) Es geht auch um Waldflächen, um Böden, um Lebensraum für Tiere. All das könnte die Reportage zum Thema machen, aber das tut sie nicht. Und wenn, dann nur oberflächlich. Der Wolf, der Bär und die anderen Tiere, die vom Lärm der Hubschrauber aufgeschreckt werden können, werden mal kurz im Kommentar erwähnt, dazu zu sehen sind Bilder einer Ski-Abfahrt. Das wirkt schon sehr wie: hätten wir das also auch erwähnt, abgehakt.

Stattdessen geht viel Sendezeit der 24-minütigen Reportage für die Erzählung drauf, dass die Heli-Skifahrer darauf warten, endlich in den Heli steigen zu können. Weil das Wetter schlecht ist, klappt das die ersten Tage nämlich nicht. Und die Reporterin hat mal kurz Sorge, dass sie eine Reportage übers Heli-Skifahren ohne Heli-Skifahren machen muss. Na, das wäre wirklich schlimm.

In dieser Zeit hätte sich das Team aber auch mal umhören können, wie Umweltschützer oder Wissenschaftler das alles so sehen. Doch das „Y-Kollektiv“ macht es sich auch hier sehr einfach und erklärt, dass es „im Dorf“ schon einige Menschen gebe, die den Ausbau des Skigebiets „kritisch sehen“, aber es wolle niemand vor der Kamera darüber sprechen. Ah so. Was genau die Kritikpunkte sind, erfährt man nicht.

Nur, weil keine Privatperson aus dem Dorf (die möglicherweise auch noch wirtschaftlich abhängig ist vom Tourismus) etwas Kritisches vor der Kamera sagen will, heißt das nicht, dass man sich als Filmteam dann keine Mühe mehr geben muss, Gegenpositionen einzuholen. Vor allem bei einem solch umstrittenen Thema. Da reicht es nicht, dass die Reporterin in ihrem Fazit am Schluss des Films sagt, dass Heli-Skiing „ökologischer Wahnsinn“ sei. Denn das ist auch nur ein Teil ihres Fazits. Sie sagt außerdem: das sei „Crazy Shit“ und sie könne verstehen, warum die Leute das gerne machen. Wow. Bergsportler finden Bergsport geil. Was für eine gewinnbringende Erkenntnis.

Ständig werden Medien dazu aufgefordert, ökologische Krisen und die Klimakrise in ihrer Berichterstattung besser mitzudenken. Welche Vorlage ist da besser als eine Doku über einen umstrittenen Wintersport? Aber das „Y-Kollektiv“ hat diese Chance vertan. Stattdessen haben sie viele tolle Outdoor-Aufnahmen von leidenschaftlichen Skifahrern produziert, die „unberührte“ Hänge hinabdüsen. „Wenn du Ski fährst, dann ist das hier die Erfüllung deiner feuchtesten Träume“, sagt die Off-Stimme der Reporterin gleich am Anfang der Doku, während eine spektakuläre Drohnenaufnahme zu sehen ist. Na, wer da nicht Lust kriegt auf einen Trip in die Karpaten?

Ein Kommentar

  1. Okeee…
    Ist das Argument: „Pendeln erzeugt mehr CO2“ oder „Ein Jahr Pendeln mit PKW erzeugt mehr CO2 als eine Woche Heli-Skiing (mit An- und Abreise) im Jahr, und _ich_ fahre sonst nur Öffis, also ist meine CO2-Bilanz nicht so groß.“
    Was natürlich auch nur ein halbes Argument wäre in Hinblick auf Umweltschutz einerseits und andrerseits, dass man sich eher gegen Winterurlaub entscheiden kann als gegen Pendeln, aber immerhin.

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