Reporterformate

Ein „authentischer“ Host ersetzt keine Recherche

Ein:e Reporter:in vor der Kamera führt durch den Film, trifft andere Menschen und spricht mit ihnen über ihre persönliche Geschichte: Leben mit Schizophreniefreiwillig in den Krieg oder wohnen im „Hotel Mama“. Allein „funk“, das Angebot für junge Menschen von ARD und ZDF, verfügt mit „STRG_F“, „Y-Kollektiv“, „Die Frage“, „follow me.reports“, „exactly“ oder „Reporter“ über zahlreiche Formate, die auf den ersten Blick ähnlich sind: die Recherche wird als Bildebene inszeniert und die Journalistin wird zur Protagonistin ihres eigenen Beitrags.

Doch was haben die Nutzer:innen eigentlich davon, dabei zuzuschauen, wie Reporter:innen telefonieren, Auto fahren oder vor dem Bildschirm sitzen? „Wenn es kein authentischer Moment ist, der mir wirklich etwas über die Geschichte und ihre Entstehung erzählt, erst einmal nichts“, sagt Dietmar Schiffermüller, Redaktionsleiter von „Strg_F“, das vom NDR für „funk“ produziert wird.

„Ganz oft ist es bei aufwendigen Recherchen aber so, dass es einen Durchbruch gibt, einen besonderen Moment, dass jemand ein Interview zusagt, der sich lange geweigert hat, dass man auf einmal etwas erlebt, was die Geschichte ändert oder voranbringt. Die Kunst ist, da wirklich dabei zu sein, das heißt, Du musst eigentlich drehen, drehen, drehen, die ganze Zeit.“

Aber was ist daran „authentisch“, wenn Reporter:innen vor der Kamera berichten, dass das jetzt das entscheidende Telefonat war, dass sie jetzt den wichtigsten Gesprächspartner treffen? Sie wissen schließlich auch, dass die Kamera läuft.  Der gesellschaftliche Hunger nach authentischem, eigenem, echtem Erleben ist so groß, dass er zu einer Fetischisierung von „Echtheit“ führt. Und die ist auch im Journalismus häufig anzutreffen.

Eine Frage des Formats?

Wirklich authentisch sind Situationen, in denen Unerwartetes passiert, in denen auch Reporter:innen überfordert sind, in denen sie von eigenen Gefühlen berichten. Wie kürzlich ARD-Reporterin Isabel Schayani in einer Schalte von der polnisch-ukrainischen Grenze in der Sendung „Hart aber fair“.

Reporter Leiffels beim Rechtsrock-Festival in Sachsen. Screenshot: „Y-Kollektiv“

Es gibt solche Momente zweifellos auch in den „jungen“ Formaten. Zum Beispiel in der Reportage von Dennis Leiffels vom „Y-Kollektiv“ über ein Rechtsrock-Festival im sächsischen Ostritz. Der Reporter wird darin immer wieder von Neonazis angesprochen und zum Teil bedroht. Leiffels schildert vor der Kamera seine Erfahrungen und Emotionen, bringt gleichzeitig aber auch sein Fachwissen über die Szene in den Film ein.

Doch wie häufig sind Momente wie diese? Und wie häufig gucken dagegen die Zuschauer:innen nur Menschen bei ihrer Arbeit zu, während sie ihnen erklären, was sie gerade machen, obwohl und während man ja sieht, was sie gerade machen?

„Letzlich ist das immer auch ein dramaturgischer Kniff“, sagt Schiffermüller, „wenn man ein:e Reporter:in zur Figur macht, kann man über diese Figur automatisch ein Narrativ etablieren: Die hat dann eine Aufgabe, Konflikte, Rückschläge und am Ende steht eine Lösung.“ Für Schiffermüller verläuft die Grenze immer entlang der Geschichte selbst. „Man kann keine schlechte oder gar keine Recherche dadurch kaschieren oder ersetzen, dass man jemanden vor die Kamera stellt. Das kann sehr schnell zur hohlen Phrase werden. Dann hat man zwar etwas Authentisches, nur leider ist es dann authentisch schlechter Journalismus.“

Ein Beispiel dafür bot jüngst eine Reportage des WDR-Reporter-Formats, in dem eine junge Autorin ihre „jüdischen Wurzeln“ finden wollte, aber von einem Fettnäpfchen ins nächste stolperte. So sah man ihr unter anderem dabei zu, wie sie wahllos „jüdisch klingende“ Namen abtelefonierte und die Menschen am anderen Ende der Leitung fragte, ob sie jüdischer Herkunft seien. 

Rachel Patt in der WDR-Doku-Reihe „Unterwegs im Westen“
„Wie jüdisch ist Deutschland?“: Rachel Patt ruft an. Screenshot: ARD-Mediathek

Viele Filme laufen so ab: Ein:e Reporter:in trifft einen Menschen, der in irgendeiner Form nicht der (meist implizit vorausgesetzten) gesellschaftlichen „Norm“ oder „Mitte“ entspricht: Seltene Krankheiten, ein biografischer Schock, Sexualität, Drogenabhängigkeit, politisch extreme Ansichten – all das reicht vielen Formaten für eine „Geschichte“.

In einer Folge der ZDF-Reihe „follow me.reports“ trifft Reporterin Hannah Fedor Holz, einen jungen Mann, der durchs Pokerspielen Millionär geworden ist. Sie begleitet Holz durch einen Tag seines Lebens, an dessen Abend er ein Poker-Turnier spielen wird. Doch mehr als eine auf 17 Minuten ausgedehnte Home-Story ist der Beitrag nicht. Der Teil, der sich kritisch mit den Gefahren von Poker und Glücksspiel auseinandersetzt, ist eine gute Minute lang und wird mit den Worten „Let’s Play“ abmoderiert.

Die immer wieder vorkommenden Fälle von Geldwäsche, Betrug und Beteiligung organisierter Kriminalität an On- und Offline-Poker thematisiert der Film gar nicht. Stattdessen bewundert die Reporterin die Wohnung von Holz und findet es unglaublich cool, „wie relaxed er ist“, wenn er 20.000 Dollar verliert.

Reporterin zu Hause beim Poker-Millionär. Screenshot: YouTube/„follow me.reports”

Matthias Schwarzer vom „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ schrieb in einer Kritik, dass es sich bei diesen Reportagen „eher um Voyeurismus als um Journalismus“ handele. Etwa dann, wenn eine Frau, deren Vater verstorben ist, von der Reporterin bei dem Besuch bei einem „Medium“ begleitet wird, das der Trauernden helfen soll, Kontakt zum Toten aufzunehmen. Ohne dass der „Hokuspokus“ eingeordnet wird.

Auch Schiffermüller kritisiert das: „Da gibt es ganze Subgenres wie den sogenannten ‚Selbstversuch‘ oder eben dieses ‚ich treffe den oder die, die hat was ganz Krasses erlebt‘. Und dann sprechen wir darüber und vielleicht sagt dann noch eine Expertin was dazu. Das ist keine Recherche. Aber gerade, weil da eine riesige journalistische Lücke klafft, nennt man es ‚Recherche‘ – oder am besten noch ‚investigativ‘. Das sind derzeit die zwei inflationärsten Begriffe im Journalismus.“ Schiffermüller hält das für Blendwerk: 

„Investigativ ist, wenn ein Lokaljournalist herausfindet, dass der Bürgermeister Geld veruntreut. Und das ist immer mit echter Recherche verbunden. Googeln, losgehen und jemanden treffen, der etwas Außergewöhnliches erlebt hat und dieses Treffen filmen, ist keines von beiden.“

Die Themen sind endlich

Viele Formate haben aufgrund der eng getakteten Uploads, die der YouTube-Algorithmus bevorzugt, einen enormen Themenverschleiß. So kommt es zu vielen Dopplungen: Das Thema Transsexualität haben fast alle aufgezählten Channels behandelt, auch Klimarettung, Prostitution, Drogenkonsum, LGBT, Rassismus, Gesundheit und Krankheiten sind Dauerbrenner. Den Öffentlich-Rechtlichen wird gerne vorgeworfen, sich insgesamt überproportional um die Themen und Sichtweisen eines eher linken, eher großstädtischen Publikums zu kümmern. Bei diesen Formaten lässt sich das kaum abstreiten: Die Begegnungen mit jungen Konservativen, FDP-Wähler:innen oder Landwirt:innen sind rar.

Aktuell ist der thematische Herdentrieb am Beispiel von Russlands Krieg gegen die Ukraine zu beobachten. Praktisch alle Formate begleiten junge Menschen, die Geflüchtete aus der Ukraine aufnehmen – oder die Flüchtenden selbst, teilweise sogar mit denselben Protagonist:innen:

Der Erkenntnisgewinn von mehr als einem oder zwei dieser Filme bleibt sehr überschaubar. Mitgenommen werden vor allem viele Tränen und Emotionen, denen das (junge) Publikum teilweise recht nonchalant ausgeliefert wird – da hilft auch keine Triggerwarnung.

Sind Abo-Zahlen wichtiger als Tiefgang?

Tiefgründige militärische oder politische Analysen oder ausführlichen historischen Kontext hält man für die Zielgruppe offenbar für wenig relevant. Oder man befürchtet, dass das kaum geguckt werden würde. Ob zu Recht oder nicht, bleibt offen. Der Erfolg bestätigt die Machart anscheinend: Die Abo- und Abrufzahlen vieler Kanäle und Filme sind sechs- oder sogar siebenstellig.

Doch rechtfertigt das die Redundanz und den zum Teil geringen Informationsgehalt? „Nein“, sagt Dietmar Schiffermüller, „wir erleben bereits, dass sich auch auf YouTube gewisse Sättigungseffekte einstellen. Wer immer nur den Oberflächenreiz eines Themas absurft, landet irgendwann unter einer Welle von schlechten Nutzer:innen-Kommentaren.“ Er lese immer wieder den Wunsch nach mehr Quellen und noch mehr Transparenz. Gerade das junge Publikum wolle diese „Hardware“ – und nicht einfach für Abrufzahlen emotional eingespannt werden. 

Ob jeder „STRG_F“-Film diesen Anspruch einlöst? „Noch nicht, aber wir arbeiten daran.“

In Zukunft hält Schiffermüller auch Filme ohne Reporter:in vor der Kamera für denkbar. Die Haltung, durch eine persönliche Erzählung Transparenz und Authentizität zu vermitteln, werde aber bleiben. Den Einsatz von professionellen Sprecher:innen, die den Beitrag klassisch aus dem Off begleiten, kann er sich nicht vorstellen. Aber für einen guten Stoff, der auf einer soliden Recherche beruht, sei das Format am Ende zweitrangig.

Offenlegung: Ich arbeite frei beim NDR, zwar nicht für STRG_F, aber für Formate, die mit STRG_F kooperieren und mit Kolleg:innen, die auch für STRG_F tätig sind.

6 Kommentare

  1. Bei diesen Formaten stellen sich mir zwei Fragen: Warum muss ein gebührenfinanzierter Sender auf Teufel komm raus die Einschaltquote beziehungsweise die Views pushen? Und warum glauben die Macherinnen und Macher solcher Formate immer, dass junge Leute doof und grundsätzlich desinteressiert an der Welt sind und man sie daher nur mit banalem Unfug erreichen kann?

  2. #1
    „Warum muss ein gebührenfinanzierter Sender auf Teufel komm raus die Einschaltquote beziehungsweise die Views pushen?“
    Rechfertigungsdruck von außen und innen, „Relevantes“ zu zeigen

    „Und warum glauben die Macherinnen und Macher solcher Formate immer, dass junge Leute doof und grundsätzlich desinteressiert an der Welt sind und man sie daher nur mit banalem Unfug erreichen kann?“ Das ist eine (recht bösartige) Unterstellung.
    Grundsätzlich dazu aber trotzdem: Es steht ja jedem Jugendlichen frei, einfach die „Erwachsenenformate“ zu schauen.

  3. Entweder habe ich es überlesen, oder es fehlt eine Erwähnung, dass diese Formate nicht unwichtig sind. Sie geben vielen Menschen in unserer Gesellschaft eine Stimme, die aufgrund der fehlenden Berichterstattung in den klassischen Massenmedien kaum gehört wird. Sie besprechen Themen und zeigen Vorgänge auf, die sich Otto-Normalos kaum bis gar nicht vorstellen können. Damit erfüllen sie für mich einen besseren Bildungsauftrag als Talkshows, in denen immer noch menschenverachtenden Ideologien eine Bühne geboten wird.

    Ich nehme an, dass den klassischen Medien weniger Glauben geschenkt wird, da man die dort stattfindende unausgewogene und REDUNDANTE (!) Fokussierung auf „wichtige“ Themen mit einem Diktat fremder Interessen in Verbindung bringt. Unsere Kultur ist weitaus vielseitiger als der Bruchteil dessen, dem Sendezeit zuteil wird.

    Wenn unterproportional wenig über persönlich wichtige Dinge berichtet wird, ist der Erfolg selbst einer oberflächlichen Besprechung kein Zufall. Und umso weniger Tiefe, aber mehr Authentizität, umso mehr Menschen können es verstehen und nachvollziehen. Das sind keine Sendungen für ein elitäres Nischenpublikum, welches um 23:15 den TV einschaltet, um noch mal angestrengt über Probleme zu philosophieren, weil Experten eine fachmännische Begutachtung einer Situation darlegen. Hier geht’s um Belichtung von Themen, die vielen Menschen wichtig sind, aber von der Klasse der klassischen Medienmacher oft und gerne übersehen, bzw. ignoriert werden. Durch die Bank weg gibt es nicht nur bei rechten Medien wie Bild, Welt, Cicero und Tichy reaktionäre und faschistoide Haltungen, man findet sie auch bei der SZ, bei der Zeit, beim Spiegel..

    Ja, das ist meine Sicht, dass man in Deutschland kaum eine Redaktion finden wird, die neutral arbeitet und keine menschlichen Defizite aufweist. Doch alle glauben trotz ihrer Fehlbarkeit in der Vergangenheit immer wieder, sie wüssten besser Bescheid als die anderen, anstatt einfach mal nur zu berichten, was vor sich geht. Ich schaue mir nie die ARD Kommentare an, die sind das Gegenteil von authentisch. Da kommt man sich vor, als würde jemand probieren, dir dein Hirn zu waschen. Auch Sendungen wie frontal oder andere „investigative“ Medien wie Spiegel TV sind Meinungsmacher. Die beleuchten Szenen stets mit einem Muster, um maximale Aufmerksamkeit durch emotionale Trigger zu erreichen. Auch da fühle ich mich oft manipuliert und empfinde die Berichterstattung fast schon als übergriffig.

    Wenn man sich aber die hier besprochenen Formate anschaut, da fühle ich mich, als wäre ich dabei eine Erfahrung mit anderen zu machen. Als würde dir ein Freund etwas zeigen wollen. Man wird nicht belehrt, sondern man bekommt Bilder vorgesetzt, die mit den Gedanken des Freundes kommentiert werden. Meistens bleibt die Einordnung zwar nur an der Oberfläche, aber ich verlange von keinem meiner Freunde, ein Professor zu sein. Wenn mich ein Thema interessiert, dann studiere ich es selbst und bin dankbar gegenüber demjenigen, der mich darauf gebracht hat.

    Abseits davon finde ich es richtig, unnötigen Voyeurismus und falsche oder fehlende Einordnungen zu kritisieren, aber das gilt für jedes Medium.

    Darum mein Ratschlag: wem diese Formate zu platt sind, der braucht sie ja nicht zu schauen. Eine Existenzberechtigung haben sie trotzdem.

    Wer diese Formate als Argument heran ziehen will, der ÖR sei linksgrün, weil er hier Themen beleuchtet, denen er sonst keine Sendezeit geben will, der hat für mich keinen Punkt. Es gibt viele Menschen, die sehr dankbar für authentische Eindrücke sind, denen sie vertrauen können. Davon können sich alle anderen klassischen Medien gerne eine Scheibe abschneiden.

  4. #2: Danke für die…. nunja… Erklärungen auf meine rhetorischen Fragen.

    Der Punkt ist doch, dass der ÖR eigentlich ein Kontrastprogramm zu den privaten Sendern liefern kann und muss (darum zahlen wir ja die Gebühren. Eben nicht für den gleichen Unsinn, wie ihn die privaten Sender bringen). Stattdessen schielt er doch nur auf die Quote. Und was erfordert diese Logik: Je niedriger das Niveau desto mehr Leute schauen zu.
    Mit dem Ansatz brauchen wir aber keinen ÖR.

    Zum Ranwanzen an jüngere Zielgruppen: Hier verbrennt der ÖR die Gebühren für nichtssagende Schrottsendungen mit jungen JournalistInnen. Es freut mich ja, dass die sich da ausprobieren können. Nur sollte das dann entweder nie gesendet werden oder ein Verantwortlicher muss stärker lenkend eingreifen.

    Zu ihrem „Erwachsenenformate“-Argument: Es wird qualitativ weit Unterdurchschnittliches von unseren Gebühren produziert und wem es nicht passt, der schaue weg? Ernsthaft jetzt, Herr Sievert? Mit dem Argument sind 99 Prozent der Artikel auf Übermedien Zeitverschwendung.

  5. Ich habe schon einige sehr spannende und gut gemachte Reportagen bei diesen Kanälen gesehen, auch einige, die mir nicht gefallen haben.
    Hatte aber nie den Eindruck, das mangelnd recherchiert wurde. Einfach mal naiv los-legen wie bei der angesprochenen Herkunftssuche (über die ja hier auch schon separat kritisch berichtet wurde) halte ich da eher für den Einzelfall.

    strf_f etc habe ich in meiner YT-Abo-Liste, gucke es aber recht selten, eben wenn es mal etwas gibt, das mich interessiert.

  6. Erwähnt werden sollte auch, dass sog. Host-Stories bei YT gut funktionieren sollen. Die Nutzer sind Presenter im ON gewohnt, also wird das für solchen langen Formate übernommen, auch wenn es nicht immer passt. Ein Presenter kann aber auch einfach ein roter Faden sein, wenn er sympathisch ist. Trotzdem finde ich, dass sich gerade der ÖR mal wieder gegenseitig das Wasser abgräbt. Keine Absprache, alle machen dasselbe.

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