Geheime Leidenschaften (2)

Die Formel 1 und das gute Gefühl, dass jederzeit etwas passieren könnte

Portraitfoto Sebastian Hotz, Illustration einer Praline
Illustration: Christoph Rauscher, Foto: Diana Prammatter

Als Ende letzten Jahres im Rahmen der Herrenfußball-WM lang und breit darüber diskutiert wurde, ob man Sportveranstaltungen in Diktaturen nicht boykottieren müsse, habe ich müde gelächelt. Den moralischen Zwiespalt, ob man denn so ein Event genießen könne, wenn es unter solchen Rahmenbedingungen stattfindet, habe ich längst für mich geklärt. Denn ich bin Formel 1-Fan.

Jedes Mal wenn ich es durchscheinen lasse, dass ich mich für fremde Männer interessiere, die in millionenteuren Autos jedes zweite Wochenende zehntausende Liter Benzin verbrennen, um Strecken in Katar, Aserbaidschan, Bahrain oder Saudi-Arabien möglichst schnell zu umrunden, hab ich die gleichen Nachrichten in meinen Postfächern. Aha, der feine Herr Internetsatiriker, sonst immer den Zeigefinger heben, sonst immer über den Klimawandel und die Menschenrechte jammern, aber da werden die Augen dann zugedrückt! Typisch linke Doppelmoral. Umweltsau. Diktatorensohn.

Und vielleicht haben sie damit sogar ein bisschen recht, aber das ist mir egal, denn es ist Freitagnachmittag 16:00, freies Training in Silverstone, da schalte ich natürlich ein und sehe zu, wie Multimillionäre Übungsrunden drehen.

Der Sport selbst ist dabei eigentlich gar nicht so spannend. Bei zwei Stunden Renndauer gibt es selbst beim spektakulärsten Rennen immer Leerlaufzeiten, in denen bis auf Reifenwechsel und Strategiegeplänkel nicht allzu viel passiert. Umso größer ist deshalb die Last, die auf den Schultern der Moderatoren bei Sky Deutschland liegt, die in der Pflicht sind, auch die kleinste Nebensächlichkeit zu einer sich anbahnenden Sensation aufzubauschen. Funkspruch von Max Verstappen! Experte Ralf Schumacher ist aufgeregt, hat er vielleicht Probleme? Kommentator Sascha Roos meint, eine Regenwolke am Himmel zu sehen, minutenlang wird darüber diskutiert, ob das verwendete Regenradar denn wirklich zuverlässig sei.

„huiiiiiii“

Auf der Strecke passiert immer noch nichts, doch Schumacherbruder Ralf verliert sich in zunehmend konfuser werdenden Anekdoten über die eigene Karriere als Rennfahrer, in der man sich noch nicht von so Kleinigkeiten wie „Sicherheitsbestimmungen“ oder „Nachhaltigkeit“ hat einschüchtern lassen. Dann fährt jemand eine neue Bestzeit, Sascha Roos macht „huiiiiiiii!“ und ich lächle einsam auf der Couch in mich selbst hinein, als hätte ich gerade zwei angetrunkenen Onkeln auf einer Familienfeier zuhören müssen. Ich weiß, dass die beiden gerade Blödsinn reden und vor meinem urbanen aufgeklärten Freundeskreis würde ich keinen Satz davon wiederholen, aber tief in mir verspüre ich eine tiefe Zuneigung für dieses ziel- und sinnlose Gerede und die beiden Personen, aus denen es kam.

Die Magie der Formel 1 liegt nicht in dem, was passiert, liegt nicht in Überholmanövern, Unfällen und Höchstgeschwindigkeiten, die Magie der Formel 1 liegt im vagen Gefühl, dass jederzeit etwas passieren könnte. Sie liegt in der Furcht, dass man irgendetwas verpassen könnte, wenn man nicht gebannt auf den Bildschirm schaut. Und sie liegt in den gewaltigen Anstrengungen, die Fernsehsender auf der ganzen Welt auf sich nehmen, um diesen Sport vollends zu vermarkten und aus perfekten Athleten, die in perfekten Autos perfekte Runden um perfekte Strecken drehen, irgendetwas aufregendes zu machen. Und darauf falle ich nur allzu gerne rein.

Sebastian Hotz hat Wirtschaftswissenschaften studiert, bevor er im Internet unter dem Namen „El Hotzo“ mit komischen Beiträgen auf Instagram und Twitter Furore machte. Er arbeitet als Autor für das „ZDF Magazin Royale“, macht gemeinsam mit Salwa Houmsi den Podcast „Hotz & Houmsi“ und hat in diesem Jahr seinen ersten Roman veröffentlicht: „Mindset“.

2 Kommentare

  1. In meiner Jugend (den Privatfernsehen durchseuchten 90ern) hatte der Formel 1 Zirkus für mich gefüht seinen Höhepunkt. Und selbst damals schwang in der so genannten Berichterstattung immer noch ein 25 Jahre alter Hauch von Nostalgie (der eigentlich geilen Zeit) mit: Lauda hier, Steve McQueen da (auch wenn das eigentlich LeMans war). Und man hat es eben geguckt, weil man es geguckt hat. Vielleicht geht es dem Jungspund von heute namens Hotz genauso: Aus seiner Sicht ist die eigentlich Goldene Zeit des Zirkusses ebenfalls 25 Jahre her. Und der „Experte“ von „Damals“ ist nicht mehr Niki Lauda, sondern Ralf Schumacher. Fans mögen mich jetzt für diesen Vergleich steinigen.

  2. Tja, ich lese mich selbst auch sehr in diesem Beitrag. Das „uiiii“ von Roos konnte ich fast hören :) Emotionen sind eben weder zwingend klug noch moralisch sauber (was vlt auch gut so ist). Wir haben so viele Baustellen und Fragen, in denen man sich „richtig“ verhalten sollte. Da bleibt auch wenn man Formel 1 schaut noch viel für ein aktives Gewissen übrig…

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