Halbleere Theatersäle und Opernhäuser

Kulturkritik in der Krise

Früher fuhr Bernd Noack zum Beispiel nach Hamburg, ging dort ins Schauspielhaus oder ins Thalia-Theater, oder er besuchte andere renommierte Bühnen in der Republik, und anschließend schrieb er Rezensionen, die er gleich an mehrere Zeitungen verkaufen konnte. „Heute ist das so nicht mehr möglich“, sagt Noack. Seit zwanzig Jahren ist er als freier Theaterkritiker und Kulturjournalist unterwegs, schreibt unter anderem für die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ), den „Spiegel“, aber auch für regionale Tageszeitungen. Doch Rezensionen seien inzwischen immer seltener gefragt, berichtet er.

Erst Pandemie, dann Krieg, jetzt auch noch Gaskrise und Inflation. All das trifft auch die Kulturwirtschaft. Der „Spiegel“ berichtete im Juli über halb leere Theatersäle und Premieren, die nicht mehr ausverkauft seien – so wie früher. „Der Freitag“ titelte sogar, die Kulturbranche stecke in der „größten Krise seit 1945“. Von einer möglichen Schließungswelle aufgrund steigender Energiekosten und weniger Zuschauer:innen berichtete tagesschau.de. Das alles klingt drastisch, vielleicht etwas zu drastisch, aber es sind tatsächlich keine guten Zeiten.

Und das trifft auch die, die über Kunst und Kultur schreiben, zumal es zu Beginn der Pandemie ja kaum etwas zu berichten gab aus Opern, Theatern und Konzerthäusern, es war ja alles geschlossen. Mit Folgen nicht nur für die Kulturveranstalter:innen und Künstler:innen: „Diejenigen freien Journalist:innen, die den Beruf an den Nagel gehängt haben, waren vorher überwiegend in der Kulturberichterstattung tätig“, heißt es vom Deutschen Journalisten-Verband.

Für freie Kulturkritiker:innen ist die Situation besonders schwierig. Offizielle Erhebungen gibt es zwar nicht. In einer im März veröffentlichten Studie der Otto-Brenner-Stiftung aber gaben 80 Prozent der freiberuflichen Journalist:innen an, dass sie seit Beginn der Pandemie Honorareinbußen spüren, unter anderem, weil so viele Kultur- und Sportveranstaltungen ausfielen.

Die Pandemie hat dabei Strukturen und Probleme sichtbar gemacht oder verstärkt, die vorher schon da waren. So wurden Kulturressorts verkleinert oder ganz aufgelöst, viele Regionalzeitungen fokussieren sich auf ihren Kulturseiten seit Jahren eher auf Veranstaltungen in ihrem unmittelbaren Erscheinungsgebiet. „Die Marktanalyse sagt: In Nürnberg liest man keine Kritik aus München“, sagt Bernd Noack. Er bedauert das: „Wenn man ignoriert, was außerhalb des eigenen Dunstkreises liegt, geht der Blick über den Tellerrand verloren, und der ist es doch, der das Feuilleton ausmacht.“

Aus zwei Zeitungen mach eine

Die „Nürnberger Nachrichten“ (NN), für die Noack sonst oft geschrieben hat, wurden 2020 mit der „Nürnberger Zeitung“, die beide im „Verlag Nürnberger Presse“ erscheinen, in einer Zentralredaktion zusammengelegt. So werden zwei Zeitungen an einem Desk produziert. Einige Kulturredakteur:innen haben das Haus seither verlassen, die Feuilletons beider Zeitungen wurden aufgelöst, und es ist ein neues Ressort mit dem diffusen Titel „Leben“ entstanden. Dort wird auch über Gastronomie-, Garten- und Gesundheitsthemen berichtet, für Kunst und Kultur bleibt da oft nicht mehr so viel Platz wie vorher.

„Früher waren wir mehrmals in der Woche im Theater, auf Konzerten, vor Kleinkunstbühnen und im Kino und haben eifrig darüber geschrieben“, sagt ein Redakteur aus dem Verlag Nürnberger Presse, der nicht namentlich genannt werden will. Heute aber seien sie „angehalten, keine Theater- oder Konzertkritiken zu bringen“. Ausnahmen gebe es bei großen Events: Helene Fischer im Stadion oder Pur in der Nürnberger Arena. Kultur, aber eben massentauglich.

Johannes Alles, Leiter des neuen Ressorts „Leben“ bestätigt auf Übermedien-Anfrage, dass man beim Nürnberger Verlag Theaterpremieren oder Konzerte nicht mehr in dem Maß bespreche, wie das noch vor 2020 möglich war, als es mit NZ und NN zwei unabhängig voneinander agierende Kulturressorts gab. Der Grund:

„Wir werden nicht mehr, haben aber mehr Aufgaben. Noch entscheidender: Wir erzielen mit der Besprechung von kleineren Veranstaltungen, die Zahlen zeigen das, online wenig Reichweite und in Print/E-Paper wenig Leseaufmerksamkeit.“

Die Mitarbeiter:innen würden nicht dazu angehalten, auf Theater- oder Konzertkritiken zu verzichten. Aber man müsse natürlich mehr abwägen als früher: „Wo gehen wir hin, wo nicht? Und ja, dann stehen größere Events mehr in unserem Fokus.“

Man wolle, so Johannes Alles, wenn möglich, in Zukunft auch wieder mittelgroße Konzerte besuchen. Er weist auf eine „spannende Entwicklung“ bei den Online-Abonnements hin: „Zwar ist die Reichweite, die wir mit Kritiken erzielen, nach wie vor begrenzt. Aber seit wir mit nn.de ein Bezahlportal haben, stellen wir fest: Es gibt Menschen, die bereit sind, ein Probe-Abo abzuschließen, um die Kritik eines Konzertes zu lesen, das sie entweder verpasst oder selbst miterlebt haben.“

Ein „absterbender Ast“

Auch überregional sei die Kulturkritik in den vergangenen zwei Jahrzehnten „ein absterbender Ast“ geworden, sagt „Spiegel“-Kulturredakteur Wolfgang Höbel im Gespräch mit Übermedien. Der Beruf der Kritikerinnen und Kritiker drohe insgesamt „auszusterben“.

2019 wurden bei Höbels Arbeitgeber die Print- und Online-Redaktionen zusammengelegt. Im gedruckten Heft ist zwar nach wie vor eine Seite für Theaterkritiken reserviert, es gibt auch Buch-, Musik-, Filmbesprechungen.

„Im Vergleich zu früheren Jahren gibt es heute bei uns weniger Rezensionen, was natürlich auch mit dem Interesse der User zu tun hat“, so Höbel. Über Theater und Oper werde heute seltener berichtet als noch vor einigen Jahren. Die „Spiegel“-Pressestelle schreibt dazu auf Anfrage: Kulturkritiken seien „auch weiterhin ein wichtiger Bestandteil unseres Angebots“. Es gebe keinerlei Beschluss, weniger Rezensionen zu veröffentlichen und nur in Ausnahmefällen über Theater und Oper zu berichten.

Meistens heißt es über die Kulturkritik: Sie klickt sich nicht gut. Hier haben sich die Seitenmacher ganz der Logik des Internets ergeben. Wolfgang Höbel sagt:

„Die Kulturkritik auf Nachrichtenseiten wie der des ‚ Spiegels‘ konkurriert häufig mit Promimeldungen. Und wenn Beyoncé irgendeinen Schnupfen hat, wird das immer mehr Klicks generieren als eine Theaterkritik aus der Volksbühne in Berlin.“

Dorte Lena Eilers findet diese Klick-Hörigkeit in den Redaktionen falsch. „Kunstereignisse sind ein konstituierendes Element des gesellschaftlichen Lebens“, sagt die Professorin für Kulturjournalismus. Zeitungen und Magazine, die die Kunstkritik aus ihrem Programm nehmen würden, verfehlten in ihren Augen den journalistischen Auftrag. „Politik, Wirtschaft, Sport – in all diesen Bereichen erfolgt eine kritische journalistische Berichterstattung. Warum sollte die Kunst davon ausgenommen sein?“

Eilers konzipiert derzeit in München an der Hochschule für Musik und Theater in Kooperation mit der Theaterakademie August Everding den Masterstudiengang Kulturjournalismus neu. „Kulturjournalismus schließt zwar die Kritik ein“, sagt sie, die Themen, die Kulturjournalist:innen bearbeiteten, gingen aber weit darüber hinaus. Die Arbeit umfasse heute „gesellschaftspolitische Diskurse, ökologische Fragen und die Auswirkungen technischer Entwicklungen auf unser Leben“. Den reinen Kritiker:innen-Beruf, sagt Eilers, den gebe es gar nicht mehr wirklich. Was auch an der Bezahlung liegt. Von Kunstkritiken allein könne kaum noch jemand leben.

Fundierte Kritik braucht Vorbereitung

Eine fundierte und informierte Kritik ist mit dem Besuch eines Stücks und dem Schreiben danach – meistens nachts – nicht getan: Bestenfalls die Rezeptionsgeschichte eines Werks recherchieren, die Vita und Arbeit des Regisseurs oder der Regisseurin kennen – all das gehört zur Arbeit mit dazu. „Für manche Kritik genügt eine Vorbereitungszeit von einem Nachmittag, wenn mir Regisseur:in und Autor:in gut bekannt sind und ich kein neues Stück zu lesen habe“, sagt die die freie Kulturjournalistin Barbara Behrendt. „Es kann aber auch sein, dass ich, weil es im Theater derzeit viele Romanadaptionen gibt, einen 1000-Seiten-Wälzer plus Sekundärliteratur lesen muss.“

Wer eine gute Kritik schreiben will, findet Bernd Noack, muss auch viel gesehen haben. „Wenn man ‚Richard III.‘ in Berlin, München und Zürich besucht hat, kann man sich ein Bild machen.“ Kritiker:innen müssten permanent unterwegs sein, um den Überblick zu behalten. Doch das sei nicht mehr so möglich. „Und je weniger Kulturkritik in den Medien stattfindet, je weniger Vorbilder es gibt, desto weniger junge Leute wachsen nach, die das wollen und können.“ Das Berufsbild wird zunehmend unattraktiv.

Barbara Behrendt hat früher überwiegend für Printmedien wie die „taz“ geschrieben. Die zahle rund 100 Euro für eine Rezension, den Stundenlohn sollte man da am Ende besser nicht ausrechnen. Und beim Theatermagazin „Die deutsche Bühne“ gebe es für eine Online-Kritik sogar nur 70 Euro, sagt Behrendt. Als Kulturveranstaltungen während der Lockdowns ausgefallen sind, konnte sie beim Radio auch andere Themen platzieren und verdiente sogar etwas mehr als vor Corona. Als Print-Journalistin, ist sie überzeugt, wäre das nicht möglich gewesen. Sie hätte ihren Beruf schon lange aufgegeben, erzählt sie, wenn sie nicht irgendwann auch Radio gemacht hätte. „Als freie Kritikerin für Zeitungen und Magazine könnte ich auf keinen Fall überleben; das funktioniert nur mit Hilfe öffentlich-rechtlicher Medien, die besser zahlen.“

Heute arbeitet Behrendt also vor allem fürs Radio, unter anderem für den Deutschlandfunk und den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb). Ungefähr 240 Euro zahlt der rbb, bis zu etwa 420 Euro gibt es für eine Kritik im Deutschlandradio, wenn die Kritikerin den Beitrag mit dem eigenen Equipment und im eigenen Studio produziert.

Wer will das noch machen?

Für fundierte Kritiken, die mehr sind als reine Meinungsstücke und die einordnen, ausholen, gegenüberstellen, brauchen Journalist:innen Zeit und die Möglichkeit zu vergleichen. „Es gibt fast keine reisenden Kritiker:innen mehr“, sagt Behrendt, weil Reisekosten nicht mehr bezahlt würden. Und wer will das dann noch machen? Auch andere freie Kritiker:innen erzählen, dass sie Reisekosten aus eigener Tasche bezahlen, weil die Redaktionen keine Spesen übernehmen. Und für Kritiken über jüngere Genres, Graphic Novels oder Netflix-Serien, muss man gar nicht mehr reisen. Die schaut man zu Hause und schreibt. Auch das ufert teilweise aus: Für eine Serienrezension guckt man als Rezensent:in im Idealfall eine ganze Staffel (in der Regel nicht während der Arbeitszeit, sondern an mehreren Abenden), vergleicht mit vorhergehenden Staffeln oder anderen Produktionen der Serienmacher:innen oder aus dem Genre – egal, ob es am Ende 80 oder 250 Euro dafür gibt.

Es gibt Redaktionen, die die Kulturkritik wieder mehr stärken wollen. Beim „Tagesspiegel“ in Berlin zum Beispiel. Auch dort habe sich die klassische Kulturkritik zurückentwickelt, „in der Menge, aber auch, was die Art der Bewertung betrifft“, sagt Chefredakteur Lorenz Maroldt im Gespräch mit Übermedien. Das soll sich ändern.

Seit 1. Oktober leitet die Kulturwissenschaftlerin und bisherige Kuratorin am Goethe-Institut, Katrin Sohns, das Kulturressort. Sie soll die überregionale Berichterstattung in Print und online weiterentwickeln. Denn für gehaltvolle Kritik, sagt Maroldt, interessierten sich die Leser:innen sehr wohl. „Man braucht Kritiker:innen, die sich wirklich mit den Werken beschäftigen und nicht einfach nur eine Meinung verfassen, was drastisch billiger ist als eine gute Rezension.“ Würden Rezensionen zu reinen Meinungsstücken „verkommen“, führe das zu einer Verflachung, sagt Maroldt.

Abgesehen von finanziellen Umständen: Einige Kulturjournalist:innen beklagten im Gespräch mit Übermedien, dass kaum noch Verrisse geschrieben würden, vor allem in der regionalen Kulturberichterstattung. Die kritische Auseinandersetzung nehme ab, stattdessen habe so ein Kulturtext zunehmend Service-, an vielen Stellen sogar einen werblichen Charakter.

Schlecht über etwas schreiben? Das Argument lautet offenbar: Wenn das Theaterstück doch so übel war, warum sollen wir dann überhaupt unseren Leser:innen davon berichten? Dabei haben Kulturkritiken eine Vermittlerrolle: Sie können Leser:innen neugierig machen und für etwas begeistern, von dem sie noch nicht wussten, dass es sie interessiert. Und wenn nicht, regt ein fundierter Verriss im besten Fall erst recht einen Diskurs an.

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