So irgendwas wie nie

Oh, „Geo Saison“ hat Pech mit mir. Mindestens doppelt, ich bitte das von vornherein abzuziehen, bei allem, was jetzt kommt, weil „Geo Saison“ mir zwischenzeitlich schlechte Laune gemacht hat, und möglicherweise kann das Heft für manche Sachen gar nichts, oder zumindest können die Menschen in der Redaktion nichts dafür, und um die geht es ja an dieser Stelle eigentlich: Über die Entscheidungen, die man trifft, wenn man ein Magazin macht. Und ganz sicher war es keine Entscheidung, mein Exemplar scheiße zu drucken.

Ich sitze also vor einer streckenweise unscharfen Ausgabe von „Geo Saison“, wo auf enervierend vielen Seiten Bilder, Bildunterschriften oder Headlines zerfließen, und das so perfide, dass ich ziemlich oft meine Brille geputzt habe, bis ich sicher war, dass es nicht an mir liegt. Das Ding ist einfach verdruckt. Ich gehe liebevoll davon aus, dass es nur ein paar Exemplare sind, die dieses Schicksal teilen, und dass ich einfach Pech hatte. Sollte die ganze Auflage aussehen wie mein Heft, müsste man sich über die Druckerei Gedanken machen.

Zum zweiten Mal Pech mit mir hat „Geo Saison“, weil die ganze „Geo“-Familie für mich persönlich seit Jahrzehnten verbunden ist mit tiefer Verehrung. Die grüne „Geo“ war schon, als ich noch Jugendlicher war, für mich ein Hochamt des Reportagejournalismus. Für „Geo“ zu schreiben war ein Traum. Bis heute unerfüllt, übrigens, ich habe schon für das Reisemagazin „Geo Saison“ (das ist die gelbe) und für die blaue „Geo Spezial“ geschrieben, aber nie für die grüne. Jedenfalls: An alles aus dem Hause „Geo“ lege ich meine höchsten Maßstäbe an. Und perfekte Hefte gibt es praktisch nicht, die aktuelle August-Ausgabe von „Geo Saison“ ist da keine Ausnahme, selbst wenn man sie sich knackenscharf vorstellt.

Das große Titelthema dieses Heftes ist New York, und auf dem Cover ist ein sehr stylishes, in seiner Belichtung eigenes Foto vom Times Square, was mir gute Laune macht, weil ich es mag, bekannte Dinge auf neue Art zu sehen. Leider steht darüber „So aufregend wie nie!“, was mir schlechte Laune macht, weil es die schlechteste Dachzeile der Welt ist. Sie ist langweilig, falsch und außerdem ein Paradoxon, weil nichts auf der Welt sein kann, wie es nie ist. Diese ganze „wie nie“ Welle ist irgendwann einmal von Männermagazinredakteuren erfunden worden als „erotisch wie nie“, weil selbst Männermagazinredakteure zu genant sind zu schreiben, „diesmal sieht man auch ihr Schamhaar“ (die Zeile kommt aus Zeiten, als es noch Schamhaar gab, daran sieht man schon, wie alt sie ist).

Irgendwas ist „irgendwas wie nie“ ist die Zeile, die man auf einen Titel schreibt, wenn man nicht einmal mehr den Anschein erwecken will, man hätte sich Gedanken gemacht. Sie ist Blindtext, und in Bezug auf New York so offensichtlich falsch, dass „Lorem ipsum dolor“ die bessere Zeile gewesen wäre. Wann war New York denn mal nicht aufregend?

Die Geschichte selbst hat 34 Seiten – doch, tatsächlich –, aufgeteilt in viele teilweise großartige Fotos, vier Portraits über interessante New Yorker und eine Kaskade von Tipps (das Cover behauptet 122, ich habe es nicht nachgezählt, aber weniger sind es nach meinem Gefühl sicher nicht). 34 Seiten für eine Geschichte, das ist schon ein kleiner Reiseführer.

Der Autor Michael Saur ist Schriftsteller, und er stellt seiner Schrift einen Satz von Adam Gopnik voran, dass „jede New-York-Geschichte […] eine Apartment-Geschichte“ ist. Dann erzählt er, dass er und seine Frau bei einem Umzug die kleine, alte Wohnung behalten wollten und sie deshalb auf Airbnb vermieten. Und dann haben sie ein Haus gekauft und vermieten einen Teil auf Airbnb, und dann noch irgendeine Immobilie und die vermieten sie auf Airbnb. Das ist die Geschichte. Doch.

Die anderen drei Portraits sind übrigens keine Apartment-Geschichten, dafür trifft man eine Malerin, deren Bilder man leider nicht sieht, einen Dichter, dessen Gedichte man leider nicht lesen kann und einen Restaurantbetreiber, dessen Essen man wenigstens sehen kann, was ja nach riechen und schmecken das drittbeste ist, was man mit Essen machen kann, und Zeitschriften sind in dem Punkt beschränkt. Bei Bildern und Gedichten allerdings nicht so sehr.

Zwischendurch kommen Tipps und Tipps und Tipps, und bei den ganz besonderen ist immer ein Bild des Tippgebers, so dass uns Michael Saur immer wieder im Bild begegnet, was dadurch erträglicher wird, dass er wirklich gut aussieht. Ich werde allerdings nie mehr durch New York gehen können, ohne nach ihm Ausschau zu halten. Das wird aufregend wie nie.

Nach den 34 Seiten für die New-York-Geschichte, die beweist, dass nicht alle New-York-Geschichten Apartment-Geschichten oder spannend sind, ist im Heft noch Platz für fünf weitere größere Geschichten, vier davon Reisen, eine ein Interview.

Die vier Reisegeschichten sind eine Suche nach dem „wahren Bayern“ rund um den Chiemsee, eine über Lucca in der Toskana, eine über Dubrovnik und eine Reise durch Sikkim in Indien – die einzige gute reportageartige Geschichte im ganzen Heft, was aber vor allem daran liegt, dass Sikkim so fremd und exotisch ist, dass die Beschreibung ausreicht. Eine Geschichte mit einem Protagonisten oder einem Thema oder etwas ähnlichem ist auch sie nicht. Die Texte über Lucca und Dubrovnik sind reine Tippsammlungen.

Es ist faszinierend: Ein Reiseheft aus der Familie des Heftes, das die journalistische Form Reportage über Jahrzehnte geprägt, entwickelt und angeführt hat, schafft es, ein Heft voll zu machen, ohne eine einzige echte Geschichtenidee. Anstatt anhand eines Protagonisten ein Bild einer Region zu malen oder anhand eines Problems, oder anstatt sich ein Thema zu suchen, sind es letztlich immer nur Tipps. Das wahre Bayern, das so aussieht, wie wir es uns vorstellen, gibt es, nur ist es automatisch das touristische Bayern, wenn wir da sind, weil wir sind ja Touristen. Aha.

Bitte nicht falsch verstehen: Jeder, der in dieser „Geo Saison“ schreibt, kann schreiben. Er hat nur praktisch nichts zu erzählen, was daran liegt, dass sie oder er losgeschickt wurde mit dem Auftrag „mach mal irgendwas über …“ Die Tipps sind sicher erstklassig, auch gut geschrieben und mit Riesenaufwand recherchiert (und ich benutze hier jetzt mal das Wort „Kudos“, obwohl ich nur so halb zu wissen glaube, was es bedeutet: Kudos für Julius Schophoff, der für sehr viele der Tipps verantwortlich zu sein scheint).

Aber das reicht mir alles nicht. Ich finde diese Ausgabe unscharf, und das nicht nur wegen des Drucks.

Irgendwie ergibt aber wenigstens das Paradoxon nach der Lektüre einen Hauch mehr Sinn: aufregend wie nie. Doch, so langsam kann ich das unterschreiben.

6 Kommentare

  1. Ich bin ein großer Fan dieser Reihe und enorm dankbar, dass Michalis Pantelouris sie schreibt. Jeder einzelne Beitrag ist denkwürdig gut und klug und unterhaltsam und wunderbar.
    Danke!

  2. Kudos auch von mir für diese wirklich unterhaltsame und lesenswerte Reihe. Freue mich jedes mal darauf.

  3. Übermedien. Die einzige ernsthafte Seite im Netz, auf der ich mich stets wie zu Hause fühle. Wegen der Themen, der Ernsthaftigkeit, weil Ihr wahr, ehrlich und redlich seid mit dem was ihr schreibt. Weil ihr dabei unaufgeregt bleibt, selbst wenn das worüber es zu schreiben gilt zum aufregen ist. Und weil Kolumnen wie diese inhaltlich und sprachlich lustvoll zu lesen sind.
    Vielen Dank das es euch gibt :)

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