Wochenschau (119)

Ein Diamant des Irrsinns: Was herauskommt, wenn Künstliche Intelligenz Martenstein imitiert

Die Wissenschaftlerin Janelle Shane setzt sich unter anderem mit lernfähiger Künstlicher Intelligenz (KI) auseinander. In ihrem Blog „AI Weirdness“ („Die Seltsamkeit künstlicher Intelligenzen“), den sie 2013 startete, sammelt Shane ihre Arbeiten und Erfahrungen. Für den 1. April bat sie zum Beispiel eine KI, sich Witze auszudenken. Die computergenerierten Humorangebote waren okay – also nicht lustiger, aber auch nicht weniger lustig als die Neuauflage der RTL-Sendung „7 Tage, 7 Köpfe“.

Im Verlauf ihrer Versuche habe sie KI angewiesen, die erste Zeile eines Romans zu schreiben, Schafe an ungewöhnlichen Orten zu erkennen, Rezepte zu schreiben, Namen für Meerschweinchen zu erfinden – „und sich überhaupt so seltsam wie möglich zu verhalten“.

Die Ergebnisse hat Shane in ihrem Buch „Künstliche Intelligenz – Wie sie funktioniert und wann sie scheitert: Eine unterhaltsame Reise in die seltsame Welt der Algorithmen, neuronalen Netze und versteckten Giraffen“ veranschaulicht, das voriges Jahr auf Deutsch erschien. Zudem hat sie darin Turing-Test-mäßig ausprobiert, welche Anmachsprüche eine KI generieren würde. Sie wollte wissen, wie es klingt, wenn KI das Flirten imitiert.

„Du hast die schönsten Reißzähne, die ich je gesehen habe.“

„Ich liebe dich. Es ist mir egal, ob du ein Hündchen in einem Trenchcoat bist.“

„Ich habe mal mit einem Typen gearbeitet, der genau wie du aussah. Er war ein normaler Mensch mit einer Familie. Bist du ein normaler Mensch mit einer Familie?“

„Du hast ein schönes Gesicht. Kann ich es auf einen Lufterfrischer tun? Ich möchte deinen Geruch immer in meiner Nähe haben.“

„Du siehst aus wie ein Ding und ich liebe dich.“

„Du siehst aus wie Jesus, wenn er ein Butler in einer russischen Villa wäre.“

„Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich bis an die Grenzen von Tod und Krankheit, die Legionen der Erde jubeln. Wehe der Welt!“

„Kann ich deine Ersatzteilliste sehen?“

„Interessant!“, dachte ich beim ersten Lesen. Das ist in seiner Versch(r)obenheit schon fast poetisch, macht durch eine absurde Dekonstruktion aus oftmals seltsamen und manchmal unangenehmen Anmachsprüchen irgendwie quatschig anrührende Sätze.

Die „Judenstern“-Kolumne

Könnte dann eine KI nicht auch einen Text für eine Kolumne schreiben? Oder besser noch: aus oftmals seltsamen und manchmal unangenehmen Kolumnen eine bestenfalls quatschig anrührende machen?

Zufälligerweise hat der „Tagesspiegel“ gerade einen Text seines Kolumnisten Harald Martenstein offline genommen, in dem Martenstein erklärt, dass es sich zwar um eine Verharmlosung des Holocausts handle, wenn man sich einen „Judenstern“ ans Revers heftet, dies aber noch nicht antisemitisch sei.

Als ich das las, fragte ich mich deshalb gleich: Wäre eine KI in der Lage, eine neue Martenstein-Kolumne zu formulieren?

Harald Martenstein? Foto: C.Bertelsmann / Montage: Ü

Mir stehen nicht dieselben Möglichkeiten zur Verfügung wie Janelle Shane, Stichwort „Maschinelles Lernen“. Deshalb musste ich improvisieren. Es gibt eine Online-Software namens ​​resoomer.com, mit der Texte synthetisiert werden können. Die Software entscheidet darüber, welche Sätze sie für wichtig erachtet. Dort habe ich verschiedene Martenstein-Texte aus den vorigen zwölf Monaten eingespeist, um sie zusammenfassen zu lassen.

Damit ein gewisser Grad an Heterogenität des Materials vorhanden ist, habe ich Sätze und Absätze der verschiedenen Texte vorher wahllos zusammengemischt. Zwei Kolumnen des vergangenen Jahres konnte ich aus technischen Gründen nicht abrufen (Seite war down), die „Judenstern“-Kolumne ist allerdings noch dabei. Und der Zeitraum von einem Jahr? Weil nichts so langweilig ist wie zwei Jahre alte Kolumnen.

Das erste Resultat war noch zu lang, weshalb ich diese Zusammenfassung einfach nochmal habe zusammenfassen lassen. Manchmal tauchten noch Zwischenüberschriften im Fließtext als eigener Satz auf, die habe ich gelöscht. Und das finale Ergebnis ist … überraschend.

(Sie können den Text ganz unten lesen.)

Die Quintessenz der Martensteinhaftigkeit

Dass die KI-Kolumne nur einen klein wenig wirrer ist als die Originalstücke von Martenstein, spricht entweder für die Software – oder gegen die Texte. Auch wenn diese computergenerierte Kolumne vielleicht nicht ganz druckfähig ist, liefert sie eine Quintessenz dessen, was die Martensteinhaftigkeit der Originale ausmacht. (Und ich würde behaupten, dass auf so manchem Meinungsportal oder in Morgennewslettern die unredigierte KI-Kolumne durchaus als klartextiger Rundumschlag der Woche durchgehen würde.)

Es sind einerseits natürlich die wiederkehrenden Themen rund um das vermeintlich Politisch Inkorrekte, das gegen den Mainstream bürstet; es geht ums Gendern, um Einschränkungen, um identitätspolitische Diskurse, um Einschränkungen, um die Pandemiemaßnahmen, um Einschränkungen, um Umweltpolitik und allgemeine Regierungskritik. Und um Einschränkungen.

Das ist aber nicht alles, darum ging im vergangenen Jahr ja in allen publizistischen Erzeugnissen mit dem Schwerpunkt „Meinung“, auch in meinen Kolumnen. Bei Martenstein kommt noch etwas hinzu, das durch das komisch absurde Destillat der KI plötzlich glasklar sichtbar wird: ein vermeintliches Aufdecken gesellschaftlicher Widersprüche, mithilfe der Nicht-Argumentation einer Person, die den schieren Umstand, eine Meinung zu haben, schon für ein valides Argument hält. Es ist stets der Versuch, Momente in den Debatten auszumachen, in denen eine angebliche, konsensorientierte Hypermoral sich durch eine von ihm unterstellte Widersinnigkeit und Verlogenheit selbst kannibalisiert.

Man will eine Straße umbenennen, weil Rassismus? Aber früher waren alle Rassisten, sogar die Afrikaner, außerdem brachte Europa die Aufklärung, deswegen ist die Forderung überzogen!

Hört auf die Wissenschaft? Wissenschaft war früher Theologie, also sind die Wissenschafterinnen, die heute Einschätzungen abgeben, die neuen Berater der Könige, traut ihnen nicht!

„Judensterne“ zu tragen auf einer Demo gegen das Impfen, das soll antisemitisch sein? Sich als Impfverweiger mit ermordeten Juden vergleichen, relativiert nicht die Ermordung der Juden, sondern macht deutlich, wie sehr die Impfverweigerer das Leid der Juden nachvollziehen, also kann es ja keine Relativierung oder Judenfeindlichkeit sein, im Gegenteil!

Die publizistische Demonstration will hier Forderungen gesellschaftlicher Gruppen der Unlogik überführen – mit noch mehr Unlogik, bis der Absurdität der Argumentation gar nicht mehr widersprochen und dies dann als Zustimmung und einem Richtigliegen in der Sache gewertet werden kann.

Im Zweifel geht es einfach darum, den originelleren, noch nicht gedachten Dreh zu finden, und wenn die Vernunft schon zu oft bemüht wurde und alle sinnvollen Argumente dazu diskursiv bereits ausgetauscht sind, dann erlaubt wenigstens das Abstruse und Verwegene einen neuen, wenn auch komplett realitätsfernen Blick auf die Diskussion. Quatsch ist im Kolumnenbuisness peppiger als Anstand.

Die „Intelligenz“ eines Wurms

Nun nehmen wir diesen Hebel des argumentativ Grotesken und lassen alles von einem Programm so lange zusammenpressen, bis nur noch ein Diamant des Irrsinns übrig bleibt – anschließend können wir mit Hilfe der KI-Kolumne sehen, wie polemische Meinungskolumnen funktionieren. Diese digital erzeugte Pastiche des Martenstein-Textes bei resoomer.com spiegelt ungewollt das Wahnwitzige, in dem das computergenerierte Ergebnis so gaga ist, dass man es für einen echten Kolumnetext halten könnte.

Wie Shane in ihren Versuchen veranschaulicht hatte, ist KI ein Echo in unseren produktiven Schluchten. Sie hat hierbei die folgenden Prinzipien ausgemacht, aufgrund derer Texte in ihrer Zufälligkeit so irrwitzig werden: „Die Gefahr ist nicht, dass eine KI zu schlau ist, sondern dass sie nicht schlau genug ist. Die ‚Intelligenz‘ einer KI entspricht ungefähr der eines Wurms. KI versteht die zu lösenden Probleme nicht wirklich. Aber: Eine KI macht genau das, was Sie ihr sagen. Zumindest versucht sie, ihr Bestes zu geben. Die KI geht den Weg des geringsten Widerstands.“

Deswegen kann Künstliche Intelligenz rassistisch, sexistisch oder unethisch interagieren. Sie ist nur so gut, wie der Mensch schlecht ist. Microsoft hatte beispielsweise einen Chatbot namens Tay programmiert, der innerhalb von 24 Stunden vom unschuldigem Kommunikationsakteur zum Nazi mutierte. Die Lernfähigkeit der KI bedingte, so Microsoft: Je mehr sich Nutzer mit Tay unterhielten, desto schlauer sollte er werden und in der Lage sein, mit Menschen zwanglose Konversation zu betreiben.

Schnell fütterten die Nutzer Tay mit allen möglichen diskriminierenden und Donald-Trump-ähnlichen Äußerungen, am Ende des Tages fordert Tay den Bau einer Mauer und die Vernichtung aller Feministinnen:

Soweit ging der künstlich erstellte Martenstein-Text dann zum Glück nicht. Aber lesen Sie selbst.

12 Kommentare

  1. Dass im nicht lila hinterlegten Text angekündigt wird, dass der lila hinterlegte Text einem echten Martenstein-Text irgendwie sehr ähnlich sein werde, ist für mich schon großes Hemmnis, den lila hinterlegten Text überhaupt zu lesen. Aber ich versuche es mal. :-)

  2. Was die Frage aufwirft, von wann an es genug Martenstein-Texte gibt um aus ihnen für immer neue Martenstein-Texte zu generieren.
    Dann bräuchte man Martenstein nicht mehr, um Martenstein zu haben.

  3. @2: „Martenstein Recursion“, bald im Kino.

    Aber interessante Frage auch betr. Urheberrecht.
    Wenn man das zuende denkt, ersetzen Algorithmen bald Autoren. Autoren werden nicht mehr bezahlt, d. h. die Machine Learning Programme werden irgendwann mit Althorithmus-Texten gefüttert werden müssen. Baudrillard wäre begeistert. Vielleicht weiß man so in 100 Jahren noch, was Martenstein-Style ist, ohne je einen Martenstein-Text gelesen zu haben.

    Ich hatte mir schon vor Jahren mal die folgende Frage gestellt: Es gibt Programme (z. B. SVP – Smooth Video Project), die Zwischenbilder interpolieren und in ein vorhandenes Video integrieren. So kann man aus z. b. 24fps mal eben 48 oder sogar 60 / 144 fps machen. Die eingefügten Frames sind wie gesagt keine Duplikate vorheriger Frames, sondern interpoliert. Zwischenbildberechnung. Da wird ein neues Bild aus den Informationen des vorherigen und nächsten Bildes algorithmisch kreiert. Wenn ich das für einen ganzen Film mache und nun die ursprünglichen Bilder lösche und nur die interpolierten Bilder nehme (die niemals mit einer Kamera aufgezeichnet wurden), sollte der Film 1:1 gleich aussehen. Was passiert dann mit dem Urheberrecht und anderen Rechten, z. B. dem am eigenen Bild?

  4. Vielleicht habe ich bisher zu wenig „original Martenstein“ gehört,
    um den ganzen Text als stimmig anzuerkennen,
    für jeweils ein bis zwei Absätze funktioniert das aber.
    Fassszinierend !

  5. Das liest sich erstaunlich „normal“ und lässt mich vermuten, dass sämtliche Kolumnen von Franz Josef Wagner mittlerweile mithilfe von Resoomer erstellt werden…

  6. Was würde denn dabei herauskommen, wenn man diese Software mit all den Wochenkolumnen füllen würde, die Frau Samira El Ouassil auf Übermedien veröffentlicht hat? Richtig: Wieder eine Wochenkolumne von ihr.
    Warum spricht niemand hier über das wirklich Fragwürdige in Bezug auf Herrn Harald Martenstein? Seine letzte Kolumne wurde wieder entfernt, weil seine dort vertretene Meinung einigen Lesern nicht gefiel. Cancel-Kultur in Reinkultur?

  7. @2 / Anderer Max: Das scheint mir eine interessante Variante des philosophischen Gedankenexperiments vom Schiff des Theseus zu sein. (Dieses Paradoxon ist überliefert bei Plutarch: „Das Schiff, auf dem Theseus mit den Jünglingen losgesegelt und auch sicher zurückgekehrt ist, eine Galeere mit 30 Rudern, wurde von den Athenern bis zur Zeit des Demetrios Phaleros aufbewahrt. Von Zeit zu Zeit entfernten sie daraus alte Planken und ersetzten sie durch neue intakte. Das Schiff wurde daher für die Philosophen zu einer ständigen Veranschaulichung zur Streitfrage der Weiterentwicklung; denn die einen behaupteten, das Boot sei nach wie vor dasselbe geblieben, die anderen hingegen, es sei nicht mehr dasselbe.“ ) Zwar sind die interpolierten Bilder nicht pixelidentisch mit den Frames des Originalfilms. Sie sind aber in einer hinreichend großen Zahl von Eigenschaften von den Originalen abhängig, insbesondere in ihrer Anordnung zu einem Film. Wenn man hier eine (abgeleitete) Identität des zweiten Films mit dem ersten annimmt, werden auch die für das Original geltenden Rechte auf den Zweitfilm übertragen. Die Identitätsannahme lässt sich natürlich bestreiten. Man muss dann allerdings eine Art ‚Pixel-Materialismus‘ vertreten, der von den für Filme geltenden Identitätskriterien recht weit entfernt sein dürfte.

  8. Dass es sich halbwegs normal liest, hat weniger mit KI zu tun als mit dem non-sequitur-Stil von Herrn Martenstein, was auch die Hauptaussage der Autorin sein dürfte. Insofern würde @ #5 Wagner am besten funktionieren. Ein Zufallsgenerator, der ganze Absätze aus Martenstein-Kolumnen mischt, wird aber wohl nicht so ganz weit von dem Ergebnis entfernt sein.
    Sehr interessant ist der Link auf Janelle C. Shane. Wobei der Text von Samira El Ouassali das (in Sachen KI) Spannendste unterschlägt: Kann ich Deine Ersatzteilliste sehen? ist die Antwort einer mächtigen KI auf diese Aufgabe: „I also experimented with having DaVinci generate pickup lines to go with a story prompt about post-human AIs that were using them to flirt.“ Und das ist dann, wie die weiteren Beispiele zu dieser Aufgabe, schon recht beeindruckend (je nachdem, welche Erwartungen man an KI hat).

  9. #5
    dass Sie das für »erstaunlich ›normal‹« halten können, sagt aber mehr über Martenstein aus als über die Software, finde ich.

    #2
    ich würde schätzen, seit 2004. Da gab’s doch, wenn ich recht sehe, das erste, ähem, ›best of…‹ in Buchform.

  10. Ich stelle mir gerade den AI-text in Martensteins sonorem Säuseln gelesen vor und vergesse dabei fast, dass er computergeneriert ist.

  11. Irgendwann liest eine KI KI-Texte und andere KIs zerfleischen sich künstlich in den Kommentaren. Wir Menschen leben derweil wieder glücklich und in Frieden und kümmern uns um die schönen Dinge des Lebens.

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