In „geheimer Mission“?

Hinrich Lührssen verläuft sich auf Unterwanderpfad in die AfD

Früher war der Journalist Hinrich Lührssen vor allem als lustiger Fernseh-Onkel bekannt, der die Redaktionen von „buten un binnen“ (Radio Bremen) und „Stern-TV“ (RTL) jahrelang mit leichter Unterhaltung versorgte, mit Beiträgen, die nie ganz ernst gemeint waren. Alle hatten viel zu lachen.

Bis zum Sommer 2018, als Hinrich Lührssen plötzlich ernsthaft Schlagzeilen machte: als Mitglied im Landesvorstand der Bremer AfD – was die Magazine, für die er bis dahin arbeitete, offenbar schockte. Die Redaktionen seien „fassungslos“ gewesen über sein Engagement in der Partei. So hatte es Lührssen damals im Gespräch mit Übermedien erzählt und die AfD und seinen Parteieintritt verteidigt: „Ich bin ja nicht in die Waffen-SS eingetreten.“

Alles schien damals so, als wäre Lührssens Wechsel in die Politik ernst gemeint – und als hätten die Redaktionen nicht gewusst, was er da vorhat.

„Undercover in der AfD“?

Nun aber legt Lührssen (62) ein Buch vor, in dem er behauptet, er sei in „geheimer Mission“ unterwegs gewesen, als Journalist: „Undercover in der AfD“, heißt das Werk. „Eingeschleust und aufgedeckt – was wirklich in der AfD passiert“. Doch unter seinen Kolleginnen und Kollegen beim Fernsehen gibt es Zweifel: Hatte Lührssen tatsächlich von Anfang den Plan, die AfD zu unterwandern? Und wenn dem so wäre: Kann man als „Undercover“-Journalist über die AfD berichten, wenn man sie im Vorstand mitgestaltet hat?

262 Seiten Lührssen Cover: Kampenwand / Foto: Ü

Lührssen behauptet im Buch, dass nur wenige Kollegen von seinem Plan gewusst hätten. Offenbar informierte er sie erst, nachdem seine AfD-Mitgliedschaft in die Öffentlichkeit kam. Ein AfD-Funktionär hatte es auf Facebook gepostet – ohne Absprache mit ihm, wie Lührssen schreibt.

Die Nachricht sorgte damals bundesweit für Schlagzeilen, auch Übermedien berichtete. „Die Bombe ist explodiert – leider um Monate zu früh“, schreibt Lührssen in seinem Buch und nennt eine Person namentlich, die er dann eingeweiht haben will: Frank Schulte, Regionalchef bei Radio Bremen.

Doch Schulte bestreitet das auf Nachfrage von Übermedien. Für ihn sei die Meldung, dass sein Reporter nun auf einmal Politiker war, überraschend gekommen. Als er die Nachricht im August 2018 im Internet gelesen habe, griff er zum Telefon. Schulte wollte wissen, ob Lührssen das ernst meine.

Eingeweiht oder nicht?

Wie das Gespräch abläuft, darüber gehen die Darstellungen auseinander. Lührssen schreibt in seinem Buch, seine Antwort sei gewesen:

„Nein, da steckt schon ein Plan dahinter. Ich mache mit, um zu zeigen, wie es da zugeht.“

Frank Schulte sagt, er habe sich damals Notizen zu dem Gespräch gemacht und stellt die Sache so dar:

„Ich wünschte, ich wäre so einbezogen worden, wie er schreibt. Dann hätte ich mich darum kümmern können, dass die Geschichte prominent in unser Programm kommt. Aber das ist leider nicht so gewesen.“

Nach dem Telefonat trafen sich die beiden in Schultes Büro bei Radio Bremen. Lührssen schreibt in seinem Buch:

„Hinter der verschlossenen Tür spreche ich über dieses Experiment und biete an, den Redaktionsleiter auf dem Laufenden zu halten. Es ist Spätsommer, bis zur Weihnachtszeit schicke ich ihm danach Infos über meine Aktivitäten innerhalb der AfD.“

Frank Schulte widerspricht:

„Ich wünschte, er hätte Tacheles gesprochen und mich ins Vertrauen gezogen. Das hat er nicht getan. Ich habe Mails mit allgemeinen Infos zur AfD bekommen. Aber nichts, was auf eine journalistische Recherche oder einen Zwischenstand oder Ergebnisse schließen lässt.“

Und wenn diese Passagen im Buch schon nicht korrekt seien, sagt Schulte noch, dann würde er auch daran zweifeln, ob es tatsächlich von Anfang einen großen Plan gab. Komplett ausschließen könne er das aber nicht.

Nachfrage bei Lührssen: Wer war noch in den Plan eingeweiht? In einem ersten Gespräch will er dazu nichts sagen, später nennt er doch Namen. Einer davon: Markus Daschner, Chef vom Dienst bei „buten un binnen“.

Daschner und Lührssen telefonierten ebenfalls an dem Tag, an dem Lührssens AfD-Mitgliedschaft öffentlich wurde. „An das Gespräch erinnere ich mich heute so, dass danach zumindest die Möglichkeit eines Undercover-Projekts nicht auszuschließen war“, sagt Daschner. Dass er „eingeweiht“ gewesen sei, könne er aber „nicht bestätigen“.

Auch Axel Pfeiffer, stellvertretender Geschäftsführer bei „Stern-TV“, ist laut Hinrich Lührssen ausführlich über seine Pläne informiert gewesen. Und, Überraschung – Pfeiffer schreibt auf Anfrage von Übermedien:

„Wir haben nach Bekanntwerden seiner AfD-Mitgliedschaft und der geplanten Kandidatur für die Bürgerschaft ein Gespräch mit Hinrich Lührssen geführt, in dem er uns über seine Pläne informiert hat.“

Doch offenbar hatte „Stern-TV“ kein Interesse an Lührssens Projekt. Dass er in der AfD ist, hatte die Redaktion nach eigenen Angaben zunächst aus der Presse erfahren. Nach dem Gespräch habe man die Zusammenarbeit ausgesetzt, schreibt Pfeiffer, „weil sich das Streben nach einer politischen Funktion nicht mit unserer Vorstellung von unabhängigem Journalismus verbinden lässt“.

„Hätte ich mir sparen können“

Im September 2018 tritt Hinrich Lührssen in der Talkshow von Markus Lanz im ZDF auf, dort verteidigt er unter anderem die AfD und macht Geflüchtete für steigende Mieten in Deutschland verantwortlich. Heute sagt Lührssen, dass er damals nur eine Rolle gespielt habe und stellt fest: „Den Auftritt bei Lanz hätte ich mir sparen können. Aber hinterher ist man immer schlauer.“

Im Januar 2019 kündigt Hinrich Lührssen an: Er will Spitzenkandidat der AfD in Bremen werden. Doch daraus wird nichts. Stattdessen wird sein Parteikollege Frank Magnitz gewählt. Lührssen tritt daraufhin aus der AfD aus und wird Spitzenkandidat der „Bürger in Wut“ (BiW), einer rechtspopulistischen Wählervereinigung in Bremen. Warum? Wollte er plötzlich auch die unterlaufen, in „geheimer Mission“? Dazu sagt Lührssen heute: „Mich hat die Frage bewegt: Was denkt die Parteibasis? Ich fand es interessant Wahlkampf mitzumachen, das war ja bei der AfD nicht mehr möglich.“ Doch auch da läuft es schlecht: Im Mai 2019 wird Lührssen nicht ins Bremer Landesparlament gewählt. Knapp ein Jahr später tritt er auch bei den BiW wieder aus – und kündigt ein Buchprojekt über sein „politisches Experiment“ an.

Angenommen, es wäre so gewesen wie Lührssen sagt: Dass er „undercover“ recherchieren wollte – ginge das so überhaupt, mit Parteiämtern?

Der freie Journalist Silvio Duwe schleuste sich in eine rechtsextreme Gruppe ein und berichtete darüber für das ARD-Magazin „Kontraste“. Er sagt, er habe bei seinen Recherchen bewusst keine
Leitungsaufgaben übernommen. „Ich war immer klar in der Rolle des Passiven dabei.“ Seiner Rolle als Journalist würde es widersprechen, „wenn ich mein Rechercheobjekt manipuliere, indem ich Entscheidungen fälle“. Als Beobachter Einfluss zu nehmen, wäre „unsauber“.

Ganz anders Lührssen. Er saß im Landesvorstand der AfD in Bremen, war Delegierter bei Parteitagen, wollte Spitzenkandidat im Wahlkampf werden. In seinem Buch beschreibt er in einem Kapitel sogar, wie er das Wahlprogramm der AfD in Bremen verfasste. „Woher will er wissen, was er beobachtet hat und was passiert, weil er ein Parteiamt ausführte?“, fragt Duwe.

Zweimal in der AfD

Wann also stand der angebliche Plan fest, die AfD zu unterwandern, um ein Buch darüber zu schreiben? Eine genaue Antwort darauf hat auch Hinrich Lührssen nicht: „Das hat sich so entwickelt“, sagt er. Der Plan müsste vor dem 24. Juni 2018 festgestanden haben, denn an diesem Tag trat er in die AfD ein. Oder genauer gesagt: Er trat abermals ein. Denn Lührssen war vier Jahre zuvor schon einmal Mitglied in der AfD, das erwähnt er auch in seinem Buch. Auf die Frage, wie lange er damals Mitglied war, antwortet er: „Das war wirklich kurz, vielleicht so drei Monate.“ Nach Recherchen von Übermedien waren es fast 15 Monate: von Mitte September 2013 bis Mitte Dezember 2014.

Er sei neugierig gewesen, politisch interessiert und habe Stammtische der AfD besucht. Schon damals habe er überlegt, als Journalist darüber zu berichten, es am Ende aber verworfen. Die AfD habe ihn damals abgeblockt.

Als er dann wieder in die AfD eintrat, will er seinen Plan, die Partei zu unterwandern, neu gefasst haben – und zudem schriftlich festgehalten, allerdings erst drei Monate nach seinem Beitritt. Lührssen sagt, er habe einen verschlossenen Umschlag bei einem Notar hinterlegt mit der Aufschrift: „Erklärung Hinrich Lührssen“. Der Jurist bestätigt ihm die Verwahrung. Warum der Notar den Inhalt nicht beglaubigt, beantwortet Lührssen auf Nachfrage nicht. Er sagt nur, im Umschlag habe eine Erklärung gesteckt, die seinen Plan skizziert. Überprüfen lässt sich das nicht. Lührssen sagt heute:

„Ich hätte diese Erklärung früher abgeben sollen. Hinterher ist man immer schlauer.“

Er sei nie ein überzeugtes Mitglied der AfD gewesen: „Ich bin im Zweifel eher links als rechts.“ Auch in seinem Buch positioniert er sich nun gegen die rechtsradikale Partei und gibt unter anderem auf 18 Seiten Tipps, was gegen die AfD zu tun wäre und fordert etwa: „Unterwandert die AfD“.

Auf seiner Facebookseite finden sich bis heute Postings aus seiner Zeit als Politiker: Werbung für die AfD. In seiner Freundesliste stehen auch weiterhin AfD-Politiker. Nachfragen dazu beantwortet Lührssen nicht.

Freundschaften zerbrochen, Prügel angedroht

War es das alles wert? Hinrich Lührssen sagt: „Der Preis war hoch. Hinterher ist man immer schlauer.“ Viele seiner Verwandten, Nachbarn und Freunde seien entsetzt gewesen. Freundschaften seien darüber zerbrochen. Angeblich wurden ihm sogar Prügel angedroht.

Am Ende bleibt die Frage, ob Lührssen tatsächlich von Anfang an vorhatte, die AfD zu unterwandern – oder erst später umschwenkte. Lührssen sagt ja selbst, dass er Kollegen erst einweihte, nachdem seine AfD-Mitgliedschaft unfreiwillig öffentlich wurde, und auch sein Umschlag beim Notar hilft in der Frage wenig weiter. Hinterher ist man nicht immer schlauer.

15 Kommentare

  1. Wenn ich mich recht entsinne, scheiterte der erste Versuch, die NPD zu verbieten, weil V-Leute in NPD-Führungsgremien tätig waren. Es ist ja auch völlig offensichtlich, dass ich eine Partei nicht „enttarnen“ kann, wenn ich die politischen Inhalte, die ich aufdecken möchte, aktiv mitgestalte.

  2. Schon seltsam. Vor allem der Eintritt bei den BIW nachdem die AFD-Karriere scheiterte. Wann hätte er es wohl aufgelöst, wenn er weiter Erfolg gehabt hätte? Im AFD-Bundesvorstand?

    @Artikel: Immer wenn ich Altersangaben in Klammern sehe, muss ich an die Bild denken :P

  3. „Schrödingers Unterwanderung“
    Köstlich.
    Daran zeigt sich aber exemplarisch, wie schwer es ist, einen Journalisten von einem Agenten zu unterscheiden. Mit etwas Geschick und Dreistigkeit finden sich immer ein passender Textbaustein und ein Wanderpfad aus der Klemme, der anderen versperrt ist.
    Nicht nur für Journalisten in der AfD übrigens, sondern auf weltweiter Mission.

  4. In den Vorstand wählen lassen, zum Spitzenkandidat aufstellen lassen (wollen), in Talkshows gehen, alles keine Dinge, die ein investigativer Journalist tun würde.
    Letztlich ist es fast egal, was er tatsächlich vor hatte, was zählt ist, was dabei rausgekommen ist. Und das war die aktive Mitarbeit am Rechtsextremismus.
    Für sein Buch kann ich ihm nur einen zügigen Misserfolg wünschen, hoffe, er nutzt es nicht als weitere Plattform für Menschenverachtung.

  5. Das Hörbuch gelesen von Gabor Steingart dürfte in bestimmten Kreisen der absolute Knüller werden und in ca. 150 Jahren Höchstpreise bei Bares für Rares erzielen.

  6. Die Inside-Irgendwas-Bücher sind in den meisten Fällen unappetitlich.

    Da gibt es Politikerkinder die aufdecken, dass der Papa nicht immer so leutselig war wie er sich vor der Fernsehkamera gab.
    Oder wenn ehemalige Manager rauslassen, dass es im Konzern ruppiger zugeht als die Hockglanzprospekte und glauben machen wollen.
    Die Enthüllungen schlechthin, denn das hätte bis dahin keiner gewusst, ja nicht mal geahnt.

    Nun also Lührssen undercover.
    Nicht das die Methode generell abzulehnen wäre. Wenn es wirklich was sensationelles ans Licht bringt, ist das ja in Ordnung.
    Was hat Lührssen gebracht, mal abgesehen von Wichtigtuerei?

  7. Ob er also undercover war von Anfang an, oder späterer Aussteiger, der das Erstere nun nur behauptet, um überhaupt noch weiter als Journalist tätig sein zu können, ist anscheinend schon deshalb nicht mehr vernünftig zu klären, weil auch für Übermedien im Zusammenhang mit der ‚Schwefelpartei‘ (Klonovsky) der feierliche Grundsatz gilt: Im Zweifelsfall volle Breitseite gegen den Angeklagten. Gottlob geht man mit Aussteigern aus dem Terrorismus oder Scientology gnädiger, also vernünftiger um. Die Zwangsvorstellung, dass einer nicht aus einer Organisation berichten könne, die er an leitender Stelle mitgestaltet hat, zeugt von lächerlicher Unfähigkeit, sich dem Informantendilemma gedanklich auch nur ansatzweise zu stellen. Es gab, um mal den Vergleich zu wagen, keinen Austeiger, der der sizilianischen Mafia mehr geschadet hat, als Tommaso Buscetta. Er war dort ziemlich high ranking. Auf die Relevanz der Informationen kommt es an. Nicht auf pseudowissenschaftliches Schrödingergetue im Nachhinein. Der Mann war drin in der Schwefelpartei und nun ist er draussen. Wenn er etwas Relevantes aus dem Herz der Finsternis mitbrachte, dann hört ihn an. Jedenfalls ist so oder so sein Mut zu bewundern. Spätgeborene Hitlerverhinderer, die auf dem Sofa Gutes tun, die haben wir schon mehr als genug.

  8. @8: Achje, „Spätgeborene Hitlerverhinderer“. Darunter gehts im Internet einfach nicht, was? Ihre Tastatur muss ja sehr laut geklackert haben, als Sie den Kommentar wütend getippt haben.

  9. Ich stelle mir vor, Hinrich Lührssen wäre als Spitzenkandidat der AfD in die Bremische Bürgerschaft eingezogen. Hätte er dann Gefallen daran gefunden?
    War das nicht auch so mit Lenin? Der war doch Agent des zaristischen Geheimdienstes.
    War vielleicht Hitler auch nur ein Agent Provocateur?
    Der glaubte gar nicht daran, was er verkündete.
    War sein Untergang von ihm geplant, damit der großartige Film mit Bruno Ganz entstehen konnte?
    Was hätte aus Hinrich Lührssen noch werden können? Und nun dieses windige Buch, das bald auf den Wühltischen der geschlossenen Kaufhäuser landen dürfte.

  10. @Mr Re
    Nein, offensichtlich nicht. Ich mache mir Sorgen und suche über die Feiertage nach vernünftigen Suchtberatungsangeboten.

  11. @Marcel H.: Ich habe sein Buch gelesen. Es ist ein Buch darüber, wie schwer es jemandem fällt, der keine Ahnung von Undercover-Journalismus hat, Undercover-Journalismus zu betreiben. Er beschreibt ein doppeltes Scheitern: als AfD-Funktionär und als Journalist, der versucht, auf diese Weise etwas über die AfD herauszufinden.

    Und der Vergleich mit dem Mafia-Aussteiger ist lächerlich. (Okay, der Rest auch.)

  12. „War vielleicht Hitler auch nur ein Agent Provocateur?“ Eigentlich sollte er als V-Mann zur Überwachung der Vorläufer-Partei der NSdAP arbeiten.
    Kannste Dir nicht ausdecken.

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