Udo Ulfkotte & die nicht-brennbaren EU-Flaggen

In den vergangenen Tagen machte ein lustiger Tweet Furore. Ein animiertes Bild zeigt, wie ein Vermummter daran scheitert, eine EU-Flagge anzuzünden. Ben Phillips, ein leitender Mitarbeiter der Hilfsorganisation ActionAid, sieht darin den Höhepunkt der #Brexit-Diskussion, und twittert:

„Britischer Demonstrant versucht, die EU-Fahne zu verbrennen, schafft es aber nicht wegen EU-Vorschriften über brennbare Materialien.“

Das ist lustig und eine schöne Ironie, stimmt aber leider nicht.

Erstens ist das Bild nicht aus der aktuellen Auseinandersetzung um den Brexit: Es stammt aus einem Video, das vor gut einem Jahr von der rechtsextremen Gruppe Bolton North West Infidels auf Facebook gepostet worden sein soll. Später wurde es von anderen auf Youtube hochgeladen …

… und von verschiedenen Medien im März 2015 mit der ironischen EU-Brandschutz-Pointe verbreitet.

Es gibt aber noch ein zweites Problem mit dem schönen Witz: Es gibt, wie uns die Europäischen Kommission auf Anfrage mitteilt, keine solche EU-Vorschrift, keine harmonisierten EU-Standards oder -Gesetze über die Entzündbarkeit von Flaggen.

Die verschiedenen Mitgliedsstaaten haben offenbar unterschiedliche Ansichten darüber. Die Chemikalien, mit denen die Entzündbarkeit von Stoffen reduziert werden, sind nämlich ihrerseits nicht ganz ungefährlich, und es gibt keine Einigung, was der richtige Kompromiss sein soll. Deshalb fehlen für viele Produkte EU-weite Vorgaben, was die Entflammbarkeit angeht. In Großbritannien sind die Vorgaben, was zum Beispiel die Nicht-Entzündbarkeit von Textilien wie Sofas oder Vorhängen angeht, strenger als in den meisten anderen Ländern. (Die „Berliner Morgenpost“ hat das auch recherchiert.)

Also: schöne Pointe, leider nichts dran.

Und was hat das alles mit Udo Ulfkotte zu tun, höre ich Sie fragen.

Nun: Auch Ulfkotte hat den lustigen Tweet gesehen und auf seiner Facebook-Seite aufgegriffen. Er verstand ihn aber so, dass es Vorschriften gibt, dass EU-Flaggen, also Flaggen mit dem Symbol der Europäischen Union, aus nicht brennbarem Material hergestellt sein müssen – vermutlich, damit Demonstranten nicht so gut gegen sie demonstrieren können.

Wenn man, wie Ulfkotte, weiß, dass die Mächtigen, insbesondere in Europa, vor keiner Verschwörung zurückschrecken, erkennt man die Verschwörung in jeder kleinen Pointe.

13 Kommentare

  1. Also jetzt mal unter uns Pastorentöchtern: Der Mann begreift sich allen Ernstes als Journalist? Wenn er nicht einmal den Halbsatz „because of EU regulation on flammable materials“ (der an sich bereits falsch ist, aber wer wird sich denn mit fact checking aufhalten) sinngemäß richtig wiedergeben kann?

    Das enttäuscht mich jetzt schon ein bisschen. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sich diese Lichtgestalt des Kopp’schen Aufklärungsjournalismus zumindest etwas Mühe gibt, den Schein der Seriösität zu wahren.

  2. Autsch!
    Die EU lässt nur EU-Flaggen feuerfest machen damit…oh mein Gott. Das qualifiziert aber wirklich zum Aluhut-Träger.
    Hat Herr Ulfkotte auch recherchiert, ob solche Flaggen auch schnittfest ist? Vergrabfest? Einfärbgeschützt?

    Aber das Traurige ist ja, dass solche „Meinungen“ heutzutage von vielen entweder wirklich geglaubt oder eben weil’s so passt ins Weltbild eingebaut werden. Hauptsache, man kann etwas verabscheuen.

    Disclaimer: ich konnte keinen Link auf den betreffenden Beitrag finden, habe aber auch keinen Facebook-Zugang auf diesem Rechner. Ich vertraue Stefan in diesem Fall, weil ich langjährige Leserin seines Blogs bin und ich ihn als einen Autor kennengelernt habe, der nichts einfach aus der Luft greift.

  3. Ulfkotte ist ja nicht nur niedlich-schlampig. Seine Seite quillt ja schon über vor Hetze.

    Ulfkotte hat sich womöglich intensiv mit dem Lebenswerk von Julius Streicher beschäftigt.

  4. @1 ich interpretiere das eher so:
    Der Mann hat eine Agenda und nutzt sein Image als Journalist / Insider als Meinungsverstärker.
    In seinen Kreisen verliert er durch nicht vorhandene oder schlampige Recherche auch nicht an Seriösität, denn wenn man recherchiert stößt man ja eh nur auf „Lügen“ – „Wie hinlänglich bekannt ist“ reicht da völllig.
    Dessen Zielgruppe will in einfachen Worten erklärt haben, wie die Welt funktioniert, braucht ein klares Feindbild, das in etwas einfältiger Sprache („Das muss man mal so aussprechen, wie es ist!“) erklärt wird und die Stammtischrassisten (die aber nicht so genannt werden wollen) sind glücklich.
    Funktioniert bei meinem Vorposter und penetrantem Linkdropper in der anderen Richtung übrigens ähnlich. Statt die EU-Fahnen zu verbrennen, einfach in Säure auflösen.
    Klar, links war man schon immer intelligenter.

  5. Ich hoffe bei dieser Rubrik „Ulfis Welt“ wird bedacht, dass nahezu alle Sachen, auch die guten und nützlichen, eine abgewogene Dosierung brauchen.
    Drastischer: Man muss nicht jeden Scheiss, den Ulfkotte absondert, kommentieren.
    Nichts gegen diese Beiträge, aber der zeitliche Abstand zwischen Teil Eims und Teil Zwei ist doch recht kurz, oder?

  6. @Stefan Niggemeier: „Der Facebook-Eintrag ist in meinem Text eingebunden. Vor dem letzten Absatz.“

    Den bekommen nur diejenigen Leser zu sehen, welche „facebook.com/plugins“ mitladen. Für Medien-Betreiber mag das ein einfach zu benutzendes Feature sein, für die Masse der Leser aber nicht – sie übermitteln bei jedem Aufruf ihre IP an Facebook und geben damit ihre Surf-Gewohnheiten an Dritte weiter, meistens unwissend. Was ist aus dem guten alten Bildschirmfoto geworden, oder verbietet Facebook das?

  7. Auf das Naheliegendste kommt mal wieder niemand!

    Hier die Idee:

    Man produziere eine EU-Flagge, auf der von einer Ecke her eine züngelnde Flamme Richtung Mitte lodert – als Aufdruck, versteht sich.
    Das wäre DER Verkaufsschlager! Ich stelle meinen Geistesblitz hier frei zur Verfügung.

    Wer setzt’s um?

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