Der Reiz der unbelegten Wahrheit

Buchcover: „Disloyal“, „Rage“

Am 8. September erscheint das Buch „Disloyal“ von Michael Cohen, dem ehemaligen persönlichen Anwalt von Donald Trump und heutigen Kronzeugen gegen den Präsidenten. Es wird ein Bestseller werden, schon deshalb, weil Cohen in dem vergangene Woche vorab veröffentlichten Vorwort Geschichten über „Golden Showers in Vegas“ verspricht, was man unbedingt lesen und sich gleichzeitig nicht vorstellen will.

Wie alles andere in dem Buch wird es aber nicht überraschen. Es gibt praktisch kein Thema, bei dem Trump nicht den schlechtestmöglichen Reflex zeigt, und nach allem, was Cohen vor dem Kongress ausgesagt und in das Vorwort geschrieben hat, wird das Buch das nur bestätigen. Und niemand kann Trumps, sagen wir, angewandte Lebensphilosophie besser bezeugen als Michael Cohen, denn er hat nicht nur dieselben Reflexe, er war auch zehn Jahre lang hautnah dabei. Wenn er Pech hatte, auch in der Dusche.1)Ich entschuldige mich halbherzig für die Bilder, die ich da gerade in den Köpfen der Leser erzeuge. Andererseits ist es ja nicht meine Fantasie. Denken muss man das dann schon selber.

Im selben Monat erscheint ein Buch zum selben Thema, das ziemlich genau das Gegenteil sein dürfte von Cohens Erzählung: „Rage“ von Pulitzer-Preisträger Bob Woodward, die Fortsetzung seines Buches „Fear“ über die Anfänge der Trump-Regierung. Woodward ist einer der berühmtesten investigativen Journalisten der Welt2)Gemeinsam mit Carl Bernstein deckte er für die „Washington Post“ den Skandal auf, den wir als „Watergate“ kennen und hat, wie gewohnt, für „Rage“ hunderte Stunden Gespräche geführt, unter anderem mehrere mit Trump selbst.3)Bei „Fear“ hatte Trump sich noch verweigert, aber offensichtlich hat seine Überzeugung, er wäre selbst sein bester Pressesprecher, dazu geführt, dass er diesmal die Deckung ein bisschen gesenkt hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gut gegangen sein kann.

Was wir lesen wollen

Ich lehne mich jetzt einmal weit aus dem Fenster und sage, Bob Woodward ist so ungefähr der verlässlichste Erzähler, den man sich vorstellen kann. Er wird wie immer jede Minute jedes Tages, über den er schreibt, recherchiert und gegengecheckt haben. Michael Cohen hingegen bezeichnet sich selbst in dem Vorwort als nicht vertrauenswürdig, was auf irgendeiner Ebene schon wieder ein Fitzelchen Vertrauen weckt, aber nicht viel. Und jetzt kommt eine ehrliche Frage: Welches Buch wird näher an der Wahrheit sein?

Ich glaube, „Disloyal“ von Cohen wird lustiger zu lesen sein, und ich spanne die Saite mal noch ein bisschen fester und behaupte, es ist es deswegen, weil er mit höherer Wahrscheinlichkeit genau das schreibt, was ich lesen will: Nämlich dass Trump ein verdorbenes Subjekt ohne Moral ist und viele peinliche Momente erlebt, über die ich schadenfroh kichern kann. Und jetzt lehne ich mich vollends aus dem Fenster: Ich bin auch einigermaßen sicher, dass Cohen nicht nur die interessantere, sondern auch die wahrere Geschichte erzählen wird. Denn obskurerweise gibt es Momente, in denen ein verlässlicher Erzähler die besten Geschichten gar nicht erzählen kann.

Das klingt bizarr und ich werde minimal ausholen, um das zu erklären. Am einfachsten geht das an einem Beispiel: Die stiftungsfinanzierte Seite FactCheck.org veröffentlichte am 26. Juni einen Artikel mit der Überschrift „Biden Floats Baseless Election Conspiracy“ (etwa: Biden verbreitet unbegründete Wahl-Verschwörungstheorie), in der die Organisation ihrer Aufgabe entsprechend überprüfte, ob die Behauptung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden stimme, Amtsinhaber Trump wolle „der Post das Geld streichen, damit sie keine Briefwahlzettel verteilen kann“. FactCheck kam zu dem Schluss, die Behauptung wäre falsch. Es gab keinerlei Beweise für Bidens Behauptung.

Trotzdem war sie richtig, Donald Trump selbst hat das vergangene Woche in einem Interview bestätigt, und FactCheck hat am Freitag eine Berichtigung dazu veröffentlicht und den Original-Artikel mit einem entsprechenden Hinweis versehen.

FactCheck ist ein verlässlicher Erzähler. Die Seite ist, wie gesagt, unabhängig und transparent finanziert und muss keine Profite machen. Joe Biden ist ein Politiker im Wahlkampf, so ungefähr die am wenigsten verlässliche Erzählergattung, die man sich überhaupt nur ausdenken kann. Aber seine Geschichte stimmte, die andere nicht. Und in dieser Gemengelage steckt ein Problem für den Journalismus.

Eine bescheuerte Form von Rechthaben

Wir sind uns wahrscheinlich einig, dass Journalisten die Wahrheit schreiben müssen, und dass das im Regelfall bedeutet, die Tatsachenbehauptungen in Artikeln müssen belegbar sein. Was allerdings heißt: FactCheck hatte demnach recht damit, Bidens Geschichte eine „Baseless Conspiracy“ zu nennen, denn sie war nicht belegt. Aber recht haben dadurch, dass man sagt, eine wahre Geschichte wäre falsch, ist eine bescheuerte Form von Rechthaben. Man hat nämlich unrecht. Und hier kommt der Moment, auf den es eigentlich ankommt: Als Biden seine Theorie öffentlich ausgesprochen hat, wussten wir alle, dass sie stimmt.

Es gibt ein paar Momente, die in Journalistenkreisen erzählt werden, in denen es genau um solche Momente geht. Die berühmteste ist wahrscheinlich die der „Spiegel“-Titelgeschichte kurz vor der schleswig-holsteinischen Landtagswahl im September 1987 mit der Zeile „Barschels schmutzige Tricks“. Sie war der Auftakt der so genannten Barschel-Affäre4)Die wir auch als „Waterkantgate“ kennen, die in den bis heute nicht ganz aufgeklärten Tod des Ministerpräsidenten in einer Schweizer Hotelbadewanne mündete.

Die „Spiegel“-Geschichte stellte sich als weitgehend korrekt heraus, war aber angeblich zum Zeitpunkt der Drucklegung nicht so hart recherchiert, wie es eigentlich nötig gewesen wäre. Der Chefredakteur Erich Böhme5)Den wir Älteren auch als den Mann mit der wirbelnden Brille aus „Talk im Turm“ erinnern. entschied, sie trotzdem zu drucken. Ich finde die Stelle nicht, aber angeblich hat er später einmal in einem Interview als Begründung gesagt, die Vorwürfe hätten in Barschels Psychogramm gepasst. Was keine besonders gute Begründung ist, keine Grundlage für eine verlässliche Erzählung, aber ohne diese etwas zu dicken Eier wäre möglicherweise eine der großen Polit-Affären unseres Landes unaufgedeckt geblieben. Er hatte schlicht recht.

Auf der andern Seite stehen – oder stehen eben nicht – ungeschriebene Geschichten wie die der „Vanity Fair“-Redakteurin Vicky Ward, die in ein umfangreich recherchiertes Porträt schon 2003 Vorwürfe gegen den erst später als Sexualstraftäter entlarvten Finanzier Jeffrey Epstein einfließen ließ – die ihr von Chefredakteur Graydon Carter wieder gestrichen wurden, weil sie angeblich nicht ausreichend belegt waren (sie bestreitet das).

Es ist denkbar, dass hier wie später auch bei Harvey Weinstein die Macht der Mogule dafür sorgte, dass die Geschichten unterdrückt wurden, aber selbst wenn dem so war, war die Diskussion, die intern geführt wurde, genau dieselbe wie oben: Wie belastbar muss das Beweismaterial für eine Geschichte sein, von der jeder weiß, dass sie wahr ist? Wenn, wie wir jetzt wissen, das Nichtdrucken zum Beispiel bedeutet, dass Vergewaltiger sich weiter Opfer suchen können?

Die Leser sind gefordert

Die Antwort ist nicht ganz eindeutig. Journalistische Sorgfaltspflicht verlangt nicht das Niveau an Beweisen, die ein Gericht für eine Verurteilung braucht,6)Und die liegen auch nicht in 100 Prozent der Fälle richtig, habe ich mal gehört. aber ich würde auch davor warnen, „es passt ins Psychogramm“ als endgültigen Beleg für irgendetwas zu nehmen. Und die anstrengende Wahrheit ist, dass es wahrscheinlich auch Medienkompetenz auf Seiten der Leser und Zuschauer braucht, um Geschichten richtig einzuordnen.

Ich habe eine Übung dafür eingebaut, ganz oben in dieser Geschichte, nämlich ein Stakkato von nicht verlässlichen Erzählungen. Ich habe behauptet, die Geschichten in Cohens Buch würden nicht überraschen, obwohl ich das nicht wissen kann, es ist noch nicht erschienen und ich habe auch kein Rezensionsexemplar, falls es die gab.

Ich habe geschrieben, Trump hätte nur die schlechtestmöglichen Reflexe, und das in einer Woche, in der er die Begnadigung von Edward Snowden in Aussicht gestellt hat, die ich begrüßen würde. Und ich habe behauptet, das Buch würde auch das mit den Reflexen bestätigen, wieder ohne es wissen zu können. Das ist alles total fischig und zweifelhaft, jedenfalls nach journalistischen Standards. Aber jetzt kommen Sie mit ihrer Medien- und überhaupt Lebenskompetenz ins Spiel. Wahrscheinlich ist es Ihnen nicht groß aufgefallen – weil es nämlich wahr ist.

Und um es noch einmal klar zu sagen: Ich bin nicht dafür, belegbare Wahrheiten gegen gefühlte einzutauschen. Aber es gibt immer wieder Momente, in denen es wichtig ist, dass Journalisten aufstehen und einfach das sagen, von dem sie wissen, dass es wahr ist. Es muss raus. Und wahrscheinlich gibt es in dieser Woche kein schöneres Beispiel dafür als den White-House-Correspondent-Veteranen V.S. Dàte, der während einer Pressekonferenz die Frage gestellt hat, die ihm seit Jahren unter den Nägeln brennt: „Mister President, bereuen Sie die ganzen Lügen, die Sie dem amerikanischen Volk erzählt haben?“ Er wusste sicher, dass Trump nichts zugeben oder ihm auch nur antworten würde. Oder jemals wieder antworten wird. Aber es musste raus. Weil es die Wahrheit ist.

Fußnoten   [ + ]

1. Ich entschuldige mich halbherzig für die Bilder, die ich da gerade in den Köpfen der Leser erzeuge. Andererseits ist es ja nicht meine Fantasie. Denken muss man das dann schon selber.
2. Gemeinsam mit Carl Bernstein deckte er für die „Washington Post“ den Skandal auf, den wir als „Watergate“ kennen
3. Bei „Fear“ hatte Trump sich noch verweigert, aber offensichtlich hat seine Überzeugung, er wäre selbst sein bester Pressesprecher, dazu geführt, dass er diesmal die Deckung ein bisschen gesenkt hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gut gegangen sein kann.
4. Die wir auch als „Waterkantgate“ kennen
5. Den wir Älteren auch als den Mann mit der wirbelnden Brille aus „Talk im Turm“ erinnern.
6. Und die liegen auch nicht in 100 Prozent der Fälle richtig, habe ich mal gehört.

29 Kommentare

  1. @1: Mit dem kleinen Unterschied, dass Trump noch lebt und Präsident eines Landes ist, das einen relevanten Einfluss auf unser aller Wohlergehen hat. Das Vorkommen des Herrn Trump auf Übermedien dürfte doch sehr nachlassen, wenn dieser erst in der wohlverdienten Versenkung verschwunden ist.

  2. @1: Auf der ÜM-Homepage ist das Schlüsselwort „Trump“ präzise 2x zu finden, nämlich eben im Teaser dieses Artikels. Was ist denn daran bitte besessen?
    Aber Glückwunsch zum Godwin im allerersten Kommentar!

  3. Vielleicht steh ich ja auf dem Schlauch oder ich habe den Artikel nicht verstanden — aber woher genau wissen wir „dass es wahr ist“ wenn es keine Belege gibt?

    Dass sich etwas nachträglich als wahr herausstellt kann es ja wohl nicht sein. Sonst hätte jeder Spinner der mal was errät ja mehr „Wahrheit“ in sich als die Wissenschaft….

  4. „Es gibt ein paar Momente, die in Journalistenkreisen erzählt werden, in denen es genau um solche Momente geht.“
    Das erste „Momente“ ist wahrscheinlich ein „Geschichten“, oder?

    „Wahrscheinlich ist es Ihnen nicht groß aufgefallen (…)“
    Naja, schon, aber die Einrahmung in „Ich lehne mich weit aus dem Fenster“ und ständige „ich glaube, dass“- und „Ich bin auch einigermaßen sicher“-Wendungen hat das ja auch direkt wieder relativiert.
    „total fischig und zweifelhaft“ wird es für mich, wenn solche Sätze als absolute Wahrheiten, ohne persönliche „ich glaube“ Einordnung geschrieben werden.

    Leider erschließt sich mir die Pointe des Texts nicht so wirklich. Die sog. Alternativjournalisten wollen ja letztlich auch nichts anderes als „(…) einfach das sagen, von dem sie wissen, dass es wahr ist.“
    Die Gretchenfrage ist, meine ich, mal wieder: Was ist Wissen, was ist Glaube?
    Aber gerade da sind wir dann halt wieder bei Belegbarkeit, Quellen, etc.

    Für mich ist ein guter Text einer, der mich zum Nachdenken bringt. Das tut dieser, also danke dafür!

  5. Angenommen, beide Autoren seien ehrlich.
    Der eine erzählt von Dingen und Vorgängen, deren Zeuge er ist.
    Der andere muss sich auf andere verlassen.
    Ist doch klar, dass letzterer vorsichtiger ist. Wobei es ersteren trotzdem passieren kann, wegen übler Nachrede belangt zu werden.

  6. „Die ‚Spiegel‘-Geschichte stellte sich als weitgehend korrekt heraus“
    Irgendwie korrekt schon, aber ziemlich unvollständig: Lücken statt Lügen. Dass nämlich der ausführende Täter Pfeiffer eine Beziehung zur SPD unterhielt, diese schon vor der Wahl über seine Aktivitäten informiert war, als nicht ahnungsloses Opfer später dann insgeheim hohe Zahlungen an Pfeiffer leistete, ist sogar in der Wikipedia als ‚Schubladenaffäre‘ nachlesbar und hat Jahre später u.a. zum Rücktritt von Engholm und Jansen geführt.
    „die Vorwürfe hätten in Barschels Psychogramm gepasst“
    Das ist ein bis heute unbewiesener Spin. Ob nämlich Barschel Pfeiffer für die schmutzigen Tricks eingestellt und angestiftet hat oder Pfeiffer beauftragt war, ein Ei in Barschels Nest zu legen, das dann rechtzeitig (vom Spiegel) gefunden werden konnte, ist weitgehend umstritten. Beides wäre Verschwörungspraxis, keine graue Theorie. Und Praxis ist es auch, beide Motive so ineinander zu rühren, dass hinterher selbst die Beteiligten nicht mehr wissen, was ihnen wirklich zugestoßen ist.
    Heinrich Wille, ein holsteinischer Sozialdemokrat, mit seinem Buch „Ein Mord, der keiner sein durfte. Über die Grenzen des Rechtsstaats“ bleibt hochaktuell, nicht nur weil er die unermüdliche Überzeugungsarbeit des Spiegel-Journalisten Hans Leyendecker (lange nach Barschels Tod) so wunderbar als Nebenhandlung auf die Schippe nimmt.
    Keine investigative Meisterleistung von Spiegel und Leyendecker, eine geheimdienstliche schon eher.

  7. Feiner Text und ein guter Denkanstoß, wie auch ich finde.

    Allerdings finde ich die letzte Klarstellung des Autors („Ich bin nicht dafür, belegbare Wahrheiten gegen gefühlte einzutauschen.“) etwas lapidar und muss dafür leider die Gretchenfrage meines Vor-Kommentators etwas aufgreifen.
    Warum?
    Weil der Autor in seinem Text an den für mich entscheidenden Stellen in seinen professionell ausgestatteten Werkzeugkasten sprachlicher „Tools“ greift, nur um -vermutlich in voller Absicht- den Holzhammer zu ergreifen (5 Mark ins Phrasenschwein, check.):

    „Als Biden seine Theorie öffentlich ausgesprochen hat, wussten wir alle, dass sie stimmt“.

    Warum „wussten“ wir das alle? Ich für meinen Teil würde sagen:
    „Ich war mir sicher“.

    Vorrausgesetzt ein nach allen Regeln der Kunst belegbares Faktum würde dem fiktiven Wahrheitswertamplitudenwert „1“ entsprechen, dann hätte die Aussage eines Joe Biden oder des Spiegel-Chefredakteurs Böhme „Ich bin mir da sicher“ einen Wert von -let’s say- 0,95. Aber halt nicht eins. Man kann sich so asymptotisch sicher sein, wie man will: Der qualitative Unterschied zu einer belegbaren Wahrheit wird bleiben.

    Dennoch würde ich in beiden Fällen den Herren zugestehen, ihren Wahlkampfenthusiasmus oder die „zu dicken Eier“ (m.E.n. furchtbare Formulierung) als Extraschüppe zu nutzen, um diesen Wert für den Moment künstlich aufzurunden. Sodass sie in ihren Reden bzw. Veröffentlichungen ein subjektives „Ich bin mir sicher.“ auf ein „Das ist so.“ überreizen.

    Die auch von mir auf Übermedien geliebte „catchyness“ in allen Ehren, aber bei einem Artikel, der explizit diesen schmalen Grad zwischen „sicher sein“ und „wissen“ behandelt, wird mich die Tatsache, dass der Autor die auf sich und sein Publikum bezogegene Formulierung „wissen“ verwendet, ein wenig stutzig zurücklassen. Hier erkenne ich keine Notwendigkeit für diese Extraschüppe.

    Ganz lieben Gruß,
    Nils

  8. Häh?

    Ein tolles Beispiel für was? Dass man im Nachhinein immer schlauer ist?

    Sollen wir jetzt z. B. doch die corona leugner feiern weil die ja schon im März gesagt haben, dass das (in Deutschland) nicht so schlimm wird?

    Verstehe irgendwie wirklich nicht wie dieses „sagen, was wahr ist, auch wenn man keine Belege hat“ gemeint sein sollte…

  9. Ich habe das jetzt so verstanden:
    Manchmal haben Journalisten eine Vermutung bezüglich eines Sachverhaltes, die ihnen so plausibel und logisch vorkommt, dass sie sie für wahr halten, obwohl die Beweiskette (noch) nicht schlüssig genug ist, um andere Möglichkeiten auszuschließen.
    Weil Falschmeldungen erstens peinlich sind und zweitens eine Anzeige auslösen können, muss man sich überlegen, ob man die Vermutung bringt, als wie vermutlich man die kennzeichnet oder ob man (noch) drauf verzichtet.
    So was ist natürlich interessanter als „Hund beißt Mann“.

  10. „Sollen wir jetzt z. B. doch die corona leugner feiern weil die ja schon im März gesagt haben, dass das (in Deutschland) nicht so schlimm wird?“
    Ein Prachtexemplar von einem teutschen Gedanken!
    Richtige Einschätzungen im Nachinein zu feiern, ist überflüssig. Es sollte immer darum gehen, rechtzeitig Nutzen aus ihnen zu ziehen.
    Wirklich schlaue Politiker haben sich diese Ansicht im März angehört und waren sich bewusst, dass sie trotz aller Panik stimmen KÖNNTE. Deshalb haben sie sich bis April angeschaut, ob die Realität diese Ansicht vielleicht widerlegt. Als sie es nicht tat, zogen sie kühl und (für Teutsche) überraschend die richtigen Konsequenzen.
    Eine so schlaue Regierung gab es beispielsweise in Dänemark, und die hat dann Anfang Mai drastisch gelockert am Beispiel des schwedischen Nachbarn und unter Warnungen besorgter teutscher Medien.
    Seither wird die deutsche Debatte von dem Zwang bestimmt, die Debatte von gestern nicht verloren zu geben statt die Zukunft: es ist fast unmöglich, einer Einschätzung rechtzugeben, wenn man sie einmal als ‚Leugnung‘ ausgegrenzt hat, egal, was die Fakten inzwischen sagen. Das ist eine traditionelle Falle für unsere politische Kultur. Und es ist überhaupt kein Zufall, dass die Dänen dieser Falle ausgewichen sind.

  11. Na ich habe ja auch gar nichts dagegen, dass Journalisten auch Vermutungen schreiben, wenn sie nicht 100%ig belegt sind. Dann doch aber bitte auch so, und nicht als „Wahrheit“.
    Wo ist denn sonst der Unterschied zu achgut, pi-news und dem ganzen „alternativen“ Quatsch?

  12. @AM

    Blabla.
    Es werden keine Fakten geleugnet. Aber die Tatsachenbeschreibung: „es gab nicht viele Tote in Deutschland“ hängt halt nicht mit dem Unsinn, den corona leugner behaupten („corona nicht gefährlich“ etc.) zusammen.
    Deswegen ist es auch Unsinn, das was diese Leute im März behauptet haben im Nachhinein als „wahr“ zu beschreiben. Denn es ist und bleibt Unsinn.
    Aber es macht ja auch keinen Sinn das mit Ihnen zu diskutieren, das würde ja auch schon mehrfach belegt.

  13. @ IchBinIch
    „was diese Leute im März behauptet haben“
    Es gibt eine ganze Reihe von Medizinern, die nichts anderes gesagt haben, als dass die dt. Maßnahmen unverhältnismäßig und deshalb schädlich sind. Das ist unwiderlegt und Ihr Satz mit „im Nachhinein immer schlauer“ hat gezeigt, dass Sie das auch wissen.
    „corona nicht gefährlich“
    Ein Popanz. Keiner der Mediziner hat von ungefährlich gesprochen.
    Beispiel Püschel nach zahlreichen Obduktionen Anfang Mai, also mit wesentlich mehr Info aus erster Hand als fast alle Teilnehmer in allen Diskussionsrunden:
    „Covid-19 ist eine ernste, aber keine besonders gefährliche Erkrankung“
    Im Moment des dänischen Schwenks lagen also auch in Deutschland die Fakten medizinisch solide auf dem Tisch. Es gab aber hierzulande offensichtlich keinen politischen Raum, in dem sie pragmatisch aufgenommen werden konnten.
    Andere Kritiker zogen den Vergleich zur (echten) Grippe, und müssen sich ebenfalls nicht widerlegt fühlen. Die Abschätzungen für die Infektionssterblichkeit sind weiter auf dem Weg nach unten in denselben Bereich. Eindeutig widerlegt sind hier die Wielers vom RKI, die Ende Februar mit einem 10fach höheren Wert ins Ärzteblatt gegangen sind.
    „es macht ja auch keinen Sinn das mit Ihnen zu diskutieren“
    Das sehe ich umgekehrt genauso: Sie liefern zunehmend unkultivierte und faktenfreie Pöbelei ab.

  14. „Die Abschätzungen für die Infektionssterblichkeit sind weiter auf dem Weg nach unten in denselben Bereich. Eindeutig widerlegt sind hier die Wielers vom RKI, die Ende Februar mit einem 10fach höheren Wert ins Ärzteblatt gegangen sind.“

    Das haben Sie letztens schon nicht belegt (bzw. EARENDIL hatte es mit Quellen widerlegt) also lassen wir das hier am besten auch. Sie sind ein gutes Beispiel, warum das im Artikel beschriebene „sagen, was man gefühlt für wahr hält“ eine ziemlich schlechte Idee ist.

  15. Es müllert mal wieder, der Thread-Hijacker ganz in seinem Element. Dänemark, Schweden, es hagelt nur so an einseitigen und verzerrenden Darstellungen. Macht wenig Sinn, dem Müller Stück für Stück das Gegenteil zu beweisen, er würde sofort ein neues Kaninchen aus dem Hut zaubern. Trolltum halt.

    Ein Wort aber dann doch zu Püschel. Erstens sind längst nicht alle in seinem Institut seinen Auffassungen gefolgt, es gibt an der UKE-Rechtsmedizin durchaus andere Meinungen von Medizinern. Zweitens musste selbst „Alles-halb-so-wild“-Püschel anerkennen, dass mit Corona nicht zu spaßen ist:

    https://www.mopo.de/hamburg/corona-studie-am-uke-ueberraschende-erkenntnis-zur-todesursache-36665624

    (Das Artikel-Ende ist übrigens bemerkenswert: Püschel ging Anfang Mai davon aus, dass der Höhepunkt der weltweiten Epidemie bereits überschritten sei.)

    @Ichbinich: Wenn du den Unterschied nicht merkst zwischen notorischen Lügnern / Propagandisten und Journalisten, die wie weiland bei der NYT („Titanic“) ihrem Instinkt mehr vertrauen als offiziellen Quellen und die dabei ein großes Risiko eingehen, kann dir vermutlich hier keiner helfen.

  16. @Überfall:

    Der Fall vor vier Jahren stand exemplarisch dafür, wie sich vor allem in sozialen Medien Gerüchte ungefiltert verbreiten. Die Sache basierte auf der (falschen) Aussage eines Helfers.

    Im Unterschied dazu nennt Michalis Pantelouris Beispiele, in denen Journalisten intensiv recherchiert hatten. Zudem ist sein Artikel deutlich differenzierter: Er sagt keineswegs, dass gefühlte Wahrheit stets der richtige Ansatz sei.

  17. Er sagt aber sehr wohl, dass gefühlte Wahrheit ausreiche, um Dinge als Wahrheit in die Welt zu posaunen:

    „Und hier kommt der Moment, auf den es eigentlich ankommt: Als Biden seine Theorie öffentlich ausgesprochen hat, wussten wir alle, dass sie stimmt. “

    Das „wussten“ „wir alle“ eben nicht! Genau weil es nicht hinreichend belegt war! Und solange das der Fall ist, kann man das Behauptete eben nicht als wahr ansehen, egal wie plausibel es erscheint und ob da schon jemand (offenbar aber noch nicht weit genug) recherchiert hat. Auch wenn es sich später als tatsächlich wahr entpuppt, ist es in dem Moment noch nicht mehr als gefühlte Wahrheit. Und darüber sagte Niggi in dem alten Artikel treffend auch:

    „Es hilft alles nichts, die einzige Grundlage, auf der wir Diskussionen […] führen können, sind Tatsachen. Gefühltes Wissen hilft nicht, es schadet.“

    Ich gestehe gerne zu, dass MPs Artikel durchaus differenziert ist. Die einzige klare Stoßrichtung aber, die ich erkennen kann, ist: Manchmal ist es doch ok und richtig und sogar geboten, eine „Geschichte“ als wahr darzustellen, auch wenn man das derzeit noch nicht ausreichend belegen kann – es reicht, wenn man tief in seinem Inneren (oder woher sonst die Gewissheit kommen soll) „weiß“, dass sie wahr ist. Bei aller relativierender Differenzierung drumherum: Diesen Grundgedanken finde ich hochproblematisch.

  18. @FPS

    Was UEBERFALL sagt.

    Außerdem: wie erkenne ich denn bitte den Unterschied zwischen „Lügen“ und „seinem Instinkt vertrauen“?
    Und meinen Sie nicht, dass die Schreiberlinge dieses ganzen „alternativen“ Quatschs das nicht auch für sich behaupten würden? Oder fragen Sie doch mal Herrn Müller ob er „lügt“ oder „seinem Instinkt vertraut“. Viel Spaß dabei…

  19. 22, Überfall

    Ich finde viele Dinge hochproblematisch, aber das allergrößte Problem ist doch: Es gibt keine Patentlösung.

    23, Ichbinich:

    Inzwischen orientiere ich mich nicht mehr daran, was „alternative“ Medien wie auffassen könnten. Im Grunde verdrehen die doch alles, was man verdrehen kann. Und wenn man ihnen Inkonsequenz oder auch Unwahrheiten nachweist, kümmert es die ja eh nicht.

    Ansonsten bin ich nicht in der Lage, Ihnen dabei zu helfen, die eigenen Instinkte zu trainieren. Noch ein Vorschlag zur Güte: Jede(r) von uns sollte für sich selber entscheiden, wen sie/er etwas fragen möchte. Macht mehr Spaß für alle Beteiligten.

  20. Ergänzend dazu halte ich es grundsätzlich für ein Problem, seinen „Instinkt“ als Wahrheit zu verkaufen. Das mag für einen Politiker noch akzeptabel sein, für einen Journalisten halte ich das für hochproblematisch.
    Und da geht es nicht um meine Instinkte oder wem ich vertraue sondern um eine grundlegende Frage was Journalismus ist, und was nicht.

  21. Ein guter Journalist kann durchaus auf seine Instinkte hören. Manchmal hilft gerade das, Quellen zu misstrauen und nachzuhaken. Ein guter Journalist wird das aber nicht als „Wahrheit“ verkaufen, sondern als Ergebnis seiner Recherchen.

  22. Es fehlt in diesem Text die andere Seite. Nämlich Geschichten, die Journalist*innen nach ihrem Bauchgefühl für wahr hielten, also vermeintlich „wussten, dass es stimmt“ – und die sich hinterher doch als falsch herausstellten.

    Instinkte sind gut und schön (und auch nützlich). Aber sie sind eben nicht intersubjektiv nachvollziehbar und überprüfbar. Darum können sie keine Basis für journalistische Veröffentlichungen sein.

    Übrigens finde ich Enthüllungsbücher über Trump im Grunde überflüssig. Was er unter der Dusche macht, ist egal. Alles Wesentliche – seine Unfähigkeit, seine Dummheit, seine Skrupellosigkeit, seine ständigen Lügen – muss ja nicht enthüllt werden, das ist aus seinen öffentlichen Äußerungen und Handlungen auch so ablesbar.

    Kleine Einschränkung: Die Enthüllungsbücher – von denen es allerdings schon genug gibt – zeigen immerhin, dass es bei Trump keine zweite Ebene gibt, dass er in all seiner Widerwärtigkeit völlig authentisch ist. Das ist wahrscheinlich der Aspekt, weswegen er trotz seiner inhärenten Verlogenheit bei seinen Anhänger*innen irgendwie als ehrlicher Typ gilt.

  23. In der Diskussion kommt man, so glaube ich, ein wenig voran, wenn man seine Begriffe sortiert. Eine (verkürzte) erkenntnistheoretische Betrachtung: wenn man Wissen als gerechtfertigte, wahre Überzeugung auffasst (englisch „justified, true belief“ ist in gewisserweise sogar treffender), dann kann man diese problematische Situation – „wir wissen alle, dass es wahr ist“ besser auflösen: wahr ist es, weil sich die Wahrheitsqualität nicht ändern sollte – wir hatten ja unterstellt, dass sich die Behautpung im Nachhinein als „wahr“ herausstellt. Auch die Überzeugung ist hier gegeben. Es hapert aber gewaltig an der Rechtfertigung. Diese bezieht sich nämlich nicht auf Belege, sondern auf ein Erfahrensmuster, quasi eine Heuristik. Da das keine besondere gute Rechtfertigung ist, würde ich auch nicht davon sprechen, dass man die Behauptung „wissen“ könne. Journalistisch kann man durchaus aber kommunizieren, dass man kaum Belege hat, die Behautpung aber durch ein (belegbares) Muster in der Vergangenheit wahrscheinlich ist.

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