Medien und Journalisten droht ein gnadenloser Selektionsprozess

Ein Zusammenbruch sei das für ihn, sagt Michael Rappe. Täglich beschäftige ihn die aktuelle Situation. Rappe, 57, ist freier Lokaljournalist – einer wie viele in der deutschen Presselandschaft. Bald ist er zwanzig Jahre im Beruf, eine Zeit, die er vor allem in Sporthallen und Leichtathletikstadien verbracht hat. Doch die Spezialisierung auf den Lokalsport wird Rappe jetzt zum Verhängnis: Der Spielbetrieb liegt vorerst in der Corona-Starre, wann es weitergeht, kann derzeit niemand sagen. Das Resultat für Rappe: „Rund siebzig Prozent meines Auftragsvolumens fallen gerade weg.“

Bisher hat Rappe für die „Rhein-Neckar-Zeitung“ aus Heidelberg und die benachbarte „Schwetzinger Zeitung“ fest über mehrere Sportarten berichtet. Basketball, Tischtennis, Fußball, Kegeln: Im Schnitt kamen so meist um die 15 Texte pro Woche zustande. Jetzt sind es nach seinen Angaben nur noch vier oder fünf – bei einem Zeilensatz von 80 Cent. „Die Redaktion will uns natürlich nicht hängenlassen und vergibt viele freie Geschichten wie Interviews oder Porträts“, sagt Rappe. Auf das gleiche Volumen wie im aktiven Ligenbetrieb kommt er so aber dennoch nicht. Rücklagen hat er keine, jetzt hofft er auf die Hilfspakete von Bund und Land.

Wie für viele andere Freiberufler und Selbstständige brechen für freie Journalistinnen und Journalisten gerade harte Zeiten an. Termine und Veranstaltungen fallen komplett weg, das öffentliche Leben liegt jenseits von Corona weitgehend brach. Über was also berichten? Und wie mit den finanziellen Engpässen umgehen?

Miese Stimmung

Die Politik hat manche Unterstützungsangebote bereits umgesetzt, andere sind vorerst nur angekündigt. Aber wie reagieren die Auftraggeber, Rundfunkanstalten, Verlagshäuser, Redaktionen? Was klar ist: Wer regelmäßig bei den Öffentlich-Rechtlichen arbeitet, hat zumindest meist so etwas wie Rechte. Dort gibt es viele arbeitnehmerähnliche Freie, die von tariflichen Lösungen profitieren könnten – auch wenn der NDR zuletzt eher mit schlechtem Beispiel voranging und den bemerkenswerten Tipp gab, man könne doch Urlaub nehmen, falls man wegen Kita- und Schulschließungen gerade nicht arbeiten könne.

Zudem sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise nicht direkt betroffen. Ganz anders sieht es bei den privatwirtschaftlichen Zeitungen und Magazinen aus. Hier herrscht hinter den Kulissen ziemlich miese Stimmung.

Foto: Butch / Adobe Stock

Wer wissen will, was die Branche derzeit umtreibt, muss einen Text von Michael Reinhard lesen. Er trägt den Titel „Wir über uns: ‚Nie war es wichtiger, die Menschen seriös zu informieren‘“ und ist in der „Main-Post“ erschienen, einer Regionalzeitungsgruppe mit Sitz in Würzburg, deren Chefredakteur Reinhard ist. Allerdings ist die Überschrift etwas irreführend, denn wer den Beitrag gelesen hat, stellt sich eher die Frage, wer bald überhaupt noch informieren soll: Werbeverluste in Höhe von 80 Prozent, Kurzarbeit bald auch für Redakteure, die Aussichten ungewiss.

Eines muss man Reinhard lassen: Er hat mehr Mut zur Transparenz als die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen. Beim Berliner „Tagesspiegel“ bittet man etwa um Verständnis, dass man keine Stellung zur aktuellen Lage und der Situation der freien Mitarbeiter nehmen könne. Die Südwestdeutsche Medienholding (u.a. „Süddeutsche Zeitung“, „Stuttgarter Zeitung“) lässt eine Anfrage ganz unbeantwortet. Und bei der Ad Alliance, einer Vermarkterallianz, der unter anderem der Magazinriese Gruner+Jahr sowie Spiegel Media, der Vermarkter der „Spiegel“-Gruppe, angehören, heißt es fast schon beschwingt: „So dynamisch, wie sich die Informationslage zum Virus selbst täglich entwickelt, so dynamisch ist auch unser Daily Business.“

Dabei kämpft die ganze Verlagslandschaft mit den gleichen Problemen. Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) hat gegenüber dem Branchendienst „Meedia“ bestätigt, dass viele seiner Mitglieder von ähnlich hohen Einnahmeverlusten durch Anzeigenstornierungen betroffen sind wie die „Main-Post“. Schon für mittelgroße Häuser kann es dabei um Millionensummen gehen, die plötzlich fehlen – und das nach erst wenigen Wochen der Corona-Krise. Zudem sei Kurzarbeit auch für Redakteure bei vielen Verlagen im Gespräch, sagt ein BDZV-Sprecher gegenüber Übermedien. Bertelsmann, Deutschlands größtes Medienunternehmen, hat die Maßnahme bereits angekündigt.

Massenaussterben

Die Branche feiert derweil ihre wiederentdeckte Relevanz in Zeiten der Krise. Indikator dafür sollen die gemeldeten Rekordzugriffe auf die Angebote im Netz und steigende Aboverkäufe sein. Doch für den Großteil der Verlage wird dieser Zuwachs an Klicks und Abonnements nicht einmal im Ansatz die drastischen Werbeverluste ausgleichen können. Zumal viele Inhalte zur Corona-Krise vor den Bezahlschranken zu finden sind. In einem vielbeachteten Text spricht der „Buzzfeed“-Medienredakteur Craig Silverman bereits von einem bevorstehenden „Massenaussterben“ in der amerikanischen Zeitungslandschaft – und „Buzzfeed“ selbst kürzt die Gehälter.

Die Lage der freien Journalisten vor diesem Hintergrund ist unterschiedlich. Neben Beispielen wie jenem von Michael Rappe gibt es viele Reporter, die sich noch relativ entspannt zeigen. Michael Wilkening ist ebenfalls freier Sportjournalist aus dem Rhein-Neckar-Raum. Er arbeitet neben diversen Regionalzeitungen auch für viele überregionale Titel. Sein Vorteil: Er betreut vor allem Profiteams wie die TSG Hoffenheim oder die Bundesliga-Handballer der Rhein-Neckar-Löwen – Themen, für die es auch deutschlandweit Abnehmer gibt. Bisher, sagt Wilkening deshalb, könne er seine Hintergründe und Interviews noch gut verkaufen. Es würden gerade viele Texte gebraucht.

„Wenn du als Freier jetzt gute Ideen hast, kannst du jeden Tag eine halbe Seite zuschreiben“, sagt auch ein Zeitungsredakteur zu Übermedien. Weil Termine komplett wegfallen, bleibe täglich Platz für große Stücke. In vielen Redaktionen versuchen Redakteure auch bewusst, ihren freien Mitarbeitern Themen zuzuschieben. Ein anderer Redakteur berichtet davon, dass ihm Freie derzeit sogar absagen, weil ihr Auftragsbuch noch voller sei als sonst. Nicht selten wird auch die Krise als Chance beschworen: Endlich sei die Abhängigkeit vom bräsigen Terminjournalismus besiegt, die von vielen Lokalredakteuren schon lange als notwendiges aber gleichzeitig auch anachronistisches Übel betrachtet wurde. Jetzt müsse man kreativ werden und querdenken; die Zeitung sei deshalb fast besser als zuvor.

Auftragsstopps

Wahr ist aber auch: Geschichten darüber, wie sich Sportler jetzt fit halten oder einzelne kulturelle Einrichtungen mit dem Shutdown umgehen, sind schnell auserzählt. Und vielerorts wird der Umfang von Ausgaben aus Kostengründen gekürzt. Wenn dann die Anzeigenverluste weiter zunehmen, wird erfahrungsgemäß zuerst an den Etats für freie Autoren gespart. Schon jetzt gibt es Autoren, die von Auftragsstopps für Freie in bestimmten Häusern sprechen – verifizieren lässt sich dieser Sachverhalt aber bisher nicht. Die Pressestellen dementieren.

Frank Hellmann ist einer, der diese Entwicklung bereits spürt. Der 53-Jährige gilt als einer der profiliertesten freien Sportjournalisten in Deutschlands – seine Texte erscheinen in Medien wie der „Süddeutschen Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“ oder auf sportschau.de. Auch er hat sein Netzwerk aktiviert und erst einmal viele hintergründige Texte und Interviews verkauft. Allerdings sagt er auch: „Mittlerweile ergibt sich das Problem, das durch Platzreduzierungen oder aus Kostenzwängen der Abdruck der Freien Autoren eingeschränkt oder sogar eingestellt wird. Dieser Trend könnte sich noch verstärken.“

Hellmann berichtet zudem von einem anderen Problem für Freiberufler: „Wir bleiben auf den Kosten für anstehende Sportereignisse sitzen.“ Denn wer eigentlich von den Olympischen Spielen oder der Fußball-Europameisterschaft berichten wollte, hat als Profi natürlich schon längst Flüge und Hotels gebucht. Nur einen Bruchteil dieser Kosten wird Hellmann nach eigener Aussage wieder zurückbekommen – übrig bleibt ein Betrag im mittleren vierstelligen Bereich.

Der entscheidende Faktor ist Zeit. Wenn die Werbeerlöse nicht bald stabilisiert oder durch andere Einnahmequellen kompensiert werden können, sieht es düster aus. Unter Umständen wird man dann einen gnadenlosen Selektionsprozess in der Medienlandschaft erleben – sowohl bei den Verlagen, als auch bei den freien Journalisten. Wer in der Lage ist, sich rasch weiterzuentwickeln, anders zu arbeiten und passende Inhalte zu erzeugen, wird vielleicht bestehen. Für andere könnte die Corona-Krise tatsächlich das Ende im Journalismus bedeuten.

„Main-Post“-Chefredakteur Reinhard schließt seinen Text mit einer Buchempfehlung an die Leser. Der Titel: „Zuversicht.“

9 Kommentare

  1. Ich weiß, ist jetzt wenig konstruktiv, aber zwanzig Jahre im Business und keine Rücklagen? Das ist doch gerade ob seines Alters ganz schön riskant. Die Medienlandschaft bröselt ja nicht erst seit Corona. Da muss doch jeder medienschaffende damit rechnen, dass er der nächste auf der Abschussliste ist. Vor allem der Sportjournalismus wird ja jetzt schon testweise durch Bots erledigt.

    Ich weiß natürlich nicht, ob es bei dem Zeilensatz überhaupt möglich ist, Rücklagen zu bilden. Warum wird überhaupt pro Zeile und nicht pro Zeichen bezahlt? Damit am, um Honorarkosten sparen zu können einfach die Spaltenbreite verringern kann?

  2. @Gephard
    Wenn das Business »bröselt«, ist es halt kompliziert mit »Rücklagen bilden«.

  3. „Warum wird überhaupt pro Zeile und nicht pro Zeichen bezahlt? Damit am, um Honorarkosten sparen zu können einfach die Spaltenbreite verringern kann?“

    Zum Beispiel. Die FR hat das ja damals gemacht.

    Ansonsten ist es einfach ein veraltetes Abrechnungsmodell, wo die Sekretärin das Zeilenlineal anlegte und so das Honorar bestimmte.

  4. Vor 20 Jahren sah es doch sicher noch besser aus, da hätte man anfangen können, zu sparen. Nun, ich selbst bin auch nicht der Supersparer, aber ich werde mich dann auch nicht beschweren, wenn mir mein Verhalten auf die Füße fällt, wenn ich keine zwei Monate ohne Gehalt überbrücken kann.

    Journalisten haben ja auch noch einige Privilegien wie Presserabatte und das Presseversorgungswerk. Und Selbstständige bekommen ja nun auch Hilfe vom Staat.

    Natürlich hilft das alles nix, wenn sich der Job erledigt hat, weil die Auftraggeber wegbrechen oder keine Aufträge mehr an Freie vergeben. Hier zeigt sich dann wie kurzsichtig es ist, so stark auf Klicks und Werbung zu setzen. Medien, die darauf nicht so extrem angewiesen sind, sollten da ja keine Probleme haben, etwa Perspective Daily oder Krautreporter.

  5. #2: „Rücklagen? Künstlersozialkasse…“

    Könnten Sie vielleicht in ganzen Sätzen kommunizieren?

    #3: „Wenn das Business »bröselt«, ist es halt kompliziert mit »Rücklagen bilden«.“

    Sicher, aber das Business bröselt doch nicht seit 20 Jahren.

  6. »Sicher, aber das Business bröselt doch nicht seit 20 Jahren.«

    Drei Jahre Saure-Gurken-Zeit reichen durchaus, um peu à peu die Reserven wegzufressen. Und dann sind die Kinder noch in der Ausbildung und der Firmenwagen streikt und der Hund muss operiert werden und der Gin wird immer teurer und das Schalenstück im Nussmüsli haut dir ein Inlay raus und … und … und … Die Vielfalt des Rücklagenaufzehrens ist faszinierend.

    Jammern ist aber doof.
    Das macht nicht reicher.

  7. #7: „Die Vielfalt des Rücklagenaufzehrens ist faszinierend.“

    Wem sagen Sie das. ;) Meine Zahnimplantate haben nicht nur körperlich weh getan, die AOK (via KSK) beteiligt sich zu etwa 5%. Aber jammern hilft nicht und so ist dann nicht nur der Urlaub ausgefallen, um das Polster wieder auszustopfen. (Was jetzt dazu führt, dass ich keinerlei Anspruch auf staatliche Hilfe habe, weil ich keinen existenzbedrohenden Liquiditätsengpass habe, aber auch hier: jammern hilft nicht).

  8. Das jetzt lange Stücke gefragt sind, kann ich so nicht bestätigen. Ich versuche seit einigen Wochen eine aufwendige Geschichte anzubieten, kriege aber oft gesagt, dass man es lieber in der Zeit nach Corono bringen möchte, weil die Aufmerksamkeit gerade woanders liegt.

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