Schöner daheimbleiben

Wir werden uns an die Corona-Krise erinnern als jene Zeit, in der wir mehr von unseren Partnern und unseren Kindern zu sehen bekamen, als uns vielleicht lieb war. Das wird zu ein paar unbequemen Wahrheiten führen, und wenn ich richtig informiert bin, wurden bereits die ersten Lehrerinnen und Kita-Erzieherinnen für eine Heiligsprechung vorgeschlagen.

Bei Tageslicht sieht vieles anders aus, vor allem die eigenen vier Wände, von denen man jetzt auch viel mehr hat, als man gewohnt ist. Seit mein aktueller Lebensmittelpunkt das Sofa ist, brüllen mich unsere weißen Wände an, und soeben frage ich mich, wie man unser Badezimmer so umgestalten könnte, dass ich all die Videokonferenzen künftig dort abhalten kann – in Ruhe.

Sieht man sich die Schlangen vor den Baumärkten an, bin ich nicht die Einzige, die gerade in Renovierungsstimmung kommt. In einer Wohnung gibt’s schließlich immer was zu tun, jippi-jaja-jippi-jippi-jay. Ikea ist zwar zu, aber schauen wir doch trotzdem mal, was die Profis aus der Redaktion von „Schöner Wohnen“ an Ideen parat haben.

Das Problem ist: Fünf Minuten nachdem ich mir „Schöner Wohnen“ gekauft habe, kam die Meldung, dass Normalsterbliche (= Menschen ohne Gewerbeschein) in vielen Bundesländern nicht mehr in Baumärkte gelassen werden. Ja, und jetzt? Gut, in Hamburg, wo ich lebe, dürfte ich noch, aber ich will mir die ganzen Blicke ersparen. Wie beim letzten Einkauf vor ein paar Tagen, als ich meine ganz normale Wochenration Schokolade im Einkaufswagen hatte.

Ich sitze also auf dem Sofa (wo sonst) und wage kaum, das ePaper anzuklicken. Was, wenn ich etwas sehe, das ich sofort nachmachen muss, aber lediglich Nagellack, Weihnachts-Geschenkpapier und Superkleber im Haus habe?

Ich muss jetzt sehr stark sein

Noch dazu lockt „Schöner Wohnen“ schon auf dem Cover mit „Mehr Licht! Mehr Platz! Umbau-Projekte, die Lust auf kleine und große Veränderungen machen“. Mehr Platz wäre schon nicht schlecht, ich sage nur: Videokonferenzen. Für „Besser in Blau: Farbe wagen in der Küche“ wäre ich ebenfalls empfänglich, das Cover-Model trägt tatsächlich ein besonders schönes, hm, Staubblau? (Man merkt, ich bin vom Fach.) Die Titelstory „Ein Sofa, drei Mal anders – Mit kreativen Styling-Tricks zu einem neuen Raumgefühl“ brauche ich weniger, und den „Traum von einer freistehenden Badewanne“ teile ich auch nicht. Aber diese blaue Küche! Ich muss jetzt sehr stark sein.

Im Editorial, das vor Corona verfasst wurde (das April-Heft erschien Anfang März), schreibt Chefredakteurin Bettina Billerbeck: „Nach der Kölner Möbelmesse verkrieche ich mich immer ein paar Wochen zu Hause und wohne nur“, und man würde die Kollegin gern fragen, ob sie hin und wieder auch Lottozahlen träumt. Auch sie bekommt „diese blaue Küche ab Seite 73 nicht mehr aus dem Kopf“, ich habe also ausweislich einen exzellenten Geschmack.

Es geht los mit einer Sammelseite mit Möbeln und Wohnaccessoires aus Holz. „Moodboard“ wird das hier genannt, und der Begriff wird in diesem Heft noch oft vorkommen. Auf einer Doppelseite sind hier Teller, Stühle, Paravents und Deko-Objekte versammelt, alle aus Holz. Mein Shoppingreflex bleibt noch unter Kontrolle, aber das ist schon einmal sehr schön.

Also weiter. Es folgt ein Porträt des Designerstudios Aisslinger, und selbst bei diesem in kurze Häppchen unterteilten Text merkt man, dass in „Schöner Wohnen“ angenehmerweise Menschen schreiben, die etwas von der Sache verstehen. Das sollte man als selbstverständlich voraussetzen dürfen, aber das kennen wir ja auch anders. Ich nennen keine Namen.

60 Jahe „Schöner Wohnen“

Doch „Schöner Wohnen“ ist ja auch der Klassiker unter den Wohnfachmagazinen. Die Stärke sei die fachliche Kompetenz der Redakteure, sagte Chefredakteurin Bettina Billerbeck neulich dem „Tagesspiegel“. Dieses Jahr feiert die Zeitschrift ihren 60. Geburtstag und schenkte sich dazu kürzlich einen Relaunch, oder wie man hier wahrscheinlich sagt: eine Renovierung. Man will nun weniger „Wohninstanz“ und dafür mehr „Einrichtungscoach“ sein. Der neue Slogan: „Mehr Raum für mich“.

Porträt des Designstudios Aisslinger, Überschrift: "Ein starkes Team"

In meinen Raum kommt das Design aus dem Studio Aisslinger allerdings nicht, auch nicht die Einrichtungsgegenstände mit Streifen gleich danach. Im Gegenteil, ich denke mir bei jeder Seite, die ich ohne Pulserhöhung hinter mir habe: Wieder einen Haufen Kohle gespart! Doch ich merke, dass meine Augen schon richtig ausgehungert sind nach neuen Wohn-Eindrücken.

(Ich gestehe an dieser Stelle auch gern, dass ich mir die TV-Serie „Morning Show“ nur deshalb ein zweites Mal angeschaut habe, um in jeder Folge zu Jennifer Anistons Film-Wohnung vorzuspulen.)

„Wie wirken kleine Räume großzügiger?“, fragt „Schöner Wohnen“, und auch wenn man diese Tipps (helle Farben, Raum nicht vollstellen, Möbel in den Raum rücken) schon öfters gelesen hat, wirken sie hier doch auch wieder einen Hauch fundierter und, vor allem: realitätsbezogener! „Mini-Apartments müssen weniger beheizt, weniger geputzt und mit weniger Möbeln ausgestattet werden“, schreibt „Schöner Wohnen“, und das mag jetzt nicht als große Erkenntnis durchgehen, aber hätte man noch vor einigen Jahren gewagt, seine Leserschaft als normale Menschen mit begrenztem Budget zu sehen?

Vielleicht muss ich doch zum Baumarkt

Jetzt bin ich überrascht, Einrichtungstipps zu lesen, in denen Ikea-Möbel empfohlen werden. An einer anderen Stelle rät die Redaktion, große Hartfaserplatten einfärbig zu streichen und statt Bildern an die Wand zu hängen. Zu den „Tipps für schnelle Veränderungen, die man an einem Wochenende schafft“ gehört, nur eine Wand zu tapezieren. Oder gar nur drei Bahnen einer besonderen Tapete hinters Bett zu kleben, um einen Raum ein bisschen aufzumotzen. Vielleicht muss ich doch zum Baumarkt.

Aber, naja, da ist ja auch noch das Interview mit einem Münchner (Innen-)Architekten, der erzählt, dass seine Lieblingsfarben derzeit „32121 und 32141 von Le Corbusier“ seien. „Ein helles Ziegelrot und ein graubrauner Umbra-Ton – das perfekte Paar.“ Sein bevorzugtes Material? „Weiß geölte Douglasie.“ Daraus habe er gerade die Küche seiner Altbauwohnung gezimmert. Schwarze Armaturen. Griffe von Buster+Punch. Mutina-Fliesen, dunkelrot. Na, bitte. Bisschen Geschwurbel ist doch drin.

„War ,Schöner Wohnen‘ nicht immer schon die ,Brigitte‘ unter den Interieur-Magazinen?“, schreibt mir eine Freundin, mit der ich parallel über Gartengestaltung whatsappe. Das mag sein, trotzdem erinnere ich mich an einen kurzfristigen Mitbewohner, der sich vor vielen Jahren über meinen Einrichtungsgeschmack lustig machte, er bezeichnete ihn als „Schöner Wohnen“-Stil. Dabei war die Wohnung einfach nur sauber.

„Blättern entspannt besser als Scrollen“

Ich blättere weiter und merke, dass ich nicht so gut mit einem ePaper zurecht komme. Die Haptik des Papiers fehlt mir, und die Doppelseiten kommen auf einem kleinen Bildschirm auch nicht so gut wie bei einem gedruckten Magazin, das man in Händen hält. Meine Lesegewohnheiten werden ausgehebelt.

Ich gebe der Chefredakteurin deshalb recht: „Blättern entspannt besser als Scrollen“, sagt sie mit Blick auf das digitale Gegenangebot, auf Pinterest, Instagram, all das. „Ein Magazin muss heute mehr liefern als schöne Bilder und Produktshows im Sinne von ‚So geht der Look‘“, findet Billerbeck. „Wir bohren uns jetzt bei jeder Wohnreportage in ein zusätzliches Thema, das wir ausführlich beleuchten – und sei es nur eine schlaue Methode, weiße Küchenfronten gegen farbige zu tauschen.“

Ich scrolle durch das PDF und erkenne bei vielen Seiten erst, nachdem der Speichelfluss bereits eingesetzt hat, dass es sich um Anzeigen handelt. Und es sind viele Anzeigen! Die sind zwar auch so gekennzeichnet, ähneln dem redaktionellen Inhalt aber manchmal sehr.

Anzeigen, andererseits, die ich nicht überblättern will! Die Möbel eines Sofaherstellers kann man mir zwar auf den Bauch schnallen, aber sie stehen in einem großen Gewächshaus, in das ich sofort ziehen will! Und diese schwarze Küche mit der riesigen Arbeitsplatte! Okay, kann ich mir eh nie leisten, aber was, wenn sie tatsächlich in einer alten, abgerockten Scheune stünde wie in der Annonce?

„Schöner Wohnen“ schafft es mühelos, zwischen Wichsvorlage und Missionarsstellung zu switchen. Hier Tricks, wie man hohe Decken am besten streicht, da das ausgebaute Dachgeschoß auf dem Montmartre mit einer maßgefertigten, durchgehenden Fensterfront und Paris-Panorama. Da die simple Kleiderstange, die ich sofort haben will, dort die Küchenarbeitsplatte aus Naturstein, die ich nie haben werde.

Im Übrigen: Ich will das Sofa der jungen Designerin von Seite 26, die Strukturtapete von Seite 42, die Duschtür von Seite 66 und die Fensterfront auf Montmartre. Oder besser gleich die ganze Wohnung. Ich brauche den Topfuntersetzer aus Messing von Seite 105, die weiß lackierten Holzböden auf Seite 61 und alles, was die Berliner Gartenberaterin Jora Dahl von Seite 126 online verschicken kann. Vielleicht hat Frau Billerbeck ja wirklich die nächsten Lottozahlen für mich. Die blaue Küche vom Cover? Ist mittlerweile auf der Liste ganz nach unten gerutscht.

Keiner der Texte in „Schöner Wohnen“ ist wirklich lang, ein Leseheft ist „Schöner Wohnen“ also keines. Auch die Reisegeschichte über das glückliche Finnland kommt mit einem kurzen Einleitungstext aus und setzt dann gleich auf viele Optikhäppchen, die das Land vermutlich nicht umfassend beschreiben, aber das schafft eine ausführliche Reisereportage ja auch selten.

Die Bildunterschriften geben zudem nicht nur wieder, was man ohnehin sieht, sondern erklären auch die Tricks, die dahinter stehen – schöne Bilder und auch noch was gelernt!

Am Schluss gibt es eine Seite, auf der Einrichtungsfragen von Leserinnen und Lesern beantwortet werden. Das mag ein wenig oldschool sein, vermittelt aber wieder vor allem Kompetenz. Das einzige, worüber ich stolpere, sind kleinteilige Designseiten, auf denen lauter Artikel angepriesen werden, die man im magazineigenen Online-Shop verkauft. Einerseits überlege ich, ob das journalistisch sauber ist, andererseits finde ich es praktisch, dass man statt zehn URLs nur eine eintippen muss.

Nicht nur Fach, auch Werbefachblatt

Für den Verlag Gruner+Jahr sind solche Geschäfte vor allem ein wichtiger Zuverdienst in einer für gedruckte Magazin eher schlechten Zeit. Vor gut zwanzig Jahren war „Schöner Wohnen“ wirklich noch eine Instanz, verkaufte doppelt so viele Hefte wie heute. Rund 166.000 sind es noch. Da sind andere Magazine anderer Verlage stärker, und G+J hat neben „Schöner Wohnen“ inzwischen auch „Couch“ etabliert für eine jüngere Zielgruppe, ein „Wohn- und Fashion-Magazin“ genanntes Sammelsurium, das eine Lücke schließen will „zwischen Wohn- und Lifestyle-Zeitschriften“.

Der Klassiker setzt derweil weiter aufs Nebengeschäft: Seit 20 Jahren gibt es die „Schöner Wohnen“-Kollektion mit eigenen Farben, Möbeln und Textilien nun schon, und der Verlag kündigt an, sie weiter auszubauen, mit einem „erheblichen Investment“. Außerdem sind Live-Veranstaltungen geplant: Verlagsbesuche, „Showroom-Events“ und Werksführungen, die gemeinsam „mit bekannten Living-Marken und Herstellern“ organisiert werden. „Schöner Wohnen“ ist deshalb nicht nur Fach- sondern immer auch Werbefachblatt.

Wie heißt es bei Ikea so schön? „Erkenne die Möglichkeiten“. Das schafft „Schöner Wohnen“ schon ganz gut. Manchmal sind die Möglichkeiten außerhalb jeder Reichweite, manchmal auch nur der Anstoß für ein bisschen Kopfkino. Ich betrachte meine Wohnung jetzt jedenfalls mit etwas anderen Augen. Zeit dafür habe ich ja genug.

2 Kommentare

  1. Stelle mir grade wunderbare Klopapier-Ensembles vor …die den Abschied und Neubeginn einer Ära markieren…auch gerne in Verbindung mit der Vielfalt von Nudeln..
    Wie wäre es denn mit einer neuen Designer-Zeitschrift:
    Papp&Pasta?

  2. Normalerweise sind Rechtschreibfehler mir ja egal, aber da jetzt zwei direkt auffällig hinternander auftauchten, zuckte ich doch etwas kurz:

    „Ich nennen keine Namen.“
    und
    „60 Jahe „Schöner Wohnen“ „

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.