Lesen, du Oper!

Es gibt viele Dinge, die Menschen, die sich gut leiden können, entzweien. Butter unter Nutella, zum Beispiel. Oder geschlossene Schlafzimmerfenster. Oder falsche Helden zu verehren. All das. Und zu richtig übler Missstimmung führt es, wenn der eine Mensch es schätzt, sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit in voller Lautstärke „La traviata“ reinzuballern, der andere Mensch dabei aber stets fürchtet, dass ihm „bei dem Gekreische“ Blut aus den Ohren läuft.

Es ist schon so, wie Richard Gere zu Julia Roberts in „Pretty Woman“ sagte: „Entweder mögen sie die Oper, oder sie hassen sie. Wenn sie die Oper lieben, ist es für immer.“ Aber wir sind hier ja nicht in Hollywood und echte Liebe hat viele Seiten. Ich zum Beispiel kann mir zwar vor dem ersten Kaffee eine Bellini-Oper zu Gemüte führen, aber hochnäsige Föhnwellenfrisuren, die einem in Opernhäusern regelmäßig begegnen, können mich getrost mal am Abend besuchen. Oder eben besser und lieber nicht, denn dieses elitäre Gemache diesseits des Orchestergrabens kann meinetwegen weg.

Wie wir wissen, ist Liebe außerdem nicht gleichzusetzen mit Expertise. Ich betrachte das Fachmagazin „Oper!“ also als liebende Laiin. Es ist neben der in den 1960er Jahren gegründeten „Opernwelt“, Schwestermagazin des renommierten Magazins „Theater heute“, und dem „Opernglas“, das seit den 1980er Jahren erscheint, die jüngste der relevanten Fachzeitschriften. Gegründet wurde sie 2015 in Berlin, neben dem Chefredakteur, der auch Herausgeber, Anzeigenchef und Alleininhaber ist, sitzen drei weitere Männer in der Redaktion.

Wie in den beiden anderen Magazinen bilden auch bei „Oper!“ Aufführungskritiken den Kern, aber ich will wissen, was dieses Magazin sonst noch so kann.

Die Februar-Ausgabe hat schon mal ein erfreulich klares Cover: Opernsängerin Cecilia Bartoli und ihr verschmitztes Lächeln vor weißem Hintergrund, dazu Klunker und wallendes Haar – dezenten Glamour nennt man das, glaube ich. Die genretypische Inszenierung sitzt. Dazu in großen Lettern ihr Name, drei Hinweise auf Themen, fertig. Selbstbewusst und dezent stellt die Redaktion also einen Superstar aufs Cover und holt so auch Leserinnen und Leser mit mittlerer Szene-Kenntnis ab – an Bartoli kommt eben niemand vorbei.

„Architektonisch wehrhafte Gralsburgen“

Genauso wenig wie an Beethoven in diesem Jahr, und so eröffnet Chefredakteur Ulrich Ruhnke sein Editorial mit dem offenbar zwiespältigen Verhältnis der Bonner zu „ihrem“ Fidelio-Komponisten, um dann – über die Beethovenhalle in Bonn – zur Baufälligkeit von Opernhäusern zu springen und zu den Kosten und Herausforderungen großer Sanierungsvorhaben, die alle etwas angehen, auch die Laien. Die „Zeiten der architektonisch wehrhaften Gralsburgen, die sich nur in den Abendstunden zur Zelebration der heiligen Kunst“ öffneten, seien vorbei, schreibt Ruhnke:

„Das Operntheater von heute muss nicht nur arbeitstechnisch ganz anderen Ansprüchen genügen, auch gesellschaftlich soll es eine komplett veränderte Rolle spielen, als ganztägig geöffneter, von nicht nur opernaffinen Menschen genutzter öffentlicher Raum, der seinem (potenziellen) Publikum permanent positiv begegnet.“

So angelockt freue ich mich über den Artikel „Oper ganztags“, der in Historie und Zukunft der Opernhäuser einführt, für eine Laiin genau das Richtige. Ob es um die architektonischen Eigenheiten der Bühnen geht, die veränderte Publikumsstruktur, die Kostenfrage oder Vorbilder für zukunftsorientierte Umgestaltung im Ausland: Ich mag diesen Blick hinter die Kulissen, der die Oper erfahrbar macht und in kulturpolitische Diskurse der Zeit einordnet.

Die Klimakrise und die Oper

Auch in den „Meldungen“ werden Bezüge zwischen Oper und aktuellen Themen hergestellt. Die Klimakrise hat beispielsweise zur Folge, dass einige Künstler sich nicht mehr auf die vielen langen Flugreisen einlassen; in Paris rüttelt der Protest gegen die Rentenreform an der Opéra national de Paris, die wegen der Streiks Einbußen in Millionenhöhe verzeichnet; und zu Australien und den Bränden vermeldet „Oper!“, dass das Opernhaus in Sydney Hilfsorganisationen mit einer Charity-Veranstaltung unterstützt.

Und dann ist da noch die Meldung zu Plácido Domingo, der weiterhin in Deutschlands Sälen auftritt, obschon ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen wird. Der Text erörtert, es sei schwierig, zu entscheiden, was „Vorrang haben soll“: das „Rechtsgut des Mitarbeiterschutzes“ oder die „Unschuldsvermutung“. „Sexuelle Übergriffe“ seien „schwer gerichtlich zu klären“, weil sie lang zurückliegen, aus Mangel an „direkten Zeugen“ und aufgrund der Tatsache, dass die Opfer anonym bleiben wollen.

Soweit, so juristisch. Dann aber schließt der Bericht mit einem Zitat der Intendantin der Staatsoper Hannover, Laura Berman:

„Manche von uns konnten Männer, die übergriffig waren, besser abblitzen lassen als andere. Wenn man sich in einer Abhängigkeitsbeziehung befindet, ist dies unter Umständen kein leichter Schritt.“

Die Zeilen stammen aus einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“ (eine Quellenangabe hätte mir übrigens gefallen) und beschreibt die Realität an Opernhäusern in der Vergangenheit. Berman sagt in diesem Interview auch viel zu den heutigen Zuständen und zu dringend benötigten Veränderungen. Ich frage mich, warum sich der (ungenannte) „Oper!“-Autor nicht für ein anderes Zitat entschieden hat. Zum Beispiel:

„Auf der anderen Seite war die Oper immer ein Männerclub und ist es immer noch. Bis heute haben es Frauen schwer. Wir benötigen einen strukturellen Wandel, einen Wertewandel und einen Wandel im Selbstverständnis von Kommunikation und Macht.“

Das wäre doch ein schöner Schlusssatz gewesen.

Abgesehen von der auch der Laien-Leserin bekannten Cecilia Bartoli, die aus Anlass ihres neuen Albums zu Wort kommt, stellt „Oper!“ den albanischstämmigen Tenor Ramè Lahaj einige Fragen. Beeindruckend, wie stark und wortgewandt er Instrument, Kunst und Rollen zu beschreiben weiß. Das ist auch in den Gesprächen mit Bartoli und der jungen Sängerin Rosa Feola so.

Warum Ramè Lahaj allerdings in völlig überzogener und glutäugiger Casanova-Pose abgebildet wird, ist mir ein Rätsel. Es ist eine so vollkommen überholte und aus der Zeit gefallene Bildsprache, und die Bildunterschrift macht es nicht besser. Da steht:

„Bei dem Schlafzimmerblick… Der italienische Liebhaber gehört fest zu Ramè Lahajs Repertoire.“

Soso. Tut mir leid, aber das ist mir ein bisschen zu platt. Dass dieses Foto einem Foto ähnelt, das Lahaj selbst auf seinem Instagram-Account gepostet hat und wohl aus demselben Shooting stammt, zeigt außerdem, dass der Künstler oder sein Management die Glutaugen-Inszenierung gerne selbst vorantreiben. Wäre es da nicht schön, wenn ein Fachblatt ein wenig Abstand davon nähme?

Und wie holprig ist überhaupt der Einstieg in das Interview!

„Herr Lahaj, Sie stammen aus dem Kosovo. Wie kommt es, dass Sie eine deutsche Handynummer haben?“

Ist das wirklich relevant? Opernkarrieren, so sie denn gut laufen, sind international, was interessiert die Telefonnummer? Zumal die Erklärung simpel ist: Wenn Lahaj nicht reist, lebt er in der Nähe seiner Familie – in Dormagen.

Das Gespräch endet mit Fragen nach „weiblichen Fans und Followers“ und ob er Perücken tragen muss. (Die Antwort lautet selbstverständlich: nein!) Ein bisschen Klatschzeitschriftniveau neben der Hochkultur, nun gut. Da passt es, die Rubrik mit Kritiken zu Premieren ganz flott als „Tops & Flops“ zu übertiteln und hinten im Heft Fotos von Menschen zu zeigen, die sich bei Premierenfeiern zeigen. Da fühlt man sich gleich ein wenig wie bei diesen Promi-Outfit-Wettbewerben in einem so genannten Frauenmagazin.

Erhobener oder gesenkter Daumen

Die Kritiken in diesem Heft decken Inszenierungen in Wien und Mailand, in Luzern und Dresden ab, auf je zwei Seiten werden Lob oder Schmähe verteilt, jeweils mit einem erhobenen oder gesenkten Daumen, also ein bisschen wie in der „TV Spielfilm“. Boshaft wird etwa über die Saisoneröffnung an der Mailänder Scala hergezogen. Vom „Post-Berlusconi-Italien“ ist die Rede, das sich als „Opern- und Kulturnation feiert, die es nicht mehr ist“. Das bittere Fazit des Autors: „Auferstehung der Oper? Eher wird die mit einer Materialschlacht kreativ begraben.“ Ich kann das gut leiden: keine Ehrfurcht vor einem der bedeutendsten Opernhäuser, sondern pointiert uff Kehle.

Wirre sprachliche Kapriolen schlägt die Kritik an einer „Salome“-Inszenierung in Wien: „Hussain (der Dirigent) selber hatte eher ein Fußbad aus Frittatensuppe angerichtet, in dem gelegentlich interessante Nudeln zu sehen sind.“ Alter Schwede, was soll denn das bedeuten? „Interessante Nudeln“? Abgesehen davon, dass Frittaten keine Nudeln sind, sondern Pfannkuchenstreifen, aber wen interessiert das schon? Und dann dieser Einschub:

„‚Ein Püppchen‘ – und schon haben wir uns eines sprachlichen #MeToo-Vergehens schuldig gemacht! – ist Marlis Petersen keinesfalls.“ Soll das witzig sein? Bissig? Eher ist es absolut überflüssig. Vielleicht Resultat einer reinen Männer-Redaktion.

Gewürzt sind die Kritiken stets mit Verweisen auf andere Inszenierungen, andere Werke, andere Interpreten, und obwohl ich oft nicht weiß, wovon da genau die Rede ist, fühle ich mich beispielsweise doch von der Beschreibung eines Scheiterns bei einer „I Puritani“-Vorstellung in Düsseldorf unterhalten:

„Die Probleme liegen im dritten Akt, wo die Fallstricke und vor allem die Spitzentöne (bis hin zum hohen F) laufen, an denen Hotea – zumindest während der besuchten Vorstellung – ausnahmslos scheitert. Das kann passieren, nutzt aber im Falle Bellinis nichts, sind sie doch der Witz an der ganzen Geschichte und die Sensation, auf die alle gewartet haben.“

Ich bin beeindruckt. „Kann passieren, nutzt aber nichts“ ist so vernichtend, man möchte glatt dabei gewesen sein. Oder auch nicht, wegen Fremdscham.

Wortgewaltig ist dann auch so manches Lob:

„Drastisch, doch kontrastreich, mal fein sprudelnd, dann grell hineinknallend, genussvoll walzend, hysterisch galoppierend, so hält der soeben bis 2025 verlängerte Monnaie-Chef Alain Altinoglu die buntscheckige, doch schnell zum Patchwork zerfallende Partitur zusammen.“

Da bekomme ich Lust, mir diese Brüsseler „Les contes d’Hoffmann“ reinzuziehen, obwohl – oder vielleicht gerade weil – mir der Adjektiv-Regen, je häufiger ich ihn lese, immer weniger sinnig erscheint.

Wo ist meine Bildungs-Machete?

Für den veritablen Opernkenner ist es sicher bedeutend, welcher Kritiker sich zu welcher Oper auf welche Art und Weise äußert, und wenn es nur darum geht, festzustellen, dass der Kritiker NICHTS verstanden hat. Für mich öffnet sich ein Irrgarten aus Referenzen, aus dem ich keinen Ausweg finde, weil mir die Bildungs-Machete fehlt, mit der ich mir meine eigenen Wege zur Wahrheit schlage. Aber wer weiß, wenn ich weiter fleißig „Oper!“ lese, vielleicht kommt dann Licht ins Dunkel, und ich werde erbost die Faust schütteln, wenn die Kritiker mal wieder völlig falsch liegen.

Neben den Kritiken, den Künstlerportraits und einer Terminübersicht finden sich in „Oper!“ auch Berichte über Opernhäuser und Plattenempfehlungen – und damit eine solide Übersicht über den zeitgenössischen Opernbetrieb in In-und Ausland. Wie für Fachmagazine üblich spricht das nur ein begrenztes Publikum an, ein gewisses Grundinteresse ist vorausgesetzt.

Aber da sie die Kunstform nicht losgelöst von gesellschaftlichen und politischen Realitäten betrachtet, bietet das Heft auch dem nicht mit einschlägigen Vorkenntnissen ausgestatteten Leser Einblicke in die Welt der Opernhäuser. Und doch bleibt am Ende nur eins, um die Oper selbst lieben oder hassen zu lernen: der Besuch einer Vorstellung – und nicht die Lektüre von Expertenmagazinen, so gut sie auch gemacht sein mögen.

2 Kommentare

  1. Jeder Sitzplatz in einer Operaufführung verschlingt 180€ Zuschuss. Mehr gibt es dazu wohl nicht zu sagen.
    Ich persönlich kann mit diesem Gedöns nix anfangen, aber ich habe nix dagegen wenn es stattfindet.
    Aber bitte, realistische Eintrittspreise, und nicht was als angeblich kulturelles Wertgut subventionieren, was nur eine Minderheit interessiert.

  2. „Sexuelle Übergriffe“ seien „schwer gerichtlich zu klären“ … aufgrund der Tatsache, dass die Opfer anonym bleiben wollen.

    Das steht da SO?
    Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte sind zur Geheimhaltung verpflichtet. Die Namen der Opfer werden nicht veröffentlicht, wenn diese das nicht wünschen.
    Das kann also kein Hindernis sein, Ermittlungen zu führen, Anklage zu erheben und ein Urteil zu sprechen.
    Hier wird demanch eine Entweder-Oder-Situation aufgestellt, die es so nicht gibt, die aber andere davon abschrecken könnte, zur Polizei zu gehen.

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