Meghan und die uralte Geschichte von der bösen Frau, die den Mann ins Unheil stürzt

Es gibt viele journalistische Frames, mit denen man die Geschichte von Meghan Markle und Prinz Harry hätte einordnen können, beispielsweise als Aufstand der neuen Generation gegen eine mehr als tausend Jahre alte Institution: der britische Romeo, die amerikanische Julia, die gegen Adelsstrukturen aufbegehren und am Ende die Rollen begraben, die ihnen in monarchistischer und aufmerksamkeitsökonomischer Tradition auferlegt wurden.

Oder man könnte sie als emanzipatorische Heldenreise erzählen: eines Prinzen, der zum unabhängigen Mann wurde, und einer unabhängigen Frau, die zur Prinzessin wurde, um dann – Plottwist! – zum Leben in Unabhängigkeit zurückzukehren. Oder man hätte die beiden Renegaten auch als antimonarchistisches Bonnie-und-Clyde-Paar inszenieren können, die auf ihrer Flucht nach Kanada eine Spur aus gebrochenen Herzen britischer Fans hinterlassen.

Doch große Teile der Öffentlichkeit und der Medienlandschaft entschieden sich für die abgenutzteste, langweiligste und frechste Dramaturgie, die ganz knapp lautet: Die Frau hat Schuld! Diese sexistische Erzählung manifestiert sich unterkomplex im schlagzeilentauglichen Ein-Wort-Kondensat der ganzen königlichen Krise, das den Hashtag schon mitgedacht hat: #Megxit – also nicht #Hagxit, nicht #Harrivederci, nein, nur sie. Meghan ist Namensgeberin einer Krise, die als die größte des Königshauses in den vergangenen Jahren gilt.

Die Frau als Schlange der Versuchung

Mythen und Folklore schufen immer erzählerische Perspektiven, um parabelhaft das unergründliche Weltgeschehen einzuordnen, um eine unordentliche Realität mit Sinn zu versehen; unnötig zu erwähnen, dass die Geschichten patriarchal geprägt waren. Moderne Berichterstattung, gerade und besonders, wenn sie sich alter erzählerischer Handlungsschablonen bedient, ist trotz Aufklärung und Emanzipation ein Echo tradierter Blicke auf die Welt.

„Die Frau ist schuld“ ist ein tief ins erzählerische Unbewusste eingesickertes Leitmotiv, in dem Frauen von hormonverzauberten Männern profitieren, die in ihr Unglück stürzten, weil dem durchtriebenen Weib nicht Einhalt geboten werden konnte. Mystische Manipulatorinnen als Ursache für das Leid des Helden und weiter gedacht für das Leiden aller: Es fängt mit Eva an, die sich nicht an die Regeln hielt und bewirkte, dass beide das Buckingham Paradise verlassen mussten. Erbsünde, die biblische Version von Regenbogenpresse.

In seinem Buch „Misogynie: Die Geschichte des Frauenhasses“ erklärt der irische Autor Jack Holland, dass der mythologische Ursprung von Frauenfeindlichkeit bereits auf die Legende der Pandora zurückzuführen sei.

Eine von Hephaistos im Auftrag von Zeus aus Lehm geschaffene Frau, von Aphrodite mit verführerischem Liebreiz ausgestattet, kommt mit einer Büchse auf die Erde, die sie unter keinen Umständen öffnen darf. Nach ihrer Heirat mit dem Bruder von Prometheus öffnet sie jedoch das Behältnis und lässt so alle Plagen, das Konzept von Alterung und den zuvor noch unbekannten Tod auf die Welt. Holland schreibt:

„As well as burdening Pandora with responsibility for the mortal lot of man, the Greeks created a vision of woman as ‚the Other‘, the antithesis to the male thesis, who needed boundaries to contain her. Any history of the attempt to dehumanize half the human race is confronted by this paradox that some of the values we cherish most were forged in a society that devalued, denigrated and despises women.“

(„Die Griechen bürdeten Pandora nicht nur die Verantwortung für das Los der menschlichen Sterblichkeit auf, sondern schufen auch eine Vision der Frau als ‚das Andere‘, die Antithese zur männlichen These, die Grenzen brauchte, um sie einzudämmen. Jeder Versuch, die Hälfte der Menschheit zu entmenschlichen, ist mit dem Paradox konfrontiert, dass einige der Werte, die wir am meisten schätzen, in einer Gesellschaft geschaffen wurden, die die Frau abwertete, verunglimpfte und verachtet.“)

Mythologie macht alles so schön übersichtlich: Weil eine Frau nicht gemacht hat, was man ihr gesagt hat, haben Menschen heute Krebs.

Der kulturelle Ausdruck von Frauenfeindlichkeit nimmt verschiedene Formen an, die aber jedes Mal einen Moment von Verführung und Männermanipulation enthalten. Ihre Sexualität nutzen sie als Waffe, um aufrechte Heroen ins Verderben zu stürzen: die Seefahrer bezirzenden Sirenen, der schöne Sukkubus, der dem Mann nachts im Schlaf den Samen raubt, die Hexen im Mittelalter, die für alles herhalten mussten, was da gerade so schief lief.

Duchess of Succubus

Die Idee der Frau als hinterhältiges Wesen mit versteckten Motiven und dem Mann als willenlose Marionette seiner Gottesanbeterin zieht sich auch durch die Berichterstattung um den Rückzug von Meghan und Harry.

Adliger Alexander von Schönburg: „gefährliche Person“ Screenshot: Bild.de

Die NZZ zeigte Meghan in einer Karikatur als „Meghadrohne“. Bei „Bild“ erklärt „Bild“-„Palast-Insider“ Alexander von Schönburg in einer Sondersendung, dass er Meghan für eine „gefährliche Frau“ halte, die im Geheimen ihre Ich-AG plane. Der britische Journalist Piers Morgan fährt seit zwei Jahren durch Talkshows hoppend eine Kampagne gegen die Duchess of Sussex, die er verantwortlich macht für einen strategischen Bruch der Prinzen-Brüder – eine Kampagne, die nun in diesen Triumph-Tweet mündete:

Auch die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ weiß:

„Meghan Markle ist die Eminenz. Sie ist diejenige am Steuer, die Entscheidungen trifft, lenkt und kommandiert.“

Bei „Focus Online“ erklärt währenddessen der britische Hofhistoriker Hugo Vickers, der sich auch aufrichtig besorgt zeigte um das Wohl von Meghans und Harrys Sohn Archie („Vielleicht wächst er sogar mit einem amerikanischen Akzent auf! Armer kleiner Kerl“), dass er einen problematischen Einfluss von Herzogin Meghan auf ihren Ehemann wahrnimmt, obwohl er das diplomatischer verpackt:

„Wenn Harry neben Meghan steht, scheint er sie sehr zu bewundern. Er versucht dann, so aufzutreten, wie sie das von ihm will. Er ist von ihr gefesselt. Früher war er so ein aufgeweckter Charakter voller Lebensfreude. Jetzt ist er ganz ernst, wirkt verloren. Das ist tatsächlich ziemlich beunruhigend.“

Die schwierige Anti-Muse

Womit wir bei Yoko Ono wären und der Idee der Antimuse. Dieses Framing dreht die Trope der dämonischen Frau weiter, indem „die Neue“ den Mann seines kreativen Genies beraubt, wie Delila einst Samson seiner Haare. Nach der Hochzeit bzw. Verpartnerung ist der einstige Junggeselle und Freigeist plötzlich ein Anderer, verändert, vernebelt. Die Kunst eines Verliebten hat eine niedere Wertigkeit, „vor der Frau hast du aber bessere Musik gemacht“, da die sentimentale Liebe als Voodoo der Empfindsamkeit der nüchternen, noblen Stoa eines behaupteten männlichen Genies gegenübergestellt wird.

Yoko Ono wird bis heute die Schuld an der Trennung der Beatles und an der kreativen Umorientierung John Lennons gegeben, dabei gäbe es ohne ihre Mitarbeit und den kreativen Einfluss einen der wichtigsten Songs der Musikgeschichte nicht. Die aktuelle Dokumentation von Michael Epstein „Above Us Only Sky“ beleuchtet dank des bis dato ungesehenen Filmmaterials die Entstehungsgeschichte des Albums und des Songs „Imagine“ genauer und rehabilitiert Onos enormen Anteil an dem Werk. Imagine there would be no „Imagine“. Und sie bewies mehr Humor, als ihr die Öffentlichkeit jemals zugestehen wollte, als sie 2007 ihr Album „Yes, I’m a Witch Too“ nannte.

„Bild“-Livesendung: Umfrage zu Meghan und Harry Screenshot: Bild.de

Vielleicht war sie auch das, was man bei „Bild“ eine „schwierige Schwiegertochter“ nennen würde. „Meghan ist der typische Fall“, schreibt Evelyn Holst und klärt gleich die Verantwortlichkeiten:

„Ein Prinz und eine Prinzessin, die einfach kündigen – uns ausschließen wollen von ihrem royalen Leben. (…) Und wer ist Schuld? Ich bin mir sicher, Prinz Harry ist nicht.“

Nee, stimmt, Harry ist nicht schuld. Würde eher sagen: solche Texte sind es.

Seit er mit Meghan zusammen ist, habe er weniger Humor und „ist leider zum königlichen Weichei“ mutiert, zum „Handtaschenträger“, was eine weitere Variation ist von: „vor der Frau hast du aber bessere Musik gemacht“. Nicht nur also, dass Meghan zu „schwierig“ ist und nicht den ihr zugewiesenen Platz einnimmt wie ein gutes Frauchen – Harry ist durch sie auch noch entmaskulinisiert worden. (Offenbar, weil er sich jetzt gesund ernährt, crazy.)

Holst schreibt weiter in „Bild“:

„Das Aufreizende an schwierigen Schwiegertöchtern ist ihre Macht. Solange sie von ihrem Ehemann geliebt werden, sind sie unverwundbar. Besonders weil die meisten konfliktscheu sind und nach der Devise: ‚Happy wife, happy life‘ zur Ehefrau halten.“

Mein Kopf explodiert gerade ein bisschen. Die schwarzmagische Alchemie der durchtriebenen Frauen ist, halten Sie sich fest: Liebe! Die Männer halten zu ihren Ehefrauen, weil sie sie lieben. Diese Hexen! Sofort verbrennen! Und wo kommen wir denn da hin, wenn es Männern nicht komplett egal ist, ob die eigene Partnerin glücklich ist. Auf einer Skala von 1 bis Mad Men ist der Einsatz des Happy-Wife-Slogans außerdem ein echter Old Fashioned.

Diese ganze Prämisse der „schwierigen Schwiegertochter“ und ihrer persuasiven Macht auf den armen, wehrlosen Jungen als Antithese zur Schneewittchen-Stiefmutter-Dynamik wird noch an unterhaltsamer Archaik übertroffen durch den einen biologistischen Einschub:

„Was laut Evolutionstheorie in der Natur der Sache liegt, weil Mütter ein Interesse daran haben, dass ihre Söhne ihre Gene vielfältig weitergeben, also möglichst viele Frauen schwängern. So war es jedenfalls in der Steinzeit.“

Die Erzählungen haben, ob Eva, Pandora, Anti-Muse oder schwierige Schwiegertochter immer zwei strukturell frauenfeindliche Momente: die emotionale und erotische Manipulation und die negativen Konsequenzen für alle Beteiligten, weil sich die Frau nicht einordnet. Das ist zweifach lähmend, da es Männer vor Frauen warnt, weil sie Frauen sind, und Frauen davor, eigenständig zu sein. Das wird in der Berichterstattung um Meghan Markle besonders deutlich, wenn sie erzählerisch gegen eine als vorbildlich angepasst geltende und als Gegenspielerin inszenierte Frau aufgestellt wird: gegen Kate Middleton.

Angepasst gegen aufmüpfig: Kate vs. Meghan

Als die Herzogin Kate hochschwanger durch die britischen Öffentlichkeit schwebte, titelte die britische Boulevardzeitung „Daily Mail“:

„Nicht mehr lange! Schwangere Kate streichelt sanft ihren Babybauch, während sie ihre königlichen Pflichten abschließt bevor sie in Mutterschaftsurlaub geht.“

Awwww, wie süß! Was für eine liebevolle und pflichtbewusste Mutter.

Als Meghan Markle hochschwanger durch die britische Öffentlichkeit schwebte, titelte „Daily Mail“:

„Warum kann Meg nicht die Hände von ihrem Bauch lassen? Experten befassen sich mit der Frage, die die ganze Nation beschäftigt: Ist es Stolz, Eitelkeit, Schauspielerei oder eine New-Age Bindungs-Technik?“

WAS FÄLLT DIESER SCHAUSPIELERIN EIN, IHREN BAUCH ZU STREICHELN?

Als Kate Middleton Avocados gegen ihre Morgenübelkeit bekam, schrieb der „Express“:

„Kate’s morning sickness cure? Prince William gifted with an avocado for pregnant Duchess.“

Bei Meghan Markle sind Avocados indes eine private Menschenrechtsverletzung:

„Meghan Markles beloved avocado linked to human rights abuse and drought, millennial shame“.

Kate und William gründen eine Firma, diese schlauen Füchse!

„Kate and Wills Inc: Duke and Duchess secretly set up companies to protect their brand – just like the Beckhams”.

Meghan und Harry gründen eine Firma, diese Kapitalistenschweine!

„A right royal cash in! How Prince Harry and Meghan Markle trademarked over 100 items from hoodies to socks SIX MONTHS before split with monarchy – with new empire worth up to £400m“.

Auch die Berichterstattung über die BAFTA-Verleihungen zeigen ebenfalls diese seltsame Asymmetrie der Sympathien. Kate Middleton erschien in einem schulterfreien Kleid, ein royaler Engel zwischen dem Fußvolk. „Elle“ schreibt:

„Kate Middleton was a modern princess in a white one-shoulder gown at the 2019 BAFTAs“.

„Cosmopolitan“ schreibt:

„Kate Middleton wore the most stunning white dress to the 2019 BAFTAs“.

Bei Markle: GESCHMACKLOS!

„Royal SHOCK! Meghan Markle BREAKS Royal protocol AGAIN with ‘VULGAR’ fashion mov“.

Belgravia Bugle, Buchautorin und Etikette-Expertin erklärt bei Channel 5, wie „kontrovers“ das Outfit war, weil es eine Schulter preis gab:

Die Beispiele zeigen, wie eine Frau öffentlich abgestraft wird, weil sie, im Gegensatz zu einer als angepasst Inszenierten, die Kühnheit besitzt, ihre eigene Souveränität auszustellen – dies ist sonst, und natürlich ganz besonders in der Monarchie, ein Privileg, das Männern, vor allem weißen Männern, vorbehalten war.

Zu all der Dämonisierung schwingen bei Meghan Markle schon von Anfang rassistische Untertöne mit, und man fragt sich, was die britische Yellowpress wohl mehr irritiert: dass Meghan eine Person of Color ist oder Amerikanerin. Richtig wild wird es übrigens in den rechts drehenden Subkulturen medialer Abdeckung, wo sie buchstäblich als Blutlinien vergiftender Dämon besprochen wird:

„This infiltrator comes in, proud of her infiltration, proud of her multiculturalism. And what is that demon doing? Destroying and upsetting everything, every tradition in that royal family.“

(„Diese Infiltratorin kommt herein, stolz auf ihre Infiltration, stolz auf ihren Multikulturalismus. Und was macht dieser Dämon? Er zerstört und stört alles, jede Tradition in der königlichen Familie.“)

Wenn schon in der Berichterstattung die Schuldfrage besprochen wird und ein Sündenbock herbei geschrieben werden soll, würde ich – auch in Anbetracht von Prinz Harrys biografischem Presse-Trauma – ein ebenso abgenutztes und langweiliges Framing wie „die Frau hat Schuld“ zur Erzählung dieser Geschichte anwenden: Die Medien haben Schuld.

29 Kommentare

  1. Ach, naja. Das ist mir zu stokowskiesk. Bei der ganzen Charles-Diana-Nummer gaben die Medien einhellig Charles die Schuld, während Diana auch mit Dodi auf der Luxusyacht als aufopferungsvolle Heldin dargestellt wurde (weil sie irgendwas mit Wohltätigkeit machte, wenn sie nicht gerade auf der Yacht saß). Ernst August ist das Scheusal, Caroline der arglose Engel. Und bei der Fischer-Silbereisen-Geschichte ist es der gar schurkische Neue von uns Helene, der sie verführt und das Traumpaar auseinandergebracht habe.

    Das Problem ist doch eher, dass selbst seriöse Medien in Klatschpresse-Reflexe verfallen, sobald es um „Royals“ geht. Die Klatschpresse natürlich ohnehin. Da braucht es immer gut und böse, unschuldig und gemein, etc. – und die bürgerliche (!), amerikanische (!!) Schauspielerin (!!!) bietet sich als Böse diese Art Journaille halt an.

    Das ist niederträchig und ein triftiger Grund für die beiden, sich aus der ersten Reihe zurückzuziehen. Aber vom journalistischen Level her ist es eher ein Fall für Mats Schönauer als für Samira El Ouassil.

  2. Schon die Bibel wusste, dass die Frau an allem schuld war: Eva hat den Apfel gepflückt und Adam hat hineingebissen. Böse Eva! Auf die Idee, dass Adam nur „nein, ich esse diesen Apfel nicht“ hätte sagen müssen, ist die Kirche bis heute nicht gekommen. Auch nicht darauf, dass Gott mit seinem Apfelverbot die Menschen dumm halten wollte (Rundumversorgung contra Erkenntnis) und Eva nicht dumm bleiben wollte, spielt keine Rolle. Vor allem spricht die biblische Geschichte Adam das Hirn ab, selbst eine Entscheidung treffen zu können. So kommt mir auch das Meghan-Harry-Theater vor: Harry ist in dieser Geschichte ein netter, aber dummer Mann, der keinesfalls weiss, was er will. Der offensichtlich auch nicht lesen kann – sonst hätte er aus Meghan Markles Blog gewusst, wofür sie sich einsetzt(e). Hätte er das aber gewusst, dann müsste man ja davon ausgehen, dass er diese Ideen gut findet – sonst hätte er Meghan ja kaum geheiratet. Das das – in dieser Sicht der Geschichte nicht sein kann – bleibt nur nett, doof und funktionaler Analphabet. Diese „Meghan ist eine Hexe“-Sichtweise ist nicht nur sexistisch gegenüber Frauen, die immer an allem schuld sind. Sie ist auch sexistisch gegenüber Männern, die für so dumm erklärt werden, dass sie keine eigenen Ziele verfolgen können und/oder überhaupt eine eigene Meinung zu haben. Der Mann als dummer Tanzbär, der willenlos der bösen Hexe hinterher läuft.

  3. Okeee, offensichtlich ist Meghan schon lange als Buhfrau aufgebaut worden, aber die mythologischen Vergleiche sind etwas irreführend:
    – Pandora hat genau das gemacht, was sie tun sollte. Epimetheus war einfach zu blöd.
    – Hexenverfolgung war hauptsächlich ein Phänomen der frühen Neuzeit, nicht des Mittelalters
    – die ganzen „böse Verführerinnen“-Narrative kommen immer im Doppelpack mit dem „treibgesteuerten Männer“-Narrativ; mir kommt die Rolle der Männer in solchen Geschichten deutlich schlechter vor

    Aber wie dem auch sei, massig Mitarbeitende der klatscherzeugenden Industrie denken jetzt heimlich „Danke, Markle!“, bevor sie noch mehr Gift versprühen. Vermutlich hat man sie zum Sünden“bock“ gemacht, weil sie auch noch irische Vorfahren hat – Irland war schon Opfer des Englischen Kolonialismus, bevor Hexenjagden Mainstream wurden.

  4. @ Kritischer Kritiker:

    Das Problem ist doch eher, dass selbst seriöse Medien in Klatschpresse-Reflexe verfallen, sobald es um „Royals“ geht.

    Wenn man darüber seriös berichten wollen würde, wäre es allerdings keine Nachricht mehr. Der Nachrichtenwert geht doch deutlich gegen null. Prinz Harry ist nicht einmal Thronerbe. Worin soll also die Relevanz bestehen? Die Thronfolge ist ja nicht gefährdet und die Briten werden auch weiterhin ein Staatsoberhaupt haben, ohne Republikaner werden zu müssen.

    Zwingende Voraussetzung um dem Paar gesteigerte Relevanz beizumessen, ist es die Royals als eine Art Real-Life-Soap zu begreifen, an deren Leben die Öffentlichkeit mehr oder weniger nach Lust und Laune teilhaben darf. Das hat selbstverständlich mit der Repräsentationsfunktion des britischen Königshauses, die in der Rolle der Königin als Staatsoberhaupt kulminiert, nichts mehr zu tun.

    Aber vom journalistischen Level her ist es eher ein Fall für Mats Schönauer als für Samira El Ouassil.

    Das klingt etwas geringschätzig.

    Nebenbei der Topos „Die Frau hat Schuld!“ läßt sich doch in der Kulturhistorie, wie auch im Artikel geschildert, nachverfolgen, so zahlreich wurde er aufgegriffen. Ob Sie das an Frau Stokowski erinnert, ändert daran nichts. Man könnte auch sagen, der Stoff sei eigentlich auserzählt. Leider ist es so wie mit Krimis und Menschen wollen anscheinend immer mehr vom gleichen; Hauptsache, bekannte und funktionierende Erzählmuster werden bedient und können als Anknüpfungspunkte fungieren. Genau das hat Frau El Ouassil auch zu recht bemängelt.
    Die von Ihnen angeführten Whatabouismen spielen hinsichtlich des Artikels keine Rolle.

    Kürzlich ist mir im Zusammenhang mit dem royalen Paar, das in der Öffentlichkeit nur mit Vornamen genannt wird, die Formulierung „Meghan und ihr Mann“ untergekommen. Prinz Harry scheint mittlerweile also die Rolle des Anhängsels zugeschrieben zu werden, obwohl er selbst maßgebliche Prominenz in die Ehe miteinbrachte. Er muss total verhext und entmündigt worden sein, der Arme. ?

  5. @ Telemachos (#6):

    Das klingt etwas geringschätzig.

    War mir hinterher auch aufgefallen, hatte ich aber nicht so gemeint. Treffender als „Level“ wäre „Genre“ gewesen – tschuldigung, Herr Schönauer. Was Sie „Whataboutismen“ nennen, sind allerdings keine, sondern schlichte Gegenbeispiele zu der These, die Frau sei (immer) Schuld.

  6. Schon Mozarts Ehefrau Constanze wurde von zeitgenössischen und späteren Biographen als
    „schändliche Person“ bezeichnet, die den Genius mit Kindermachen und anderen profanen Alltagsproblemen vom komponieren abgelenkt hat.
    Und das ist nur ein Beispiel.

  7. #6, 7 Wunderschönes Beispiel dafür, dass (Tot)Schlagworte wie „Whataboutism“ das Denken eher abkürzen, als es zu fördern.

  8. @Anderer Max:
    Olivia Harrison hat _ihren_ Mann vor einem Mordanschlag gerettet. Ist schon unfair, dass die viel weniger Fame abbekommen hatte.

    @Schiesser:
    Eva war doch genauso die Gelackmeierte, im Unterschied zu Pandora. „Auf die Idee, dass Adam nur „nein, ich esse diesen Apfel nicht“ hätte sagen müssen, ist die Kirche bis heute nicht gekommen.“ Ähh, doch? Das ist genau die Konsequenz, die die Kirche daraus zieht: Öfter mal „Nein“ sagen.
    Ansonsten ja: das Narrativ ist frauen- und männerfeindlich.

    Ansonsten ist doch klar, warum, oder? Wenn jetzt irgendwie Verständnis für die beiden gezeigt werden würde, müssten ja irgendwelche Gründe dafür genannt werden, dass jemand sein Leben als buchstäbliche Prinzessin aufgibt – bestimmt die spießige Schwiegergroßmutter, nicht die Regenbogenpresse. Die Schwiegergroßmutter hat ja auch die Schwiegermutter umbringen lassen, nä?

  9. @ Illen

    Ja, schlimm und dabei hab ich mir diesmal sogar Mühe gegeben. Leider kam es im Ergebnis zu einem paradoxen Effekt: Über das, wozu ich nichts schreiben wollte, schreibe ich nun. ;)

    @ Kritischer Kritiker

    Wir sind uns scheinbar gar nicht einig, was die These ist, weshalb ich Ihre Gegenbeispiele nicht als solche wahrgenommen habe, sondern sie als vom Thema wegführend empfand.
    M.E. ist die These, dass es ein etabliertes Erzählmuster gibt, das in diesem Fall aufgegriffen wurde. Nach diesem Erzählmuster wird der Frau auf recht simple und pauschale Art die Schuld zugeschoben.
    Darüber hinaus gibt es selbstverständlich andere ‒ auch differenziertere und komplexere ‒ Erzählmuster. Sie haben ja schon Beispiele genannt. ? Bloß wurden diese offensichtlich nicht aufgegriffen.
    Insofern ist die Frau nicht immer Schuld, es gibt lediglich das bekannte und überlieferte Erzählmuster.

    Möglicherweise erklärt das unsere unterschiedlichen Sichtweisen.

  10. Ich habe überhaupt keine Ahnung von diesem ganzen Royal-Zeug (weils auch eigentlich echt egal ist).
    Aber kann es nicht rein theoretisch wirklich so sein, dass dieser Rücktritt aus der Thronfolge (oder von was auch immer die da überhaupt zurückgetreten sind) wirklich von Megan Markle ausging? Und die Berichterstattung dann gar nicht „falsch“ in dem Sinne ist sondern nur wie in der yellow press halt üblich total aufgebauscht und mit albernen Erzählungen?

  11. @13: M. E. ist es blanke Spekulation, ob die Entscheidung von MM ausging (Schuld). M. E. kann man da auch nicht von „Schuld“ sprechen, wenn ein verheiratetes Paar gemeinsam eine signifikante Lebensentscheidung trifft.
    Eine Bewertung, „ob die Entscheidung von MM ausging“ kann m. E. gar nicht getroffen werden. Insofern ist jede Schuldzuweisung bereits falsch, die gesamte Berichterstattung nach „Frau stürzt mann ins Unheil“-Narrativ also auch.
    Nur meine Meinung.

  12. Wie zwanghaft bösartig und gierig nach Zusammenbrüchen anderer sie ein Scheitern der Verhandlungen mit der Queen herbeisehnen. Der Prinz, er soll geopfert werden, von „Schwanengesang“ ist die Rede.
    Sie zog ihn hinab …. so soll es gelesen werden. „Nicht gut genug“ – jeder dritte Kommentar. So treibt man Menschen in den Suizid. Vernichtung, das ist gewollt.
    Wie widerlich und ekelhaft die Presse und Kommentatoren mit diesen beiden Menschen umgeht. Das Primitivste – Hass, Häme, Neid, Gewalt, Rassismus, Misantrophie, Bösartigkeit, Boshaftigkeit, Frauenfeindlichkeit usw. wird durch die Anonymität nach oben gespült.
    https://www.dailymail.co.uk/news/article-7895447/Dropping-hint-Harry-Meghan-Markle-release-video-final-engagement-senior-royal.html

  13. @ Telemachos (#12):

    M.E. ist die These, dass es ein etabliertes Erzählmuster gibt, das in diesem Fall aufgegriffen wurde. Nach diesem Erzählmuster wird der Frau auf recht simple und pauschale Art die Schuld zugeschoben.

    Oh ja, dieses Muster gibt es. Es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes klassisches Narrativ des Patriarchats und lässt sich in der griechischen Philosophie (Sokrates und sein „zänkisches Weib“ Xanthippe) so gut finden wie in der christlichen Theologie (Eva, der Apfel und der gekündigte Mietvertrag im Paradies, woraus Augustinus dann die Erbsünden-Lehre zimmerte).

    Gerade weil dieses Muster so klassisch ist, wird es heute aber m.E. in kritischer Absicht überstrapaziert. Das meinte ich mit „stokowskiesk“: Als etwa Andrea Nahles zurücktrat, führte Margarete Stokowski das auf eben jene Erzählung zurück – man(n) habe ihr als Frau im sexistischen Haifischbecken der Politik keine Chance gelassen und sie zu Unrecht für den Niedergang der SPD verantwortlich gemacht (Frau hat Schuld). Diese Perspektive unterschlägt u.a., dass mit Gabriel und Schulz kurz zuvor zwei Männer aus den gleichen Gründen gegangen wurden.

    Wir leben nicht mehr im Patriarchat, sondern in postmodernen Verhältnissen. Dazu gehört immer noch ein gerüttelt Maß an Sexismus, viel prägender ist aber die Beliebigkeit der Narrative – oder auch: Der Bullshit nimmt Überhand. Für die Klatschpresse heißt das: Wir basteln uns unsere Gut-und-Böse-Geschichten zusammen, wie es uns passt.

    Vor 20 Jahren war William der strebsame Musterschüler und Omas Liebling und Harry das rauchende, saufende enfant terrible, das nicht von Charles, sondern vom Reitlehrer gezeugt wurde (die „vergiftete Blutlinie“ gibt es auch in blond und blauäugig). Seit die beiden geheiratet haben, überträgt die Gossen-Journaille dasselbe Muster auf ihre Frauen: Die schöne, würdevolle Herzogin Kate, der Stolz des Königreiches vs. das dahergelaufene Flittchen, das nur auf Ruhm und Juwelen aus ist.

    Alles reinste, niederträchtigste Phantasie – aber eben Eigenlogik der Klatschpresse. El Ouassils Beispiele zu Kate vs. Meghan zeigen ja die totale Beliebigkeit der Interpretation. Und die Nummer kann sich auch ganz schnell wieder drehen: Die Queen wird in nicht allzuferner Zeit zu den royalen Ahnen berufen werden. Harry und Meghan werden sie vermutlich am Sterbelager besuchen. Warum dann nicht: „Versöhnung auf dem Totenbett – alles ist vergeben!“ Oder: „Sie hat sie doch geliebt – Herzogin Meghan weint bittere Tränen um die Königin!“

    Es ist alles beliebig, es ist alles Bullshit. Diesem Quatsch mit einer Ideologiekritik des Patriarchats zu begegnen, halte ich schlicht für too much.

  14. Wir sind uns einig: wir mögen das alles nicht. Und wen interessieren die Royals, ein Relikt aus alten Zeiten, über die gerne genommene Tradition doch immer wieder als zeitgemäß und unabkömmlich dahingestellt, überhaupt?
    Aber es funktioniert, und zwar gut: die Hochzeiten werden weltweit übertragen und die Presse trägt sie in die Welt – und die Regenbogenpresse bedient das „Kinder brauchen Märchen“ (Bruno Bettelheim) für die, die das Lesen gelernt haben und da stehen geblieben sind und transportiert so tradierte Bilder von Macht und Moral in das Heute. Dass sie – die Regenbogenpresse und ihre Protagonisten – damit überhaupt gutes Geld verdienen kann ist der eigentliche Skandal.
    Es gefällt mir, wie das aufbereitet wurde. Gibt es eigentlich im Netz eine Seite für Schulstoff? Da sollte so eine Artikel unbedingt hin.

  15. @ichbinich:
    Es kann tatsächlich sein, dass das _allein_ Markles Idee war.
    Aber
    1. kann die Presse das nicht beweisen.
    2. es wäre _genauso_ plausibel, dass das allein seine Idee war, oder jede andere Verteilung der „Schuld“, weil das Paar in dem Zusammenhang von „wir“ spricht, wie es auch sein sollte; dass quasi alle dieselbe Spekulation verbreiten, ist schon etwas seltsam.
    3. wem genau „schuldet“ es Markle eigentlich, Prinzessin zu sein? Der Presse sicher nicht.
    4. der Verdacht, dass hier hauptsächlich sexistische, rassistische und wasweißichistische Vorurteile die Lücken in der Recherche füllen, ist jetzt nicht unbedingt von der Hand zu weisen.
    5. selbst, wenn Markle sagte: „Jau, hier, das war alles meine Idee, aber mein Mann unterstützt mich voll und ganz.“ hätte sie eine fairere und ehrlichere Berichterstattung verdient, indem man beispielsweise zur Sprache bringt, wer ihr das Leben als „südsächsische Herzogin“ vergällt hat.

  16. Die Monarchie gehört abgeschafft. Aber das ist nur meine Meinung; sie abzuschaffen oder zu behalten bleibt den Briten überlassen. Ich glaube nur (und mehr als das können wir alle nicht, weder Übermedien noch Piers Morgan), dass hier das Narrativ der sich emanzipierenden Frau ebenso falsch sein könnte wie dass der auf den sozialen Vorteil bemühten Opportunistin. … Die herbeizitierten Rollenbilder aus der griechischen Antike sind hier sowieso alle quatsch.

  17. @ Kritischer Kritiker

    Dieser Artikel ist in Frau Stokowskis neuer Kolumne über Meghan Markle verlinkt worden. Ich bin mir etwas unschlüssig, ob das nun schon der Beweis ist, dass er stokowskiesk ist, würde mich dann aber trotzdem geschlagen geben. :-)

    Allerdings finde ich das nach wie vor nicht schlimm.

  18. @MYCROFT

    1. Zumindest schwerlich
    Ich würde aber nicht ausschließen, dass es „Insider“ gibt, von denen einzelne Reporter erfahren haben, dass es so ist. Sollten Sie es dann nicht veröffentlichen?
    2. natürlich ist grundsätzlich alles möglich. Aber wenn es nunmal von Meghan Markle ausging, ist es wenig verwunderlich dass alle Medien das so verbreiten (weil eben alle „insider“ das gleiche erzählen).
    3. Niemandem. Habe ich auch nicht behauptet. Nur darum geht es in dem Artikel auch nicht.
    4. Kann ich nicht beurteilen/nachvollziehen.
    5. Ja. Da stimme ich zu. (keine Ahnung, ob es solche Artikel gibt oder nicht). Das ist aber nach meiner Wahrnehmung eher ein generelles Problem der „yellow press“ und nicht nur konkret beim „Mexit“ der Fall.

  19. @ Ichbinich

    Sie wissen ja nun aber gar nicht, ob es diese „Insider“ tatsächlich gibt. Ebensowenig wissen Sie, ob diese „Insider“ einfach nur Stuss erzählen, so es sie gibt. Das sollte man ebenfalls in Betracht ziehen und überprüfen kann es auch keiner. Kurz: Insider können auch einfach Wichtigtuer sein.

    Ihre Annahmen scheinen mir spekulativ. Ich wüsste nicht, wieso ich davon ausgehen sollte, dass Journalisten oder „Insider“ bei der Entscheidungsfindung mit am Küchentisch saßen.
    Diese ganzen Spekulationen (insbes. des Boulevard) sind in hohem Maße unredlich und haben rein gar nichts mehr mit journalistischen Arbeitsweisen zu tun.

    In Anbetracht, der Tatsache, dass die Klatschblättchen sich ohnehin auf Meghan Markle eingeschossen haben, es also einen langen Vorlauf gab (siehe Artikel), sind Ihre Annahmen nicht unbedingt die Plausibelsten, da die Berichterstattung und das gewählte Narrativ einer gewissen Logik folgend Meghan Markle in ein schlechtes Licht rücken. Ich sehe keinen Grund, wieso die Berichterstattung nun auf einmal faktenbasiert sein sollte; es wäre auch untypisch für den Boulevard.

  20. @TELEMACHOS

    Alles richtig.

    Wie gesagt weiß ich ja auch nicht, wie es abgelaufen ist.
    Was mich nur gestört hat, ist, dass der Artikel die Möglichkeit, dass Meghan Markle „Schuld“ sein könnte, komplett ausschließt. Und das finde ich halt sehr einseitig.

  21. Interessantes Thema.
    Stellen wir uns mal vor, William hätte eine Schwester gehabt, sagen wir Harriet. William heiratet Kate, Harriet heiratet einen bürgerlichen Amerikaner, Mike.
    Nach einigen Jahren und dem ersten Kind beschließen Harriet und Mike, sich von ihren Pflichten etwas zurückzuziehen und überwiegend in Kanada zu leben.
    Wem würde die Presse die Verantwortung geben, Prinzessin Harriet oder ihrem Gemahl?
    Ist die Beurteilung also wirklich geschlechtsabhängig? Oder welches Narrativ zieht dann hier?

  22. @26
    „Was mich nur gestört hat, ist, dass der Artikel die Möglichkeit, dass Meghan Markle „Schuld“ sein könnte, komplett ausschließt.“

    Schuld impliziert dass es irgendwas verschuldet wurde. Ich sehe hier aber nur ein junges Ehepaar das seine Lebensplanung anders als von der fast 100jährigen Oma und ihrer Fanbase vielleicht erwartet ausrichtet. Also ein ganz normaler Vorgang.

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