Digital lebt länger

Journalistenpreise sind eine wunderbare Sache. Sie wirken wie ein Filter und ersparen Lesern – wenn sie das Richtige prämieren – Zeit und Geld. Vorige Woche wurden die Lead Awards vergeben. Neben seltsamen Kandidaten, die ausgezeichnet wurden, gewann auch das Vierteljahresmagazin „t3n“ einen Silber Award – höchste Zeit also, sich das aktuelle Heft mal anzuschauen und das Magazin wiederzuentdecken. Wilhelm, der Nonkonformist, hätte lieber „Tina“ besprochen, und Georg, der Feminist, lieber „Living at home“, aber wir wollen ja vor allem Zeitschriften besprechen, die uns nicht die Zeit stehlen.

t3n

Inhalt: „Digital pioneers“, Quartalszeitschrift, 1.Quartal 2020, 196 Seiten, davon 42 Anzeigenseiten (!), 26 längere Artikel, 18 Meldungsseiten, 9,80 Euro.

Gestaltung: textorientiert, keine einheitliche Fotosprache.

„t3n“ versteht sich als Blatt für alle „digitalen Pioniere“, will also so etwas sein wie „Zeit“/„Spiegel“ für Neulandbürger, die aus sechs Perspektiven versorgt werden: nach den Meldungen im Intro und dem Titelschwerpunkt folgen die Heftteile „Trends und Technologien“, „Digitale Wirtschaft“, „Marketing“, „E-Commerce“, „Software und Infrastruktur“, „Entwicklung und Design“.

Der schicke Elektroroller? Die neusten Digitalisierungs-Bestseller? Der nachrüstbare E-Motor fürs Fahrrad? Die Plattform für die Babysitter-Suche? Die neusten Tools für Coder? Der Snack „Share Studimix“, der per Tracking-Code zeigt, wem man zu kostenlosem Essen oder Trinken verholfen hat? Alles drin.

Das Titel-Thema der aktuellen Ausgabe: „Hack your Health“ – was der Mensch tun muss/sollte, um die Digitalisierung zu nutzen für ein längeres, gesünderes Leben. Sieben Reports, gut recherchiert.

Erste Voraussetzung für ein längeres Leben: „Der perfekte Arbeitsplatz“; der soll so sein, folgt man der Autorin der Titelstory, „dass er nicht krank macht“. Darunter versteht sie nicht, wie sinnvoll die Arbeit ist, wie kreativ und wie bezahlt, sondern meint: nicht zu lang am Tag arbeiten; individuelle Arbeitszeiten, mehrmals im Jahr wegfahren statt einmal lang; am besten Vier-Tage-Woche; an jedem zweiten Freitag Diskussion von offenen Themen; negatives Feedback nur unter vier Augen; positives Feedback als Gruppenereignis und natürlich: höhenverstellbare Schreibtische.

Zweite Voraussetzung: Im Artikel „Über Geld spricht man“ wird der Gedanke entwickelt, zu New Work gehöre auch „New Pay“. Also transparente Gehälter, die auch von sozialen Faktoren bestimmt werden, von Erfahrung, Kompetenz und Verantwortung sowieso. Zudem, so die Autorin, muss der Lohnempfänger bedenken, „wie sich der Gehaltswunsch auf die Gehälter alle anderen auswirkt“. Und klar: „kostenlose Obstkörbe, Yogastunden, Firmen-Handy“.

Dritte Voraussetzung für ein längeres Leben: Im Text „Im Unruhestand“ thematisiert der Autor „die Zusammenhänge zwischen Arbeit, Alter und Gesundheit“. Wer über das Rentenalter hinaus arbeitet, lebt länger, „je komplexer die Arbeit, desto bester ist sie für die kognitive Gesundheit“. Und das bedeutet: Arbeit ist nicht Arbeit; je simpler die Arbeit und je körperlicher, desto größer das Bedürfnis im Alter, der Arbeit zu entkommen.

Vierte Voraussetzung: „Nie wieder Wartezimmer“ ist die Beschreibung, wie die Digitalisierung helfen kann, unbürokratische ärztliche Versorgung zu etablieren. Zum Beispiel durch Krankschreibung per App, die das Startup au-schein.de bietet.

Fünfte Voraussetzung für ein längeres Leben: „Die Vermessenen“, das sind die, die sich selbst vermessen, um sich selbst zu optimieren. Die ihre Schritte zählen (lassen), die Schlafphasen messen, den Blutdruck, Blutzucker, den Alkoholkonsum – und letztlich auch die Stunden, die sie mit dem Smartphone verbringen, um all das zu messen.

Zu verstehen, wie das Internet alle Lebensbereiche verändert, ist nicht nur das Ziel all dieser Artikel, das ist auch das Versprechen von t3n. Und es wird eingelöst. Weil das Heft auch zeigt, wie das Netz Russland verändert und deshalb Russland das Netz verändern will. Weil das Heft ebenfalls beschreibt, wie die Techbranche die Zukunft mit Elektroschrott zumüllt und wie es anders gehen könnte.

Und: Weil das Heft vorführt, wie die Digitalisierung die Städte entvölkern und das Land attraktiv machen kann. Große Landkommunen mit gutem Netz-Anschluss schaffen Lebens- und Arbeitsplätze für hunderttausende Stadtflüchtlinge, die anders, gesünder und länger leben wollen. Alle raus! Schöner Ausblick aufs neue Jahr!

2 Kommentare

  1. Wissenschaftler ist man nur mit abgeschlossenem Studium. Nicht schon durch bloßes Einschreiben an der Uni (Bremen!). Der Mann hat ja Meriten, das mit dem angeblichen „Wirtschaftswissenschaftler“ ist völlig unnötig.

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