Die Leere danach

Es gibt ein berühmtes österreichisches Dessert, die Salzburger Nockerln. Sie sind schnell zubereitet, bestehen hauptsächlich aus warmer Luft, sind sehr süß, und spätestens zwei Stunden nach dem Verzehr hat man wieder Hunger und fragt sich, wieso man nicht etwas Anständiges gegessen hat. So ähnlich verhält es sich mit dem österreichischen Wochenmagazin „News“.

Gegründet wurde die Zeitschrift 1992, in der Google-Trefferliste taucht es immer noch als „Österreichs größtes Nachrichtenmagazin“ auf. „Illustrierte“ träfe es wohl besser, denn „News“ wird mit viel warmer Luft gebacken. Das Magazin selbst nennt sich in der Selbstdarstellung dennoch:

„Relevant. Verlässlich. Innovativ.“

Zuletzt hatte ich „News“ vor knapp vier Jahren in der Hand. An den Inhalt kann ich mich leider nicht mehr erinnern, aber an meine Suche nach Relevanz – und das leere Gefühl danach, wie bei den Nockerln. Damals stolperte das Heft so vor sich hin: Es stand schlecht um die Werbeeinnahmen, die Reichweite sank, die Auflage auch – also wurde sie „hochgelogen“, wie der Stadard schreibt. Und schließlich heuerte man eine komplett neue Redaktion an, dem Vernehmen nach für viel Geld. Sie sollte alles besser machen.

Aber auch diese Redaktion ist inzwischen wieder weg, dem Vernehmen nach mit viel Geld. Eine neue Chefredakteurin kam, dann noch eine, die immerhin noch da ist. Ihr Verständnis von „Relevant. Verlässlich. Innovativ.“ dringt bereits auf dem Cover durch: In einer Woche, in der in Österreich die konservative Volkspartei und die Grünen immer noch über eine Koalition verhandeln und in der das Land von immer neuen Skandalen erschüttert wird, lauten die Titelthemen der aktuellen „News“-Ausgabe, erschienen am vergangenen Freitag:

„Alt? Wir? Nie! Das Glück der Hundertjährigen – und wie auch wir so jung wie sie bleiben“
„Zum Wiehern – Die Politgroteske um Herbert Kickls Polizeipferde“
„Busserl, bitte – Weihnachtskekse: die besten Rezepte“

Total relevant. Aber Moment – da! Ganz oben rechts in der Ecke des Titels versteckt sich noch:

„Die Beziehungskrise – Rendi-Wagner und die SPÖ-Frauen“.

Zum Vergleich: Das österreichische Nachrichtenmagazin „profil“, erschienen Anfang vergangener Woche, berichtete nicht nur über geheime Akten aus dem Finanzministerium (zum politischen Gemauschel bei den Casinos Austria), es sah sich angesichts der seit Wochen andauernden Koalitionsverhandlungen auch den „gemeinsamen Wertekanon von Volkspartei und Grünen“ an. Immerhin.

Die Wochenzeitung „Falter“, erschienen Mitte der Woche, porträtierte Grünen-Chefverhandler Werner Kogler und berichtete über mögliche Schmiergeldzahlungen beim Ankauf der Eurofighter durch das österreichische Bundesheer. Zusätzlich brachte der „Falter“ auf fünf Seiten Kommentare zu Sebastian Kurz, die weiter tickende FPÖ-Zeitbombe H.C. Strache, zu Außenpolitik, Kultur und Asyl.

Herbert Kickls Polizeipferde

Bei „News“ hingegen ist das Thema Politik bereits nach neun Seiten erledigt. Zwei davon gehen für den Aufmacher drauf und zwei weitere für den einzigen Text, der einem noch länger im Gedächtnis bleiben wird, der jedoch mit Politik ungefähr so viel zu tun hat wie insgesamt „News“ mit einem Nachrichtenmagazin: der Text über Herbert Kickls Polizeipferde.

Eingebettet ist die Politik gemeinsam mit Chronik und Wirtschaft im Ressort „Fakten“, was für die anderen beiden Ressorts „Leben“ und „Menschen“ nicht gerade Hoffnung macht.

Der Politikaufmacher über die SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner soll deren schwieriges Verhältnis zu den Frauenorganisationen innerhalb der Partei beleuchten. Wie gesagt: Nicht gerade das Thema, das Österreich beschäftigt, aber gut. Das grundlegende Problem ist dann auch schneller erzählt, als das Layout Platz böte. Drum werden gleich weitere Kritikpunkte mit abgehandelt, die über die österreichischen Sozialdemokraten im Umlauf sind: deren generelles Frauenbild, ein allgemeines „existenzielles Orientierungsproblem“, und dass die Partei noch immer nicht in die Rolle als Opposition gefunden habe. Ah ja.

Im zweiten Politikstück wird’s nicht gehaltvoller. Es ist der wiehernde Pferde-Text. Zitat:

„Noch ahnt Quality nicht, dass er seinen Dienst als Ordnungshüter in Wien nicht antreten wird.“

Der ehemalige FPÖ-Innenminister Herbert Kickl, ebenfalls dem Ibiza-Video zum Opfer gefallen, hatte die fixe Idee, eine Polizeipferdestaffel anzuschaffen. Seit er nicht mehr Minister ist, macht sich das schlaflose Land bekanntlich nur noch Sorgen um „die Zukunft von Kickls tierischem Vermächtnis“ – oder eben auch nicht. Der journalistisch angemessene Umgang mit dem Thema wäre deshalb eher eine Kurzmeldung mit dem Inhalt gewesen: „Polizeipferde werden wieder abgeschafft“. „News“ aber hat investigativ nachrecherchiert:

„Jedes Tier wurde nach seinen individuellen Bedürfnissen trainiert und gefüttert. Geräumige Boxen von 14 Quadratmetern, regelmäßiger Koppelgang, Ruhetage und Urlaub – alles hatte [Ausbilder Thomas] Maier penibel für die Tiere eingerichtet.“

Kann nicht schlimmer werden? Doch.

„Auch die beiden Stallkatzen Mieze-Leutnant und Cop-Cat wurden liebevoll umsorgt. (…) Alle Möglichkeiten, wo und wie die beiden Stalltiger in Zukunft am besten leben, werden derzeit geprüft (…).“

Nur zur Erinnerung: „Relevant. Verlässlich. Innovativ.“

Immerhin kann die Autorin Entwarnung geben: „Die Sorge, dass die Pferde von einem Tag auf den anderen obdachlos werden, bestehe nicht.“ Puh! Nach dem Schicksal der „acht Reiterinnen und des einen Reiters“ der Staffel fragt der Artikel übrigens auch. Im letzten Absatz.

Es geht weiter mit einer Wirtschaftsgeschichte, die sich, wenn auch nur sachte, um ein aktuelles Thema dreht: den Einfluss der Republik Österreich bei den Casinos Austria. Der Skandal war eigentlich eher die Einflussnahme der FPÖ bei der Besetzung wichtiger Posten, aber egal. Und die Frage, wieso das Land niemanden in den Aufsichtsrat des Unternehmens entsenden darf, obwohl es der zweitgrößte Anteilseigner ist, bleibt in „News“ unbeantwortet.

Es folgt einer der mittlerweile so beliebten Fragebögen, diesmal füllt ihn Elisabeth Gürtler-Mautner aus, die Chefin des Hotels Sacher. Sie verrät, dass ihr Essen unwichtig ist.

Damit sind die lästigen „Fakten“ bereits überstanden, und es geht weiter ins Ressort „Leben“, das mit einer kleinteiligen Doppelseite eröffnet, auf der nicht nur die relevante Frage beantwortet wird, „wie viel Kilo Fett“ man sich maximal absaugen lassen kann – sie gibt auch den innovativen Tipp, im Winter Kniestrümpfe über die Scheibenwischer zu ziehen, damit sie nicht festfrieren. Das Aufmacherbild zeigt die spanische Stadt Castellón, die ab März von Wien aus verlässlich angeflogen wird.

Wer an dieser Stelle – wir sind immerhin bereits auf Seite 40 – schon wieder Hunger verspürt, ist erfreulicherweise bei der sechsseitigen Keksstrecke „Bitte, noch ein süßes Busserl“ gelandet, die mit dem Vorspann beginnt:

„Weihnachten ohne Kekse? Das kann man zwar machen, aber wer will das schon?“

Und im Verhältnis zu den neun Seiten Politik leistet sich „News“ immerhin eine ganze Seite zum Thema Tiere, die offenbar nicht nur von der hefteigenen Tierexpertin gefüllt wird, sondern auch von Hund Reggi und Katze Lenny.

Reggi, Lenny und die Tierexpertin

Gemeinsam schimpfen die drei über die Studie zweier Juristen der niederländischen Universität Tilburg, die „Medienberichten zufolge“ empfehle, Katzen nicht ohne Leine ins Freie zu lassen. Falls Lenny es noch mal nachlesen will: Die Studie ist einfach und ganz ohne Umweg über Medienberichte hier im Original nachzulesen. Und auch die Schlussfolgerung, dass ein Verbot der Vogeljagd effizienter wäre, als jagende Hauskatzen an die Leine zu legen, könnte man hinterfragen. Aber wir sind hier ja nicht mehr im Ressort „Fakten“.

Deshalb darf man wohl auch den Tipp, Katzen von Christbaumschmuck wie Engelshaar fernzuhalten, etwas gelassener sehen: „Wird Engelshaar verschluckt, kann sich das um den Darm wickeln“, schreibt „News“. Wenn das passiert, dürfte die Katze aber bereits ein Loch im Darm, also ein schwerwiegenderes Problem haben.

„News“, 49/2019 und „Der Spiegel“, 48/2019

Es folgt eine Doppelseite mit Autotipps und eine Seite mit der nächsten weltbewegenden Frage:

„Muss ich mit zum Christkindlmarkt?“

Beantwortet wird sie von einem Sozialanthropologen, einer Philosophin (Leute, habt ihr nichts anderes zu tun?) und dem betreuenden Redakteur, der sich offenbar der Quote zuliebe „Journalistin“ nennt. Zusammen sind sie die „Advokaten des Gewissens“.

Bitte ein Butterbrot!

Aber da kommt ja noch die innovative Titelgeschichte: im Ressort „Menschen“, genauer: als ganzes „Dossier Lebenslust“ über die „Coolen Alten“, sprich: über Menschen, die „alle so um die 100“ sind.

Das Thema hatte der „Spiegel“ zwei Wochen zuvor auch schon, ebenfalls mit der unvermeidlichen Iris Apfel auf dem Cover. Wirkt schon arg abgekupfert, auch wenn das „News“-Dossier dazu natürlich ganz anders ist als das, was der „Spiegel“ daraus gemacht hat.

Gut, man darf den „Spiegel“ und seine drölfzigköpfige Redaktion nicht mit einem Heft vergleichen, das mehr oder weniger von vier Leuten vollgeschrieben wird. Aber wenn Sie ein dreigängiges Menü mit ausgewogenen Nährstoffen und Vitaminen haben wollen, dann lesen Sie den „Spiegel“. Wollen Sie einen Snack, dann lesen Sie „News“, also das Porträt der 100-jährigen Marianne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn und das lange Interview mit dem Präsidenten der Anti-Aging-Gesellschaft Österreich. Die Keks-Strecke hatte mehr Seiten.

Wenn Sie an dieser Stelle nicht mehr weiterblättern können, weil Ihr Blutzucker im Keller ist, versäumen Sie nur ein Doppelporträt der ehemals höchst erfolgreichen österreichischen Skirennläufer Marlies und Benjamin Raich, die jetzt drei Kinder erziehen. Yep, das ist offenbar alles, was über sie berichtenswert ist. Das allerdings gehüllt in Sätze wie: „Es freut [Benjamin], wenn der Gattin die Gefühle derart vom Herz perlen.“

Für den Artikel über den eigentlich wirklich sehr genialen Schauspieler Philipp Hochmair hatte dann sogar ich keine Kraft mehr. Jedenfalls nicht nach diesem Einstieg:

„Den aktuellen Zustand seines Befindens beschreibt Philipp Hochmair mit zwei schlichten Sätzen: ,Ich bin glücklich. Mir geht es wirklich gut.’“

Mir jetzt nicht mehr.

News
VGN Medien Holding
92 Seiten, 4 Euro

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