Ein Versuch, mit schönen Geschichten gegen den Hass anzupodcasten

Podcastkritik: Geschichten gegen den Hass

Eigentlich sehnen wir uns alle nach Märchen. Diese zauberhaften, kleinen Geschichten, an deren Ende alles gut wird. Mehr noch, seit in deutschen Parlamenten wieder extrem Rechte sitzen, seit Hass in sozialen Netzwerken wuchert, seit immer mehr Leute das Gefühl haben, die Gesellschaft driftet auseinander. Kann man dagegen anpodcasten? „Hundertachtzig Grad – Geschichten gegen den Hass“ versucht es – und meint es vielleicht ein bisschen zu gut.

Reden statt hassen

„Viele Menschen reden nicht mehr miteinander, sondern beleidigen einander. Was tun gegen die Spaltung der Gesellschaft? Studien zeigen, was das einander Kennenlernen verändert“, heißt es auf der Webseite von NDR Info, über die dieser Podcast verteilt wird. Und genau dabei, so hören wir es in der ersten Folge, dürfen wir hier sieben Folgen lang zuhören: Wie ein Rentner-Ehepaar voller Vorurteile eine geflüchtete Familie kennenlernt. Wie Neonazis und Punks sich auf einer Wanderung durch die Wüste kennenlernen. Wie ein junger Muslim, der in den Extremismus abzurutschen droht, endlich jemanden kennenlernt, der ihm zuhört: einen Polizisten. Wie sich ein irischer Wutbürger und ein Homosexueller kennenlernen.

Bastian Berbner erzählt ihre Geschichten. Er hat sie getroffen und gesprochen, in vielen Ländern, und wir hören, was diese Frontalkonfrontationen mit diesen Menschen gemacht haben. Wir hören, wie sie zweifeln, wie sie hadern, wie sie sich wehren – und wie sie am Ende erkennen, wie viel sie mit ihrem als Feind empfundenen Gegenüber doch gemeinsam haben.

Berbners Idee: Hass entsteht aus Vorurteilen. Und Vorurteilen entstehen, wenn Menschen sich nicht kennen. Also müssten wir doch den Hass besiegen können, wenn sich Leute, die sich weit voneinander entfernt fühlen, kennenlernen und miteinander reden. Und so sieht sie aus, die Versuchsanordnung in diesem Podcast: Leute reden miteinander, die sich eigentlich hassen wollten. Und: Ja, das ist beeindruckend.

Als Host führt Bastian Berbner erzählend durch die Folgen und hat für sich die Rolle des Optimisten definiert: Er glaubt – oder gibt vor, zu glauben – die Antwort auf die Frage gefunden zu haben, wie unsere Gesellschaft dem Hass begegnen kann. Raus aus der aus Komfortzone. Mehr streiten, nicht mit unseresgleichen, sondern mit den anderen.

Ihm gegenüber sitzt Alexandra Rojkov, sozusagen als Sidekick und mit der entgegengesetzten Funktion: Ihre Rolle ist die der Pessimistin. Wo Berbner schwärmt, ist sie skeptisch. Die These, man könne die Gesellschaft befrieden, wenn man nur mehr miteinander spricht, mit Hatern, mit Extremisten, auch mit Neonazis – Alexandra überzeugt das nicht. Mit kühler, trockener Sachlichkeit wirft sie immer wieder ein, dass das natürlich bewegende Geschichten seien, die wir da hören, aber sind sie verallgemeinerbar? Kann man sie kopieren? Kann das nicht vielleicht sogar schädlich sein: Muss man denn wirklich jeder noch so abseitigen, hass-durchtränkten Meinung das Gespräch anbieten?

Auch wenn die Installation dieses Sidekicks merklich Mittel zum Zweck ist und sich ein bisschen konstruiert anhört: Es ist gut, dass es sie gibt und dass jemand diese Fragen stellt. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass „Einhundertachtzig Grad“ allzu sehr ins Schwärmerische abkippt.

Erzählen statt labern

Einfach haben sie es sich hier nicht gemacht. Im Gegenteil. Die Folgen bestehen mitunter aus solch kleinteiligen zusammengefrickelten Audio-Schnipselchen, dass man alleine vor dem handwerklichen Fleiß den Hut ziehen muss. Doch schon an dieser Frage scheiden sich die Geister, und das zurecht. Für die einen ist das Audio-Produktion am Limit; das oft ersehnte Gegengewicht zum sogenannten „Laberpodcast“. Andere empfinden die Folgen gerade deswegen als überfrachtet mit Audio-Effekten und Teasern, die viel zu sehr und viel zu gewollt die Aufmerksamkeit des Hörers erregen wollen und in Summe einfach angestrengt wirken. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Ja, hier und da hätte der Erzählung ein bisschen mehr Ruhe, ein bisschen weniger Effekt gutgetan. Sind die Geschichten deswegen schlechter? Nicht unbedingt.

Bastian Berbner, so steht es auf der Webseite zum Projekt, liebte „amerikanische Podcasts, vor allem Formate, in denen nicht gelabert, sondern erzählt wird, spannend wie am Lagerfeuer und nah dran an den Gefühlen und Gedanken von Menschen. Er fragte sich, kann man das nicht auch in Deutschland machen?“

Man merkt schnell, dass hier das Vorbild liegt. Die Folgen knallen direkt rein mit einer kleinen Szene. Soundschnipsel hier, kurzer O-Ton dort, man weiß gar nicht, wer da spricht oder woher die Geräusche kommen, es sind aber nur Schlaglichter, also alles gar nicht so wichtig. Von solchen kleinen Bildern weitet sich der Fokus schnell zu einer größeren Szene und von dort arbeitet man sich hin zum Großen und Ganzen. Mit ein paar Protagonisten, die gute Geschichten zu erzählen haben, und einem Bastian Berbner, der hindurch führt.

„Wow, das klingt wie ein deutsches This American Life“, lesen wir weiter auf der Webseite von „Geschichten gegen den Hass“, und, ja: Man hört, dass hier jemand wollte, dass das so klingt. Aber so richtig geht das nicht auf. Nicht, dass dies kein sehr gut gemachter Podcast ist. Das ist es! Aber es klingt eben doch, als ob sich hier jemand hingesetzt hat und vor Beginn der Produktion schon wusste, wie er am Ende damit klingen will.

Dieser Podcast hätte eine viel authentischere, eine eigene Sprache entwickeln können. Einen Charakter. Einen eigenen Sound. So aber bleibt der Eindruck einer sehr sorgfältigen, aber auch etwas blutleeren Produktion. Der Funke springt nicht über.

Profis als Anfänger

Das wird noch dadurch verstärkt, dass die Macher sich in ihrer Selbstbeschreibung mitunter klein machen und damit kokettieren. Als wollten sie wie Underdogs wirken, weil da irgendjemand mal gesagt hat: „Podcast, das darf nicht perfekt sein, ihr dürft nicht zu unnahbar wirken, das muss menscheln.“ Also erfahren wir gleich zu Beginn von Bastian Berbner, er habe ja noch nie Radio gemacht. Das stimmt. Aber wer vorher Fernsehen beim NDR und Auslandsberichte beim „Spiegel“ gemacht hat und nun seit einigen Jahren große Texte für das „Dossier“ in der „Zeit” schreibt und den Springer-, den Kisch- sowie den Reporterpreis gewonnen hat, der ist weder Newbie noch Underdog. Seine Gegenspielerin Alexandra Rojkov war Nahost-Korrespondentin der dpa und schreibt heute für das Auslandsressort des „Spiegel“. Ole Pflüger, der Produzent, macht (was mit) Podcasts bei „Zeit Online” und hat vorher für WDR 3 gearbeitet.

Kurz gesagt: Das sind Profis. Und „Hundertachtzig Grad” ist eine Profi-Produktion. Daran ändert auch das Narrativ wenig, das Team habe bei Bastian Berbner „zwischen Kinderbett und Bügelbrett“ gesessen, das Equipment „im Sonderangebot“ gekauft und am Laptop geschnitten.

Wenn man dann noch mitdenkt, dass da ja vorher ein Buch erschienen ist, an dem Berbner eben auch drei Jahre gearbeitet hat, dann verstärkt sich dieser Eindruck noch ein bisschen. Daran ist nichts Verbotenes, aber der Geschmack einer Nach- oder Zweitverwertung als Podcast bleibt und lässt sich nur schwer mit dem Bild in Deckung bringen, hier versuche sich jemand einfach mal ganz mutig-naiv am Podcast-Machen (und habe eine gute Freundin nichts-wissend mit hineingeschubst, die nun Folge für Folge so gar nicht wisse, was auf sie zukommt*).

Jeder gute Rechercheur nimmt seine Gespräche auf. Und weil die Aufnahmegeräte heute klein, günstig und ziemlich gut geworden sind, sind die dabei entstehenden Aufnahmen mit ein bisschen Sorgfalt auch gut genug, um sie in den Podcast einzubauen. Natürlich sind 122 Stunden Rohmaterial viel. Und drei Jahre Arbeit auch. Auf der anderen Seite: Durchschnittlich 40 Stunden Tonaufnahmen pro Jahr sind keine unglaubliche Menge. Und 76 Interviews, das bedeutet: Zwei im Monat, die im Schnitt anderthalb Stunden dauerten. Auch das sind recht normale Größenordnungen für ein so großes Projekt.

Positives statt Negatives

Das alles klingt vielleicht kritischer, als es eigentlich gemeint ist. Medien greifen ja meist nur dann etwas auf, wenn etwas schief gegangen ist. Dass auch die anderen, die schönen Geschichten erzählt werden, dass wir das Kleine für das große Ganze sprechen lassen, dass wir uns auch Raum für Utopien freiräumen, das ist wichtig und aller Ehren wert.

Berbner ist sozusagen der Mann für diese anekdotische Evidenz. Und Rojkov die Frau für die hochgezogene Augenbraue. Wenn Berbner schwärmerisch berichtet, wie ein dänischer Polizist Verbrechen von Dschihadisten und Neonazis verhindert – indem er sie immer wieder auf einen Kaffee einlädt und so den Gesprächsfaden nicht abreißen lässt – dann fragt Rojkov: Ja, schön, aber tun das jetzt alle Polizisten und haben sie darum keinen Extremismus mehr in Dänemark?

Man erzählt dem Hörer hier Geschichten. Märchen im besten Sinne. Mancher und manchem wird das zu übertrieben pädagogisch sein. Aber: Solche Erzählungen konservieren, was verloren zu gehen droht. Was unsere Gesellschaft ausmacht. Das beste unserer Vorfahren, und auch das schlimmste. Kleine Heldenreisen. Jetzt also auch in einem Podcast – warum nicht?

Wir hören ihn und dann setzen wir die Kopfhörer ab und sind wieder zurück in einer Welt, von der wir wissen, dass sie meistens genau so eben nicht funktioniert. Kann jeder diese Geschichten nachspielen, können wir alle so handeln, wie die Leute in diesem Podcast? Bestimmt nicht. Aber: In einer Welt, in der so viele komische und unfaire Dinge passieren, ab und zu gute Geschichten zu hören, das schadet ganz sicher nicht.

*) Nachtrag, 10. November. Laut „Einhundertachtzig Grad“ weiß Alexandra Rojkov tatsächlich vor der Aufzeichnung nicht, was in den Geschichten passiert.


Podcast: „Hundertachtzig Grad – Geschichten gegen den Hass“
Erscheinungsrhythmus: eine Staffel, sieben Folgen, alle bereits erschienen
Episodenlänge: jeweils rund eine Stunde

Offizieller Claim: Geschichten gegen den Hass
Inoffizieller Claim: Alles wird gut, und wenn nicht, gibt’s wenigstens eine gute Geschichte

Geeignet für: Leute, die mal eine Pause von dem ständigen Gemotze brauchen
Nicht geeignet für: die Realisten unter uns

5 Kommentare

  1. Eine sehr schöne Idee, leider auch sehr unrealistisch. Menschen die Vorurteile haben, neigen nun mal dazu sich abzuschotten und haben nicht das geringste Interesse ihre Hassobjekte kennenzulernen. Sie wissen genau, dass das ihr Weltbild infrage stellen würde und das ist das absolute no go.

  2. Um den meta-advocatus diavoli zu geben: die Hörerschaft besteht vermutlich überwiegend aus Leuten, die ihre Vorurteile abbauen wollen oder abgebaut haben.

  3. @ Siegfried Schaupp
    Das ist genau der Punkt, wo wir mit dem Podcast ansetzen und die Frage, der wir nachgehen: Welche Mechanismen könnte man in einer Gesellschaft etablieren, dass es nicht mehr so leicht ist, sich abzuschotten? Wir ließen sich solche „märchenhaften“ Begegnungen häufiger erzeugen?

  4. Wow. „Der Funke springt nicht über.“ Krass. Ich war von der ersten Minute an angezündet. Erstaunlich. Und die Geschichten als „märchenhaft“ zu bezeichnen, find ich grenzwertig.

    Die Geschichten scheinen mir sauberer recherchiert+geprüft als die meisten Audiostories in Deutschland. Allein weil die meisten schon durch (üblicherweise strengere) Printchecks gegangen sind.

    Und die abschließende Botswana-Folge hat sogar das bekanntermaßen toughe Prüfungsverfahren bei This American Life überstanden, wo die Story ja auch lief.

    Deshalb: Da wurden einem keine „Märchen“ erzählt. Das war schlicht eine Serie mit Geschichten, die einer These untergeordnet waren. Und die Selbstkritik/Abwägung war stets zu hören.

    Dass einen die Machart stören kann: Klar. Die war mutig anders und für manche offenbar (zu) herausfordernd. Mich persönlich hat sie begeistert. Insgesamt finde ich: Diese Podcast-Serie verdient (viel) mehr Anerkennung, als in dieser Kritik deutlich wird.

  5. (Sandra Müller und ich kennen uns schon eine Weile. Wir haben auf Twitter diesen Dialog geführt, darum packe ich hier meine Antwort auch mal drunter, so dass alle mitlesen können…)

    Ich habe keine so negative Konnotation wie du, was die Vokabel „Märchen“ anbelangt, sondern eine positive. Um das klar zu machen steht im Text auch, wie ich das Wort verwende: „im besten Sinne“ für die „zauberhaften, kleinen Geschichten, an deren Ende alles gut wird“.

    Damit (wie auch an keiner Stelle im Text!) ist mitnichten gesagt oder den Machern unterstellt, die Geschichten wären unbelegt, und offen gestanden finde diese Andeutung auch ein bisschen krass.

    Es gibt im literaturwissenschaftlichen Sinne exaktere Vokabeln für das, was ich meine: Legende und Sage, denen anders als der literaturwissenschaftlichen Gattung „Märchen“ ein „wahrer“ Wesenskern innewohnt. Mein Problem damit aber: „Legende“ und „Sage“ wird meiner Meinung nach tatsächlich abwertend verstanden. Darum nutzte ich diese beiden Begriffe nicht.

    Dein Feedback klingt, als hätte ich die Produktion verrissen. Das habe ich nicht. Sonst stünde da kaum „Ja, das ist beeindruckend“, „Einfach haben sie es sich hier nicht gemacht“ oder „aller Ehren wert“ in der Besprechung.

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