Agenda-Jetsetting: Wer bestimmt eigentlich, worüber alle reden?

Ein journalistischer Voight-Kampff-Test!

Was halten Sie für das wichtigste Thema?

A. Ein führender AfD-Politiker wird von einem Medienhaus zum Geburtstag eingeladen
B. Die Frage, ob wir noch alles sagen dürfen
C. Ein führender CDU-Landespolitiker denkt laut über eine Koalition mit der AfD nach

Was regt Sie am meisten auf?

A. Ein führender AfD-Politiker wird von einem Medienhaus zum Geburtstag eingeladen
B. Die Frage, ob wir noch alles sagen dürfen
C. Ein führender CDU-Landespolitiker denkt laut über eine Koalition mit der AfD nach

Welches Thema würden sie auf ihre Zeitung vorn drauf packen, wären sie Chefredakteur?

A. Ein führender AfD-Politiker wird von einem Medienhaus zum Geburtstag eingeladen
B. Die Frage, ob wir noch alles sagen dürfen
C. Ein führender CDU-Landespolitiker denkt laut über eine Koalition mit der AfD nach

Herzlichen Glückwunsch, alles richtig, Sie haben den Kognition-Test über Agenda Setting erfolgreich abgeschlossen.

Zu beobachten, wie und in welcher Form diese drei Themen medial Beachtung fanden, war so aufschlussreich wie verwirrend, da es erahnen lässt, wie Themen zwar gesetzt werden – aber nicht, wie Themen sich durchsetzen.

Das Sujet „Meinungsfreiheit“ war in den klassischen Medien schon fast karikatural dominant, Gauland Geburtstagssause mit der FAZ in den sozialen Netzwerken zwar sehr präsent, jedoch bis auf die „taz“ printmedial kaum. Das dritte Thema, Thüringens CDU-Vize Michael Heym und sein unumwundener Flirt mit der AfD, das bundespolitisch derzeit vielleicht relevanteste, war gleichzeitig auch das am wenigsten beachtete.

B. Die Frage, ob wir noch alles sagen dürfen

In fast schon skurriler Einmütigkeit inspizierte man in fast allen großen Zeitungen die vermeintlichen Innenwände vermeintlicher Meinungskorridore, maß Breite, Höhe, Tiefe aus, beschäftigte sich mit dem Wort „dürfen“, mit legalistischen Einschränkungen und gesellschaftlichen Codes des Anstands.

Welt am Sonntag kompakt: Die neuen Feinde der Freiheit

Bemerkenswert war, neben der Themenhomogenität, die kuriose Schere zwischen dem, was die Deckblätter visuell vermittelten, und dem, was im selben Medium inhaltlich dazu aufbereitet wurde: die auf der Titelseite kuratieren Ängste wurden im Blatt teilweise mit sorgfältiger Differenziertheit konterkariert. Der Kontrast war umso größer, da man raunend und furchtvoll Fragen zur Meinungsfreiheit in den öffentlichen Raum warf und dabei, ästhetisch wie rhetorisch eben auch den verschwörerischen „Was darf man denn überhaupt noch dürfen?“-Spin bediente. Da werden Münder zugehalten (mein Favorit ist immer noch der Professor, der von einem Kapuzenmann als Geisel genommen wird), Ketten um Gesichter gezurrt, aufgeschreckte Fragezeichen der Verunsicherung überall – um dann diese Sorgen im Text relativ klar und besonnen zu entkräften.

(An dieser Stelle sei erwähnt, dass Autoren und Deckblattgestaltung nicht zwangsläufig zusammenarbeiten, diese Diskrepanz auch dem strukturellen Aufbau einer Zeitungsredaktion geschuldet ist.)

Ok, aber warum reden wir denn dann jetzt überhaupt alle darüber, wenn die meisten Zensurängste relativ klar und besonnen entkräftet werden können? Warum ist es überhaupt ein Thema geworden, wenn es kein Thema sein soll? Dazu müssen wir betrachten, wie es auf der Agenda landete.

Mitte Oktober wärmt die „Bild“ via Schlagzeile eine Umfrage aus dem Mai auf, streut noch ein bisschen Shellstudie aus dem September dazu. In der Woche kommt es zu den Vorfällen an mehreren Hochschulen, aufgrund welcher die FDP-Fraktion eine aktuelle Stunde zur Meinungsfreiheit beantragt.

Die „Welt“ verquickt das ganze relativ erfolgreich und relativ schief miteinander, das Thema ist politisch und medial nun gesetzt. Medienschaffende denken nun darüber nach, ob die Meinungsfreiheit in Gefahr sei, so ganz grundsätzlich. Rezipienten lesen das, fühlen sich in einem vagen Gefühl bestätigt, beklagen eine empfundene Einschränkung der Meinungsfreiheit, Medien wollen die Klagen als Teil des Diskurses abbilden, erklären, es gebe einen Unmut in der Bevölkerung, die Klagen werden der Diskurs, Rezipienten lesen das, fühlen sich in einem vagen Gefühl bestätigt, beklagen eine empfundene Einschränkung der Meinungsfreiheit, und so weiter. Es entsteht ein nachrichtlicher Henne-Ei-Feedback-Loop, der denkt, er würde da gerade eine Schweigespirale aufbrechen, dabei widerlegt er nur selbst aufgestellte Strohmänner, die er durchs Widerlegenwollen neu aufstellt.

Die Agenda-Setting-Theorie beschäftigt sich damit, wie die Berichterstattung der Medien bestimmt, welche Themen in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken. Dieses kommunikationswissenschaftliche Modell wurde 1972 von den Medienwissenschaftlern Maxwell McCombs und Donald Shaw entwickelt, um einen Zusammenhang zwischen Themen zu finden, welche die Bürger vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 1968 für wichtig hielten, und den Geschichten, die von den lokalen und nationalen Medien präsentiert wurden.

Agenda-Setting basiert auf zwei Grundannahmen. Die erste besagt, dass die Medien die Realität filtern und gestalten, anstatt sie nur wiederzugeben. Das mag jetzt banal anmuten, war damals aber geradezu bahnbrechend. Nachrichten werden also zum Beispiel nicht chronologisch präsentiert oder nach der Anzahl der von ihnen betroffenen Personen, sondern in einer Reihenfolge, die ein Journalist als die sensationellste oder für das Publikum attraktivste festlegt.

Die zweite Annahme besagt: Je mehr Aufmerksamkeit die Medien bestimmten Themen widmen, desto wahrscheinlicher wird es, dass die Öffentlichkeit diese Themen als wichtiger als andere wahrnimmt. Auch das mag banal klingen, aber die Implikation ist immens. Denn das bedeutet, dass wenn etwas nicht nachrichtlich stattfindet, es als nicht wichtig empfunden wird. Mit anderen Worten: Die Themensetzung sagt den Menschen nicht unbedingt, wie sie über bestimmte Themen denken oder fühlen sollen, aber definitiv, was sie für wichtig halten müssen. Das ist viel diskursive Macht.

Zwei Motive, die den Informationskonsum antreiben, sind Relevanz und Unsicherheit. Rezipienten versuchen, über ein Thema mehr zu erfahren, wenn es ihr Leben beeinflusst, sie jedoch noch wenig über dieses Problem wissen.

Wenn die Relevanz noch gering und die Unsicherheit hoch ist, hat eine Themensetzung am meisten Impakt. Menschen, die keinen direkten Bezug zu einem Thema haben, bedienen sich der in Medien angebotenen Meinungen, um selber zu ergründen, wie sie zu einem Thema stehen wollen. Was wir für eigene Ansichten halten, ist auch nur durch unsere Medienrezeption geborgte Meinung.

Ein Beispiel für die Auswirkungen eines erfolgreichen Agenda-Settings ist der anhaltende Bezug, der zwischen Sozialismus und Obama-Regierung hergestellt wird. Obwohl die Politik des ehemaligen Präsidenten nicht als sozialistisch definiert werden kann, haben die wiederholten Anspielungen der Medien auf den Sozialismus im Weißen Haus viele Amerikaner glauben lassen, dass Präsident Obama ein Sozialist sei.

Natürlich beeinflusst die Festlegung einer Agenda nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch den politischen Raum und die Medien selbst. Zum Beispiel wird eine Titelstory in der „Zeit“ vielleicht auch eine im „Spiegel“, aber mit der Notwendigkeit, nochmal einen neue hot take reinzubringen. Fernsehnachrichten wiederum zitieren den „Spiegel“ und machen daraus einen neuen Beitrag, der dann wiederum reduziert auf eine Kachel durchs Netz geht. Inzwischen ist das Thema so omnipräsent, dass nur noch in Form von Referenz, Pointe oder Metabetrachtung darauf reagiert werden kann. Im journalistischen Endbahnhof kommt es dann schließlich an, wenn das Thema in der „Heute Show“ ironisch geschreddert wird.

C. Ein führender CDU-Landespolitiker denkt laut über eine Koalition mit der AfD nach

Im Vergleich dazu eine der wichtigsten politischen Nachrichten der Woche: Der Vizechef der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag, Michael Heym hat im Podcast „Morning Briefing“ für eine Zusammenarbeit mit der AfD geworben. Nochmal: Ein CDU’ler hat der AfD öffentlich eine Zusammenarbeit für die Bildung einer Landesregierung angeboten.
Er sagt im Gespräch, er sehe die rechtsextreme AfD als eine „konservative Partei“ und designiert sie als „bürgerlich“, wenn er formuliert, dass es eine „bürgerliche Mehrheit rechts“ gebe und mit der CDU und FDP zusammen auch die AfD meint.

Das. Sind. Riesen-News.

Die „Welt“ veröffentlicht das Gespräch, das von „Welt“-Autor Robin Alexander geführt wurde, und ohne Paywall eine eine Zusammenfassung.“Tagesspiegel“ und t-online berichten … und, joa, viel mehr ist auch nicht. Und auch von Seiten der Politik zunächst: Grillenzirpen.

Das Thema wurde nicht bewusst auf die Agenda gesetzt.

Zuerst dachte ich, es fehlte vielleicht an Multiplikatoren, aber Mario Sixtus und Dr. Wu hatten es zum Beispiel mit großer Reichweite verbreitet.

Dann dachte ich: Vielleicht wegen der Paywall bei der „Welt“, aber das war sonst auch kein Hinderungsgrund, im Gegenteil. Und natürlich wäre es schon gar kein Grund für andere Medien, das nicht aufzugreifen.
Vielleicht fehlte das entscheidende Bild.

A. Ein führender AfD-Politiker wird von einem Medienhaus zum Geburtstag eingeladen

Verglichen mit dem christdemokratischen Antanzen der AfD in Thüringen war die (berechtigte) Erregung über Gaulands Partyeinladung in den sozialen Netzwerken spürbarer. (Mich inbegriffen.) Das Faszinierende: Gauland war nicht nur bereits auf diversen anderen Veranstaltungen, unter anderem beim Sommerfest des ZDF, er war auch schon vergangenes Jahr auf der FAZ-Party. Zusammen mit Alice Weidel.

Warum war es 2018 allen so egal und 2019 nicht? In diesem Jahr hatten wir den Galeristen Johann König als Undercoverjournalist dabei. In seiner Instastory wunderte er sich über die Anwesenheit Gaulands, was SZ-Journalistin Johanna Ardojan sah und auf ihrem Instagram- sowie Twitter-Account teilte.

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Man muss aufpassen, dass man nicht alles nur müde hinnimmt, dass man wenigsten bemerkt, dass sich hierzulande krass Dinge verschieben. Die FAZ hat gestern Abend ihr 70-jähriges Bestehen gefeiert, im Borchardt. Eingeladen waren nur Menschen, die die FAZ mag, wie Herausgeber Werner D’Inka in seiner Begrüßungsrede sagte. Unter den Gästen: Alexander Gauland, Vorsitzender einer Partei, in der jemand, den man ganz offiziell und von Gerichts wegen einen Faschisten nennen darf (= Björn Höcke, Urteil VG Meiningen vom 26.9.2019), in der Mitte steht, wie Gauland selbst vor ein paar Tagen erst erklärte. Dass Gauland auf der FAZ-Party war, habe ich zufällig hier mitgekriegt durch eine Story von @johann.koenig . Es ist das erste Mal, das jemand wie Gauland in meine sorgsam kuratierte nette instagram-Welt eindringt. Das soll jetzt nicht raunend klingen, im Sinne von: die Einschüsse kommen näher. Es sollte einen aber schon wachrütteln für die Verschiebungen dessen, was in diesem Lande als normal gilt. #gauland #faz #party

Ein Beitrag geteilt von Johanna Adorján (@johannaadorjan) am

Das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor: Algorithmen und Reichweite in Kombination der digitalen Kulturtechnik des Screenshots verändern die Dynamik dessen, was als wichtig empfunden wird oder überhaupt erst als wichtig wahrgenommen werden kann. „Pics or it didnt happen“, aber als Nachrichtenwert. Durch die neue Dokumentierbarkeit bisher verschlossener Räume, eine Öffnung des Privaten in die digitale Teilöffentlichkeit hinein, ist nun auch das Hinterzimmer, das Hermetische, das Heimliche Teil der öffentlichen Auseinandersetzung.

Bedeutet das, dass nachrichtlich gesehen nun etwas erst zum Aufreger, zum wichtigen Thema in Medien oder Netzwerken wird, wenn alle den Baum im Wald beim Umfallen in ihrer Story auch richtig markieren?

Es bedeutet zumindest, dass wenn Medienhäuser bei der Themensetzung in Aufmerksamkeitsschleifen feststecken und Netzwerkdynamiken nur eindrückliches oder gut teilbares in unsere Wahrnehmung hiefen, wir manuell eruieren müssen, was wir für wichtig erachten.

Das führt uns zum zweiten Teil des Tests: Wie haben sie beim Test zu Beginn abgeschnitten? Erinnern sie sich noch?

Auswertung: Alles korrekt, ich wollte nur nochmal an Antwort C erinnern und diese durch Impertinenz auf ihre mentale Agenda setzen.

Ein führender CDU-Landespolitiker denkt laut über eine Koalition mit der AfD nach.

12 Kommentare

  1. Wenn u.a. Spiegel, Zeit und FAS über eine (berechtigte oder unberechtigte) Debatte berichten und dies im jeweiligen Text differenziert tun, soll das Agenda-Setting sein. Ok, also: Meta-Berichte sind Agenda-Setting. Wenn Übermedien darüber berichtet, dann ist es ein „Meta-Meta-Bericht“ und damit natürlich KEIN Agenda-Setting..?Oder liegt es nur daran, dass die Überschrift bei Übermedien besser gewählt ist?

  2. Hallo Übermedien, manche Artikel hören in meinem Browser einfach an einer bestimmten Stelle auf. Das sieht dann so aus:

    „Mitte Oktober wärmt die „Bild“ via Schlagzeile eine Umfrage aus dem Mai auf, streut noch ein bisschen Shellstudie aus dem September dazu. In der Woche kommt es zu den Vorfällen an mehreren Hochschulen, aufgrund welcher die FDP-Fraktion eine aktuelle Stunde zur Meinungsfreiheit beantragt.

    Die…“

    Ich bin aber definitiv Übonnent, daran liegt es nicht. Ist es ein Problem meines Browsers?
    BG

  3. Ein journalistischer Kobayashi-Maru-Test wäre bestimmt auch interessant. Mir fallen auf Anhieb mehrere Kandidaten für die Teilnahme ein.

  4. @Jens: Wer soll denn darauf hinweisen und kritisieren wie Medien berichten, wenn nicht ein Medium für Medienkritik?

    Darüber hinaus wird eben argumentiert, dass bestimmte Themen im Moment völlig zu unrecht auf die Agenda gesetzt werden und somit wirklich wichtige beinah unbeachtet bleiben.

  5. Herzlichen Glückwunsch zum 50sten!

    Ansonsten unterliegen Medien wohl keiner Zensur, aber einem gewissen Gruppenzwang. Was zwar ein Problem _ist_, aber ein anderes, als das dargestellte.
    Und natürlich ist Meinungsfreiheit für alle Menschen wichtig, aber Journalisten verdienen damit außerdem auch noch ihren Lebensunterhalt, insofern habe ich Verständnis, dass das Thema vielen Medien wichtiger erscheint als Thüringen.

  6. Ist die SPON-Kolumne von Sascha Lobo von gestern zur Meinungsfreiheit nicht auch Agenda-Setting? Wird das auch von Übermedien kritisiert?

  7. Das offensichtlichste Agenda-Setting beginnt doch mit dem Satz „Wir müssen nochmal über dieses oder jenes reden“. Und das ist eine der Lieblingseinleitungsformulierungen von Niggemeier/Rosenkranz.

  8. #7: „Wer ist „selbst schuld“? BILD oder Ouassil?“

    Und woran? Aber von Frank Reichelt wird da sicher nichts erhellendes kommen, der ist längst wieder auf dem ’selber, selber‘-Trip, siehe #10.

  9. @someonesdaughter
    die Frage hätte sich ergeben, wenn die andere beantwortet worden wäre.
    Der Umstand, dass man nicht mit Antworten rechnet, muss einen nicht davon abhalten, Fragen zu stellen.

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