Die „DB Mobil“ des Adels

An den letzten Thronfolger von Hessen, Hessen-Nassau, Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel, Hessen-Darmstadt oder Hessen-Butzbach, herrjeh, so genau blickt da heute vermutlich nicht einmal Rolf Seelmann-Eggebert durch, an den letzten Hessenprinz mit Aussicht auf richtiges Regieren jedenfalls erinnert sich Bismarck mit amüsiertem Achselzucken.

In seinen sehr lustigen Memoiren („Gedanken und Erinnerungen“) beschreibt der Kanzler, wie er dem stolzen Adeligen am Vorabend des Krieges von 1866 gut zuredet. Es geht um die Frage, auf wessen Seite sich Hessen schlägt, die preußische oder die österreichische. Bismarck empfiehlt dem Habsburg zuneigenden Prinzen dringend Neutralität. Und er solle sich beeilen.

Wenn die Österreicher gewönnen, so Bismarck, dann könnte ein neutrales Hessen vielleicht sogar preußische Landesteile annektieren. „Wenn wir aber siegten, nachdem er sich geweigert, neutral zu bleiben, so würde der Kurstaat nicht fortbestehn; der hessische Thron sei immer einen Extrazug wert“, und wenn das keine Engelszungen sind, dann weiß ich’s auch nicht.

Der Prinz von Hessen aber machte der Unterredung ein Ende mit den drohenden Worten: „Wir sehn uns wohl noch einmal in diesem Leben wieder“, und, Preußenbürschchen, aufgepasst: „800.000 gute österreichische Truppen haben auch noch ein Wort mitzureden.“

Es kam, wie Bismarck ahnte und es in den Geschichtsbüchern steht. Preußen siegte. Und der Kurstaat hörte auf zu existieren.

Wobei, und das wäre die Pointe, irgendein Hesse aus der weit verzweigten Familien (wirklich, die Hessen haben mehr „Linien“ als der ÖPNV in Tokio) immer irgendwo weiterregierte, in Luxemburg oder sonstwo. Wo auch immer man einen Blaublütigen brauchte, um einen Staatsladen zu schmeißen. Denn der Adel jener Zeit war, was Manager heute sind. Unternehmer.

Adelige Unternehmer sind die Nachfahren der Fürsten und Könige von einst noch heute. Sie gebieten über das, was die Geschichte ihnen ließ: Wälder, Schlösser, Gestüte – auch wenn sie, wie derzeit Prinz Georg Friedrich von Preußen, hier und dort kostbare Immobilien vom Staat zurückfordern.

Hotels, Gastronomie, Weingut etc. pp.

Heinrich Donatus Philipp Umberto Prinz und Landgraf von Hessen, genannt „der Don“, befindet sich nach der desaströsen Fehleinschätzung seines schnöseligen Vorfahren in ähnlicher Lage. Als Unternehmer hat er nun „den Betrieb von Hotels, Gastronomie, Weingut, Pferdezucht sowie Land- und Forstwirtschaft“ unter der Dachmarke „Prinz von Hessen“ zusammengeführt.

Mit dem Magazin „Prinz v. Hessen“ möchte er seine Untertanen gerne „überraschen, informieren, unterhalten“. Was man halt mit einem Magazin so will, und überdies den „Zusammenhang zwischen Land und dem Haus Hessen erlebbar“ zu machen, mithin also kulturell wirksam werden. Früher nannte man das Mäzenatentum, heute Unternehmenskommunikation.

„Prinz v. Hessen“ ist also das „ADAC Magazin“ oder „DB mobil“ des Adels. Zwar ist, wie bei „Bunte“ oder „Gala“, der Blick geschönt. Aber er richtet sich nicht von außen, sondern von innen nach innen. Eine Mischung aus Rechenschaftsbericht und Schaufenster. Und Werbung.

Folglich sind beinahe 20 von 57 Seiten den Sachen gewidmet, die in den Hotels, der Gastronomie oder den Weingütern des Fürsten so stattfinden. Ein Silvestermenü hier, ein Osterbrunch dort. Unerheblicher Quatsch. Was in Veranstaltungsmagazinen steht.

Vorne hingegen geht es los mit der „Historie“, nicht Bismarck, sondern die heilige Elisabeth von Thüringen, legendäre Übermutter des Hauses und Namensgeberin des ältesten gotischen Domes auf deutschem Boden, in Marburg, so alt sind die Hessen nämlich, da kann man mal sehen. Leider steht im Text nicht mehr als ein flüchtiger Blick auf Wikipedia auch verraten würde. Nun ist dies die erste Ausgabe überhaupt. Mal sehen, wann „Prinz v. Hessen“ sich der Onkel und Großväter widmet, die im Dritten Reich eifrig mitmarschierten.

Blondes Model sitzt auf Dach vor Frankfurter Skyline

Auch die folgenden zehn (!) Seiten könnten es in sich haben, versprechen sie doch Einblicke in, so der Titel, „The Art Of Urban Luxury“. Leider geht es nur um das Grandhotel Hessischer Hof in Frankfurt, in dem man „nahezu 1.500 Kunstgegenstände des Hauses Hessen“ findet, der „wohl einmalig in der Hotellerie“ ist.

Zu sehen gibt es dann lediglich ein gelangweiltes Model vor Skyline, Gedeck, das Etikett einer Weinflasche, wieder Gedeck, erneut das Model, diesmal halbnackt, und eine handelsübliche Aufnahme der neuen Altstadt vor der Skyline. Im Text dazu rät ein gewisser Rico Dengler: „Genießen Sie einen legendären Abend in der Jimmy’s Bar“, von der wir bereits wissen, dass deren Barkeeper am 20. Februar 2020 im Schlosshotel Kronberg (wem nun das wieder gehören mag?) eine Einführung in die „geschmacksexplosive Welt der Cocktail-Zubereitung“ geben wird.

Und baut der Prinz nicht auch Wein an? Wie geht es denn den Trauben bei der Hitze? Sie werden ersetzt durch Rebstöcke, wie sie normalerweise in Persien benutzt werden. Zu erfahren ist das in einem wirklich instruktiven Gespräch mit den DirektorInnen der fürstlichen Weingüter. Dabei dachte man doch immer, wenigstens die Weinbauern würden sich abends zuprosten und ausrufen: „Klimakatastrophe, wo ist dein Stachel?“. Pustekuchen.

Antike goldene Gegenstände, etwa eine kleine Figur, ein Kerzenhalter.

Wir überspringen „Ein Himmel voller Geigen“ über den „Prinz von Hessen Preis“ für „vielversprechende Nachwuchstalente“ in der klassischen Musik und wenden uns dem Tafelsilber zu, buchstäblich und sprichwörtlich.

Unter dem Titel „Geduld, Geschick und Liebe zum Detail“ geht es um die Geduld, das Geschick und die Liebe zum Detail, mit der eine Restauratorin auf Schloss Fasanerie bei Eichenzell antike Untertassen und Flacons der Familie repariert. Da fällt eben manchmal etwas runter und geht entzwei, das will dann mit Epoxidharz gekittet werden.

Die Freude über dieses überraschend instruktive Stück Kulturgeschichte währt nicht lange, denn gleich darauf wirbt das Schloss Fasanerie um einen Besuch, zwecks Erlebnis einer „fürstlichen Wohnkultur“. Dort findet „vom 20. bis 22. September“ eine Ausstellung namens „Feinwerk“ statt. Feinwerk? Aber ja, ein „Markt für echte Dinge“. Echte Dinge? Floria Landgräfin von Hessen erklärt: „Wir verlieren oft den Blick für das Besondere hinter einem Produkt, es ist austauschbar und im Einzelhandel oder online ohne Limit erhältlich.“

Potztausend! Die Landgräfin analysiert den gesellschaftlichen Missstand: „In unserer Wegwerfgesellschaft fehlt oft der Wert einer Arbeit“, sie wolle wieder „etwas zu entdecken und erleben“ geben, „zum Spüren und zum Staunen“. Gewürdigt werden „Büffelhornbrillen“ oder „Clutches aus Fischleder“, echte Dinge eben. Nebenbei gibt es neben dieser Edel-Variante von Manufactum auch Bogenschießen. Ein wenig Mittelaltermarkt kann nie schaden.

Wir haben’s gleich. Zuvor wirbt das Schlosshotel Kronberg für einen Aufenthalt über die Feiertage, und das liest sich dann so: „Der Schnee glitzert auf den Tannen, es duftet nach Zimt & Kardamom“ mit ernsthaft kaufmännischem „und“, und „im großen Kamin prasselt ein Feuer und das Schlosshotel Kronberg erstrahlt festlich geschmückt. Über 2.500 Lichter zieren die große Tanne in der Halle – es ist Weihnachtszeit im Taunus“, und gemessenen Schrittes kommen der Landgraf und die Landgräfin auf uns zu, das Leuchten in den Augen ihrer Kinderschar strahlt heller als 2.500 Lichter undsoweiter undsofort.

Nicht in bürgerlichen Zusammenhängen zu kaufen

Fehlt was? Ach ja, der Pferdesport, genauer: „Vier Tage hochkarätiger Pferdesport“, das Festhallenreitturnier in Frankfurt. Dekadenter Reichensport? Mag sein. Es werden aber Geschenke gesammelt für Kinder, „die sonst vielleicht keine Geschenke zu Weihnachten bekämen“, wie der Organisator der equestrischen Sause im Interview verrät.

Dies alles freilich ist so irre exklusiv, dass es „Prinz v. Hessen“ (hochwertiges, vermutlich biologisch abbaubares Premiumpapier) nicht in bürgerlichen Zusammenhängen zu kaufen gibt. Man kann es gegen eine „Schutzgebühr“ von fünf Euro in diesem Internet bestellen, obwohl’s ein „echtes Ding“ ist. Man kann es auch, wenn man denn will, als PDF lesen.

So legt man das Magazin beiseite, vorsichtig, wie ein kostbares Geschenk, damit es nicht entzwei geht, und denkt lange vorm Kaminfeuer über den Adel nach. Was er uns alles schenken könnte, wenn er nur dürfte, wie er augenscheinlich will. Verdammte Preußen.

Ein Kommentar

  1. „Prinz v. Hessen“ ist also eine das „ADAC Magazin“ oder „DB mobil“ des Adels.

    Da ist ein Wort zu viel.

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