Wie „Geo“ mit Moppeds

Wem die GS kein Begriff ist, der kann den „Tourenfahrer“ nicht verstehen. Hinter dem Typenkürzel GS verbergen sich die vergleichsweise geländegängigen Krafträder von BMW. Die Enduro wirkt auch in Wuppertal oder der Rhön so expeditionstauglich, als wollte der Fahrer damit nach Südafrika fahren, stehenden Fußes, sogleich.

Von vorne sieht sie aus wie Karl Dall und von der Seite wie die Kampfdrohne einer exoplanetarischen Invasionsarmee, die alles Leben auf der Erde auszulöschen trachtet. Die GS ist Marktführer. Gefühlt ist jedes zweite Zweirad, das einem auf der Straße begegnet, eine GS; tatsächlich ist es nur jede dritte. Sie ist das eierlegende Wollmilchmotorrad.

Der „Tourenfahrer“ ist nicht Marktführer unter den Motorradmagazinen. Seit dem Auftreten starker Konkurrenz ist er nicht ein mal mehr Marktführer in der selbst geschaffenen Nische. Aber er repräsentiert noch immer, wofür Modelle wie die GS stehen. Allein in der August-Ausgabe ist das ubiquitäre Einspur-SUV von BMW allein 28 Mal abgebildet.

Vor 30 Jahren ging es noch um Pferdestärken

Als das Heft vom zauseligen Verleger und – damals noch Chefredakteur – Reiner H. Nitschke vor mehr als 30 Jahren auf den Markt kam, ging es in Motorradmagazinen vor allem um Pferdestärken. Dem „Tourenfahrer“ ging es um Kilometer, Erkundungen der Länder hinter den sieben Bergen, aber auch um die entspannte Spritztour vor der eigenen Haustür – und um Maschinen, die sich für dergleichen eher anbieten als, sagen wir, zum Aufstellen eines neuen Rundenrekords auf dem Nürburgring.

In deutlicher Abgrenzung vom „Racer“ wie vom „Café Racer“ (der mit hysterischen Beschleunigungsorgien die Anwohner von Stadt und Land tyrannisiert) setzte dieses Magazin auf den „vernünftigen“ Fahrer – was immer Vernunft im Zusammenhang mit Motorradfahren zu bedeuten hat.

In der seinerzeit noch winzigen Nische des immer ein wenig biederen, pfadfinderhaften „Tourenfahrer“ hatte jedenfalls auch der klassische Harleyfahrer (vulgo: Rocker) mit seinem Hang zu Wet-T-Shirt-Contests nichts verloren. Stattdessen wird auch mal Schutzbekleidung von Frauen getestet; von einer Frau, man fasst es nicht. Überhaupt ist der bierbäuchige Maskulinismus, der betriebsbedingt über weiten Teilen der Szene liegt, hier wie weggepustet. Es ist ein geradezu aufreizend asexuelles Heft.

Mischung aus „ADAC Motorwelt“ und „Geo“

Verrückt ist nicht nur, dass es den „Tourenfahrer“ noch gibt. Verrückt ist auch, dass er in den Jahrzehnten seines Bestehens so gut wie gar keine Modellpflege erlebt hat. Das Heft sieht noch so aus, wie es schon immer aussah, wie eine Mischung aus „ADAC Motorwelt“ und „Geo“.

Im Editorial bedenkt Chefredakteur Herbert Schwarz gerne Verkehrspolitisches, diesmal das elektrifizierte Motorrad. Macht großen Spaß, nur kommt man damit nicht so weit, wie Tourenfahrer gerne kommen. Vorreiter ist ausgerechnet Harley-Davidson, wo, wie Schwarz berichtet, bei der Vorstellung seines E-Modells in den USA ein Dieselgenerator hinter dem Hotel für verlässliche Stromzufuhr sorgte. Womit das Dilemma trefflich umrissen wäre.

Reiseberichte sind das Kernthema der Zeitschrift, es gibt sie diesmal aus Ostfriesland, von der Oder, der griechischen Halbinsel Pilion sowie der Strecke von Österreich karawankenwärts hinunter nach Venedig. Die Fotostrecken sind üppig. Landschaft, Kurven, irgendwo ein Motorrad, vorzugsweise GS. Erwähnt werden Sehenswürdigkeiten rechts und links des Weges, etwa ein Otto-Waalkes-Museum oder die „Hübsch renovierte“ Dorfkirche in Hellas.

Dass es hier nicht ums Wandern oder Radfahren geht, ist nur anhand wohlwollender Erwähnungen der Straßenverhältnisse oder topografischer Besonderheiten erkennbar. Ostfriesland sei etwa, erfährt der staunende Leser, „ziemlich flach“. Dazu gibt es einen tauglichen Service-Teil (detaillierte Karte, beste Reisezeit, reizvolle Haltepunkte, mopedfreundliche Unterkünfte).

Hier funkelt nichts, es scheppert aber auch nicht

Die Reportagen selbst sind von Laien verfasst und, wie man annehmen darf, durch redaktionelle Arbeit auf einen leidlich lesbaren Stand gebracht. Hier funkelt nichts, es scheppert aber auch nicht: „Sitzt, wackelt und hat Luft“, wie der Motorradmechaniker zu sagen pflegt. Kulturelles, Landschaftliches und Kinetisches werden mit gedämpfter Sinnlichkeit sorgfältig verschweißt:

„Nur ein paar wenige Gasstöße entfernt zweigt auf der Kuppe eines steilen Küstenabschnitts ein knackiger, kurvenreicher Fahrweg ab, führt eng hinab in das Fischerdorf Afissos, wo sich ein kleiner, schon in der Antike dokumentierter Hafen im Ensemble mit schlichten, traditionellen Steinhäusern wie ein anmutiges Amphitheater auftut und“ – was sonst – „die Seele verwöhnt“.

Weniger genießerisch sind naturgemäß die Testberichte, in denen die Probandin (Titelheldin ist die neue BMW R 1250 RS, eine Schwester der aktuellen GS, versteht sich) auf Aspekte der Sicherheit, Komfort, Ergonomie, Ausstattung und sogar Umweltverträglichkeit geprüft wird. Der Verbrauch wird als „zeitgemäß“ abgenickt, es sei aber „trotz Lärmdiskussion“ „beim Starten wenig nachbarkompatibel“. Tja.

Verglichen werden ferner schwachbrüstige Knatterkisten aus dem Pleistozän der Ingenieurskunst, eine Triumph und eine Royal Enfield, sowie ein futuristisches Dreirad von Yamaha – getestet von offenbar begeisterten „Tourenfahrer“-Lesern (und einer Leserin).

Dramaturgisch wird es, bis auf die weit verstreuten und opulent bleibenden Reiseberichte, im Folgenden kleinteiliger. Da geht es dann magazinigerweise um höhere oder niedrigere Sitzbänke, die passenden Koffer aus dem Zubehörhandel, Handschuhe, Bildbände, ein Besuch im Museum des österreichischen Herstellers KTM, DVDs von Reisen durch Vietnam und die USA sowie spezielle Reifen für Enduros – aufgezogen auf eine, gewiss, GS. Sowas alles. Zeug.

Die habituelle oder auch anzeigenbedingte BMW-lastigkeit geht so weit, dass neulich beim Test einer aktuellen Moto Guzzi der Italienerin eine uralte BMW zur Seite gestellt wurde. Der Bericht mündete in das nicht einmal vergiftet gemeinte Lob, die Guzzi könne es „tatsächlich“ mit einer 30 Jahre alten (was wohl) GS aufnehmen.

Hin und wieder hat’s „Motorrad-Menschen“, eine Rubrik, in der mehr oder weniger prominente Motorradfahrer über ihre Leidenschaft sprechen. Zuletzt war das der Schauspieler Hannes Jaenicke, in der aktuellen Ausgabe entfällt die Rubrik. Es gibt offenbar nicht genug Motorradmenschen. Und wenn, tendieren sie – ebenfalls szenetypisch – verdächtig ins Graumelierte.

Wer Motorrad fährt, fängt sich hier ein leises Fernweh ein

Auch ist es nicht so, dass Humor und Geist zu kurz kommen: beides findet schlechterdings nicht statt. Keine Glosse, kein Essay. Entsprechende Versuche andernorts (und im „Tourenfahrer“) scheiterten bisher noch immer kläglich, was vielleicht ebenfalls dem Charakter der Leserschaft geschuldet ist. Die will Tests zur Technik und Tipps für die Reise, keine Cartoons und keine philosophischen Abhandlungen.

Unterm Strich liegt der „Tourenfahrer“ damit aber auf Ideallinie. Wer nicht Motorrad fährt, dem bleiben tiefere Einblicke in diese Leidenschaft verwehrt. Wer Motorrad fährt, der kann sich hier bei – oder trotz – aller Ömmeligkeit ein leises Fernweh einfangen; und beim Umblättern das (noch leisere) Knistern abkühlender Motoren hören. Bei der GS geht das nicht mehr, die hat Wasserkühlung.

4 Kommentare

  1. „tatsächlich ist es nur jede dritte“ –> jedes

    „Der Verbrauch wird als „zeitgemäß“ abgenickt, es sei aber „trotz Lärmdiskussion“ „beim Starten wenig nachbarkompatibel““ –> es?

  2. Wo er recht hat, hat er recht, der Autor. Schön charakterisiert – mir passiert es nämlich so bei der Flucht ins Gedruckte, wenn das Wetter schlecht ist und man nicht so gerne fährt – zwar nicht bei dieser Zeitschrift, aber bei vergleichbaren.

  3. … verzichtet komplett auf Geist und Humor“

    Beides korreliert … und da Geist bei Moppedfahrern Mangelware ist, wozu sollte er im Heft vorkommen; er würde ja nicht verstanden.

    GLu
    Ex-Moppedfahrer

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