M.P. – Max Plancks interessantes Magazin

Wilhelm II. und Max Planck haben nichts, aber auch gar nichts gemeinsam, sieht man mal von ihrer ungefähren Gleichaltrigkeit und dem zeitgenössischen Hang zum Schnauzbart ab. Wilhelm war Kaiser und stürzte Deutschland und die Welt mit dem Großen Krieg ins Unglück. Max war Wissenschaftler und begründete die Quantenphysik.

Zu Kaiser Wilhelms wenigen Verdiensten für die Gesellschaft zählt die „Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften“, 1911 zur Grundlagenforschung gegründet und – jetzt kommt’s! – nach einem zweiten Großen Krieg, ebenfalls angezettelt von einem Schnauzbart, entpolitisiert und umbenannt in „Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften“.

Derzeit unterhält die Gesellschaft 86 Institute in ganz Deutschland, an denen rund 23.400 Wissenschaftler mit mutmaßlich faustischem Eifer der Frage nachgehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Sie ist, wenn man so will, die größte Fabrik zur Herstellung von Wissen in unserem Land – und Herausgeberin eines Wissenschaftsmagazin, gegen das alle anderen „Wissenschaftsmagazine“ am Markt sich verhalten wie Hula-Hupp-Reifen zu einem Teilchenbeschleuniger.

Im vierteljährlich erscheinenden Magazin „Max Planck Forschung“ läuft trichterförmig zusammen, was die Institute so alles erforscht haben im vergangenen Vierteljahr, also einfach alles: vom Schwarzen Loch über die Kernfusion bis zu fleischfressenden Pflanzen.

Auf den ersten Blick besticht das Heft durch seine Schmucklosigkeit, die sich bei näherem Hinsehen als Werbefreiheit entpuppt. Keine Anzeige, nirgends, höchstens eine Ausschreibung für Nachwuchspreise. It’s the science, stupid!

Auf den zweiten Blick fallen die Protagonisten auf, Damen wie Herren, meistens beim Gestikulieren vor einer Tafel mit kryptischen Formeln fotografiert, beim Tragen doofer Schutzbrillen oder einfach in Sandalen herumstehend.

Das waren die Nerds, mit denen zumindest ich in der Schule kaum ein Wort wechseln konnte, einfach, weil sie zu langweilig oder schlau (oder beides!) waren, und die nun, wenn sie nicht gerade Urlaub auf Island machen, gleichmütig daran arbeiten, Treibhausgase in Kunststoff umzuwandeln oder Plasmasuppe anzurühren. Solche Sachen.

Wenn das Physikalische ganz nebenbei das Politische berührt

Es werden also extrem dicke Bretter gebohrt bei „Max Planck Forschung“, Stahlbetonwände quasi. Wie also funktioniert so eine Atomfusion ganz praktisch, wie sieht es im Inneren der Forschungsanlage „Wendelstein 7-X“ aus, wie wiederum im Inneren einer Plasmakammer selbst? Wie wäre eine solche Anlage in den Dauerbetrieb zu nehmen, welche Hürden gibt es da? Und ab wann wäre Energie gewonnen? Eine Frage, die auch Robert Habeck interessiert hat, womit das Physikalische ganz nebenbei das Politische berührt.

Oder das Astronomische. Wer sich an die Meldung erinnert, es sei erstmals ein Schwarzes Loch fotografiert worden – hier findet er die Erklärung, die Einschränkungen, die theoretischen Grundlagen und ein Interview mit dem Vorsitzenden des internationalen Kollaborationsrates zum Betrieb der „Event Horizon“-Teleskope (EHT), einem Direktor des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie:

„Wären Ihre Augen so scharf wie das EHT, könnten Sie theoretisch von Bonn aus eine Zeitung in New York lesen.“

Nach der Astrophysik geht es in die Botanik, zur Arbeitsweise von Sonnentau oder der Venusfliegenfalle:

„Wenn die Fliege schlau wäre, würde sie zwei Stunden bewegungslos sitzen bleiben. Denn dann öffnet sich die Falle wieder, und sie könnte flüchten.“

Weil sie sich aber bewegt, produzieren die winzigen Haare im Inneren der Klappfallen elektrische Impulse: „Acht, neun oder zehn bedeuten: Ende Gelände“, denn die Pflanze kann zählen, und dann läuft ihr buchstäblich das Wasser – beziehungsweise die Verdauungssäure – im Mund zusammen. In „Landliebe“ liest man dergleichen nicht.

Wie diskriminierend ist die durchdigitalisierte Welt?

Zwar liest man anderswo bisweilen über die ethischen und damit auch rechtswissenschaftlichen Probleme, die „autonomes Fahren“ so mit sich bringt. Hier aber ist zu erfahren, dass man auch Algorithmen so etwas wie ein „faires Verhalten“ beizubringen bestrebt ist – etwa bei der Vergabe von Krediten oder irgendwann auch der Frage, ob das selbstfahrende Auto lieber die Oma auf dem Bürgersteig oder die Mutter auf dem Zebrastreifen überfahren soll. Im Grunde geht es um die Frage, wie diskriminierend die durchdigitalisierte Welt ist, auf die wir zusteuern. Und ob man da noch gegensteuern kann.

Mit einem Besuch bei der Kunsthistorikerin Tanja Michalsky, die in Rom über Kartographie und die Vermessung der Welt forscht, findet sogar stilistisch das klassische Feuilleton einen Weg in dieses erstaunliche Heft:

„Die Eroberung von Räumen, die reifende Fertigkeit, einen Ort anhand seiner topographischen Daten zu erfassen und abzubilden, die fortschreitende Abstraktion, von frühen Versuchen einer Vogelperspektive bis zum zentimetergenauen Satellitenabbild GPS – alles ist aus einer Karte herauszulesen.“

In kleinteiligeren Berichten meldet „Max Planck Forschung“ Neues über das Selbstbewusstsein von Zierfischen, neue Exoplaneten, urzeitliche Affenjagd im Regenwald, soziale Unsicherheit bei Primaten, Supraleiter bei Raumtemperatur oder die Eigenschaft von Fledermäusen, ganze Wälder aufzuforsten.

Hochkomplexe Sachverhalte: wenigstens halbwegs verständlich

Daneben gibt es Buchtipps durchaus populäreren Einschlags über die „Reise unserer Gene“ bis zur „Himmelscheibe von Nebra“ sowie, in der Rubrik „Rückblende“, eine Würdigung historischer Verdienste – hier jener der Mathematikerin Irmgard Flügge-Lotz vom „Kaiser-Wilhelm-Institut für Strömungsforschung“ um die Berechnung von Luftströmen an Tragflächen.

Auch sind hier sind Autorinnen und Autoren im Einsatz, die selbst hochkomplexe Sachverhalte dem Laien wenigstens halbwegs verständlich machen können. Mal schreiben feste Redaktionsmitglieder, mal ehemalige Textchefs von Blättern wie „Geo Saison“ oder „Weltkunst“. Und überhaupt herrscht ein unaufgeregter Ton, weht das laue Lüftchen der Machbarkeit.

Es gibt keine Glossen, keine Meinungen. Hier waltet Wissenschaft in ihrer ganzen Klarheit. Gekitzelt und befriedigt wird, wissenschaftlich ausgedrückt, die anthropologische Konstante der Neugier. Was befindet sich hinter dem nächsten Buch, was hinter dem uns unbekannten Universum, was in einem Wassertropfen?

Wer „Max Planck Forschung“ lesen will, der schicke eine Postkarte (Brieftaube tut’s auch, vielleicht sogar ein elektrischer Impuls via Glasfaser oder Supraleiter) mit der eigenen Adresse – und lasse sich vierteljährlich auf den neuesten Stand allerneuester Erkenntnisse bringen, oder man liest das Heft als ePaper. Wie das geht? Darüber streiten die Forscher noch. Vermutlich liegt es am Bildungsauftrag einer aus Steuergeldern finanzierten Institution.

Ein Glitch in der kapitalistischen Matrix?

Und so legt man nach knapp 90 Seiten „Max Planck Forschung“ beiseite und kann doch nicht fassen, dass es so etwas gibt. Gibt es auch nicht. Ein Ding der Unmöglichkeit. Jedenfalls ist es im Bahnhofskiosk nicht zu finden. Dabei könnte es unter dem Namen „M.P. – Max Plancks interessantes Magazin“ den kompletten Markt aufrollen. Stattdessen ist es ihm entzogen. Und jedem frei zugänglich, der das möchte. Journalistische Allmende.

Wie das geht? Darüber streiten die Forscher noch. Liegt es an einem Glitch in der kapitalistischen Matrix? Ist Philanthropie am Werk? Vermutlich steckt dahinter der Bildungsauftrag einer aus Steuergeldern finanzierten Institution. Sie sei gefeiert.

10 Kommentare

  1. Den Satzbaustein:

    „Wie das geht? Darüber streiten die Forscher noch. Vermutlich liegt es am Bildungsauftrag einer aus Steuergeldern finanzierten Institution.“

    Gibt es im Text doppelt.

    Ansonsten: diese Magazine gibt es auch von mehreren anderen Forschungsgemeinschaften (z. B Leibniz oder Helmholtz) und auch den Förderträgern (z. B. BmWi/BmBF) etc. Die arbeiten schließlich alle mit Steuergeldern, da gehört eine gewisse Offenheit der Ergebnisse dazu.

    Aber schön dass so etwas hier auch mal besprochen wird!

  2. Herr Frank, Sie wissen fraglos zu begeistern. Aber da Ihnen solch unverhohlenes Eigenlob vermutlich fremd ist: Könnte es sein, dass im letzten Satz des Hauptseite-Einlesers ein „ist“ abhanden gekommen ist?

    Auf jeden Fall ein schöner Schnitzer, danke für den Schmunzler!

  3. Ich habe eine Anmerkung zu dieser Kolumne:
    Ich habe den Eindruck, die Rezensenten liefern ihr Produkt bei Übermedien ab und dann kümmert sich niemand mehr darum. Schon desöfteren (auch hier) wurde auf Fehler im Text hingewiesen, ohne das irgendwas passiert ist.
    Ich denke, die Übermedien pflegen eine bessere Fehlerkultur als andere Medien.
    Zumindest in dieser Rubrik merke ich davon aber leider nichts.

  4. Ich denke, die Dopplung war in diesem Fall ein Glitch in der Matrix. Wie erwähnt. Könnte zumindest so verstanden und, möglicherweise, für lustig befunden werden.

  5. Was mich ein bisschen wundert: Sowohl Max-Planck Forschung als auch die anderen Magazine der anderen Wissenschaftsorganisationen sind reine Corporate-Magazine, Produkte der Presseabteilungen. Einen ganz so kritischen Blick auf die Forschung (vor allem über den Tellerrand der eigenen Organisation hinaus sollte man da nicht erwarten). Warum es das Heft umsonst gibt, ist damit vielleicht auch geklärt. (Disclaimer: ich habe mehrfach für das Heft geschrieben). Würde mich interessieren, was hier los wäre, wenn Corporate-Magazine von Bayer oder anderen Firmen vorgestellt würden.

  6. @FRANK REICHELT

    Das Gefühl habe ich seit dem Weggang von MP leider auch. Bei anderen Artikeln gibt es ab und zu Rückmeldungen vom Autor, hier — soweit ich gesehen habe — nicht.

    @JOCHEN

    Hmm, kann natürlich sein. Habe ich nicht so gelesen aber möglich ist es.

    @MARCUS ANHÄUSER

    Sie haben natürlich Recht. Dennoch ist ein Magazin von den Max Planck Instituten sicherlich neutraler als eines von Bayer u. Ä. Alleine deswegen, weil es da sehr viele verschiedene Institute mit unterschiedlichem Fokus gibt und die Gesellschaft nicht gewinnorientiert ist.

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