Mann Mann Mann

Es ist ja immer die Qual der Wahl, wenn man vor Dutzenden Regalmetern mit bunten, interessanten, originellen Covern steht und aus Wirtschaftsmagazinen wählen kann, oder aus Reisemagazinen, aus Foodzeitschriften, aus…

Oh, George Clooney!

Jetzt werden Sie sagen: Typisch Frau, kauft sich ein Männermagazin, nur weil der Clooney vorne drauf ist. Und Recht haben Sie!

Aber ich will auch das „Sixpack in Rekordzeit“, das auf dem Cover versprochen wird. Außerdem kann ich gut rülpsen. Deshalb also „GQ – Gentlemen’s Quarterly“. Das war ja mal ein niveauvolles Magazin mit guten Autoren, Themen und Ideen – abseits des Sixpacks. Und wollten wir nicht endlich diese Geschlechtergrenzen überwinden?

Außerdem: George Clooney. Aber den hebe ich mir für den Schluss auf. Die Juli-Ausgabe bietet ja immerhin 140 Seiten plus hundertseitiges Luxury-Supplement. Der erste Eindruck verwundert. Der heutige Gentleman scheint unter sich bleiben zu wollen. Die Strecke der Kurzporträts (gleich hinter George Clooney) darf noch die Sängerin Billie Eilish eröffnen, aber danach geht es zu wie in Horst Seehofers Ministerium.

Auf Eilish folgt ein kurzer Artikel über Nick Adler, „das PR- und Marketing-Genie“, und wer den Text versteht, darf ihn mir gern erklären. Irgendwas mit Instagram, das mittlerweile „zu laut“ geworden sei, sodass der Einzelne nicht mehr gehört werde. Was Herr Adler zwar nirgendwo gesagt hat (ich habe mir die Finger wund gegoogelt), aber irgendwas daran wird schon stimmen.

Weiter geht es mit dem Schauspieler Evan Peters, dem Musiker Ezra König und dem Autor Bret Easton Ellis. Danach kommt der Schauspieler Michael Fassbender, der „russische Streetwear-Revolutionär“ Gosha Rubchinskiy sowie der Creative Director eines Segelherstellers, der eine Seite lang Werbung für seine neue Modemarke machen darf, nicht gekennzeichnet als Anzeige.

Dann erzählt der Parfumeur Alberto Morillas, „wie ein Gentleman heute riecht“. (Spoiler: Genau so wie schon immer, nämlich nicht wie ein Iltis.) Wieso Herr Morillas? Weil ihm der GQ-Chefredakteur Anfang Mai einen Preis überreichen durfte – was natürlich mit einem Bild belegt werden muss.

Der Sixpack-Trainer, ein Mann, bringt angeblich halb Hollywood in Form, und erneut wäre ich dankbar, wenn mir jemand das Besondere an seiner Methode erklären könnte. Der Autor schafft es jedenfalls nicht.

Weiter hinten darf Ex-Schröder-Sprecher und mittlerweile Litigation-PR-Experte Béla Anda in „Andas Agenda“ (an diesem Titel wurde sicher nächtelang gefeilt) über Uber, den „Überflieger“ schreiben. Wieso? Erneut bin ich überfragt, es steht aber „Wirtschaft“ drüber, dafür nichts im Text, das nicht auch ein Volontär hätte nach etwas Recherche herausfinden können.

Nach Anda kommt Branson, nämlich Richard Branson, der in seiner Kolumne „Bransons Business Rules“ Tipps gibt, wie man ein guter öffentlicher Redner wird. Wieder Spoiler: mit Humor. Ach ja, und man sollte sich auf das Thema, über das man spricht, gut vorbereiten. Moment, das muss ich mitschreiben.

Als nächster kommt der Sänger Adesse dran, der die Veröffentlichung seines Albums „Berlin Dakar“ mit einer Reisestory über – logisch – Barcelona bewerben darf, wo er Plattitüden von sich gibt, die sogar seine Vorgänger toppen:

„Ich empfehle ein Picknick am Strand. Dort ist immer viel los. Wenn man lange nicht am Meer war, gibt es kaum etwas Besseres.“

Dann folgen Interview und Modestrecke mit dem Schauspieler Dacre Montgomery aus der Netflix-Serie „Stranger Things“, und zum Schluss wird mit dem Musikproduzenten Mark Ronson „mal über Style“ geredet.

Keine leiwande Oide, über die ihr mehr wissen wolltet?

Okay, Männer, mir ist schon klar, dass ihr ein GentleMEN’s Quarterly seid und man eine Bademodenstrecke für Gentlemen nicht unbedingt an Frauen fotografieren sollte. Aber kommt euch das ganze Testosteron nicht selbst aus den Ohren raus? Gab‘s in dem ganzen Monat keine Frau, über die ihr mehr wissen wolltet? Keine leiwande Oide, wie man bei uns zuhause sagt?

Stattdessen ein Heft voll mit Männern nach dem Prinzip der Goldene-Kamera-Verleihung: Wir prämieren nicht, wen wir gern prämieren würden, sondern wen wir kriegen können.

(Ja, ich weiß: Aber George Clooney! Moment noch.)

Keine einzige Geschichte im Heft drängt sich irgendwie auf. Die Sex-Kolumne – immerhin von einer Frau geschrieben – behandelt das unvermeidbare Problem, wie man auf Instagram halb nackt posiert, ohne sich lächerlich zu machen. Ich hätte eine sehr einfache Antwort, aber die füllt keine Seite.

Also liefert die Kolumnistin vier weitere Ratschläge, auf die jeder, der bei einem iPhone den Auslöser findet, auch allein gekommen wäre: Sicherheitshalber einen zweiten, nicht öffentlichen Account eröffnen, nicht alles zeigen, sich auf Kritik gefasst machen und höflich bleiben. Burner, oder?

Auch die Geschichte über das Berghain in Berlin (die hundertste in diesem Jahr?) beginnt mit einem Aufhänger, der gleich die Luft rauslässt. Das Berghain ist in einem neuen Ranking auf Platz 10 der besten Clubs der Welt abgerutscht. Aber: „Solche Rankings interessieren weder die Macher noch die weltweiten Fans des Berghain.“ Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Doch, nein, es geht noch weiter, denn die Frage muss geklärt werden: „Wie hat es das Berghain geschafft, zu einem scheinbar unzerstörbaren Mythos zu werden?“ Antwort: „Wie jeder weiß, ist das Berghain sehr viel mehr als ein Ort zum Trinken und Tanzen.“ Wenn das „jeder weiß“, wieso mussten dann Bäume für acht weitere Seiten sterben? Und das alles auch noch in so einem betulichen, ideenlosen Layout, das von jedem Londoner Men’s Club an Kreativität locker in den Schatten gestellt wird. Ich sage nur: Foto-Collagen!

(George Clooney, ja doch, gleich!)

Auch für das Editorial ist Chefredakteur Tom Junkersdorf kein Thema eingefallen, also hat er eine Begebenheit auf der Fashion Week in Mailand in einem ebenso wirren wie unfreiwillig komischen Text zum Thema „Die neue Ehrlichkeit“ aufgeblasen. Eine Kollegin habe dort auf ein paar Schauen verzichtet, um stattdessen lieber Zeit mit ihrem Mann zu verbringen. Die gesamte Mode-Mischpoke habe ihr dann zu ihrer Ehrlichkeit gratuliert. Junkersdorfs Schlussfolgerung ist insofern kurios, als dass Ehrlichkeit in der Modeszene das Letzte ist, was dort praktiziert wird, jedenfalls von Angesicht zu Angesicht. Aber er brauchte ja ein Thema:

„Es ist Zeit für eine neue Ehrlichkeit. Wir spüren plötzlich, dass Offenheit ganz neue Sympathien weckt.“

Wo war der Mann in den letzten, sagen wir, 100 Jahren?

Sein Beweis für die neue Ehrlichkeit? Instagram.

„Die Welt ist zu transparent, um sich darin zu verstecken. Was wohl der schönste side effect von Instagram & Co. ist: dass es uns befreit von der Last des Notlügens und uns lehrt, dass Offenheit goutiert wird.“

Wer ausgerechnet Instagram mit all seinen Filtern, Face-Tunes, Tricks und Retuschen als Hort der Ehrlichkeit propagiert, lebt in einer Welt, die vermutlich auch den Schlusssatz seines Editorials versteht: „In Zeiten von globalen Fake News verliert der Fake damit seinen letzten Rückzugsort.“

Mit dieser „neuen Ehrlichkeit“ kommen wir also zu George Clooney.

Nein, er hat kein 3385-Quadratmeter-Appartement

Hollywoods größter leading man hat sich laut GQ „völlig neu erfunden“. Yep, er hat geheiratet und ist Vater geworden. Das meint GQ allerdings nicht, sondern sein politisches Engagement, das für den Autor offenbar völlig neu ist, weil er eindeutig Richard Branson nicht gelesen hat. Wir erinnern uns: sich auf das Thema gut vorbereiten. Nun denn.

Clooney lebt in New York nicht in einem 3385-Quadratmeter-Appartement, sondern in einem, das „3385 square feet“ groß ist – also nur 314 Quadratmeter. Das ist ein Fehler, der einem Magazin, das oft aus den und über die USA berichtet, nicht passieren darf. Und wenn er passiert, sollte wenigstens irgendjemand in der weiteren Textbearbeitungskette kurz logisch überlegen und sagen: „Moment, 3385 Quadratmeter? Ist das nicht ein bisschen sehr groß?“

Clooney würde schon länger keine Filme mehr drehen, weil er seine Tequila-Firma für 1 Milliarde Dollar verkauft habe. Stimmt, aber die Milliarde teilt er sich mit zwei Freunden. Sind immer noch irgendwas zwischen 200 und 300 Millionen, sollte man jedoch vielleicht dazuschreiben.

Ist aber egal, weil das mit dem Filmedrehen ohnehin nicht stimmt. Wer sich bei imdb.com nur Clooneys Credits als Schauspieler ansieht, kann tatsächlich auf die Idee kommen, er stehe nur noch für Nespresso-Werbung sowie eine kleine Nebenrolle in der Serie „Catch-22“ vor der Kamera.

Wer weiter runter scrollt, erfährt, dass Clooney die Serie auch produziert und bei einigen Folgen Regie führt. Das macht man alles nicht an einem Wochenende. Aber gut, jemand, der den Satz „So in etwa lauten die Meldungen, die Google News gerade auswirft“ über die Finger bekommt, ohne rot anzulaufen, sollte vielleicht einmal einen Recherchekurs besuchen.

Weiter geht’s. Clooneys politisches Engagement – das, wie gesagt, nichts Neues ist – wird der wackeligen These zuliebe möglichst hoch gehängt: „Wann hat sich zum letzten Mal einer von Hollywoods A-List so dezidiert politisch geäußert?“ Hm, grob geschätzt vor fünf Minuten, aber GQ ist ja auch mehr auf Instagram (und Google News) als auf Twitter.

So ehrlich, so sympathisch. So großer Schrott.

So gaga geht der Text weiter: Clooneys Ehefrau Amal, eine international angesehene Anwältin, „…vertritt die Mutter eines Mädchens, das gefangen genommen, versklavt, unter sengender Sonne angekettet wurde und verdurstete. George kann wunderbar über Amal schwärmen, immer schwingt da zärtlicher Respekt mit. Und ganz viel Demut.“

Nein, da ist nicht einmal ein Absatz dazwischen.

Clooneys Kampf gegen den Sultan von Brunei, der Homosexualität mit dem Tode bestrafen lassen wollte, wird vom Autor kommentiert mit: „Schwulenhass in einem Kleinstaat in Südostasien ist im globalen Maßstab, etwa im Vergleich zum Klimawandel, ein kleines Thema, ein sehr schwieriges noch dazu – Stichwort Islamophobie.“

Stichwort Denken beim Schreiben: Männer, die ihrer sexuellen Orientierung wegen umgebracht werden sollen? Pillepalle, wir sind doch nur ein Männerma… Oh.

Es geht so wirr weiter, bis man umblättert und plötzlich vor einer Seite sitzt mit Bildern, auf denen sehr oft der Schriftzug einer Uhrenmarke zu sehen ist – und Marco Nikolaj Rechenberg, stellvertretender Chefredakteur von GQ, neben Raynald Aeschlimann, dem Präsidenten des Uhrenherstellers Omega, und plötzlich rollt sich der Film von hinten auf.

„Die Clooneys feiern eine Legende“ lautet eine Bildunterschrift; die Legende der ersten Mondlandung vor 50 Jahren. Die Nasa hatte damals eine Omega zur Crew-Uhr erkoren, den Festakt moderierte Clooney, GQ durfte dabei sein, machte Clooney zum Cover-Boy – und nun passt natürlich auch die doppelseitige Omega-Werbung mit Clooney gleich nach dem Cover perfekt ins Bild. So ehrlich, so sympathisch. So großer Schrott. Chefredakteur Tom Junkersdorf bittet in seinem Editorial ja, man möge ihm sagen, wie man GQ findet, „aber bitte – ganz ehrlich!“

4 Kommentare

  1. Herrlich! Was machen diese GQ-Leute eigentlich beruflich? Also, Journalismus anscheinend nicht. Dass sich das liberale Hollywood, George Clooney voran, gern politisch äußert, weiß sogar ich als Society-Muffel.

    Aber ich habe auch viel Neues gelernt – dass Clooney eine Brennerei besaß, zum Beispiel. Oder dass ein Quadratfuß weniger als ein Zehntel Quadratmeter groß ist. Nur dass eine Milliarde geteilt durch drei Schnapsfreunde irgendwas zwischen 200 und 300 Millionen per person ergibt, das scheint mir doch nach zuviel Tequila berechnet worden zu sein…

  2. Sehr gut geschriebene Rezension, vielen Dank!

    Nur dass eine Milliarde geteilt durch drei Schnapsfreunde irgendwas zwischen 200 und 300 Millionen per person ergibt, das scheint mir doch nach zuviel Tequila berechnet worden zu sein…

    Die drei müssen ja nicht jeweils genau ein Drittel gehalten haben.
    Habe jetzt nicht weiter recherchiert, aber ich nehme doch stark an, speziell nach ihrer Kritik in diesem Artikel, dass Frau Neudecker das getan hat.

  3. Wahnsinnig unterhaltsam, danke für die Kolumne!
    Ich hatte mal ein gratis GQ Abo für ein Jahr und dachte dabei
    zumindest an kopflose Klolektüre. Nope, habe doch wieder die Inhaltsstoffe der Handseife studiert.

  4. Ach, Frau Neudecker – was für ein unterhaltsamer Pausen-Snack Ihr Artikel. Vielen Dank.

    Ich (als Frau) fand GQ vor etlichen Jahren mal ganz prima. Jetzt haben´S mir meine schönen Erinnerungen verleidet.
    Auch dafür: Danke.

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