Die Wiederentdeckung des Bürgers als Gesprächspartner

Als zu Beginn des vergangenen Jahres der Streit über gewaltbereite Flüchtlinge und die Einwanderungspolitik der Bundesregierung in Cottbus auf der Straße eskalierte, lud der rbb zur Diskussionsrunde ins Alte Stadthaus und ließ dort beide Seiten zu Wort kommen. Das „verlief nicht immer störungsfrei“, bilanzierte der Sender im Nachhinein die im Fernsehen übertragene Debatte selbst. Dem Ziel des Abends sei man trotzdem näher gekommen: überhaupt einen Dialog anzustoßen. Ein halbes Jahr später kehrte „rbb vor Ort“ in die Stadt zurück und fragte: Was ist seitdem passiert? Wie lebt es sich heute in Cottbus?

Für die Fernsehmacher waren die Sendungen offensichtlich ein guter Anstoß. An diesem Donnerstag startet deshalb im rbb-Fernsehen „Wir müssen reden!“ – 60 Minuten, in denen Bürger künftig monatlich über im Sendegebiet relevante Themen miteinander streiten sollen.

„Wenn es in der Gesellschaft zunehmende Spaltungstendenzen gibt, gehört es nach unserer Auffassung zu den Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, dem entgegen zu wirken“, sagt Thomas Baumann, Leiter Gesprächsformate beim rbb. „Wir wollen ein Forum dafür bieten, das die Zuschauer annehmen können, um ungefiltert ihre Meinung zu sagen. Deshalb laden wir die Diskutanten auch nicht zu uns ins Studio ein, sondern gehen an unterschiedliche Orte in Brandenburg und Berlin.“

Baumann verantwortet den „rbb-Bürgertalk“ Foto [M]: rbb, ARD/Ralf Wilschewski

Baumann nennt „gesellschaftlich relevante Themen, die vor Ort debattenfähig sind“ als Voraussetzung. „Sie müssen klare Pro- und Contra-Positionen zulassen, aktuell sein und möglichst viele Menschen in unserem Sendegebiet entweder direkt betreffen oder zumindest interessieren.“ Die Premierensendung wird von Janna Falkenstein und Tatjana Jury moderiert, kommt live aus dem Oderturm in Frankfurt und widmet sich dem Thema „Wolf und Biber schützen oder schießen?“ Baumann sagt: „Im Oderbruch richten Biber so massive Schäden an Dämmen, Deichen und Straßen an, dass viele Menschen sich fragen: Darf Tierschutz vor Sicherheit gehen?“

In Dritten Programmen gehören Bürgertalks schon seit Jahren zum Repertoire. In „Mal ehrlich“ lässt der SWR seine Zuschauer regelmäßig zu Wort kommen. Im WDR bittet Bettina Böttinger um „Ihre Meinung“. Und „Jetzt red’ I“ läuft bereits seit Anfang der siebziger Jahre im BR, ursprünglich angelegt als „Wirtshausdiskurs“, für den das Fernsehen zu den Bürgern in die Städte und Gemeinden kam. (Die Politiker antworteten nachher aus der Münchner Ferne auf deren Fragen und Beschwerden.) Seit der Modernisierung vor drei Jahren wird im mobilen Studio weiterdiskutiert.

Misstrauen gegenüber Medien

In den vergangenen Jahren ist das Misstrauen gegenüber Medien, nicht zuletzt den öffentlich-rechtlichen, größer geworden. Journalistinnen und Journalisten müssen zunehmend erklären, wie nah sie eigentlich an dem sind, was ihre Zuschauerinnen und Zuschauer im Alltag bewegt. Die Sender sehen sich vielfach damit konfrontiert, ihrem Auftrag und ihrer Rolle in der Gesellschaft stärker gerecht zu werden. Zum Beispiel, indem sie ihr Publikum stärker einbeziehen und beteiligen – und zwar nicht nur, wenn es um den Streit über die Flüchtlingspolitik geht.

Zum 70. Jahrestag des Grundgesetzes veranstaltete das Erste Ende Mai eine Fragerunde, in der 150 Menschen aus ganz Deutschland Andreas Voßkuhle, dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Fragen „Im Namen des Volkes“ stellen konnten. (Und direkt Antwort bekamen.) Moderatorin Sandra Maischberger hat das Prinzip prompt in ihre eigene Sendung mitgenommen und will testweise „nicht nur Politiker oder Journalisten zu Wort kommen“ lassen, „sondern auch unsere Zuschauer“.

Zuschauer fragen: Was hat das mit mir zu tun?

Insbesondere die Dritten Programme der ARD sind prädestiniert dafür, mehr Bürgernähe zu demonstrieren. Wenige Tage nach dem rbb probiert sich auch der MDR an einer Publikumsdebatte. Sie ist aus dem Polittalk „Fakt ist!“ hervorgegangen der montags im Wechsel aus den drei Landesfunkhäusern kommt. Den Anfang macht Moderatorin Anja Heyde mit dem Magdeburger Team, das sich um den „Preis der Heimat“ kümmert und fragt, warum es für viele Menschen aus Ostdeutschland so schwierig ist, in ihre Heimat zurückzukehren, wo einerseits ein Fachkräftemangel beklagt wird, es aber gleichzeitig an Jobangeboten fehlt. „Wir erfinden mit dem Bürgertalk natürlich nicht das Fernsehen neu“, sagt Heyde. „Aber wir bringen Leute zusammen, die in anderen Räumen so vielleicht gar nicht mehr miteinander sprechen. Das kann, finde ich, das Fernsehen im Moment immer noch am besten.“

Anja Heyde moderiert den Bürgertalk aus Magdeburg Foto: MDR/Andreas Lander

Die Sendung sei nicht im Auftrag der Chefredaktion entstanden, sondern komme direkt aus den Redaktionen, erklärt Uta Kroemer, die beim MDR in Sachsen-Anhalt unter anderem „Fakt ist!“ betreut. Sie hat mit den Kollegen aus den anderen Landesfunkhäusern erkämpft, dass die drei Testendungen schon um 20.15 Uhr starten können (anstatt auf dem regulären „Fakt ist!“-Sendeplatz um 22.05 Uhr). Zur Vorbereitung auf die Diskussion läuft eine halbstündige Reportage.

„Weggehen oder Wiederkommen? – Der Preis der Heimat“ Foto: MDR/Nadja Storz

„Wir merken bei vielen unserer Sendungen, dass die Themen, die vielleicht den Politikredaktionen der Funkhäuser besonders wichtig sind, die Zuschauer gar nicht in gleichem Maße betreffen und ansprechen“, sagt Kroemer. Die Bürgertalks sollen helfen, das zu ändern.

Wie lokal dürfen Themen sein?

Moderatorin Heyde sagt über die Auswahl der Themen: „In den großen Talkshows werden oft Debatten über Köpfe geführt. Natürlich bewegt das die Leute auch. Aber viele brauchen die Verknüpfung zu ihrem eigenen Leben und fragen sich: Was hat das mit mir zu tun?“ Nach der Rückkehrer-Debatte geht es in den weiteren Sendungen aus Dresden und Erfurt um den „Problemfall Pflege“ und darum, dass sich viele kleinere Städte und Gemeinden in Ostdeutschland abhängt fühlen, weil der öffentliche Nahverkehr nicht ausreichend ausgebaut ist.

Darüber, wie lokal die Themen sein dürfen, gehen die Meinungen bei den Sendern auseinander. Kroemer vom MDR glaubt: „Viele Gespräche sind ohnehin Stellvertreterdiskussionen – die meisten Entwicklungen passieren anderswo genauso oder ähnlich.“ Talk-Koordinator Thomas Baumann vom rbb ist vorsichtiger: „Ein originär lokales Thema werden wir bei ‚Wir müssen reden!‘ nicht diskutieren. Wenn in einer Kommune darüber gestritten wird, ob eine neue Umgehungsstraße benötigt wird oder nicht, interessiert das in der Gemeinde zwar sehr viele Menschen, die auch kontrovers diskutieren und ihre Meinung sagen werden – aber schon 20 Kilometer weiter ist dieses Interesse wahrscheinlich nicht mehr vorhanden.“

Das ist nachvollziehbar – führt andererseits aber dazu, dass sich zum Beispiel die Talks von BR, SWR und WDR manchmal arg im Allgemeinen zu verlieren. (Das angekündigte Thema „Grillwurst oder Tofu-Schnitzel? Der Kampf ums Essen“ hat die „Ihre Meinung“-Redaktion gerade kurzfristig durch eine Diskussion über die „freche“ politische Jugend ausgetauscht.)

Nerven behalten, wenn’s hitzig wird

Wie sich lokale Debatten so aufbereiten lassen, dass sie auch über die jeweilige Gemeinde hinaus Bedeutung erhalten, macht der hr ganz gut vor. Für den vom Studio Kassel verantworteten Bürgertalk „Jetzt mal Klartext!“ ist der Sender im vergangenen Jahr in den nordhessischen Luftkurort Waldeck am Edersee gefahren, um dort mit Bürgern zu diskutieren, die den geplanten Bau einer riesigen Hähnchenmastanlage verhindern wollten. Dafür waren keine aufwändigen Studioaufbauten nötig, sondern bloß ein vor malerische Burgkulisse gefahrener Camping-Anhänger. In dessen Schatten diskutierten Julia Tzschätzsch und Daniel Mauke am Brotzeittisch mit Vertreter:innen von Bürgerinitiative und Bauernverband, mit Bürgermeister und Tierärztin emotional und trotzdem sachlich über Probleme und Auswirkungen der Massentierhaltung.

„Jetzt mal Klartext!“ (hr) aus Waldeck Screenshot: HR

Das war spannender als mancher Polittalk über Verwerfungen in der Bundespolitik: Die Moderatoren behielten die Nerven, als die Debatte hitzig wurde, ordneten ein, fragten auch bei der weniger stark repräsentierten Gegenseite nach, zeigten Widersprüche auf und ließen sich nicht davon aus der Ruhe bringen, dass das um Einmischung gebetene Publikum zahlreich davon Gebrauch machte, den „Klartext-Buzzer“ zu drücken, um sich mit einem konkreten Argument ins laufende Gespräch einzuschalten.

Als Mauke erklärte, der betroffene Landwirt habe die Einladung zur Diskussion über seine umstrittenen Pläne leider nicht annehmen wollen, wurde er per Zwischenruf aus dem Publikum direkt korrigiert: „Doch, der ist da!“ Mauke stürmte daraufhin direkt zu ihm hin – doch der wollte immer noch nicht reden. „Ich find gut, dass sie trotzdem da sind“, sagte Mauke, „Sie sind herzlich eingeladen, sich jederzeit an der Sendung zu beteiligen.“ Als Inspiration für die Diskussion hatte sich die Redaktion zuvor in Niedersachen und Bayern umgesehen, um zu veranschaulichen, wie andere Landwirte und Gemeinden mit ähnlichen Konfrontationen umgegangen sind. Und am Ende der Sendung wurden auch die Zuschauer nochmal freundlich erinnert: „Wenn wir billig einkaufen wollen, ist es kein Wunder, dass billig produziert wird.“ (Ganze Sendung ansehen.)

Erst streiten, dann vermitteln

Auch rbb und MDR wollen sich um Vermittlung bemühen. Talk-Koordinator Baumann: „Wir fordern die Zuschauer auf: Bringt euch selber ein, diskutiert mit uns, zeigt Meinung! Die Sendung soll sich aber nicht alleine im Streit erschöpfen, sondern zum Ende – mit Hilfe der Moderatorinnen – auch konstruktive Lösungsvorschläge formulieren.“ Im Zweifel mit Hilfe von Experten und Politikern, ohne die auch die Publikumsdebatten nicht auskommen. „Wir werden aber nicht die Talksendungen kopieren, die bereits bekannt sind – sondern maximal zwei Politiker dazu holen, um jeweils die Pro- bzw. die Contra-Seite zu vertreten.“ Das Saalpublikum sei die „wichtigste Größe“ bei „Wir müssen reden!“, das die Firma von TV-Talkprofi Andreas Schneider (der mal Redaktionsleiter bei „Anne Will“ war) produziert. Beide Seiten sollen sich am Übertragungsort räumlich direkt gegenüber stehen. „Wir wollen eine Atmosphäre nach dem Muster des britischen Unterhauses schaffen.“

Beim ersten „Fakt ist! Bürgertalk“ aus Magdeburg steht Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, den Bürgern Rede und Antwort. „Wenn Zuschauer sich einbringen, wollen sie auch, dass auf Ihre Erläuterungen eingegangen wird“, sagt Moderatorin Heyde – und glaubt, dass sich auf diesem Weg selbst erfahrene Talkprofis noch mal aus der Reserve locken lassen. „Sobald Zuschauer mit ihren konkreten Problemen an Politiker herantreten, funktioniert die Wahlkampfsprache nicht mehr. Sie müssen anders antworten.“

„Wir halten manchmal zu wenig aus“

Und wie wählt die Redaktion aus, wer sich an der Live-Diskussion beteiligen darf – und wer nicht? Auch das könnte schließlich als vorweg genommene Zensur wahrgenommen werden. „Wir werden unsere Regionalstudios stark in die Planung einbeziehen und eine gemeinsame Gäste-Auswahl betreiben“, erklärt Baumann. Redakteur:innen sollen im Vorfeld in den Städten unterwegs sein, aus denen gesendet wird, um mit den Bürger:innen zu reden. „Wir werden aber auch Leute in unserem Set haben, deren Haltung wir nicht kennen. Das ist ein gewisses Risiko. Aber ich glaube, das müssen wir bei dieser Sendung eingehen“, meint Baumann. Anja Heyde von „Fakt ist!“ sieht es ähnlich: „Das Format ist offen. Das heißt: Jeder, der da ist, kann zwischendurch auch die Hand heben.“

Die Bedenken, dass eine aufgeheizte Debatte zur Eskalation führt, die live über den Sender geht, halten sich bei den Verantwortlichen in Grenzen. „Die einzige Chance, um glaubhaft zu bleiben, ist, dass jeder die Möglichkeit hat zu Wort kommen, wenn er es möchte“, sagt MDR-Redakteurin Uta Kroemer.

„Ich hatte in meinen Sendungen bislang noch keine komplette Entgleisung“, sagt Moderatorin Heyde. „Und so lange sich die Meinungsäußerungen im Rahmen des verfassungsrechtlich Zulässigen bewegen, muss man auch mal was aushalten können. Ich glaube, das passiert im Fernsehen immer weniger. Wir halten manchmal zu wenig aus.“ Gleichzeitig habe sie das Gefühl, dass man auch in den Hauptprogrammen wieder wacher gegenüber Kritik von Zuschauern geworden ist. „Das finde ich gut. Weil das bedeutet, das man sich stärker hinterfragt.“

5 Kommentare

  1. Jüngst gab es eine TV-Doku im Auftrag des WDR zum Thema Elektromobilität, die trotz aktuellen Produktionsdatums bereits widerlegte Thesen verbreitete und nicht „das Ganze“ im Blick hatte.

    Es ist leider so, dass die Auftraggeber die meist freien Autoren nicht (mehr) auf inhaltliche Richtigkeit prüfen.
    hier der Link zur Doku:
    https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/videos/kann-das-elektro-auto-die-umwelt-retten-video-102.html

    hier einige Auseinandersetzungen mit der Doku:
    https://www.elektroauto-news.net/2019/tv-doku-kann-das-elektroauto-die-umwelt-retten

    http://www.danzei.de/kann-das-elektroauto-die-umwelt-retten-die-story-im-ersten-enttaeuscht-mit-der-antwort/ bzw
    https://www.youtube.com/watch?v=H8eHCZCV1tM

    https://graslutscher.de/wie-eine-ard-doku-absurdes-zeug-ueber-elektromobilitaet-verbreitet-und-dadurch-den-klimawandel-verstaerkt/

    Aus dieser Diskrepanz kann auch bei anderen Themen bei eingen Kleingeistern eine allgemeine Vorverurteilung der ÖR enstehen.

  2. Habe gerade die RBB-Sendung in der Mediathek angeschaut. Tendenz: Wir geben dem Volkszorn eine Stimme. Meine Befürchtung ist, dass in diesem Format stets aufgeregte Bürger auf einen AfD-Vertreter und einen Politiker einer beliebigen „Alt-Partei“ treffen werden. Der AfD-Mensch wird Panik machen und den Zornigen nach dem Munde reden (auch wenn’s widersprüchlich wird), und „der Andere“ – in diesem Falle ein grüner Staatssekretär aus (warum auch immer) Thüringen – wird beschwichtigen und auf verlorenem Posten stehen. Tolles Konzept.

    Dass jedesmal die AfD dabei sein muss, ergibt sich aus der Logik des Formats: Angesichts der aktuellen Stimmung im RBB-Sendegebiet würde sich die Redaktion sofort den Vorwurf der Manipulation einhandeln, wenn diese Partei nicht vertreten wäre. Die ganze Sendung ist gewissermaßen eine Reaktion auf den Vorwurf, die AfD (i.e. „das Volk“) nicht anständig repräsentiert zu haben.

  3. Schade, dass das RBB nicht mit dem Vorwurf der Manipulation leben kann und meint, sich vor denen „rechtfertigen“ zu müssen.
    Ich meine ja, dass Transparenz, in diesem Falle also das kontinuierliche (öffentliche) reportieren über die eigenene Arbeit, besser hilft, um Vorurteile abzubauen, statt sich in eine Rechtfertigungsspirale zu begeben, die letztlich wieder nur den Schnuckerchen von rechts hilft, weil man so indirekt deren ursprüngliche Kritik legitimiert. (Nach dem Motto „Jeder zieht sich den Schuh an, der ihm passt.“)

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