Quengelware zum Lesen

Angeblich laufen dem Gedruckten die Leute weg. Angeblich schauen Jung und Alt nur noch auf Bildschirme und wischen eine ehrwürdige Tradition einfach beiseite. Eine Zielgruppe aber gibt es, die sich dem Digitalen noch beharrlich verweigert (oder der das Digitale noch beharrlich verweigert wird), die jedenfalls eine gewisse Schonfrist im Zustand vollkommener Unschuld genießt: kleine Kinder in der Traumzeit zwischen Pinzettengriff und Smartphone.

Hier ist das Umblättern noch eine knifflige Kulturtechnik, die gemeistert werden will. Weil sie mit dem sinnlichen Versprechen lockt, dass auf jeder weiteren Seite neue Wunder warten. Magazine für diese spezielle und durchaus anspruchsvolle Zielgruppe findet sich in Kiosken und Supermärkten unterhalb des Radars der Erwachsenen, auf Kniehöhe. Es ist Quengelware nicht zum Lutschen oder Zerkauen, sondern zum Lesen.

Unangefochtene Königin in diesem Segment ist das „Filly Magazin“. Ihre Majestät verbittet sich huldvoll, in ihrer Gegenwart die Nase zu rümpfen. Leute gibt es, die interessieren sich für veganes Hundefutter, intime Piercings, verrostete Panzer, hübsche Trockenblumen – und für alle diese abseitigen Interessen gibt es Magazine. Wer sich hingegen für etwas so Ehrwürdiges wie Einhörner interessiert, der greife zum „Filly Magazin“.

Inhaltlich steht es, obschon eindeutig „special interest“, anderen legendären „Wundertüten“, etwa dem „Stern“, in keiner Weise nach. Familie, Psychologie, Ratgeber, Humor, Spannung, Information, Opulenz – alles da, alles drin, wenn auch nur im Puppenstubenformat. Eine beinahe schon pädagogisch geschickte Hinführung zur Print-Lektüre!

Okay, die Fillys hat sich ein Spielwarenhersteller am Reißbrett ausgedacht. Aber ein Porsche Cayenne oder „Barbara“ ist auch am Reißbrett entstanden. Hier dreht eben alles sich um das Filly. Dabei handelt es sich um ein weichgummibonbonfarbenes Fabel- und Zwitterwesen zwischen Fohlen und Elfen. Der Kindchenschema-Regler ist auf „Maximum“ gedreht, desgleichen kompromisslos gestaltet sich die Farbgebung. Türkis, Rosa, Rot und Himmelblau sickern förmlich aus dem Heft heraus. Zusätzlich glitzert allenthalben Plastik, das als Swarovski®-Kristall verkauft wird.

Auch sonst erfüllt das „Filly Magazin“, was Kunst und Handwerk des Blattmachens so fordern. Es steht sozusagen auf der Schulter von Riesen. Es ist übersichtlich und von zielgruppengerechter Lakonie. Das Editorial macht nicht zu viele Worte („Willkommen in Royalia“, Punkt), das Inhaltsverzeichnis ist bündig, die Mischung optimal: Comic („Der magische Kristall“), Knobeln („Na, gut aufgepasst?“), Malen („Prinzessin Heart“), Knobeln („Lustiger Buchstabensalat“), Malen („Prinzessin Diamond und Pretty“), Knobeln („Zu Besuch im Schloss“) und, weil’s gar so schön war, noch einmal Malen („Pretty mit Spiegel“).

Wer nicht lächelt, ist nur kurz verwundert

Was anderswo der Aufmacher wäre, die Titelgeschichte, das ausgeruhte große Lesestück – das ist hier der Comic. Darin wollen Cedric und Ekaros (nicht alle Fillys sind Mädchen, aber die männlichen Zauberfohlen machen nicht den Eindruck toxischer Männlichkeit) für ihre Mutter, Königin Crystal, ein Geburtstagsgeschenk organisieren. Crystal, neugierig, folgt den Kindern auf ihrer Reise zur verwunschenen Blumeninsel, wo es, genau: einen Swarovski®-Kristall gibt! Was dumm ist, weil so die Überraschung flöten geht. Das ist lebensweltlich gedacht, und zudem gibt es lustige Aufgaben am Rande: „Frage: Wie viele Schmetterlinge zählst du in diesem Bild?“ (Spoiler-Alarm: es sind 7).

Überhaupt schauen aus diesen Seiten insgesamt knapp 100 durchwegs lächelnde Gesichter heraus. Wer nicht lächelt, ist nur kurz verwundert, denkt nach und wird gleich wieder lächeln, denn im „Filly Magazin“ herrscht Fröhlichkeit und eine große Lust zu Tanz und Ausgelassenheit.

Auch der Service kommt nicht zu kurz. Es gibt Anleitungen zum Basteln „magischer Spiegel“ sowie zum Backen „königlicher Kekse“. Wie in anderen Frauenmagazinen auch (denn das ist das „Filly Magazin“, ein Heft für die Frau von übermorgen) gibt es auch eine Psycho-Ecke: „Welches Filly passt zu dir“? Jade, die auch gerne bastelt? Heart, die auch gerne liest? Rainbow, die auch gerne tanzt und lächelt? Was Erwachsenen als unnützes Partywissen untergejubelt wird, heißt hier „Schon gewusst? Das längste Klavierstück, das je geschrieben wurde, dauert ganze 18 Stunden und 40 Minuten!“ Damit lässt sich in jeder Krabbelgruppe trefflich reüssieren.

Scharnier zwischen Fantasie und „richtiger“ Welt

Einen bedeutenden Mehrwert stellen „2 super Poster“ dar, auf denen lächelnde Fillys tanzen oder harmlose Zärtlichkeiten austauschen („Küsschen für dich!“). Der „unique selling point“ dieses Heftes aber ist ein blickdicht verpacktes Filly, anfassbares Scharnier zwischen Fantasie und „richtiger“ Welt, optimiert fürs Sammeln und Nachspielen im Kinderzimmer. The real deal sozusagen und, Hand aufs Herz, der eigentliche Kaufgrund. Man weiß nicht, was man bekommt, das sorgt für Spannung und ist eine interessante Mischung aus Überraschungsei und „Yps“-Gimmick.

Wer nun unbedingt Wasser in die Fanta gießen muss, der kann das gerne tun. Gewiss, die Filly-Figuren mit ihrer pelzigen Beschichtung waren in der Vergangenheit mit Schwermetallen belastet und sind heute noch von ausgesuchter Scheußlichkeit. Aber ja, das Heftchen ist eine frühe Einübung in das gesellschaftlich gewünschte Konsumverhalten und alles andere als das „Greenpeace Magazin“. Nur ist Kritik an Kitsch, Konsum, Kapitalismus, Konkurrenz eine erwachsene Angelegenheit, die ebenso erlernt werden will wie das Umblättern. Hier, im Sandkasten kindlicher Bewusstseinsbildung, können die Kleinsten sich schon einmal kräftig für Künftiges sensibilisieren.

Und sollte es eines Tages endlich mal so etwas wie „Missy for Grrrls“ geben, dürfte es optisch wie inhaltlich ebenfalls eine leicht andere Ausrichtung haben. Unter feministischen Gesichtspunkten und neuesten Errungenschaften der Gender-Forschung mag das „Filly Magazin“, um es dezent zu formulieren, ein wenig konservativ wirken. Eine von Weibchen oder femininen Männchen bevölkerte Welt, in der Freundschaft und Fairness und Ehrlichkeit zählen, ist vielleicht aber auch nicht die schlechteste aller Utopien.

Die Leserinnen des „Filly Magazin“ werden noch früh genug merken, was es damit auf sich hat. Sie sind zwar klein. Dumm sind sie nicht.

„Filly Magazin“ 2/2019
Blue Ocean Entertainment AG
3,99 Euro

4 Kommentare

  1. Schön, dass es weitergeht mit dem Bahnhofskiosk. Ein herzliches Willkommen für (an?) Sie, sehr geehrter Herr Frank. Die Rezension hat mir gefallen, vielen Dank!

  2. ich liebe die Sendung mit der Maus.
    Alte Männer, die sich im immer gleichen Pulli zum Idioten machen und das witzig oder was auch immer finden, hingegen nicht.
    Was das jetzt mit dem bekolumnisierten Produkt zu tun hat?
    K.A., ist aber auch egal, oder?

  3. Sie treten in große Fußstapfen, Herr Frank, aber ich schließe mich #1 an: herzlich willkommen! Ein gelungener Einstieg, sehr gut geschrieben!

    Aber zuerst Feminismus und Gender-Forschung zu erwähnen, und dann gleich im nächsten (letzten) Absatz zu insinuieren, das Heft würde nur von Mädchen gelesen, werden ihnen überkritische Leser sicher als Fauxpas ankreiden. ;)

    Und „Hier dreht eben alles sich um das Filly.“ klingt meinem Gespür nach falsch – will aber nicht ausschließen, dass es erlaubt ist.

  4. Schön, dass es weitergeht.

    Der obligatorische Hinweis hierzu ist, dass kein Mensch toxisch ist. Aber schön zu lesen, dass Fullys das auch nicht mehr sind.

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