Gemein! CDU hilft „BamS“ nicht beim Sammeln für Panini-Wahl-Album

Stellen Sie sich vor, alle vier Jahre, eine Woche vor einer Bundestagswahl, käme ein dicker, schwerer nach Telefonbuch duftender Wälzer raus, mit tausenden und tausenden kleinen freundlich dreinschauenden Portraits wahlberechtigter Bürger. Unter den etlichen Köpfen der potenziellen Wahlurnenbesucher stünden jeweils der Name und das Alter des Abgebildeten, sowie seine Antwort auf die Frage, was er nächsten Sonntag wohl wählen werde.

Anna Müller, 37, CDU. Erwin Schmidt, 62, keine Antwort. Ahmet Falan, 23, unentschlossen. Tausende Gesichter schauen sie an, manchmal statt eines Bildes auch ein Fragezeichen, weil ein wahlberechtigter Bürger nicht ermittelt werden konnte. Und man preist ihnen dieses Buch mit den tausenden Gesichtern als Wunderwerk der Erkenntnis an mit den Worten: „Diese Menschen entscheiden, wer der nächste Kanzler wird!“

Während Sie so darin rumblättern, stellen Sie fest, dass bei über der Hälfte der Portraits „keine Angabe“ und „keine Antwort“ zu lesen ist. Und während Sie im Kopf noch versuchen, zusammen zu puzzeln, was jetzt eigentlich der genaue Erkenntisgewinn eines solchen Buchs sein könnte und warum Sie Geld dafür ausgeben sollten, wispert man Ihnen triumphierend zu: „Die Bundesregierung will nicht, dass Sie wissen, wer diese Menschen sind. Aber wir haben Sie alle gesucht und angerufen.“

Die „Bild am Sonntag“ hat so etwas ähnliches gemacht und scheint dies für nichts weniger als den journalistischen Coup des Jahres zu halten. So twittert der stellvertretende Chefredakteur Christian Lindner:

Auf acht Doppelseiten präsentieren sie in einem Panini-Album aus der Hölle alle CDU-Delegierten, die in dieser Woche den neuen Parteivorsitzenden oder die neue Parteivorsitzende wählen werden, also AKK, Merz oder Spahn. Da dieser perspektivisch der Kanzlerkandidat wird, findet Lindner es auch nicht albern zu fragen:

Das ist inhaltlich natürlich ein großer Quatsch, aber das muss ich Ihnen ja nicht sagen.

„Toll“, denken Sie jetzt vielleicht trotzdem, „wir könnten jetzt also, fünf Tage vor der Wahl in der Sonntagszeitung die Wahlvorhaben der tausend Delegierten erfahren und wissen quasi vor allen anderen, wer laut ‚Bild‘-Logik der nächste Kanzler sein wird!“ Nur: Die meisten Delegierten wollen, so wie es die Wahl auch vorsieht, geheim abstimmen. Weshalb sie entweder einfach nicht auf die Anfrage der „Bild“ reagierten oder keine Auskunft gaben. Man kann also auf 16 Seiten gute 800 mal „keine Antwort“ oder „keine Angabe“ lesen, was durchzuschauen in etwa so viel Spaß macht, wie sich ausschließlich auf „privat“ gestellte Instagramaccounts anzusehen.

Dennoch: 269 der 1001 erbarmten sich und antworteten. Meistens mit: „unentschlossen“ oder der Nennung von zwei der drei möglichen Kandidaten.

Spahn nannte natürlich sich.

Schönerweise Albert Weiler auch:

Was auch immer es journalistisch werden sollte: Es ist als Fleißarbeit gestartet und als Desaster gelandet.

Unabhängig von der geringen Rücklaufquote: Ich verstehe tatsächlich nicht, welchen Erkenntnisgewinn man anstrebte. Welcher sinnvolle Mehrwert für eine politische Willensbildung sollte hier durch das Verschleißen aller Telefonkapazitäten gewonnen werden? Die Wahlen sind geheim, die Delegierten könnten rein theoretisch auch einfach irgendwas antworten, ich hätte vermutlich auch mich genannt.

„Bild am Sonntag“-Chefredakteurin Marion Horn ergänzte auf Twitter, dass es natürlich auch darum gehe, die Delegierten doch mal kennen zu lernen.

Oh ja, warum nicht! Die knapp 1000 Fotos mir vollkommen fremder Menschen wirken in ihrer Geballtheit furchtbar einladend; es ist, als hätte man bei Tinder mal testweise einen überschaubareren Radius angegeben, etwa „einmal um den Äquator“. Und ich wollte auch schon immer mal einen Sonntagnachmittag mit einer Rasterfahnung ohne erkenntliches Raster verbringen.

Hinzu kommt, dass einige Angaben schlichtweg falsch waren. Zum Beispiel wurde Matthias Hauer eine Aussage unterstellt:

Die Chefredakteurin entschuldigte sich …

… monierte aber, dass Matthias Hauer wiederum nach einer Dreiviertelstunde ihre Entschuldigung noch nicht angenommen hatte.

Das war aber nicht der einzige Lapsus:

Auf Fehler angesprochen erklärt Miriam Hollstein, eine der recherchierenden Journalistinnen sinngemäß, dass man ja wohl nicht erwarten könne, bei so einer Recherche von 1001 Delegierten sei IMMER ALLES richtig.

Immerhin verspricht die „BamS“-Redakteurin aus nicht ganz klaren Gründen eine Fehlerquote von unter 25 Prozent:

Veredelt werden soll diese publizistische Gaga-Aktion mit der Verheißung, hochgeheime Regierungsinformationen zu lesen zu bekommen, ein unter Widrigkeiten entstandenes Dokument investigativen Widerstands, quasi die Parteien-Papers der „BamS“. Viva la información möchte man fast bei so viel Einsatz rufen.

Im Artikel zur Fahndungswand der Delegierten heißt es:

Deshalb ist es unglaublich, dass die CDU die Namen zur Geheimsache erklärt.

Zumal die Delegierten ihre Wahl auf einem Parteitag treffen, der live im Fernsehen übertragen wird. Alle dort Anwesenden können fotografiert und gefilmt werden.

Doch die CDU hat große Angst davor, dass die Namen öffentlich werden. Die Parteizentrale will auf keinen Fall die Liste herausgeben. Die Pressestelle verschanzt sich hinter der Datenschutz-Grundverordnung.

Äh ja. Dass die Geschäftsstellen nicht einfach so ohne Zustimmung der Delegierten eine Liste mit deren Daten rausgeben darf, zerstört natürlich die skandalisierende Erzählung der rasenden Reporter. Das hat nichts mit unterstellter Intransparenz oder Geheimniskrämerei zu tun – sondern mit Gesetzen.

Die Bundesgeschäftsstelle warnte nach den ersten BILD am SONNTAG-Anfragen Landesgeschäftsstellen, Bezirks- und Kreisverbände, unter keinen Umständen Delegiertennamen herauszugeben. Hierzu verschickte die Datenschutzbeauftragte der Partei, Barbara von Meer, eine Alarm-Mail. Darin warnt sie vor einer Herausgabe von Namen „ohne ausdrückliche Einwilligung der Betroffenen.“

Skandalös, die dürfen keine Namen herausgeben, ohne dass die betroffene Person ein Wörtchen mitzureden hat?

Aber nicht nur das! Heißt es bei der „BamS“. Man sei auch aktiv bei den Recherchen von allen Seiten behindert worden:


Ich würde mich auch für tot erklären lassen, um nicht mit der „Bild“ zu reden. Worin diese harschen Behinderungen ansonsten bestanden – also außer, dass Delegierte ihre geheime Wahl geheim hielten? E-Mails wurden nicht weitergeleitet, Angefragte antworteten einfach nicht. Wenn das unter Behinderung fällt, dann hindere ich seit zehn Jahren den nigerianischen Prinzen in meinem Postfach daran, endlich an sein Erbe zu kommen.

Im Text zur Recherche schreibt die „BamS“ weiter:

Das erlebten BILD am SONNTAG-Reporter bei der Suche nach den 1001 Delegierten:

  • Anruf bei einer Delegierten aus Schleswig-Holstein. Sie ist überrascht, kurz sprachlos. Nach dem Gespräch twittert sie: „Der Moment, wenn dich die BILD am SONNTAG anruft und nach deiner Präferenz für die Wahl des neuen Bundesvorsitzenden befragt“.
  • Eine Delegierte herrscht den BILD am SONNTAG-Reporter sofort an: „Ich habe Ihnen nicht erlaubt, mich anzurufen!“

Krass, die armen Reporter, da machst du ja was mit. Da rufst du einfach so Leute an, fragst sie etwas, das dich nichts angeht, und dann twittern die darüber oder herrschen dich an.

Was mich an diesem Wir-gegen-alle-Widerstände-Framing so ärgert: dadurch, dass der Eindruck vermittelt wird, manche hätten die Aussage willentlich verweigert, um die Aufdeckungsarbeit der „BamS“-Reporter zu sabotieren, wirkt diese riesige Fotogalerie wie ein Pranger. Die, die ihr Recht auf das Wahlgeheimnis in Anspruch nehmen, sind die Unkooperativen, die Verschleierer, die gegen dieses „Bekenntnis zu Recherche, Print und Demokratie“ anarbeiten.

Dabei gibt es kein Anspruch auf diese Information, im Gegenteil, das Wahlgeheimnis und das Recht sich nicht mitteilen zu müssen, ist die Grundlage einer jeden Demokratie. Das nicht zu respektieren und es dann als „Bekenntnis zur Demokratie“ zu verkaufen, ist an kafkaeskem Aberwitz kaum zu übertreffen.

Der Konzeptkünstler und Poetik-Professor Kevin Goldsmith bot im Jahr 2014 an der Universität von Pennsylvania einen Kurs an mit dem Titel: „Wasting time on the Internet“.

Es ging darum, die Langeweile des Internets zu untersuchen, indem man sich kontemplativ und ohne Ziel darin bewegte. Es war ein Akt performativen Dadaismus mit der Erkenntnis, dass gute Dinge manchmal dann entstehen, wenn der Machende kein Ziel vor Augen hat.

Hier ist es genau umgekehrt: Es ist eine sechzehnseitige Dokumentation einer nutzlosen Nicht-Recherche, in ihrem Ausmaß dadaistisch. Mit einem klaren Ziel vor Augen und ohne Ergebnis. Man könnte es als Medien-Performance mit dem Namen „Wasting time in Journalism“ ausstellen. Es ist, als schreibe jemand „Liste aller Menschen, die den Kanzler bestimmen können“ auf ein Telefonbuch und hielte es für Journalismus.

6 Kommentare

  1. wie gut, dass die deutsche Sprache genügend passende und kombinierbare Adjektive bereit hält, so dass man sich angesichts solch „journalistischer Glanzleistungen“ und dahinterstehender Absichten nicht fragen muss ob man die Verantwortlichen derartiger Aktionen nur für dreist oder nur für dumm halten muss.

  2. Mittlerweile bin ich soooo froh, dass die Samira, deren Beiträge mir von Mal zu Mal besser gefallen, hier so regelmäßig zu finden ist!
    Immer pointiert, gern etwas bissig und um kein Wort verlegen: das nenne ich mir guten Journalismus.
    Glück&Freiheit
    Jens

  3. Ich würde wetten, bei ihren z. T. ja schlicht ausgedachten Antworten hat die BamS den Herrn Merz – ganz zufällig natürlich – besser dastehen lassen, als es wohl tatsächlich der Fall ist. An bloße schlechte Recherche glaube ich da nicht, da steckt doch auch Kalkül dahinter.

  4. Die meisten der 1000 CDU-Delegierten mögen bundesweit völlig unbekannt sein – örtlich oder regional gilt dies aber keineswegs. Denn es handelt sich ja bis auf wenige Ausnahmen nicht um „einfache“ Parteimitglieder, sondern z. B. um Landtagsabgeordnete, Bürgermeister, Vorsitzende von Parteigliederungen usw. Daher meine ich, dass durchaus ein Informationsinteresse besteht, wie diese Personen abzustimmen gedenken. Der Vergleich mit einem fiktiven Verzeichnis aller Wähler zur Bundestagswahl geht daher m. E. fehl.
    Auf einem anderen Blatt steht, dass die Recherche der BILD wohl tatsächlich nicht allzu viel wert war.

  5. @Keller Meine Lokalzeitung hat ebenfalls die hiesigen Delegierten befragt, wie sie abstimmen. Vermutlich viele andere Lokalblätter auch. Vielleicht war es ja der Versuch der bundesweiten BamS, lokale Nähe bei ihren Lesern zu erzeugen … Ich suche mir aus tausend Bildchen den aus, der mich repräsentiert – Erfolgsgefühl beim Finden inklusive.

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