Harper’s Inhaaltsverzeichnis

Sie ist das älteste Lifestyle-Magazin der Welt, und die aktuelle deutsche Ausgabe von „Harper’s Bazaar“ strahlt so viel handwerkliche Klasse aus, dass es nicht besonders spannend wäre, darüber zu sprechen – was ein riesiges Kompliment sein soll. Ja, es bedeutet auch, dass es wenig Überraschendes gibt in diesem Heft, aber ich halte Überraschung auch für das überschätzteste aller Elemente eines guten Produktes.

Von den meisten Dingen möchte man überhaupt niemals überrascht werden, Tische und Stühle fallen in die Kategorie, und bei anderen wird Überraschung verwechselt mit kreativer Ausführung: Dass Wassermelone mit Schafskäse eine gute Kombination ist, mag einmal überraschen, in Wahrheit lebt die Erkenntnis aber nicht von der Überraschung, sondern der Spannung, und so leben Hefte von der kreativen Ausführung des Erwarteten.

Wir nennen „überraschend“ nur deshalb als positives Kriterium, weil wir ständig von Klischees umgeben sind. Die Aufgabe eines modernen Geschichtenerzählers ist in Wahrheit nicht die überraschende Wendung, sondern die klischeefreie Exekution der alten dramatischen Regeln. Es ist lächerlich einfach, zu überraschen oder zu provozieren, aber ziemlich anspruchsvoll, Spannung und emotionales Engagement zu schaffen.

„Harper’s Bazaar“ hat in seiner Geschichte ein paar der besten modernen Erzähler versammelt, zuallererst wahrscheinlich Diana Vreeland, die so etwas wie die Erfinderin des Modejournalismus war, aber auch Fotografen wie Richard Avedon, Diane Arbus und Man Ray. Und auch die deutsche Ausgabe ist in Bezug auf das Styling und die Fotografie ihres Modeteils auf dem aktuellen internationalen Stand.1

Mich bewegt Frauenmode nur in Ausnahmefällen, deshalb kann ich das nur sehr sachlich abhandeln: Das ist alles gut. Aufgabe gut erfüllt. Aber ich würde mich dem ganzen Klischee-Kreativitäts-Dilemma gerne noch von einer anderen Seite nähern, und dafür ist diese Ausgabe überragend gut geeignet: Lasst uns bitte einmal über Inhaltsverzeichnisse reden!

Noch da?

Das freut mich, dafür wird das hier jetzt echt ein bisschen interessanter, als es wahrscheinlich klingt. Denn Inhaltsverzeichnisse zeigen einen guten Teil der kreativen Aufgabe, ein Heft zu machen.

Zunächst einmal steht kein bisschen fest, wozu man diese Inhaltsverzeichnisse überhaupt braucht. Das ist eine Frage, die Menschen überhaupt noch nie von irgendetwas abgehalten hat, ich habe schon Inhaltsverzeichnisse in Büchern gesehen, in denen die Kapitel nur „Eins“, „Zwei“, Drei“ und so weiter hießen, aber die Frage ist ja erlaubt. „Harper’s Bazaar“ hat ein ganzseitiges Inhaltsverzeichnis ohne Bilder, in denen wie überall auch solche Geschichten einzeilig angekündigt2 sind, deren Inhalt man beim Lesen so garantiert nicht versteht.

Testfrage: In der Rubrik „Style“ gibt es eine Geschichte mit dem Titel „Es steht in den Sternen“. Dabei handelt es sich um

a) Das Horoskop
b) Die Geschichte eines Mädchens, das ihr Sternzeichen nicht kennt, weil sie als Findelkind aufgezogen wurde und deshalb ihren Geburtstag nicht weiß
c) Uniformen in den besten Hotels der Welt
d) Doch sicher das Horoskop, oder nicht?

Das Problem ist klar, ja?

Immerhin habe ich hier die Information einschleusen können, dass das Inhaltsverzeichnis einmal aufreißt, dass es Rubriken im Heft gibt, nämlich „Style“, „Zeitgeist“, „Beauty“, „Fashion“, „Reise“ und die „Standards“. Der Unterschied zwischen „Style“ und „Fashion“ ist im Wesentlichen technischer Natur. „Fashion“ beinhaltet die langen Strecken mit vielen großen Modefotos, „Style“ die kürzeren mit vielen kleinen Modefotos. Oder so.

Das ergibt alles nur sehr bedingt einen Sinn, aber das ist keine spezifische Beschreibung dieses Heftes, so ist praktisch jedes. Andere Hefte haben zum Auftakt jeder Heftrubrik wieder kleine Inhaltsverzeichnisse, und die Editorials der Chefredakteure vieler Hefte sind zusätzliche kleine Inhaltsverzeichnisse in Prosaform („Lesen Sie unbedingt die Geschichte von [Hipsternamen einfügen] auf Seite XX über den Mantel aus dem Leder eines dienstagsmorgens von blinden venezolanischen Jungfrauen mundgepeitschten Erdferkels“).

Kurz: Es wird in Magazinen sehr viel erklärt, was in dem Magazin drinsteht. Ich habe keine Ahnung, ob das gut ist. Ich bezweifle es, das schimmert hier wahrscheinlich durch, aber auf jeden Fall halte ich ein Inhaltsverzeichnis für völlig sinnlos, von dessen Lektüre der Leser nicht irgendetwas mitnimmt. Da muss irgendetwas zusätzliches sein: Etwas witziges, etwas liebevolles, irgendetwas, das mehr ist als ein Index – denn der würde, wenn man ihn bräuchte, ans Ende des Heftes gehören, zum Nachschlagen und Wiederfinden.

Aber das ist erst der erste Schritt. Frage (und ja, die Antwort auf die Frage oben kommt irgendwann, aber ich gebe doch hier nicht den Trumpf aus der Hand, dass ich gespannte Aufmerksamkeit erzeugt habe)3: Wenn da nur eine Zeile steht, muss sie dann der Headline der Geschichte entsprechen, auf die sie verweist?

Man würde das denken, allerdings entstehen Headlines von Magazingeschichten immer4 in Kombination mit der Optik des Aufmachers der Geschichte, meist also dem Foto56. Wenn das, wie bei „Harper’s Bazaar“, im Inhaltsverzeichnis fehlt, wäre es vielleicht manchmal sinnvoller, einfach zu beschreiben, worum es in der Geschichte geht?

Das ist eine Glaubensfrage, und ich persönlich glaube, man sollte aus dem Inhaltsverzeichnis wann immer möglich erkennen können, worum es in einer Geschichte geht, was aber wiederum voraussetzt, dass Menschen das Inhaltsverzeichnis vor dem Blättern angucken, und nicht so sehr, um später bereits gelesene Geschichten wiederzufinden, wobei sie selbst dann wahrscheinlich eher nach dem Inhalt suchen als nach einer wörtlichen Headline. Glaube ich. Und wenn das eine Mehrheitsmeinung wäre, gäbe es keine Fragen wie die der „In den Sternen“-Geschichte. Es bleibt alles kompliziert.

Wenn ich also eine Regel aufstellen sollte,7 wäre sie, dass wir Inhaltsverzeichnisse machen, um einen Überblick und ein Gefühl für das Heft zu geben, deshalb machen wir sie wann immer möglich doppelseitig, in jedem Fall aber mit einem fotografischen Querschnitt durch das Heft, und wir vermeiden Klischees, sind witzig und erklären die Geschichten so, dass man ungefähr weiß, worum es geht, selbst wenn dabei die Original-Headline auf der Strecke bleibt.

Und das kann man alles auch anders machen.8

Mit der Kunst des guten Editorials beschäftigen wir uns ein anderes Mal.

Hier noch das: Die Antwort ist b), es ist tatsächlich die Geschichte des Findelkinds, was ich eine kreative und klischeefreie Erzählung zum Thema Astrologie finde9, genau wie eine Geschichte über Online-Dating, was ein uralter Hut ist, aber neu erzählt dadurch, dass es tatsächlich neue Überlegungen dazu gibt, wie zum Beispiel Facebook angeblich Menschen zusammenbringen will, die sich noch nicht kennen, aber von ihrem Nutzungsverhalten her eigentlich perfekt füreinander sein müssten. Ich beobachte das mal.

Harper’s Bazaar
Burda Hearst Publishing GmbH
6 Euro

Disclosure: Ich schreibe das auf einer griechischen Insel, wo ich mit einer Lawine Töchter, Freundinnen von Töchtern, Schwestern, Freundinnen und noch mehr Frauen am Strand rumliege. Soll heißen: Die Ausgabe von „Harper’s Bazaar“ ist ein bisschen zerfleddert. Sorry dafür!

8 Kommentare

  1. Tatsächlich? Das wäre dann selbst für einen Arbeitersohn aus
    Köln-Nippes etwas zu intellektuell!

  2. Ah jetzt ja, wegen Bazaar mit Doppel-a! Manchmal fällt der Groschen in Pfennigen! Mein Kompliment, Herr Pantelouris.

  3. Wobei, um den Metaawitz auf eine noch höhere Ebene zu packen, müsste man „Haarpers Inhaltsverzeichnis“ schreiben.
    Dann sieht das wie ein lustiger Friseurname aus.

  4. Ich beschäftige mich viel mit Storytelling, für Fiktion und im Journalismus. Ich lese viele Artikel , besuche Seminaren, lese Bücher und schaue mir Videos dazu an. Ich geben sogar selbst Workshops und Seminare zu dem Thema.
    Der Absatz hier fasst sehr elegant die Quintessenz aus all meinen Erfahrungen zusammen:

    „Die Aufgabe eines modernen Geschichtenerzählers ist in Wahrheit nicht die überraschende Wendung, sondern die klischeefreie Exekution der alten dramatischen Regeln. Es ist lächerlich einfach, zu überraschen oder zu provozieren, aber ziemlich anspruchsvoll, Spannung und emotionales Engagement zu schaffen.“

    Ich saß in so vielen Diskussionen, wo „Überraschung“ mit „Spannung“ verwechselt wurde. Fortan werde ich immer diesen obigen Absatz zitieren und hoffentlich die Diskussionen etwas abkürzen können.

  5. Neuer Bahnhofskiosk online – heißt das nicht eigentlich, dass der „alte“ freigeschaltet wird? ;-)

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.