Mann findet eklige Aldi-Artikel bei Merkur.de – dann wird es richtig traurig

Früher lehrte man Journalistenschüler: Die Geschichten liegen auf der Straße. Heute weiß man: Die besten Geschichten stehen auf der Facebookseite von Aldi. Und daneben sitzen die Online-Journalisten des „Münchner Merkur“ und schreiben sie ab.

Es sind große Discounter-Dramen: Weinende Kinder! Enttäuschte Kunden! Blöde Produkte! Ausverkaufte Angebote!

Neulich zum Beispiel hat sich eine Frau den Vormittag freigenommen, weil bei Aldi Damenkleider im Angebot waren. Als sie ankam, gab es jedoch nur noch Schrott. Zum Glück beschwerte sie sich auf der Aldi-Facebookseite – und:

Ein andermal kaufte eine andere Frau bei einem anderen Aldi Grillkohle, die dann allerdings beim Anzünden komisch rauchte und fies stank. Eine kurze Nachricht an das „liebe Aldi-Team“, und schon:

Und irgendwo war irgendwann ein Kind traurig, weil ausgerechnet das letzte Eis aus dem Karton von Aldi ganz klein war.

Die Discounter-Journalisten vom „Merkur“ belassen es natürlich nicht dabei, den Eintrag der Kundin auf der Pinwand nachzuerzählen. Sie schildern auch ausführlich, was sich danach ereignete. Wie manche Facebook-Nutzer das Foto von dem kleinen Eis „einfach nur komisch fanden“, wie „andere kritisierten, dass ein Kind wegen solch einer Kleinigkeit nicht gleich weinen sollte“, wie es der Mutter zu viel wurde und sie einschritt und antwortete: „Ja mei. Hat sich so sehr aufs Eis gefreut. Da fließen schon paar Tränen.“

Wie manche der Mutter vorwarfen, „sie wolle lediglich eine Entschädigung“, und andere meinten, sie bekomme jetzt „zehn Packungen Eis gratis“, und die Mutter sich vehement dagegen wehrte und schrieb, sie „heule nicht rum wegen 1,99 Euro“ und könne ihrem Kind „das milliardenfache an Eis besorgen“.

Und wie der Discounter sich schließlich zu Wort meldete und um Entschuldigung bat und meinte: „Wir hoffen, dass dein Kind mittlerweile wieder lächeln kann. Selbstverständlich könnt Ihr die Packung mit dem Eis in einer unserer Filialen zurückgeben.“

Am Ende des Artikels sind, wie das so oft ist im Journalismus, die wirklich wichtigen Fragen unbeantwortet: „Ob das die Tränen trocknen konnte, oder ob das kleine Kind dann doch noch ein schönes, großes Eis bekam, ist nicht bekannt.“

Die Leute vom „Merkur“ nehmen ihre selbstauferlegte Chronistenpflicht als Aldi-Facebookseiten-Berichterstatter sehr ernst. Sie vermelden, wenn eine Frau in ihrer Küchenmaschine ein Büschel Haare findet, das eigentlich nur aus der Packung mit den gefrorenen Erdbeeren von Aldi stammen kann.

Sie berichten, wenn eine Frau in ihren Aldi-Erbeeren auf einen Zigarettenstummel stößt.

Sie informieren ihre Leserschaft darüber, dass eine Aldi-Banane, die eine Frau gekauft hatte, rote „Brocken“ hatte.

(Die Frau war erst nur ratlos, bekam dann aber plötzlich Angst, wie der Merkur.de-Berichterstatter es formuliert, „die Flecken könnten womöglich eine Krankheit übertragen, nämlich HIV“. Ohne erkennbare Ironie schreibt er, dass die Frau „sich in der Zwischenzeit wohl im Internet informiert hatte“.)

Selbst so vermeintlich schnöde Tatsachen wie Änderungen bei der Aufbackbrötchen-Architektur im Laden werden liebevoll zu Schicksalsgeschichten umgetextet:

Und nicht immer geht es auf der Facebook-Seite von Aldi um Aldi. Neulich postete der Discounter, dass er schon „super aufgeregt“ sei wegen der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Eine Facebook-Nutzerin behauptete daraufhin, dass dafür tausende Hunde getötet wurden. Voilà:

(Vermutlich ist das die beste Art, auch brisante politische Themen ins Online-Angebot des „Merkur“ zu schmuggeln: Einfach auf eine Aldi-Seite posten.)

Ach, und irgendwas ist ja immer:

Sie geben sich viel Mühe bei Merkur.de, dass ihre Aldi-Geschichten die verdiente Aufmerksamkeit bekommen und nicht von flüchtigen Lesern (oder Suchmaschinen) übersehen werden. Deshalb aktualisieren sie immer wieder das Veröffentlichungsdatum. Die Artikel werden teilweise über Monate immer wieder umdatiert, um frisch zu erscheinen. Wenn es in der Überschrift heißt: „Schon wieder Ekel-Schock bei Aldi-Süd“, können erfahrene Merkur.de-Leser das richtig interpretieren als: „Schon wieder der alte Ekel-Schock-Artikel über Aldi-Süd“.

Nicht jeder weiß die Akribie zu schätzen, mit der die „Merkur“-Leute ihre Billigberichterstattung betreiben. Unter den Artikeln stehen zahlreiche Kommentare dieser Art:

Aldi… Ahaldiii oh Aldi du bist so groß… tagtäglich eine Aldi Nachricht

Ich möchte endlich auch mal was Ekeliches bei ALDI finden.

ich fahr jet zt zum Aldi! Bananen kaufen! Ich füttere dann die Facebooknutzer und natürlich bekommen die Online Volontäre auch ihren Teil ab.

Ich war schon 10 Jahre nicht mehr beim Aldi, aber wenn ich vielleicht mit einem Ekel Fund auch mal in den Merkur komme, gehe ich gern wieder hin. Wer weiß, vielleicht bin ich morgen schon ein Medienstar!

Ich selbst mache neuerdings ja immer öfter „Ekelfunde“ im Online-Merkur…

Yeeeaaah! Der heutige ALDI Artikel ist endlich online! Ich kann schon gar nicht mehr ohne… 🤣

Noch mehr Reis! Hurra!

Mit Journalismus hat das alles überhaupt nix zu tun. Das ist eher Schülerzeitung-Niveau und ich glaub, selbst da gibt es mehr Recherche als dieses „Abschreiben“ bei FB. Reißerische Überschriften dienen einzig und allein der Effekthascherei.

Ein Leser, der sich beschwert und fragt: „Was hat das für einen Stellenwert in der Onlineausgabe einer Tageszeitung?“, bekommt von der Redaktion zur Antwort:

Discounter-Artikel sind sehr populär, für ein kostenloses Angebot ohne Bezahlschranke, wie wir es anbieten, ist dies enorm wichtig. Wen diese Artikel nicht interessieren, kann sie gerne ignorieren und sich „wichtigeren“ Themen auf unserer Seite widmen.

Die Ekel-Texte erscheinen nicht nur auf Merkur.de, sondern werden von der Ippen-Digital-Zentralredaktion an ein Netzwerk aus 50 Onlne-Portalen ausgeliefert. Dadurch erfahren auch die Leser der „Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen“, des „Siegerland Kurier“ und von fehmarn24.de von den Dramen auf der Aldi-Facebook-Seite. „Die ID-Zentralredaktion arbeitet nicht nur angebotsorientiert wie die meisten Traditionsmedien“, sagt Chefredakteur Markus Knall. „Wir denken in Ergänzung auch nachfrageorientiert. Da sich sehr viele Menschen für Themen rund um Diskounter wie Aldi, Lidl oder Rewe interessierten, gehörten entsprechende Inhalte zu unserem Themenset.“ Die Grundhaltung der „Nachfrage-Orientierung“ stehe hinter den Aldi-Texten. „Im Detail gibt es dann natürlich auch Themen aus den Social Netzwerken.“

Auf den Vorhalt, dass die Überschriften wie „extremes Clickbaiting“ wirken, antwortet Knall:

„Ich finde ‚Clickbait‘-Überschriften super. Journalisten, die es schaffen, mit guten Zeilen Leser in ihre Texte zu ziehen, beherrschen ihr Handwerk. Was aber nie passieren darf, ist eine Produktenttäuschung: Die Erwartung, die ich in Überschriften wecke, muss im Text auch erfüllt werden. Wird die Erwartungshaltung erfüllt, spricht nichts dagegen, dass Autoren einen Spannungsbogen aufbauen, der im Leser das Gefühl weckt, unbedingt diesen Text lesen zu müssen.“

Leser, bei denen eine Ippen-Digital-Überschrift zu einem Aldi-Drama dieses Gefühl nicht weckt, haben in der Regel weitere Chancen, sich in Berichte darüber ziehen zu lassen: Teilweise werden die Erlebnisse auf der Aldi-Facebook-Seite auch von ProSieben verfilmt. Und derwesten.de, das Billig-Angebot der WAZ, bereitet die bekannten Fälle, all die HIV-verdächtigen Bananenbrocken und Haarbüschel in gefrorenen Erdbeeren, gern nochmal in eigener Form und mit falschen Ortsangaben auf …

… und notfalls doppelt:

10 Kommentare

  1. Mich wundert, dass es bei „das kleine Kind“ bleibt.
    Das weckt doch keine Emotionen.
    „Der 9-jährige Timmy (tats. Name und Alter liegen der Redaktion vor) weint bitterlich (…)“ kommt doch viel besser!
    Der Reichelt muss mal durchgreifen – Wenn das so weiter geht, findet man bald noch seriösen Journalismus in der Bild.
    Das will doch wirklich niemand.

  2. @Anderer Max

    (tats. Name und Alter liegen der Redaktion vor)

    Das hätten Sie sich, würde es der Wahrheit entsprechen, auch sparen können. Selbst meine 3-jährige Tochter weiß, dass der kleine Timmy (9) von seinen Eltern ganz bestimmt nicht einfach so ein Eis bekäme.
    Vielmehr wollen Sie wohl vertuschen, wie der nichtsnützige Rotzbengel Teile der Eiskrem seiner Eltern entwenden konnte, ohne dass man es der Packung ansah. #Lückenpresse #thievesnotwelcome

  3. Apropos Leistungsschutzrecht, muss der Merkur nicht Aldi Geld zahlen, weil der einfach Inhalte aus Aldiregalen nutzt, um Traffic zu erzeugen?

  4. Daumen hoch für diesen Artikel, hab mich schon gewundert wer denn immer auf solche Überschriften klickt, tapfere Journalisten wie sie haben sich in des Clickbait-Kriegsgebiet begeben um das herauszufinden!

  5. Genau wegen dieser schwachsinnigen Klick-Bait-Headlines (und „Geschichten“) habe ich Merkur.de aus meinen newsfeeds geblockt. Eigentlich schade, weil es auch gute Geschichten in dem Blatt, etwa zur bayerischen Landespolitik, gibt, auf die ich so leider verzichten muss. Weniger Klick-bait wäre vielleicht mehr. Andere, sogar Focus Online, scheinen das so langsam zu merken

  6. Diese, Entschuldigung, saublöden Klickbait-Artikel (Journalismus kann man das ja nicht nennen), laufen bei Merkur oder HNA nicht nur mit Aldi. Die Form ist immer die Gleiche. Beispiel heute:

    „Polizisten stoppen kaputtes Auto – als sie hinein blicken, stockt ihnen der Atem“

    https://www.hna.de/welt/polizisten-baff-beamte-stoppen-demoliertes-auto-dann-stockt-ihnen-atem-zr-10036246.html

    Inhalt: Null. Abgefahrene Reifen, kaputte Stoßstange etc. Webseiten für Doofe werden so generiert.

    Gerne werden auch Discounter- oder Burgerbrater-Aktionen begleitet, tagtäglich. Eine McDonalds-Woche wurde mal jeden Tag so dermaßen werblich hervorgehoben (a la „Dieses McDonalds-Produkt könnte heute ausverkauft sein“ ). Nachdem ich mich beschwert habe, es handele sich um dreiste Werbung, die so nicht gekennzeichnet sei, wurde der Artikel gelöscht.

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