Clickbait-Kakerlake frisst den „Westen“ auf

Im ersten Teil von „Men in Black“ gibt es einen Mann namens Edgar. Ein einfacher Bauer vom Land, der eines Abends stirbt, dann aber wieder auftaucht und irgendwie merkwürdig ist. Er sieht anders aus, klingt anders und wird immer seltsamer, bis sich herausstellt, dass sich unter seiner Haut kein Mensch mehr verbirgt, sondern eine Monster-Kakerlake, die süchtig ist nach Zuckerwasser.

Auch bei der Funke-Mediengruppe gibt es einen Edgar, er heißt „DerWesten“.

Einst ein seriöses, ambitioniertes Onlineportal (unter dessen Dach die damalige WAZ-Gruppe die Internetauftritte ihrer Tageszeitungen WAZ, NRZ, IKZ, WR und WP bündelte), starb „DerWesten“ 2011. Seit 2016 ist die Seite wieder da, aber irgendwie merkwürdig. Sie sieht anders aus, klingt anders und wird immer seltsamer, und bei genauerem Hinsehen stellt sich auch heraus, warum: Sie ist nicht das, was sie vorgibt zu sein.

Es der jungen Zielgruppe zeigen

Was sie vorgibt zu sein, verkündete der Verlag zum Neustart: „Das Portal DerWesten.de wurde neu gelauncht als Nachrichten- und Unterhaltungsangebot für eine junge Zielgruppe im Ruhrgebiet.“ Ein „attraktives Angebot für die junge, mobile Zielgruppe“. „Schnell, emotional, unterhaltsam und mobil – genau wie die junge Zielgruppe.“ „DERWESTEN als Portal für die junge Zielgruppe.“ „Für eine junge Zielgruppe präsentieren wir Nachrichten in einem ganz neuen Look & Feel“.

Oder in den Worten des damaligen Chefredakteurs:

Wir machen derwesten.de: für dich!

Mit den Geschichten, die dich betreffen. Die dich bewegen. Die dir helfen. Die dir Spaß machen.

Wir sind mittendrin, denn wir leben hier im Revier – genau wie du. Weil es eine coole Region ist. Nicht geleckt wie München, nicht verhipstert wie Berlin. Vielleicht nicht überall postkartenreif, aber mit Charme. Mit Herz. Mit Ehrlichkeit. (…)

Wir zeigen dir, was gerade in deiner Stadt passiert. (…) Wir zeigen dir, wie du auch mit wenig Barem Spaß haben kannst. (…) Wir sagen dir, wo du im Revier unbedingt mal hin musst.

Und so kam es dann auch:

Bunt, knackig und immer „auf Augenhöhe mit der Zielgruppe“.

Jedenfalls in den ersten Tagen.

Andi Borg statt „Kern-Asis“

Inzwischen aber, gut anderthalb Jahre später, sieht’s im „Westen“ anders aus. Statt „Das sind die geilsten Kern-Asis aus dem Ruhrgebiet“ oder „So erkennst du, ob deine Freunde dich bei WhatsApp anlügen“ liest man jetzt Dinge wie:

Das schießt dann doch um einige Jahrzehnte an der vermeintlichen Zielgruppe vorbei. Artikel wie die zu Beginn, zugeschnitten auf die Kids im Ruhrgebiet — „Geschichten, die dich betreffen. Die dich bewegen. Die dir helfen. Die dir Spaß machen“  —, sucht man heute vergeblich. Auch sonst deutet nichts darauf hin, dass es dem Verlag ernsthaft darum geht, mit der Seite eine junge Leserschaft zu erreichen.

Es scheint vielmehr so, als habe sich „DerWesten“ das Label des „jungen Portals“ nur aus einem Grund gegeben: um ungestört Clickbait zu betreiben.

Die meisten Artikel, die auf der Seite erscheinen, sehen so aus:

(Ein Stück Holz.)

(Personalengpässe.)

(Sie suchte eine Freundin.)

(Putin einzuladen.)

(Der blinde Passagier flüchtet.)

(Ein Pony.)

(Sie ist nicht ganz so groß wie auf der Verpackung versprochen.)

(Pferdeknochen.)

(Der Angestellte blieb ruhig und rührte sich nicht.)

Das Portal klick-ködert selbst bei Sexualstraftaten:

(Weil er sie sexuell missbraucht.)

(Er entblößt sein Geschlechtsteil.)

Und bei Gewaltverbrechen:

(Er soll ihnen Gras geklaut haben.)

(Über Facebook.)

Mitunter sogar als ganze Serie:

Hätte „DerWesten“ solche Überschriften vor ein paar Jahren benutzt, wären sie ihm wohl um die Ohren geflogen. Heute aber, so als angebliches Junge-Leute-Portal, gar kein Problem.

Und die Masche zahlt sich aus. Allein im letzten Jahr haben sich die Nutzerzahlen nahezu verdoppelt: Laut AGOF kam „DerWesten“ im Juni 2018 auf 6,94 Mio. Unique User ab 16 Jahren. Ein Jahr zuvor waren es noch 3,65 Mio. ab 14 Jahren (wegen der Datenschutz-Grundverordnung werden inzwischen nur noch User ab 16 Jahren ausgewiesen).

Quelle? Facebook. Recherche? Och nö.

Die journalistische Tiefe illustriert ein aktuelles Beispiel:

Zwölfhundert Zeichen später weiß man, dass dort Kartoffel-Snacks verkauft wurden, auf dem Schild aber die Marke „Whiskas“ stand. Ja Wahnsinn.

Ist Aldi-Tiefkühlkost in Wahrheit also bloß Katzenfutter? Böse Zungen würden das sicher gerne behaupten. Doch wie so oft steckt dahinter einfach nur menschliches Versagen.

„Oh, da hat sich wohl ein Fehler eingeschlichen!“, meldete sich Aldi Süd denn auch auf Weimers Nachricht samt Foto auf Facebook. Die Kundin solle dem Discounter doch bitte Ort und Filiale nennen, damit man das Missgeschick beheben könne.

Ob Weimer der Bitte nachkam, ist nicht bekannt.

Doch, ist es: Sie ist der Bitte nachgekommen. (Wir haben, im Gegensatz zum „Westen“, bei ihr nachgefragt. Recherchezeit: Unter 40 Sekunden.)

Der ganze Artikel beruht auf einem Facebookfoto — ein gängiges Prinzip des Portals: Ein Mitarbeiter findet irgendwo in den Sozialen Medien ein Foto, denkt sich etliche belang- und recherchelose Zeilen dazu aus, Was-dann-geschah-machte-sie-fassunglos-Überschrift, fertig.

Die Redaktion besteht aus 16 festen Mitarbeiter, die sich zwischenzeitlich sogar dem Niveau ihrer Funke-Print-Kollegen annähern – etwa wenn es um Michael Schumacher geht.

(Seine alten Rennwagen werden ausgestellt.)

(Beim Abendessen in privater Runde sei er immer „überaus sympathisch“ gewesen.)

(Beruflich ging es zwischen den beiden heiß her.)

(Seine Renninitialien sind SCM.)

(Er wurde sieben Mal Weltmeister.)

Was für Kakerlaken-Edgar das Zuckerwasser ist, sind für den „Westen“ die Klicks. Um ranzukommen ist ihm jedes Mittel recht, zur Not schlüpft er einfach in eine andere Haut.

Fehlt nur das Blitzdings, um das alles wieder zu vergessen.

4 Kommentare

  1. Schöne neue Medienwelt.

    Ich war damals auf der Party zum zweijährigen Geburtstag der deutschen Huffington Post. Damals schon schockiert über die dortigen Inhalte, fragte ich Cherno Jobatey (Herausgeber) und Sebastian Matthes (damals Chefredakteur), ob diese ganze Huffpo-Story ihr journalistischer Ernst sei.

    Die kamen aus der gegenseitigen Schulterklopferei gar nicht mehr raus und versicherten mir, dass dies die Zukunft des Journalismus sei. Sie nannten es „nachfrageorientierter Journalismus“.

    Damals habe ich noch geschmunzelt. Doch es scheint, als behielten sie Recht.

    (Sebastian Matthes hat bei der Huffpo einen so tollen Job gemacht, dass er jetzt beim Handelsblatt stellv. Chefredakteur und Head of Digital ist).

  2. Ich muss sagen, es gibt eine Sache bei der ich Clickbait wirklich mag: Wenn man so eine Art Minirätsel macht. Ansonsten: Einfach bleiben lassen!

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