Sind wir echt so scheiße?

Unter dem Label „Journalist“ verbergen sich jede Menge Berufe, aber man kann sie grob in zwei Spezialisierungen aufteilen: Es gibt Spezialisten des Inhalts und Spezialisten der Form, das heißt, manche Kollegen haben zum Beispiel tiefe Expertise zu einem bestimmten Thema und andere können „gut schreiben“ oder führen grandiose Interviews.

In selteneren – aber auch wieder nicht seltenen – Fällen kommt beides zusammen, zum Beispiel haben viele der Kommentatoren der Radio-Bundesligakonferenz am Samstagnachmittag extreme Expertise in Bezug auf Fußball und sie beherrschen gleichzeitig die für mich fast mystische Kunst der Live-Reportage1in ihrem Medium. Aber als Faustregel gilt: Niemand kann alles, und jedes Medium braucht alles, also ein Team, das sich ergänzt.

Wenn ich Spezialist der Form sage, meine ich damit in Wahrheit auch schon wieder zwei Dinge auf einmal, denn es gibt neben der eben angesprochenen „journalistischen Form“, also etwa der Reportage, dem Interview, der Glosse oder dem Porträt, auch die physische Form des Mediums. Im Fall von Magazinen ist das die Gestaltung, der Satz und so weiter, und im Fernsehen, Radio und den online möglichen Formen die Präsentation in Raum und Zeit. Das war jetzt alles Vorrede, von der ich hoffe, dass sie sich gleich erschließt.

Doppelseite mit einer Weltkarte, auf der Länderfahnen stehen.

Unter dem Label „Journalist – das Medienmagazin“ erscheint auch eine Zeitschrift, die nur punktuell im Bahnhofskiosk zu finden ist, für den absurd hohen Preis von zwölf Euro, und die vor allem verteilt wird als Mitglieder-Magazin des Deutschen Journalistenverbandes. Es wird also vor allem für Journalisten geschrieben, die wahrscheinlich ein schlimmes Publikum sind.

Wir können eine der angesprochenen Formen beim Betrachten des „Journalist“ gleich streichen: Das Magazin sieht nicht schön aus. Es leidet an demselben Problem wie Wirtschaftsmagazine, nämlich dass es mit mehr oder weniger kreativen Symbolbildern auskommen muss und mit Fotos von regelmäßig nicht hollywood-kompatibel aussehenden, oft mittelalten, männlichen Protagonisten, die selten etwas spannenderes tun als reden. Schönheitspreise gewinnt man damit nicht.2

Als Verbandsmagazin kann der „Journalist“ auch nicht so richtig auf das eine Bedürfnis eingehen, das die meisten Journalisten eint, also: Branchenklatsch.3 Beim „Journalist“ nimmt und meint man den Journalismus über Journalismus ernst, was zweifelsfrei nötig ist und manchmal auch anstrengend.

In der aktuellen Ausgabe ist die größte Geschichte ein Interview mit dem WDR-Intendanten Tom Buhrow. Ein großes Thema dabei ist vor allem der Umgang des Hauses mit den im Zuge der #MeToo-Debatte aufgekommenen Vorwürfen zu „Machtmissbrauch und sexueller Belästigung in seinem Haus“, die inzwischen teilweise belegt sind, aber es geht auch um den Zustand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks unter Budget-Druck. Buhrow ist, wie der Interviewer Hans Hoff, ein Vollprofi, und das Gespräch ist insofern echt, als dass Hoff die wunden Punkte anspricht und Buhrow sie erklärt, unter anderem auch, wo er die Fehler sieht, die er und sein Sender in Bezug auf den Umgang mit Vorwürfen und den Schutz der Mitarbeiter gemacht haben.

Titelseite des Magazins "Journalist" mit einem Foto von Tom Buhrow im Gespräch, Schlagzeile: "Wir haben Fehler gemacht"

Ich fand das Interview interessant, aber ich habe es, ehrlich gesagt, nicht für revolutionär gehalten, bis ich später das Editorial des „Journalist“-Chefredakteurs gelesen habe: „Es gibt nicht so viele Intendanten oder Senderchefs, die öffentlich Fehler zugeben würden“, schreibt Matthias Daniel, und ich glaube ihm das. „Buhrow redet nicht drumherum, er wälzt es nicht auf die Vergangenheit ab oder spricht in einem nebulösen ‚wir‘. Er nimmt es auf sich.“ Und später in dem monothematischen Editorial schreibt es Daniel noch einmal: „Buhrow stellt sich, er erklärt, er gibt Einblick.“

Ich muss sagen, ich habe mich dann über mich selbst erschrocken, wie sehr es mich überrascht hat, dass ein als Medienjournalist mit diesen Dingen sehr viel erfahrener Kollege als ich es bin – ich würde sagen, zwischen uns verläuft die Grenze zwischen „kann das beurteilen“ (er) und „kann das echt nicht beurteilen“ (ich) – so erstaunt ist, dass ein Journalist Dinge beim Namen nennt und Fehler zugibt.4 Was mich zu der Frage bringt, die wahrscheinlich hochgradig naiv ist: Sind wir als Branche echt so scheiße?

Die Antwort ist wahrscheinlich komplex, und sie hat viele Seiten. Ich glaube, wir sind auch eine Branche, die sich selbst schlecht macht, was nicht dasselbe ist wie Kritik.5 Wir zerfleischen uns. Und gleichzeitig, ohne dass ich zu wissen vorgebe, was hier Henne und was Ei ist, sind wir offenbar regelmäßig eitel und kritikunfähig. Das sind nicht wirklich die besten Voraussetzungen für Kommunikation, was ironisch ist, wenn Kommunikation unser Gewerbe ist.

Doppelseite mit einem Foto, das zwei Männer zeigt: einen mit langem Bart, Kappe und Holzfällerhemd – und mit Oberlippenbart und Sakko. Sie unterhalten sich.

Weiter hinten im Heft kommt eine – sogar ganz schön fotografierte – Geschichte über Lokaljournalismus, der offenbar so etwas wie die Landflucht für talentierte junge Blattmacher wird, und es gibt ein Interview mit den Sportchefs von ARD und ZDF zur WM in Russland und den Herausforderungen, die ein Turnier in einer Autokratie mit sich bringt – journalistisch macht es das natürlich noch spannender –, aber alle anderen Beiträge im Heft handeln von den Problemen der Branche: von Regionalverlagen, die zu Werbeagenturen mutieren, von einer Bilderplattform mit „Wohnideen“, die alle von Möbelherstellern stammen – alles Dinge, die das Gefühl wachsen lassen, Journalisten werden mehr und mehr zu simplen PR-Sortierern und Werbetextern.

Das ist insgesamt gut und sauber und professionell berichtet, aber ich hoffe trotzdem heimlich, dass möglichst kein junger Mensch mit großen Idealen und dem Berufsziel Journalist den „Journalist“ liest und danach seine Träume begräbt. Bevor wir alle aufs Land fliehen, sollten wir wahrscheinlich dafür sorgen, dass diese journalistischen Arbeitsplätze wieder Spaß machen und offen und ehrlich das sind, was draufsteht. Auch wenn das eine Form ist, die wir erst wieder lernen müssen. Darin sind wir schließlich Spezialisten.

Journalist
New Business Verlag (Herausgeber: Deutscher Journalisten-Verband)
12 Euro

6 Kommentare

  1. Ich bin junger Journalist mit (noch ;) ) Idealen – und ich verwerfe den Beruf nicht, obwohl ich den Journalist lese. Die Sorge ist unbegründet. Die Probleme der Branche sind denen, die das Magazin lesen, doch längst bekannt. Und wenn nicht, wird einem das spätestens im ersten Praktikum lang und breit erzählt, bevor man den Journalist in die Hand kriegt.

  2. Wie immer eine schöne Kolumne, der beste Stelle jedoch die (unbeabsichtigte?) Gegenüberstellung des Zitats „Buhrow redet nicht drumherum, er wälzt es nicht auf die Vergangenheit ab oder spricht in einem nebulösen ‚wir‘“ mit der Titelseite („Wir haben Fehler gemacht“) ist.

    (Wahrscheinlich ist das ein Gag, den ich nicht kapiere, aber müsste es in Fußnote 2 nicht „Case in point“ anstatt „Point in case“ heißen?)

  3. Die Journalisten liegen beim Ranking der vertrauenswürdigsten Berufe traditionell weit hinten, ungefähr zwischen Politikern und Auftragsmördern. Insofern muss man die Überschriftenfrage mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten. Ihr seid so scheiße!
    (Anwesende natürlich ausgeschlossen!)

  4. Das Interview mit Tom Buhrow war nicht der Hit. TB hat drei Fehler eingestanden, die ihm nicht wehtun. Da hätte ein Interviewer noch ganz anders den Finger in die Wunde legen können. Kein Wort darüber, wie es denn eigentlich sein konnte, dass im WDR diese Sache so lange so bewusst unter den Teppich gekehrt werden sollte, auch unter Buhrow. Kein Wort darüber, ob es eigentlich noch irgendein Gremium gibt, das im WDR als Aufsicht funktioniert und nicht als Haufen von Hobby-Gremiengremlins, die stets abnicken, was der liebe Tom so serviert.

    Dass er so tut, als ob es innerhalb des WDR keine Ängste geben würde, hat innerhalb der Mitarbeiterschar schon für Verwunderung gesorgt. Schade ist dann nur, dass Hans Hoff wenig nachhakt. So etwas hängt ja nicht selten schlicht damit zusammen, dass Interviews schlecht vorbereitet sind. Wer intensiv vorher recherchiert und sich die Mühe macht, sich vorher mal umzuhören, der fällt nicht auf einen angenehmen Plauderton herein.

    Die Kommentierung von Matthias Daniel: einfach nur peinlich. Da hätte er sich einfach nur mal mit den djv-Leuten im WDR kurzschließen sollen, bevor er loslegt.

  5. Das „wir“ in „Wir haben Fehler gemacht.“ ist wohl kein plural maiestatis, von daher bindet er sich nicht alle Schuld selbst ans Bein.
    Andrerseits, sofern er nicht persönlich Frauen bedrängt hat, kann er ja auch nicht alle Schuld tragen.

    Dass es „problematisch“ ist, Fehler zuzugeben, wenn Verfahren anhängig sind, ist jetzt aber überall so, nicht nur bei Medien.

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