Die unheimliche Anziehungskraft des N-Wortes

Als Deutscher hat man’s auch nicht leicht, und ein größeres Trauma, jedenfalls der weißen Einheimischen, scheint es zu sein, seit einiger Zeit das N-Wort nicht mehr sagen zu dürfen. Immer wieder wird die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit dieses Tabus diskutiert; lange Abhandlungen werden verfasst, die ausführlich aus linguistischer oder historischer Perspektive für die Unschuld dieses Wortes plädieren; Leute postulieren, Wörter könnten ohnehin nicht rassistisch sein, nur Menschen.

Und wenn irgendwo, sagen wir im „Sachsenradio“ des MDR, eine Diskussion angesetzt wird über den vermeintlichen Fluch der angeblich herrschenden political correctness, dann ist es kein Zufall, dass in der Ankündigung diese Frage zuerst auftaucht: „Darf man heute noch ‚Neger‘ sagen?“

Dabei ist eine andere Frage längst viel interessanter: Warum wollen die Menschen unbedingt dieses Wort benutzen? Warum hängen sie so verzweifelt daran; wieso benutzen sie nicht einfach ein anderes, weniger problematisches, weniger belastetes, Schwarzer zum Beispiel. Warum müssen die Leute das N-Wort aussprechen; warum reicht ihnen als Grund, es zu lassen, nicht einfach die Aussage vieler Betroffener, dass sie das Wort als rassistisch und beleidigend empfinden? Was macht dieses Wort so unwiderstehlich?

Menschen kritisieren die angeblich herrschende political correctness: Sie führe dazu, dass Probleme nicht benannt oder heruntergespielt werden, unterdrücke unerwünschte Positionen, mache klare Aussagen („Klartext“) unmöglich. Was auch immer davon real und bedenklich sein mag: Nichts davon hat mit der Tabuisierung des N-Wortes zu tun. Sie hat exakt keinerlei negative Auswirkungen – außer natürlich für Menschen, die nicht davon lassen wollen, ein Wort zu benutzen, das nur noch Rassisten benutzen, und die nun erklären müssen, warum sie trotzdem keine Rassisten sind.

Es gehört eine große Menge Ignoranz dazu, im Jahr 2018 noch zu fragen, ob man das N-Wort noch sagen darf. Schon das ist eine Beleidigung für die Menschen, die mit dem Wort gemeint sind. Das Wort selbst dann noch auszuschreiben, macht es noch schlimmer.

Es ist auch mindestens originell, ausgerechnet die frühere AfD-Chefin Frauke Petry als Expertin zu befragen, ob man das Wort noch sagen darf, aber das ist nicht nur niedlich, sondern hat einen eindeutigen Effekt: Es kehrt Täter und Opfer um. Der MDR Sachsen leitet auf seinen Internetseiten das Interview mit Petry mit den Worten ein:

Weil er Noah Becker als „kleinen Halbneger“ bezeichnete, muss sich der Dresdner AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier vor der Staatsanwaltschaft verantworten. Doch auch außerhalb der Justiz sorgte der Fall für Streit darüber, was man eigentlich noch sagen darf.

Schon die pikierte Formulierung „eigentlich noch sagen darf“ ist verräterisch. Vor allem aber sind damit die Betroffenen schwarzen Menschen als Opfer der Beleidigung aus dem Blick gerutscht; stattdessen ist „man“, der weiße Deutsche, bedroht. Er kann sich nicht mehr sicher sein, was er sagen darf und was nicht.

Die Zumutung ist plötzlich nicht mehr, mit dem N-Wort bezeichnet zu werden, sondern ein Wort weggenommen zu bekommen. Das Problem ist nicht mehr der Rassismus, sondern die Gefahr, für einen Rassisten gehalten zu werden.

Vielleicht wollen die meisten bürgerlichen Deutschen eigentlich gar nicht weiter das N-Wort benutzen. Aber sie wollen es sich nicht verbieten lassen.

Für kaum etwas ist in den Feuilletons des Landes so leidenschaftlich gekämpft worden, wie für die Möglichkeit, seinen Kindern Geschichten vorzulesen, in denen das N-Wort vorkommt. Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf sagt, ihr Vater sei ein „Negerkönig“ (wohlgemerkt: kein schwarzer König, sondern ein weißer Herrscher über Schwarze). Als der Verlag das Wort vor einigen Jahren in „Südseekönig“ änderte, gab es gewaltige Aufregung. Als „harmlose Relikte eines historischen Alltagsrassismus“ bezeichnete Iris Radisch solche Wörter in der „Zeit“ (natürlich in einer Titelgeschichte unter dem Titel „Was man nicht mehr sagen darf“). Nicht harmlos dagegen finden sie und viele ihrer Kollegen den Versuch, solche „Alltagsrassismen“ aus Kinderbüchern zu entfernen. Ohne N-Wort ist Pippi Langstrumpf einfach nicht mehr dieselbe.

Der Kollege Matthias Dell hat sich vor zweieinhalb Jahren in seiner Medienkolumne im „Merkur“ mit der „Faszinationsgeschichte“ des N-Wortes befasst. Er schreibt:

Das N-Wort ist der verführerischste Name der Abwertung, der prominenteste und mächtigste, weil älteste (nicht zu sagen: traditionsreichste) Begriff des Hasses, in dem wie in einer Zip-Datei die Jahrhunderte alte, blutige Geschichte des Rassismus kompromiert ist und dessen Aussprache daher ein ganzes Bündel an Attraktionen freisetzt, die schwer zu beschreiben sind, weil sie Bereiche berühren, die sich nicht leicht rationalisieren lassen – das macht das Spiel mit dem eigentlich problematischen Wort so faszinierend für die bürgerlichen Stände.

Anlass war, dass der damalige bayerische Innenminister Joachim Hermann (CSU) in einer Sendung „Hart aber fair“ gesagt hatte: „Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger, der den meisten Deutschen wunderbar gefallen hat.“ Moderator Frank Plasberg hatte ihm zuvor ein Video von einem Bayern gezeigt, der gleich dreimal bewusst das N-Wort benutzte, um hinzuzufügen, dass „die nicht hier bleiben können, die passen nicht zu uns“. Plasberg wiederholte das Zitat in der Folge sicherheitshalber noch mal.

Darin sieht Matthias Dell einen besonderen Reiz. Wenn man das N-Wort benutzen kann, nicht um es sich zu eigen zu machen, sondern um sich von ihm oder seinem ursprünglichen Sprecher zu distanzieren:

Im Aussprechenwollen des N-Worts über die Bande des vermeintlich notwendigen Zitats oder des vorgeblichen guten Zwecks (Kritik) verbinden sich mehrere psychosoziale Prozesse: der Reiz des Verbotenen; die exhibitionistische Tapferkeit des Sagenkönnens eines gemeinhin inkriminierten Begriffs; das Gefühl der Erhebung über die gesellschaftlich und intellektuell niedriger gestellten Stichwortgeber und, vor allem, über die damit Gemeinten, was eine nicht unbedingt reflektierte, aber tiefempfundene Lust triggert, die Kern und Mächtigkeit unseres Rassismus berührt (…).

Ich weiß nicht, ob ähnliche Mechanismen auch bei der Berichterstattung über die MDR-Sachsen-Sendung eine Rolle spielten, die nach heftigen Protesten abgesagt wurde. Jedenfalls hatten die Kritik an deren irrwitzigem Tweet, in dem sie fragte, ob man noch das N-Wort sagen darf, zur Folge, dass plötzlich überall groß in den Schlagzeilen das N-Wort stand, gern in Kombination mit „-Tweet“ oder „-Debatte“.

Nun ist es für Medien (und wie man an diesem Artikel sieht, auch für Übermedien) tatsächlich fast unmöglich, über die Sache an sich zu berichten, ohne den Auslöser der Sache auch zu benennen. Das heißt auch: die inkriminierte Formulierung zu zitieren. Man könnte aber trotzdem versuchen, zumindest ein Bewusstsein dafür empfinden, dass tatsächlich jede Nennung des Wortes problematisch ist und sie entsprechend auf das Notwendigste zu reduzieren.

Stattdessen löst jede Diskussion über die Unmöglichkeit, das N-Wort zu sagen, aber eine Inflation des N-Wortes aus, die zum eigentlichen Anlass völlig paradox ist. Medien berichten über die Unmöglichkeit, das N-Wort zu benutzen, indem sie das Netz mit dem N-Wort fluten.

Die „Welt“ hat es geschafft, einen Artikel zur Verpöntheit des Wortes zu veröffentlichen, der es allein in der Überschrift gleich zweimal anführt und im Text dann noch 27-mal, in der ursprünglichen Form und in allen möglichen, oft beleidigend oder rassistisch wirkenden Kombinationen. Es soll eine „Wortbetrachtung“ sein, aber der Eindruck drängt sich auf, dass es dem Schreiber im von Matthias Dell beschriebenen Sinne eine besondere Freude war, sich endlich einmal richtig auszutoben. (Da die „Welt“ diese Wörter häufig kursiv geschrieben hat und kursive Wörter bei Welt.de fett erscheinen, ist der Effekt besonders eindrucksvoll.)

Einige werden diesen Übermedien-Artikel, in dem ich die Lust am Aussprechen des N-Wortes kritisiere, dafür kritisieren, dass er auch nicht darauf verzichtet hat, das N-Wort zu nennen. Es gibt die Theorie, dass solche Wörter bei Betroffenen Erinnerungen an traumatische Erfahrungen wecken können. Danach wäre jede einzelne Nennung schon inakzeptabel.

Ich habe Zweifel, ob sich das auf journalistische Texte anwenden lässt, wenn überhaupt. Aber es ließe sich leicht ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass ein Wort, das problematisch ist, problematisch ist – und den Gebrauch auf ein Minimum reduzieren. Der Vermeidungsbegriff „N-Wort“ sei der Versuch, schreibt Matthias Dell,

einen performativen Widerspruch aufzulösen oder zumindest zu markieren, dass man sich diesen bewusst gemacht hat. Keineswegs wird mit dem Gebrauch des Substituts an einen sprachmagischen Kinderglauben appelliert, der befürchtete, die Welt könne augenblicklich zu Staub zerfallen, wenn das Wort gesagt würde.

Als Deutscher hat man’s auch nicht leicht, aber als weißer Journalist ein bisschen leichter. Wir können einfach das Wort schreiben, das keiner sagen darf, und wir können sogar die Diskussion darüber führen, was man sagen darf.

Und so gehört das vorletzte Wort dieser Debatte dem neulich wieder berühmt gewordenen „Zeit“-Redakteur Jens Jessen, der in der Debatte um „Sprechverbote“ klagte: „Das Opfer entscheidet über seinen Opferstatus und verbittet sich jede Überprüfung durch Dritte.“ Matthias Dell schreibt, dass das schon deshalb der Alptraum der „Zeit“ sein muss, „weil sie dann nicht mehr bestimmen könnte, dass das N-Wort kein Problem darstellt. Wie kommod ist es, gegen eine Kritik von diffamierenden Ausdrücken anzufeuilletonisieren, die einen selbst nie betreffen?“

155 Kommentare

  1. „Und wenn irgendwo, sagen wir im „Sachsenradio“ des MDR, eine Diskussion angesetzt wird über den vermeintlichen Fluch der angeblich herrschenden political correctness“

    Hm, ich weiß nicht, Stefan. Sollte das der Tenor der Diskussion sein, also dass die political correctness ein Fluch ist, der auf dem/einem öffentlichen Diskurs lastet? Ich habe diesen Eindruck aus dem Interview, das Boris gestern mit Bernhard Holfeld geführt hat, ehrlich gesagt nicht gewonnen. Ich habe schon verstanden, dass es dir um ein allgemeines Problem geht, finde es aber argumentativ schwierig, gerade in diesem Fall so zu verallgemeinern.

    Ich meine, ich habe es unter dem Artikel von gestern schon geschrieben: Ich war sehr überrascht, so eine reflektierte und selbstkritische Position von einem Funktionsträger des ÖR zu hören. Gerade gemessen daran, wie sehr du dich in der Vergangenheit an dem Thema und Menschen wie Thomas Bellut abgearbeitet hast, hätte ich gedacht, dass es dich schon ein wenig überraschen würde, wie Bernhard Holfeld sich dazu eingelassen hat.

    Insofern finde ich es umso verwunderlicher, dass das in deinem Kommentar keinerlei Erwähnung findet – es hätte zumindest die angesetzte Sendung von gestern kontextualisiert (was ja nicht die berechtigte Kritik an ihrer ursprünglichen Ausrichtung delegitimiert).

    Aber das hat mich nach dem Lesen dann doch schon etwas irritiert zurückgelassen.

  2. Ich kritisiere die Überschrift auf das heftigste! Allerdings nicht für das
    N-Wort, sondern für den falschen Artikel!

  3. Naja, je stärker eine Seite versucht, etwas zu tabuisieren, desto größer ist der Reiz für die andere Seite, dieses Tabu zu brechen.

    Beide Seiten scheinen mir nur sehr partiell an einer Debatte interessiert zu sein. Jedenfalls reden die Leute auf beiden Seiten nur mit Leuten, die ihrer Meinung sind, was jede Debatte recht gründlich sabotiert.

  4. Ich habe das Wort die meiste Zeit meines Lebens ganz selbstverständlich nicht benutzt; erst, seitdem Leute, die gefühlt hauptberuflich damit beschäftigt sind, immer neue Wörter zu problematisieren (neueres Beispiel: der Flüchtling), mit ihren simplizistischen Überlegungen in einigen großen Medien eine Lobby zu haben scheinen, kommt mir ab und zu der Gedanke, es ihnen gegenüber aus reiner Gegenwehr mal wieder zu benutzen.

    Ob sich meine Erfahrung verallgemeinern lässt weiß ich natürlich nicht, es ist nur mein persönlicher Anknüpfungspunkt. Vielleicht ist es auch nur eine normale mediale Sau, die zufällig gerade auf Twitter trendet und zum selbstverstärkenden Effekt wird, der in der wirklichen Welt kaum seine Entsprechung hat. Dort höre zumindest ich das Wort eigentlich nie.

    So richtig im Übrigen die Begründung ist, ein im breiten gesellschaftlichen Konsens als rassistisch empfundenes Wort nicht zu benutzen, weil Leute sich verletzt fühlen, so zweischneidig ist diese Begründung auch. Denn Leute, die sich verletzt fühlen, findet man immer. Auf den gewachsenen gesellschaftlichen Konsens kommt es an.

  5. Immer wieder erfrischend, wenn ein Mensch mit weißer Hautfarbe anderen erzählen möchte, wie jemand mit anderer Hautfarbe angesprochen gehört. Das nennt man dann wohl virtue signaling. Das zugrundeliegende Problem liegt sicher nicht darin, dass Menschen unbedingt „Neger“ sagen wollen, kein Mensch tut das nach meiner Erfahrung, außer vielleicht jemand wie Kendrick Lamar, wieso wurde der eigentlich noch nicht als Rassist aus der „Gemeinschaft“ (hallo Frau Burmester) ausgeschlossen!?

    Das Problem ist eine Übersättigung angesichts immer weiter ausufernder Bestrebungen, Sprache ideologisch zu reglementieren, auch das ganze Themengebiet „gendergerechte Sprache“ mit Stilblüten wie „Professix“ spielen hier voll mit hinein. Da Sprache für einen Journalisten einen gewissen Stellenwert besitzt, wundert mich eigentlich dieses demonstrierte Erstaunen.

  6. @illen,
    was ist denn ein „gewachsener gesellschaftlicher konsens“? wer legt den fest, wer bestimmt den und kann der sich ändern, oder wie funktioniert das?

  7. Ich würde sagen, gewachsener gesellschaftlicher Konsens ist, wenn es keine Diskussion mehr gibt.

    Was mich aber interessieren würde – kann ich jemanden beleidigen, indem ich ein Wort lese, das ihn beleidigt?

  8. @Bloederfuchs: Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Es geht doch in diesem Text nicht um die Reaktion des MDR, das ist gar kein Thema. Es geht darum, wie merkwürdig der Drang ist, dieses Wort zu sagen bzw. immer wieder zu thematisieren, dass man es nicht sagen darf. Dass das erste Beispiel ist, das denen einfällt, zum Thema Fluch (und von mir aus Segen) der Political Correctness.

  9. Das N-Wort welches man heutzutage am wenigsten benutzen darf ist komischerweise Nazi. Oder Rassist.
    Die Betroffen wollen immer „besorgte Bürger“ „Islamkritiker“ und „Asylkritiker“ genannt werden und flippen selbst bei harmlosen Umschreibungen wie „rechtsradikal“ und „rechtsextrem“ schon aus und rufen nach einer Sprachpolizei.

  10. @Niggemeier: Nein. Von „Wollen“ würde ich hier nicht reden, ich habe den hier vorliegenden Text kommentiert und halte generell diese Form von Kommunikation über „verbotene Wörter“ für sinnlos und kontraproduktiv, entweder man predigt zu den Gläubigen oder man erzeugt trotzige Gegenreaktionen. Ich glaube nicht an den Exorzismus von Wörtern.

    Aber gut dass wir wenigstens dasselbe N-Wort meinen, hätte ja auch Nazi, Nutte oder Notenbank sein können, bei der ständig wachsenden Zahl von Triggerwörtern ist es gar nicht so einfach, auf dem laufenden zu bleiben. Aber wer sagt denn nun King Kendrick Bescheid?

  11. Es geht nicht nur um dieses eine Wort. Und es geht auch nicht um einen imaginären Drang, unbedingt andere Menschen beleidigen zu wollen. Es geht vielmehr darum, die Dinge zu bewahren, mit denen man aufgewachsen ist.

    Die Aussage „Ohne N-Wort ist Pippi Langstrumpf einfach nicht mehr dieselbe“ trifft es ganz gut, nur eben nicht nur für dieses eine Wort.

    Warum bringt die Firma Langnese Retro-Editionen ihres Speiseeises heraus, wo auf der Packung das alte Firmenlogo prankt? Sie haben erkannt, daß Menschen an dem festhalten, mit dem sie aufgewachsen sind. Es ist die Sehnsucht nach der unbeschwerten Kindheit, nach den felsenfesten Überzeugungen, mit denen man aufgewachsen ist.

    Wenn man vom herzförmigen Firmenlogo von Langnese wieder zu dem alten ovalen Logo zurückkehrt, wenn man zu Twix wieder Raider sagt, dann tut das sicherlich keinem weh. Aber was ist zum Beispiel mit dem Sarotti-Mohr? Zählt der nicht genauso zu der Kindheit, mit der wir aufgewachsen sind? Und genauso auch die Wörter, die in unseren Kinderbüchern standen, die Formulierungen und Abbildungen.

    Nun kann man dies als Sentimentalitäten abtun, man kann auf die viel größere Betroffenheit derjenigen, die durch bestimmte Begriffe beleidigt werden, verweisen. Aber eigentlich kann man Betroffenheiten nicht gegeneinander aufwiegen, nicht in ihrer Schwere miteinander vergleichen. Jeder Mensch hat seine eigene Betroffenheit für die Dinge, die ihn persönlich angehen. Und man wird zu jeder Betroffenheit eines Menschen einen anderen Menschen finden können, dem es noch viel schlechter geht.

    Ich kann froh sein, daß ich in einer Zeit aufgewachsen bin, in der Lesben und Schwule allmählich Akzeptanz in der Gesellschaft gefunden haben. Wäre ich 10 Jahre früher geboren, so hätte ich vielleicht die Ausgrenzung gleichgeschlechtlicher Liebe verinnerlicht. Vielleicht würde ich dann jetzt auch die angebliche „Frühsexualisierung“ oder gegen die „Ehe für alle“ protestieren. Ich kann das durchaus nachvollziehen, wie es Menschen geprägt hat, die mit anderen Normen aufgewachsen sind, wie zum Beispiel Männer, die selbst schwul sind und sich jahrzehntelang selbst verleugnen mussten, heute nicht mehr zurück können. Wenn man sich mit 50 oder 60 eingesteht, daß die Normen und Werte, mit denen man aufgewachsen ist, falsch waren, dann stellt man damit sein Leben in Frage. Im schlimmsten Fall macht man sein bisheriges Leben ungültig, man wirft es weg. Kann man das noch? Dann bleibt man doch lieber bei dem, mit dem man aufgewachsen ist. Das muß man als Außenstehender nicht gut finden, aber man kann es verstehen und nachvollziehen.

    Die Folgen sind vielleicht nicht so dramatisch, aber im Grunde gelten die gleichen Mechanismen für Literatur. Für die Kinderbücher, die Fernsehsendungen, die Sprache, mit der wir groß geworden sind.

    Es gibt gute Abhandlungen über die Detektivbücher „TKKG“, die darlegen, wie darin die Hobby-Detektive mit dem Methoden des „Racial Profilings“ ermitteln und damit Erfolg haben, wie in den Büchern gegen sozial Schwächere gehetzt wird, wie Mobbing und Ausgrenzung betrieben werden. Aber es gibt viele Menschen, die mit diesen Büchern aufgewachsen sind. Und diese Menschen werden sie erbittert gegen jede Kritik verteidigen – egal, wie sachlich fundiert und nachvollziehbar diese Kritik ist.

    Es gibt die rassistischen Stereotype in den Fix&Foxi-Comics, auch die gut dokumentiert und aufgearbeitet. Aber es gibt viele Menschen, die diese Comics in ihrer Kindheit gelesen haben und damit damit lustige und unbeschwerte Stunden assoziieren. Diese werden auf die Geschichten nichts kommen lassen.

    Und dann bin ich da mit meinem Bücherregal voller Comics der Reihe „Lustige Taschenbücher“ in der ursprünglichen Übersetzung von Erika Fuchs. Die Geschichten darin (insbesondere die Reisen von Onkel Dagobert) haben diverse rassistische Elemente, aber vor allem sind die Bücher durchtränkt von Sexismus. Aber es sind die Geschichten meiner Kindheit, ich hänge an den Büchern, ich liebe sie heiß und innig.
    http://www.daniel-rehbein.de/lustige-taschenbuecher.html

  12. Bevor ich anfange zwei Klarstellungen:

    – Da viele Betroffene das N-Wort als herabsetzend empfinde, gebrauche ich dieses Wort aus Respekt nicht und spreche mich auch gegen seinen Gebrauch durch andere aus.
    – Ob es sinnvoll ist, dass ausgerechnet Frauke Petry zu einer Diskussion zu solchen Themen eingeladen ist, bezweifle auch ich.

    Das N-Wort Wort nicht ausschreiben zu sollen, selbst wenn man über dieses Wort diskutiert – nicht einmal in Anführungszeichen -, finde ich jedoch etwas viktorianisch-verklemmt. (Wenn ich weiter unten aus einem englischsprachigen Wikipedia-Artikel zitiere, dann hoffe ich es geht in Ordnung, wenn ich davon absehe, die Original-Zitate aus dem Artikel zu zensieren.)

    Unabhängig von meiner eigenen ablehnenden Haltung gegenüber dem N-Wort vermute ich jedoch, dass ich eine Idee habe, wieso sich doch einige Leute (die wohl nicht unbedingt alle Rassisten sind) durch die Tabuisierung des Wortes gegängelt fühlen. Dass dies kein „gut finden“ oder „rechtfertigen“ impliziert, versteht sich hoffentlich von selbst.

    Erst einmal und ganz allgemein wäre zu betonen, dass nicht derjenige in der Rechtfertigungs-Pflicht steht, der so sprechen möchte, wie er es für sinnvoll hält; vielmehr liegt die Begründungs- und Rechtfertigungspflicht eindeutig bei demjenigen, der andere Menschen durch (moralischen) Druck dazu bringen möchte, auf eine bestimmte Weise zu kommunizieren und auf eine andere nicht.

    Anzumerken wäre des Weiteren, dass „N-Wort“ und seine Entsprechungen in anderen Sprachen lange Zeit als sachliche Bezeichnungen galten und auch von Schwarzen und sogar schwarzen Bürgerrechtlern gerne benutzt wurden. In der englischsprachigen Wikipedia heißt es etwa:

    „Negro superseded colored as the most polite word for African Americans at a time when black was considered more offensive.[7] … Marcus Garvey used the word in the names of black nationalist and pan-Africanist organizations such as the Universal Negro Improvement Association (founded 1914), the Negro World (1918), the Negro Factories Corporation (1919), and the Declaration of the Rights of the Negro Peoples of the World (1920)… ‚Negro‘ was accepted as normal, both as exonym and endonym, until the late 1960s, after the later Civil Rights Movement. One well-known example is the identification by Martin Luther King, Jr. of his own race as ‚Negro‘ in his famous ‚I Have a Dream‘ speech of 1963….The constitution of Liberia limits Liberian nationality to Negro people (see also Liberian nationality law).“

    Es gab dann Stimmen innerhalb der Bürgerrechtsbewegung wie die von Malcolm X., die das Wort mit Unterdrückung und Sklaverei assoziierten und ablehnten. Das ist irgendwo auch nachvollziehbar, auch wenn das natürlich eine subjektive Sache ist, und andere Schwarze keine solchen Vorbehalte hatten.

    Teilweise werden aber auch sehr fragwürdige Argumente ins Feld geführt. So wird mitunter argumentiert, dass das fragliche Wort gewissermaßen „objektiv“ diskriminierend sei, man das aber eben erst spät „entdeckt“ habe. Die Bedeutung eines Wortes ergibt sich jedoch aus seinem Gebrauch; wenn ein bestimmtes Wort zu einem bestimmten Zeitpunkt keine negative Bedeutung (Denotation und Konnotation) hat, dann ergibt es schlicht keinen Sinn zu behaupten, dass es „objektiv“ herabsetzend diskriminierend sei.
    Ebenfalls fragwürdig ist das Argument, dass das N-Wort diskriminierend sein müsse (!), weil es zu einer Zeit in Gebrauch kam, als Schwarze von Weißen weithin als Menschen zweiter Klasse betrachtet wurden. Als das Wort „Frauen“ (oder „women“) aufkam, wurden Frauen ebenfalls nicht als vollwertige Menschen betrachtet (wenn vielleicht auch eher noch als Schwarze); daraus aber zu schließen, dass das Wort „Frauen“ gewissermaßen „intrinsisch“ diskriminierend wäre und durch eine andere Bezeichnung ersetzt werden müsse, wäre reichlich merkwürdig. Nicht die (neutrale) Bezeichnung (!) ist hier das Problem, sondern die Einstellungen, die die Leute gegenüber dem Bezeichneten (!) hegen.

    Ich weiß nicht, ob ich da die Ausnahme bin, aber zumindest ich bin immer mal wieder auf solche offensichtlichen Pseudo-Argumente der beschriebenen Art gestoßen, mit denen begründet werden sollte, wieso das N-Wort so schlimm sei. (Trifft man sich vielleicht schon auf einen Grund für den Widerwillen mancher, das N-Wort aufgeben zu „müssen“? Dass einige dieser Leute sich – nicht zu Unrecht, wie man in diesem Fall sagen muss – durch manche Argumente verschaukelt fühlen und dann mauern?)

    Dass viele Schwarze heutzutage das N-Wort ablehnen und als herabsetzend empfinden, ist vermutlich das einzige wirklich starke Argument, das gegen seinen Gebrauch spricht; es ist in der Tat jedoch ein hinreichendes Argument für eine Anpassung des Sprachgebrauchs. Ich würde es übrigens auch bei anderen Gruppen (z.B. bei Frauen oder Schwulen) akzeptieren, wenn sie wollten, dass man sie künftig anders bezeichnet (auch wenn ich es persönlich nicht unbedingt für sonderlich sinnvoll hielte). Und im Fall der Schwarzen mag Änderung des Namens historisch auch naheliegender sein als in anderen Fällen, wenn sie wie gesagt sicherlich auch nicht zwingend geboten war.

    Hier aber ergibt sich jedoch auch eine kritische Frage: Sind es wirklich die betroffenen Leute selbst, von denen der Impuls zur Sprachveränderung ausgeht (oder die einen Impuls zumindest dankbar und authentisch aufnehmen)? Oder sind es am Ende vielleicht einfach gewisse elitäre Gruppen innerhalb einer Minderheit, die sich im Verband mit Intellektuellen und Medien-Leuten auch aus der Mehrheitsgesellschaft durchsetzen, und zwar mittels moralischen Drucks auf die übrigen Mitglieder der Sprachgemeinschaft? Ganz ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht im Fall des N-Wortes. Der bereits zitierte Wikipedia-Artikel scheint jedoch tendenziell eher die zweite Alternative anzudeuten:

    „The word Negro fell out of favor by the early 1970s. However, many older African Americans initially found the term black more offensive than Negro.“

    Ich glaube, dass genau hier auch der Hase im Pfeffer liegt (soweit wir nicht über Rassisten sprechen); dass viele Leute – vielleicht eher intuitiv und instinktiv als explizit und reflektiert – den Eindruck haben, dass eine relativ kleine Gruppe von Intellektuellen (einschließlich Medienmachern) autoritativ über die Sprache der Allgemeinheit verfügen möchte; und dass diese minoritäre Gruppe ohne gute Argumente durchsetzen will, wie alle anderen Leute zu sprechen haben, sofern sie nicht zum Ziel von Belehrungen, Vorwürfen und eventuell sogar informellen sozialen Sanktionen werden möchten. Und dass ein Wort ein Tabu sein soll, einfach nur weil einige Leute es zum Tabu erklärt haben, und dass diese Leute nun fordern, dass alle anderen „gefälligst“ zu folgen haben. Dies würde vielleicht den Widerstand und die Emotionalität bei dem Thema erklären.

    Um es klarzustellen: Ob die negative Haltung vieler Schwarzer gegenüber dem N-Wort sich deswegen etabliert hat, weil sie einem authentischen Bedürfnis der Masse der Schwarzen selbst entsprach, oder eher deswegen, weil eine kleine intellektuelle Minderheit sich durch Lautstärke und moralischen Druck durchgesetzt hat, ist für mich da sekundär. Wesentlich ist, was die Schwarzen heute wollen und empfinden. (Ganz unabhängig davon fände ich es allerdings nicht unproblematisch, wenn die zweite Option eine reale Option wäre oder es historisch war.)

  13. Ich bin in der Sache vollkommen bei ihnen, Herr Niggemeier. Ich finde es aber ein wenig albern wenn man das Wort selbst dann nicht mehr verwendet wenn man auf der Metaebene über das Wort selbst diskutiert. Selbstverständlich fühle ich mich nicht in meiner Freiheit eingeschränkt wenn ich dafür kritisiert werde und bin absolut bereit meine Einstellung diesbezüglich zu ändern.

  14. @LLL

    „… lange Abhandlungen werden verfasst, die ausführlich aus linguistischer oder historischer Perspektive für die Unschuld dieses Wortes plädieren; “

    Und siehe da. Da ist wieder eine solche … ist das jetzt eigentlich whitesplaining?

  15. #14 Schnellinger

    „Harmlose Bezeichnungen wie ‚rechtsextrem‘..“

    :-)

    Ich würde der Diagnose, besorgte Bürger(tm) riefen bei ‚Nazi‘ nach der Sprachpolizei doch eher widersprechen. Sie wehren sich gegen die Benennung weil sie sich nicht als Nazis sehen, so wie Sie nicht nach der Sprachpolizei rufen, wenn jemand Sie einen Nazi nennen und Sie dem widersprechen würden.

    Ob dieser Widerspruch im Falle besorgter Bürger immer gerechtfertigt ist steht auf einem anderen Blatt ;-)

  16. @18:
    „Ich finde es aber ein wenig albern wenn man das Wort selbst dann nicht mehr verwendet wenn man auf der Metaebene über das Wort selbst diskutiert.“
    Bisschen albern, ja gut, aber das kann man dann auch noch so gerade ertragen, oder?
    Ich meine die Nennung des Wortes auf der Meta-Ebene ist ja keine Voraussetzung, um über dessen Implikationen und Wirkungen zu sprechen. Wer inhaltlich (mit Betroffenen?!) darüber diskutiert, der kommt eigentlich nach meiner Erfahrung auch gar nicht auf die Idee, das Wort zu benutzen.
    Die haben nämlich tatsächlich sogar Namen, mit denen man sie ansprechen kann, ja ja. Aber dafür braucht man wohl Praxiserfahrung in diesem Bereich …

  17. @13 Stefan Niggemeier

    sorry, ich wusste nicht, dass Sie im noch nicht der Allgemeinheit freigegebenen Text den Schwenk auf all die anderen Beleidigungen gemacht haben.

  18. @ JORDAN:

    „‚…für die Unschuld dieses Wortes plädieren…’…Und siehe da. Da ist wieder eine solche … ist das jetzt eigentlich whitesplaining?“

    Wie wäre es, wenn Sie meine Aussagen einfach zur Kenntnis nehmen und sich inhaltlich mit ihnen auseinandersetzen würden (sofern Sie auf meinen Kommentar reagieren möchten)? Statt mir im Sinne eines Totschlagarguments einen Begriff an den Kopf zu knallen, der eindeutig nicht passt?
    Dann würden Sie nämlich merken, dass ich das N-Wort – in der heutigen Zeit – klarerweise NICHT für unschuldig halte, und dass ich es ablehne und mir wünsche, dass auch andere Menschen es nicht gebrauchen. Und dass Sie meine völlig unmissverständlichen Worte also in ihr Gegenteil verdreht haben.

    Leider scheint es sich übrigens immer mehr einzubürgern, dass gewisse Leute auf ein reiches Repertoire von Negativ-Begriffen für das Verhalten oder die Person anderer Menschen zurückgreifen, anstatt sich inhaltlich mit deren Aussagen auseinanderzusetzen. Die entsprechenden Trigger-Wörter fungieren dabei als Etikette und sind oft von so großer „Dehnbarkeit“ und Unschärfe, wie ihr analytischer Nutzen fraglich ist. Und sie werden teilweise auch dann gebraucht, wenn im konkreten Fall keineswegs so klar ist, ob sie überhaupt passen – ja, selbst dann noch, wenn eigentlich klar ist (oder sein müsste), dass sie nicht passen.
    Die entsprechenden Bezeichnungen werden so zu Kampfbegriffen, wenn nicht zu Killerphrasen, und entheben denjenigen, der sie gebraucht, vermeintlich der Pflicht zur inhaltlichen Auseinandersetzung und zur Argumentation (was das Leben natürlich viel einfacher macht, gerade bei Komplexität). Außerdem verschieben sie die Diskussion auf die Meta- und zugleich auf die persönliche Ebene.

    Diskurstheoretisch ist das eine extrem unerfreuliche Entwicklung.

  19. @Civichief: Der Text handelt nicht zuletzt von der merkwürdigen Lust, als Zitat oder in Form von Kritik all die sonst „verbotenen“ Begriffe aussprechen zu können. Ich bin auch bei dem Thema sonst nicht so fundamentalistisch, wie ich hier vielleicht gerade wirke, aber im Kontext mit einem Artikel, der genau davon handelt, fand ich den Kommentar schwierig.

  20. @17 und 23 LLL

    Sehr gute und differenzierte Beiträge, danke dafür.

    Ich denke in letzter Konsequenz ist es eigentlich nur wichtig, dass dem Wunsch der betroffenen/diskriminierten Gruppe zu folgen und solche Bezeichnungen zu vermeiden, einfach schon aus Anstand. Es sind nicht bloße Beleidigungen, sondern Worte mit historischem Kontext, die (so auch die Meinung vieler schwarzer US-Amerikaner) auch nur durch bloße, kontextlose Nennung koloniale Macht- und Ausbeutungsstrukturen transportieren und zumindest geistig am Leben erhalten.

    Wie und durch wen ein derartiges Agreement dann zum gesellschaftlichen Kontext wird ist imho nebensächlich, allerdings auch bestimmt ein spannendes Thema für wissenschaftliche Arbeiten.

  21. @Mkaysen:

    Ich denke in letzter Konsequenz ist es eigentlich nur wichtig, dem Wunsch der betroffenen/diskriminierten Gruppe zu folgen […]

    Das stimmt so nur in Fällen, die gesellschaftlich sowieso schon geklärt sind. Ansonsten brauchen Sie gerade irgendeinen Mechanismus, um den Wunsch zu bewerten. Sonst können Sie nicht unterscheiden zwischen dem Wunsch einer Gruppe von Bürgerrechtlern, das N-Wort nicht zu gebrauchen, und zB dem Wunsch einer Gruppe Feministen, das Wort „man“ zu verbieten oder einer Gruppe Rechtsgläubiger, das Wort „Flüchtlingshilfe“ zu verbieten.

    Jetzt können Sie erwidern, letztere seien natürlich nicht diskriminiert, aber damit setzten Sie dann voraus, was gerade Gegenstand der Debatte ist: denn auch diese Gruppen würden Ihnen vehement widersprechen und sich als diskriminiert ansehen.

    Wie Sie es drehen: der Wunsch einer Gruppe selbst kann nie ausreichen. Wenn es nicht darauf hinauslaufen soll, dass die Macht der jeweiligen Gruppe das Ergebnis bestimmt brauchen Sie andere Kriterien.

    Und gerade weil es so schwer ist, solche zu bestimmen, gibt es in so vielen Fällen gesellschaftlichen Streit darüber.

  22. Daniel Rehbein:

    „Und dann bin ich da mit meinem Bücherregal voller Comics der Reihe „Lustige Taschenbücher“ in der ursprünglichen Übersetzung von Erika Fuchs. “

    Frau Fuchs hat für das LTB so gut wie nie übersetzt, da sie kein Italienisch konnte. Stammübersetzerin im frühen LTB war z.B. Gudrun Penndorf.

    Frau Fuchs war Redakteurin und lange Jahre Hauptübersetzerin der Micky Maus, die nach ihrer Gründung zunächst us-amerikanisches Material abdruckte. Zum LTB gab es keine Überschneidungen, mit Ausnahme sehr weniger (<5) Comics von Carl Barks, die für das LTB ummontiert wurden, was als Experiment dann aber schnell wieder gelassen wurde.

    Ich glaube, dass schlampige Recherche ein Teil des Problems ist: wenn man über Dinge redet, von denen man wenig Ahnung hat.

  23. #17, @LLL
    „The word Negro fell out of favor by the early 1970s. However, many older African Americans initially found the term black more offensive than Negro.“
    Da scheint sich die Euphemismus-Tretmühle mal wieder bewahrheitet zu haben. Das Problem dahinter haben Sie auch schön beschrieben: „Nicht die (neutrale) Bezeichnung (!) ist hier das Problem, sondern die Einstellungen, die die Leute gegenüber dem Bezeichneten (!) hegen.“

    Gegen das N-Wort selbst ist gar nichts einzuwenden, wie es in der Sendung „Unser Lehrer Doktor Specht“ aus dem Jahr 1999 auch erklärt wurde. Man braucht es natürlich nicht zu verwenden, aber hauptsächlich deshalb, weil ein Bezug auf die Hautfarbe eines Menschen selten überhaupt erforderlich ist.

  24. Der Verweis auf „Unser Lehrer Doktor Specht“ kommt zuverlässig in diesen Diskussionen. Ich find’s lustig, dass eine 20 Jahre alte Vorabendserie des ZDF in solchen Fragen als letzte Instanz gilt. Wenn’s passt.

  25. Oder man behauptet diese Dinge absichtlich, um ein bestimmtes Narrativ zu bedienen. Was natürlich maximalst unredlich wäre.

  26. @30, #Stefan Niggemeier
    Der Hinweis auf „Unser Lehrer Doktor Specht“ kommt deshalb so oft, da es eine weit verbreitete Meinung in den 90iger dokumentiert. Noch in den 90iger Jahren konnte das N-Wort unbelastet verwendet werden und war nicht per se diskriminierend. Der aufkommende PC-Sprech hat den Fokus auf die Verwendung mit negativer Konnotation des N-Worts geworfen.

  27. Da ich noch nicht den ganzen Text lesen kann, begebe ich mich zwar aufs Glatteis, aber dennoch:

    Im Prinzip ist die Absicht, Menschen bezüglich rassistischer Sprache sensibilisieren zu wollen, gut und richtig.
    Ich denke allerdings nicht, dass Medien nicht die Frage stellen dürfen, ob man heutzutage noch Neger sagen darf. Ganz im Gegenteil, sie sollten Fragen dieser Art viel häufiger auf ein so niedriges Niveau herunterbrechen, zumindest sofern sie sich dabei nicht auf den schmierigen Boulevard begeben.

    Es mag sein, dass in akademischen Kreisen viele Fragen rund um sprachliche und gesellschaftliche Entwicklungen geführt werden, aber davon schwappt nur wenig – in Form von Medienberichten – über den bildungsbürgerlichen Tellerrand in die bildungsferneren Schichten.
    Stattdessen servieren Print- und Online-Medien Kolumnenjournalismus satt, samt verhärteter Fronten. Auf der einen Seite die dramatisierenden Sprachbewahrer, die das diffuse Gefühl nähren, „von oben“ eine neue Sprachweise aufgepropft zu bekommen, auf der anderen Seite bisweilen theatralisch mahnende Spracherneuerer, die genau dies zu bestätigen scheinen und dazwischen eine mäßig bis dramatisch schlecht gebildete Arbeiter- und Unterschicht, um die zunehmend die Neue Rechte buhlt.

    Auch wenn ich durchaus noch alte Leute kenne, denen aus sprachsozialisatorischen Gründen gelegentlich das eine der beiden N-Wörter herausrutscht, weiß heutzutage natürlich so ziemlich jeder, dass dieses Wort rassistisch und abwertend ist.
    Aber mal ganz davon abgesehen, dass die restingierte Sprachweise der Unterschicht und verschiedener Subkulturen grundsätzlich derber und zynischer ist als der elaborierte Code des Bildungsbürgertums, muss man davon ausgehen, dass es schlichtweg viele Menschen gibt, die der insbesondere in vielen den Medien vollzogenen Sprachentwicklungen nicht folgen können.

    Wer z.B. nicht relativ intensiv bestimmte Medien konsumiert oder in entsprechenden Kreisen verkehrt, wäre schon an der Überschrift dieses Artikels gescheitert, weil er keine Ahnung hätte, was genau denn überhaupt ein N-Wort ist. Das ergibt sich hier zwar aus dem Text, erschwert jedoch konkrete Sachdiskussionen und durch mindestens zwei Bedeutungen unter Umständen auch das Verständnis und produziert zudem noch Absurditäten, die ein leichtes Ziel für Satire und Spott bieten:
    http://www.taz.de/!5068913/
    Ich würde ja auch noch schreiben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das N-Wort eine zynische alltagssprachliche Bedeutungsumkehr erfährt, wenn Denis Yücel dies nicht bereits in seiner Überschrift getan hätte.

    So wichtig es auch ist, über althergebrachtgen Rassismus und die Neue Rechte aufzuklären, vermisse ich bei diesem Stellungskrieg um die Sprache eine sachliche und fundierte Debatte über die Realisierbarkeit einer rundum politisch korrekten Sprachweise. Was sagen Linguisten dazu, was Rassismusforscher, Soziologen oder Psychologen? Wie legt man fest, dass ein gebräuchliches Wort durch Bedeutungsverschiebung oder gesellschaftliche Enwicklungen eine Personengruppe herabwürdigt und woher kommen eigentlich Ersatzbegriffe? Und befürwortet oder akzeptiert die Mehrheit der jeweiligen Personengruppe diese Ersatzbegriffe überhaupt?

    Oder um mit einer saloppen Zusammenfassung einen Bogen zu meiner eigangs geäußerten These zu spannen, dass die Medien öfter fragen sollten, ob man heutzutage noch Neger sagen darf: Kann mal bitte jemand eine „Sendung mit Maus“ zu diesem Thema machen, damit jenem doch nicht unwesentlicher Teil der Bevölkerung, um den zunehmend die Neue Rechte buhlt, erst einmal die Grundlagen einer Entwicklung erklärt wird, die offensichtlich nicht jeder gänzlich nachvollziehen kann.

    Abgesehen davon erscheint mir persönlich die „N-Wort-Wortkrücke“ im Journalismus tendenziell unpassend, da Erstere entkonkretisiert und Letzterer konkret benennen und informieren sollte.

  28. @ Daniel Rehbein

    “ Es geht vielmehr darum, die Dinge zu bewahren, mit denen man aufgewachsen ist.“

    Meine Kindheit definiert sich nicht über das N-Wort. Oder andere herabsetzende Begriffe für bestimmte Bevölkerungsgruppen.

    Über Kunst, in welcher diese Begriffe oder Vorurteile verwendet werden, muss man streiten. Aktuelles Beispiel: Jim Knopf, wegen des Kinofilms. Andererseits verliert Pippi Langstrumpf nichts von Wert, wenn jetzt von „Schwarzen“ gesprochen wird, weil es als eine neutrale Bezeichnung für Menschen ganz-weit-weg gebraucht wird. Besser wäre vielleicht sogar „Taca-Tuca-Leute“. ;)

  29. @Dr. Specht
    Ich habe schon diverse, wenn auch nicht unendlich viele Beiträge zu dem Thema des Sagendürfens gelesen (muss ein masochistischer Teil in mir sein, der mich immer wieder dazu bringt), aber noch nie von einer Folge einer Vorabendserie als Argument.

    @mdr
    Die Fragestellung des mdr war, was im Interview gefragt wurde: „Ein gezielter Tabubruch, um Aufmerksamkeit zu bekommen, wie Ihnen nun vorgeworfen wird?“
    Es ist ein schlechtes Zeichen für das ÖR, wenn man mit derlei – im Netz nennt man es clickbait, wie nennet man es im Radio? – Sprachfiguren Aufmerksamkeit generieren will. Die Frage selbst ist ja schon völlig, mit Verlaub, dumm (a.k.a. tendenziös). Wer definiert das Dürfen? Die Antwort ist natürlich „niemand“. Auch die Zusammenstellung von „Experten“ (und „Expertinnen“) war darauf ausgelegt, mit möglichst wenig Aufwand (Interview) möglichst viel Interesse anzuziehen.
    Dieses Rezept kommt im ÖR häufiger vor: Ein (!) Vertreter irgendeiner Meinung plus zwei Politiker der Gegenrichtung und ein irgendwo aufgetriebener „Experte“ (gern: Polizisten, Auslandskorrespondenten, manchmal „Betroffene“, hier: ein Dr. der Uni Leipzig) werden, gern unabhängig von konkreter Sachkenntnis, in die Arena geworfen und sollen möglichst spannend und enthusiastisch etwas debattieren, geleitet von einer thematisch unbeleckter Moderation, die sich mit kritischen Fragen zurückhält, weil man nicht „an einem Punkt hängen bleiben“ will, und unter möglichst „spannendem“ Titel.
    Wir erinnern uns an an solche Formate unter dem Titel: „Diesel-Chaos“, „Verhandeln, bis es quietscht“ und all das, was als „politischer Talk“ so in Rundfunk vorkommt.
    Insofern hat der mdr gemacht, was alle machen, nicht lange nachdenken, ein „Thema der Zeit“ suchen und raushauen. Weder Frauke Petry noch Kerstin Köditz noch Robert Feustel können, von politischen Statements abgesehen, ernsthaft etwas zur Frage beitragen.
    Spannender wäre gewesen: Silke Burmeister zur Frage, ob man (als alte Frau) im Journalismus wirklich gegen „alternde Herren“ deren „abnehmende Potenz“ ins Feld führen muss.
    Rainer Wendt zur Frage, für wen es möglich sein muss, Politiker „die personifizierte Beschädigung des Ansehens des deutschen Parlaments“ zu nennen.
    Oliver von Dobrowolski zur Frage des (dann wirklich inhaltlich richtigem) Sagendürfens im Beamtenverhältnis.
    Und eine Feuerwehrfrau (wegen des ausgeglichenen Verhältnisses, aber nur, wenn vorhanden) der in Stregda, Eisenach, eingesetzten Feuerwehrleute vom 4.11.2011, zum Sagendürfen, wenn man plötzlich im Lichte der Öffentlichkeit steht. Oder eine Anwohnerin.

    Das deutsche N-Wort zu kritisieren ist schon richtig, aber Medienkritik darf auch etwas tiefer gehen.

  30. #33, @ST
    „Oder andere herabsetzende Begriffe für bestimmte Bevölkerungsgruppen.“
    M.E zäumen Sie das Pferd von hinten auf. Es wurde eine Bevölkerungsgruppe herabgesetzt und für die Bevölkerungsgruppe ein an und für sich neutraler Begriff gewählt. Die Herabsetzung hat danach als negative Konnotation auf den Begriff abgefärbt.

  31. @Ronald Fein: Dass es nicht stimmt, dass das N-Wort in den 90ern noch „unbelastet“ verwendet werden konnte, können Sie eben jener von Ihnen angeführten Szene der ZDF-Serie entnehmen, denn die beginnt ja damit, dass ein Kind darauf hinweist, dass man das Wort nicht mehr benutzen sollte.

  32. #37, @Niggemeier
    Es konnte so verwendet werden, im Sinne es war nicht per se eine Beleidigung/Diskriminierung. Eine negative Konnotation ergab sich erst aus einem entsprechenden Kontext. Dies steht mitnichten im Widerspruch zu der Szene. Die Szene zeigt vielmehr, dass irgendwer meinte, das N-Wort immer als Ausdruck von Diskriminierung anzusehen wäre, aber nicht, dass es zu dieser Zeit gesamtgesellschaftlicher Konsens gewesen wäre.

  33. „Weder Frauke Petry noch Kerstin Köditz noch Robert Feustel können, von politischen Statements abgesehen, ernsthaft etwas zur Frage beitragen.“

    Feustel als Sprachwissenschaftler und Autor bei Sprachlos wäre im Gegenteil der einzige gewesen, der sich tatsächlich kompetent hätte äußern können:
    http://sprachlos-blog.de/autoren/

  34. Wenn man in der Kindheit von Personen, die man respektiert, regelmäßig kommuniziert bekommt, dass man das N-Wort mit den zwei „g“ in der Mitte nicht verwenden darf, das andere N-Wort (über das wir hier reden) aber die korrekte Bezeichnung darstellt, fällt es im zunehmenden Alter schwer, zu realisieren, dass sich Sprache eben ändert.
    Deswegen kann ich bei denen, die in den Siebzigern oder Achtzigern Kinder waren, nachvollziehen, dass eine Änderung der Konnotationen nicht immer gerne mitgetragen wird.
    Deswegen würde ich bei Leuten die in den Sechzigern oder früher geboren wurden, etwas mehr Nachsicht zeigen, wenn sie den Schokokuss oder Schaumkuss so nennen, wie in Zeiten, als sie mit aus dem Mund laufender Spucke und aufgeschürften Knien dem Bäcker ihr Zehnpfennigstück entgegenstreckten um sich anschließend die recht umfangreiche Süßigkeit möglichst mit einem Biss in den Mund zu schieben.
    Andererseits gibt es reichlich Leute aus diesen Jahrgängen, denen es keine Mühe bereitet hat, ihr Vokabular im Laufe der Jahre zu modernisieren.
    Skeptisch werde ich immer dann, wenn Leute meines Alters auf der einen Seite eine moderne Wortwahl pflegen und sich auf der anderen Seite beim N-Wort auf die unbelastete Bedeutung in den Jahren ihrer Kindheit berufen.

  35. @ST, #34:
    Meine Kindheit definiert sich auch nicht über Pippi Langstrumpf – ich habe die Fernsehserie gesehen, aber nie die Bücher gelesen – aber an DEM Beispiel möchte ich einen möglichen Grund festmachen, warum das Wort so eine Anziehungskraft hat: die Kritiker der Verwendung des Wortes haben leider entweder keinerlei diplomatischen Fähigkeiten, oder ignorieren diese. Das erzeugt gewisse Trotzreaktionen.

    Das Argument für die Änderung der Langstrumpfbücher, bei dem ich mitgehe, geht ungefähr so: „Egal, wie das Wort vor 60-70 Jahren in Schweden verwendet und verstanden wurde, hier und heute ist es eben abwertend und sollte nicht ausgerechnet in einem Buch vorkommen, das man kleinen Kindern vorliest, die ihren Wortschatz erweitern. (Und bei einem Buch, das alle naselang neu aufgelegt wird, sind Überarbeitungen vllt. auch nicht so eine große Zumutung.)“ Und, nein, das ist keine Zensur, das ist Lektorat.

    Leider schafften viele Langstrumpfkritiker direkt die Kurve zu: „Das sind moralisch schlechte Bücher über moralisch schlechte Leute. Was das über Menschen aussagt, die diese verteidigen, kann man sich ja denken!“
    Und da fällt mir 1. die Killerspieldebatte ein, 2. habe ich den Eindruck, dass diese Kritiker sich nur an Leute richten, die die Bücher auch nicht mögen, 3. sollte „in dubio pro reo“ auch für Bücher gelten (man vergleiche mal Vater Langstrumpfs Vita mit der von Robinson Crusoe unter der Fragestellung, ob ersteres die Parodie von letzterem sein könnte, bzw. von kolonialistischer Literatur allg.) und 4., falls mir mal jemand (indirekt) sagt: „Die Bücher/Filme/etc., die Du magst, zeigen, dass Du ein schlechter Mensch bist.“ würde ich denken: „Entweder bin ich schlecht, dann höre ich nicht auf Dich, weil ich schlecht bin, oder ich bin nicht schlecht, dann höre ich nicht auf Dich, weil Du mich beleidigt hast.“ Die Kritik ist also kontraproduktiv. Dass die das nicht merken.
    Und das Fass, was ich bei Mark Twain aufmachen könnte, ist noch tiefer.

    Achja, und alle Hardcore-Langstrumpf-Fans sind von zwei Dingen überzeugt: „Hellhäutige sind bestens geeignet, Dunkelhäutige zu regieren.“ und „2×3=4“
    Woll?

  36. Das Begriffe der Kindheit kein Wert für sich darstellen, lässt sich schon daran ableiten, dass viele Deutsche in der damaligen DDR sozialisiert wurden. Soll jetzt sozialistische Sprache konserviert werden, weil damals war das halt so?

    Darauf ein herzhaftes: Für Frieden und Sozialismus immer bereit!

  37. @Zet:
    Keiner hier hat behauptet, dass Begriffe aus der Kindheit einen Wert für sich darstellen.
    Die Frage hier ist, wieso bestimmte Wörter eine große Anziehungskraft haben.
    Und eine Antwort – die vllt. auch auf sozialistische Wörter zutrifft – wäre: Trotz.

  38. Es gibt wenige Anlässe und entsprechend wenige Artikel, die in irgendeiner Weise von Schwarzen in Deutschland handeln. Meist geht es dabei um Gewalttaten gegen sie, wie heute z.B. gemeldet (man bezeichnete sie in den Nachrichten als „Dunkelhäutige“.
    In Relation dazu massiert sich auf der Metaebene die Diskussion um das N-Wort. Offenbar gibt es nicht wirklich ein reales lexikalisches oder semantisches Problem. Es steckt vielmehr in der Metadiskussion eine gleiche Intention, Rassismus über die Forderung nach Freiheit der Wortwahl verbal auszuleben, wie in all den anderen „das wird man ja wohl noch (WIEDER!) sagen dürfen“- Phrasen.
    Deswegen: Danke für den klärenden Artikel.

  39. Hallo!

    Zwei Funde:

    „Sie hat exakt keinerlei negativen Auswirkungen…“ -> negative

    „Einige werden werden diesen Übermedien-Artikel, in dem ich die Lust am Aussprechen des N-Wortes kritisiere, dafür kritisieren…“ -> einmal „werden“ reicht

    Mehr wollte ich gar nicht, muss auch nicht veröffentlicht werden :-)

    Schönes Wochenende!

  40. @Ronald Fein – #36

    „M.E zäumen Sie das Pferd von hinten auf. Es wurde eine Bevölkerungsgruppe herabgesetzt und für die Bevölkerungsgruppe ein an und für sich neutraler Begriff gewählt.“

    Wie das im Ursprung mal war, vermag ich nicht wirklich zu beurteilen, vermute jedoch aufgrund der Kolonisationsgeschichte, der Sklaverei in den USA und dem Nationalsozialismus, der amerikanische Stereotype in seinen Rassenwahn intergriert hat (siehe Jazz), dass die sich aus der Hautfarbende ableitende Bezeichnung mit dem moralischen oder gar rassischen Überlegenheitsgefühl der weißen Mitteleuropäer einherging und die beschreibende Bezeichnung nie wirklich neutral war.

    Doch letztlich ist die Frage nach dem Wortursprung nebensächlich.
    Sofern man nicht die Geschichte umschreibt oder vergisst, kann das N-Wort nicht wieder zu einer neutralen Bezeichnung werden.

  41. Synonymwörterbuch aus dem Jahr 1986:
    Unter Afrikaner findet sich dort
    der Farbige (oft verächtlich)
    umgangssprachlich: Neger
    der Schwarze (verächtlich)
    Mohr (veraltet)
    salopp: Nigger (verächtlich)

    Irgendetwas muss seit 1986 passiert sein, dass man heute das N-Wort als diskriminierend und die einst als verächtlich gekennzeichneten Wörter als akzeptabel empfindet.

  42. @Stefan Niggemeier #30
    Und genauso zuverlässig kommt der Hinweis auf Pippi Langstrumpf, obwohl man damit ebenso regelmäßig der Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen-Fraktion überflüssigerweise ein Argument hinüberreicht: Sie dürfen sich dann nämlich rhetorisch diejenigen einverleiben, die z.B. statt oder mit Änderung historischer Texte gerne eine kritische Würdigung sähen. Beim Begriff N.* in Büchern, deren Autoren sich nicht mehr äußern können, zählte ich mich etwas zur zweiten Gruppe und bin jedes Mal genervt von der einen Seite vereinnahmt bzw. der anderen abgeheftet zu werden.

    *Ich finde das ein bisschen kindisch á la „Der, dessen Namen nicht genannt werden darf“, aber bitte.

  43. @VonFernseher: Astrid Lindgren selbst hatte schon 1970 in einem Interview gesagt, sie würde heute einen anderen Begriff wählen. Natürlich ist das noch mal eine andere Diskussion darüber, wie mit historischen Büchern umzugehen ist, und dabei nochmal eine spezielle andere Diskussion, wie das bei Kinderbüchern ist. Diese Diskussionen sind selbstverständlich legitim. Ich finde nur – deshalb habe ich das Beispiel oben erwähnt – die Leidenschaft, mit der u.a. vom Feuilleton der „Zeit“ ganz konkret darum gekämpft wird, diese Begriffe weiter seinen Kindern vorlesen zu wollen und zu sollen, erstaunlich.

  44. Ich bin auch in den Sechzigern geboren, warum sollte mich das entbinden in den nächsten 50 Jahren noch etwas dazu zu lernen?
    Und komischerweise wußten schon in den 80ern, dass „Neger“ eine abwertende Bezeichnung ist und die „Mongo“ und „Spasti“ Sprüche die wir in den 70er auf dem Schulhof benutzten widerwärtig waren.
    Es ist ja nicht so, dass wir wie unsere Elterngeneration in einer jahrelang in gehirnwaschenden rassistischen Diktatur aufwuchsen.

    Wer heute noch in den Sprachmustern seiner Kindheit steckengeblieben ist, hat ein paar ganz grundsätzliche Probleme mit seiner Entwicklung.

  45. @ Schreibkraft:

    Wie das im Ursprung mal war, vermag ich nicht wirklich zu beurteilen, vermute jedoch aufgrund der Kolonisationsgeschichte, der Sklaverei in den USA und dem Nationalsozialismus, der amerikanische Stereotype in seinen Rassenwahn intergriert hat (siehe Jazz), dass die sich aus der Hautfarbende ableitende Bezeichnung mit dem moralischen oder gar rassischen Überlegenheitsgefühl der weißen Mitteleuropäer einher ging und die beschreibende Bezeichnung nie wirklich neutral war.

    Ich bezweifle persönlich, dass man das so sagen kann. Wenn die Gesellschaft über X sehr negativ denkt, dann heißt das nicht, dass das gebräuchliche Wort für den Gegenstand X aufhören würde, neutral zu sein. Wenn die fragliche Bezeichnung keine spezifische negative Konnotation hat, durch die sie sich von anderen Bezeichnungen für X unterscheidet, dann hat die negative Haltung nicht direkt mit dem Wort als Wort zu tun, sondern mit der von ihm bezeichneten Sache.

    Ich hatte als Beispiel das Wort „Frau“ genannt. Frauen wurden bis vor Kurzem diskriminiert, und zur Entstehungszeit des Wortes Frau war die dominante Haltung sicherlich, dass Frauen Männern weit unterlegen seien. Völlig unabhängig davon ist die Bezeichnung „Frau“ aber neutral. Denn sie bezeichnet eben einfach Frauen in einem „vortheoretischen“ Sinne – also unabhängig davon, was für (negativen) Theorien man über sie pflegte. Deshalb konnte und kann man dasselbe Wort zu unterschiedlichen Zeiten verwenden, trotz aller Wandlungen des Frauen-Bildes.
    Ein anderen Beispiel: (Männliche) Homosexualität wurde lange gesellschaftlich geächtet. Das heißt aber nicht, dass die Bezeichnung „(männliche) Homosexualität“ nicht-neutral wäre. Anders sähe es mit einem Ausdruck wie „Unzucht unter Männern“ aus, der eine implizit eine negative Aussage enthält – oder mit beleidigenden Ausdrücken, die negativ konnotiert sind.

    Allein der jeweils aktuelle Sprachgebrauch entscheidet über die Bedeutung eines Wortes (Denotation und Konnotation) zu einem gegebenen Zeitpunkt. Wenn der allgemeine Sprachgebrauch eindeutig beinhaltet, dass ein bestimmtes Wort eine neutrale und sachliche Bezeichnung für einen bestimmten „Gegenstand“ darstellt, dann stellt es in der Tat auch eine neutrale und sachliche Bezeichnung dar – egal, ob der bezeichnete „Gegenstand“ Anerkennung oder Verachtung durch die Sprachgemeinschaft erfährt. Das N-Wort war früher die allgemeine Bezeichnung für Schwarze, mit der die Schwarzen sich auch selbst (und teils mit Stolz) identifizierten – und es fiel damit zweifellos in diese Kategorie.

    Dass sich das N-Wort aus der Hautfarbe ableitet, ändert hieran nichts; zum einen ist das eine Frage der Genese und nicht der Bedeutung; zum anderen leitet sich auch das Wort „Schwarzer“ aus der Hautfarbe ab.

    Das heißt natürlich nicht, dass es nicht verständlich (und zu respektieren) sein könnte, wenn Schwarzen das N-Wort aufgrund seiner Genese missfällt oder bei ihnen negative Assoziationen herbeiführt. Nur sollte man ehrlicherweise sagen, dass dieses Wort heutzutage negativ konnotiert ist, weil es einen Sprachwandel gegeben hat, während es früher eine neutrale Bezeichnung darstellte; dass es von einem sachlichen zu einem nicht-neutralen Wort wurde.
    Stattdessen wird – so jedenfalls mein Eindruck – immer wieder suggeriert, dass das Wort „intrinsisch“ herabsetzend sei und eigentlich schon immer diskriminierend war, selbst wenn man das früher übersehen habe – ganz so, als ob der „wahre“ Charakter eines Wortes jenseits seines Gebrauchs in der Sprache durch die Sprachgemeinschaft läge.

    (Anerkennt man, dass das N-Wort nicht „intrinsisch“ böse ist, sondern einfach einen negativen Bedeutungswandel unterlaufen hat, dann gibt es eigentlich auch wenig Grund, dieses Wort derart zu tabuisieren, dass man es selbst in einer Diskussion wie dieser, in der es zentral um ebendieses Wort geht, nicht ausschreiben, sondern nur schamhaft andeuten kann.)

    @ alle:

    Die Frage, wie es zu diesem Sprachwandel gekommen ist, der aus dem neutralen und legitimen N-Wort eine geächtete Bezeichnung gemacht hat, ist eigentlich eine sehr interessante Frage – denn es ist auch eine Machtfrage. Wer hat im Fall mit dem N-Wort letztlich durchgesetzt, dass es eine Veränderung der Konnotation dieses Wortes und somit einen Sprachwandel (samt der Tabuisierung des Wortes) geben solle? Die Mehrheit der Mitglieder der Sprachgemeinschaft insgesamt? Die Mehrheit der Mitglieder der betroffenen Gruppe (das heißt die Mehrheit der Schwarzen)? Oder andere? Und ganz allgemein: Wer bestimmt überhaupt darüber, dass es einen Sprachwandel gibt oder geben soll, sofern der sich nicht „natürlich“ vollzieht? Wer hat im Zweifelsfall die (moralische) „Definitionsmacht“ über die Sprache bis zu dem Grade, dass er entscheiden kann, welche Benutzer der Sprache sich „anständig“ und welche sich „unanständig“ verhalten?

    Derartige „Machtfragen“ und ihre Implikationen scheinen nicht nur im konkreten Fall mit dem N-Wort relevant zu sein, sondern auch allgemein und insbesondere im Zusammenhang mit der sog. „politischen Korrektheit“. Ich verstehe daher nicht, wieso sie so wenig reflektiert und diskutiert werden.

    Bei der Debatte um das N-Wort (oder um andere „politisch korrekte“ Bezeichnungen) dürfte es zu einem Großteil nicht um schwarze Menschen und vermutlich nicht einmal primär um das N-Wort per se gehen, sondern eben auch um „Machtfragen“ im dargelegten Sinne. Etwa: Wer soll festlegen dürfen, dass beispielsweise neutrale Begriffe, die man in seiner Kindheit gelernt hat, aufhören, neutral zu sein, und aus welchen Gründen?

    (Bevor ich missverstanden werde erneut mein Hinweis, dass ich selbst es für falsch halte, eine Gruppe mit Ausdrücken zu bezeichnen, die aktuell von dieser Gruppe als beleidigend empfunden werden; das halte ich für eine Sache des Respekts. Auch will ich Begriffe wie „politische Korrektheit“ in einem strikt neutralen, nicht-polemischen Sinne verstanden wissen.)

    Zumindest einigen Leuten scheint es übrigens nicht so sehr um Sachfragen zu gehen, die vielleicht zwangsläufig auch einen Macht-Aspekt haben, sondern um das Ausüben von (moralischer) Macht über andere Menschen als Selbstzweck. Die von Yücel geschilderten Szenen in diesem Artikel, der bereits verlinkt worden war, illustrieren dies eindrücklich:
    http://www.taz.de/!5068913/

  46. Es ging mir auch mehr darum, gar nicht erst solche Brocken hinzuschmeißen. Man sollte Menschen nicht als N., Hakenn. oder Schlitza. bezeichnen und es ist dabei unerheblich, welch große Persönlichkeiten das in der Vergangenheit geschrieben haben.

  47. @LLL – #49

    „Ich bezweifle persönlich, dass man das so sagen kann.“

    Wie bereits geschrieben, weiß ich es nicht wirklich, aber ich habe gerade mal bei Wikipedia geschaut und Folgendes gefunden:
    “ Die damit [mit dem N-Wort] verbundene Stereotypisierung [durch die Sklaverei] von Menschen geht laut Veröffentlichungen des Soziologen Wulf D. Hund dementsprechend nicht auf die Wahrnehmung natürlicher Unterschiede zurück, „sondern ist vor dem Hintergrund von Kolonialismus und neuzeitlicher Sklaverei entstanden“. Der analoge Begriff in der deutschen Sprache fand in Texten des 17. Jahrhunderts begrenzt Verwendung und bürgerte sich im 18. Jahrhundert gleichzeitig mit der Etablierung von Rassentheorien ein.“

    Klar ist, dass z.B. das englische N-Wort in den USA eben nicht oder nicht nur ein neutraler Begriff war, sondern oftmals auch eine gewollte Abwertung enthielt und weiße Macht, bzw. Überlegenheitsgefühl demonstrierte.
    Das N-Wort, bzw. beide N-Worte waren nicht unübliche Anrede für Schwarze, die von Weißen benutzt wurden – ähnlich wie Boy oder Monkey oder auch einfach nur mit dem Vornamen ansprechen.
    Umgekehrt hatten Schwarze Weiße Master, später Sir oder allenfalls Mister zu nennen. Abwertende Slang-Begriffe der Schwarzen für Weiße wurden nicht toleriert und üblicherweise nicht öffentlich benutzt.

    „Ich hatte als Beispiel das Wort „Frau“ genannt. Frauen wurden bis vor Kurzem diskriminiert, und zur Entstehungszeit des Wortes Frau war die dominante Haltung sicherlich, dass Frauen Männern weit unterlegen seien. Völlig unabhängig davon ist die Bezeichnung „Frau“ aber neutral.“

    Sie mögen mit Ihrer Grundaussage zur Neutralität von Worten Recht haben, ich bin kein Sprachwissenschaftler. Aber ich sehe diverse Unterschiede zwischen der Bezeichnung Frau und dem N-Wort. Der Gravierendste findet sich in der Kulturgeschichte. Frauen waren, hier in Europa, wie überall auf der Welt immer ein akzeptierter Teil der Gemeinschaft – wenn auch bislang kein gänzlich gleichberechtigter. Das Wort selbst, seine (auch emotionale) Bedeutung ist mit der Gesellschaft gewachsen.
    Dass Schwarze im größeren Maße mit Weißen zusammenleben, hat in der westlichen Welt erst mit dem Kolonialismus begonnen und zudem wurden die Schwarzen auch noch überwiegend verschleppt und versklavt. Das N-Wort ist nicht gewachsen, sondern es wurde von Weißen gewählt, negativ konnotiert und den Schwarzen übergestülpt.

    „Das N-Wort war früher die allgemeine Bezeichnung für Schwarze, mit der die Schwarzen sich auch selbst (und teils mit Stolz) identifizierten – und es fiel damit zweifellos in diese Kategorie.“

    Sorry, aber da machen Sie es sich viel zu einfach.
    Erst einmal hatte Schwarze durch den strukturellen Rassismus lange schlicht nicht den gesellschaftlichen Einfluss, eine eigene Bezeichnung zu wählen oder durchzusetzen. Insbesondere in den USA waren das Sklaven aus verschiedenen Teilen Afrikas, die keine gemeinsame Sprache hatten und denen die Sprache und Kultur der weißen Sklavenhalter aufgezwungen wurde. Die Welt dieser Sklaven beschränkte sich oftmals auf eine kleine Region und es gab kaum Möglichkeiten eine übergreifende Kultur zu entwickeln, weshalb sich bis in die 1930er-Jahre insbesondere im ländlichen Süden auch regionale Slangbegriffe als Eigenbezeichnung entwickelten. Erst mit den Medien Schallplatte und Radio änderte sich dies grundlegend und es formte sich eine gemeinsame schwarze Kultur und auch eine Art gemeinsame Sprache.
    Ich bin kein Historiker, weiß jedoch mit Sicherheit, dass die Frage nach der N-Bezeichnung unter Schwarzen wie auch unter weißen Liberalen mindestens schon Ende des 19. Jahrhunderts diskutiert wurde. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, gab es unter Schwarzen (grob gesagt) zwei verschiedene Sichtweisen, wie man langfristig Gleichberechtigung erlangen könnten. Beide Richtungen setzten sich später auch in der Bürgerrechtsbewegung (King/Malcom X) indirekt fort.
    Booker T. Washington White meinte, die Schwarzen sollen sich der Kultur der Weißen anpassen, um gesellschaftlich aufzusteigen und so Einfluss auf die Gesellschaft nehmen zu können. W. E. B. Du Bois hingegen war der Ansicht, dass eine schwarze Kultur entwickelt, bzw. verbliebene Reste bewahrt werden zu müssen und strebte als Fernziel eigenen eigenen Staat an. In seinen Schriften nennt er die Rassenschranken „colour line“.
    Die Bezeichnungen „Coloured“ und „Black“ ersetzten unter Schwarzen und weißen Liberalen zunehmend das N-Wort, wobei sich Black (mit der späteren Black Proud-Bewegung) durchsetzte und neben der formalen Bezeichnung „Afroamerikaner“ in den USA bis heute üblich ist.
    Lange Rede, kurzer Sinn: Das N-Wort war also keinesfalls bis vor wenigen Jahrzehnten rundum akzeptiert.

  48. 1. Das Thema Pipi Langstrumpf, Astrid Lindgreen und der „Südseekönig“ wurde bereits vor 5 Jahren auf den Webseiten der Buchautorin („Deutschland schwarz-weiß“) und Musikerin Noah Sow, „Der Schwarze Blog“ gründlich durchgenudelt.
    http://blog.derbraunemob.info/2013/01/19/zur-aktuellen-n-wort-debatte-stimmen-der-vernunft/

    2. Bei einigen Kommentaren hier zeigt sich, dass der „Arier“ sich auch heutzutage nicht vorschreiben läßt, wie er den „Untermenschen“ zu bezeichnen hat.

    3. Es gibt zwei Dinge, die ich wirklich hasse.
    a) Rassismus und
    b) wenn N….er mit am Tish sitzen.
    (Ironie aus.)

  49. @32 Ronald Fein
    Ich weiß ja nicht, wo sie in den 90ern gelebt haben, aber da war das Wort auch schon nicht mehr ohne schiefen Blick zu verwenden.

    Wenn Moses P „Ich bin der Schwarze Neger“ in Anspielung auf Schwarzenegger Moses Ps dunkler Hautfarbe rappt, dann auch, weil das Wort schon damals als diskriminierend galt.
    Ich glaube, selbst Otto nutze in seinem ersten Kinofilm das Wort schon, um seinen Otto-Charakter als naiven Ostfriesen darzustellen, wenn er doof betonend fragt: „Du Neger? … schwarze Füße“
    Und Kaufmann dann erst nicht vertseht und beim Blick auf die schwarzen Füße von Otto sagt: „Ah, du Neger.“

  50. „Vielleicht wollen die meisten bürgerlichen Deutschen eigentlich gar nicht weiter das N-Wort benutzen. Aber sie wollen es sich nicht verbieten lassen.“
    Eben.
    Verbote, Tabus, reizen zum Übertritt. Damit ist schon alles gesagt. Zumal es keine Instanz gibt, die ein solches Sprachgebot aussprechen kann und keine es keine solche geben sollte. Das Wort „Neger“ ist überflüssig, da es bessere Bezeichnungen (Schwarzer) gibt und es kein Äquivalent für Weiße („Alben“?) gibt. Es würde vermutlich sang- und klanglos aussterben, von der Nutzung eben mit rassistischen Konnotation mal abgesehen, würde man kein Bohei darum machen. Vielmehr noch: Dass Rassisten es benutzen statt ihren Rassismus mit „antirassistischer Sprache“ zu verhüllen, ist gut.
    Tabuisierende Bezeichnung wie „N-Wort“ sind übrigens völlig unsinnig, als wäre die Verwendung des „N-Worts“ ein böser „Trigger“ und ähnl. Küchenpsychologie, wie sie von pseudolinken Fundisekten gern vertreten wird.

  51. Dabei ist eine andere Frage längst viel interessanter: Warum wollen die Menschen unbedingt dieses Wort benutzen? Warum hängen sie so verzweifelt daran; wieso benutzen sie nicht einfach ein anderes, weniger problematisches, weniger belastetes, Schwarzer zum Beispiel.

    Diese Frage kann man auch ruhig noch erweitern zu: Warum hängen sie überhaupt so daran, ein homogenisierendes Wort für Leute mit anderer Hautfarbe parat haben zu wollen?

    Lalon Sander fasste das vor einigen Jahren in der taz sehr schön zusammen:
    „Wer in Kategorien wie Verbot und Erlaubnis denkt verkennt, dass es nicht bloß darum geht, Worte zu ersetzen, Menschen anders zu adressieren. „Aber wie soll ich die jetzt nennen?“, diese Frage steht zwischen den Zeilen. […] Doch diese Konstruktion der „Anderen“ gibt es in einem antirassistischen Weltbild nicht mehr, insofern gibt es für sie auch keinen neuen Begriff.
    […] Wer sensibel über schwarze Menschen sprechen will, muss nicht nur die Abwertung ablegen, sondern auch die Vereinheitlichung.“
    https://www.taz.de/!5057508/

  52. @VonFernseher: Astrid Lindgren selbst hatte schon 1970 in einem Interview gesagt, sie würde heute einen anderen Begriff wählen.

    Also rd. ein Vierteljahrhundert, nachdem das Buch geschrieben wurde. Sprache verändert sich.
    China heißt bei Jim Knopf „inzwischen“ Mandala.

    Dass die Diskussion so intensiv geführt wird, ist wenig verwunderlich.
    Natürlich will jeder Mensch dis Definitionsmacht über das, was er sagt, behalten.
    Natürlich will niemand rückwirkend zum Rassisten erklärt werden, weil sie oder er mal als Kind Pippi Langstrumpf gelesen hat.
    Natürlich wollen Feuilletonisten Literatur vor Änderungsforderungen schützen, denn dadurch kriegen sie Fame und Credibility: „Sehr her, ich schütze Künstler vor den Banausen! Ich bin fast selbst so gut wie ein Künstler! Feiert mich!!!“
    (Es geht natürlich auch um die Frage, ob Kunst dazu dienen soll, Menschen zu besseren Menschen zu erziehen, oder aber an gar keinen vorgegebenen Zweck hat. Aber das ist eine philosophische Frage, die natürlich rein gar nichts mit der Heftigkeit der der Diskussion zu tun hat, weil sich bekanntlich _niemand_ für philosophische Fragen interessiert.)
    Achja, und sehr aggressive Aktionen verursachen ebensolche Reaktionen. Ich kann Noah Sow verstehen, dass sie nicht super glücklich ist, dass ausgerechnet ein Weißer ein Buch über Rassismus schreibt, für das er sich als Schwarzen schminkte. Das dann als rassistisch zu erklären (Stichwort Blackfacing), ignoriert derart offensichtlich Wallraffs Intentionen, dass das mit meinem Rechtsverständnis nicht mehr in Einklang zu bringen ist. Das ist auch kein „weißes Privileg“. Niemand (und insbesondere nicht Herr Wallraff) hält Frau Sow davon ab, sich als Weiße zu schminken und über ihre Erfahrungen ein Buch zu schreiben.

    Dass man im normalen Leben hierzulande relativ wenig Grund hat, bestimmte Wörter zu verwenden, weil die entsprechenden Menschen hier nur eine kleine Minderheit sind, ist sicher richtig.
    Man könnte die Debatte natürlich ganz einfach vermeiden, indem man nicht mehr über bestimmte Menschen redet. Also gar nicht mehr.

  53. @ Schreibkraft:

    Zumindest laut der englischsprachigen Wikipedia wurde das N-Wort lange weithin akzeptiert. Auch als sich ein schwarzes Selbstbewusstsein herausbildete; auch von Bürgerrechtlern. Die englischsprachige Wikipedia beschreibt die Entwicklung an dieser Stelle genau und bietet etliche Beispiele, so dass sie mir an dieser Stelle schon glaubwürdig vorkommt.

    Mir fällt auf, dass der englischsprachige und der deutschsprachige Wikipedia-Artikel zur englischen resp. deutschen Version des N-Wortes sich doch ziemlich unterscheiden. Und zwar teilweise bezogen auf dieselben Sachverhalte. Mein subjektiver – und vielleicht irriger – Eindruck ist, dass die englischsprachige Wikipedia neutraler und unpolitischer verfährt.

    Der Abschnitt der deutschsprachigen Wikipedia, aus dem die Stelle mit Herrn Hund stammt, überzeugt mich „sprachlogisch“ nicht, wobei es ja sein mag, dass das daran liegt, dass das einfach nicht hinreichend ausgeführt ist. In der Wikipedia heißt es auch:

    „Auf Menschen bezogen, enthält es somit das Denotat ‚Mensch mit schwarzer Hautfarbe‘.[8] Bereits mit der Verwendung im Portugiesischen und Spanischen im 16. Jahrhundert wurde die Bezeichnung ’negro‘ mit dem Wort Sklave konnotiert und im Weiteren mit anatomisch-ästhetischen (hässlich), sozialen (wild, ohne Kultur), sexuellen (abnorm) und psychologischen (kindlich) Vorstellungen verknüpft.“

    Ich mag mich irren; aber meine starke Vermutung wäre, dass das N-Wort damals die allgemeine Bezeichnung für Schwarze war, und dass nicht etwa dieses Wort qua Wort besonders negativ konnotiert war, sondern dass die Weißen einfach solch negative Überzeugungen über Schwarze hegten.

    Es scheint mir hier ständig der Fehlschluss am Werke zu sein, dass ein Begriff für etwas, was negativ gesehen wird, ebenfalls etwas Negatives an sich haben müsse – und zwar in seiner Eigenschaft als semantisches Gebilde. Dem ist aber natürlich nicht so: Die Gesellschaft kann etwas oder jemanden abwerten, aber das entsprechende Wort kann als Wort dennoch neutral sein (muss es aber nicht). Das entsprechende Wort ist in diesem Fall „theorieunabhängig“ und bezeichnet ganz einfach etwas. Daher können Menschen, die jeweils die unterschiedlichsten Vorstellungen über einen bestimmten Gegenstand haben, ja auch genau dieselben Wörter benutzen, um ihn zu bezeichnen. Die Nazis etwa hatten extrem negative Auffassungen über Juden – aber sie benutzen dasselbe Wort, wie auch die stolzesten Juden es bei ihrer Selbstbezeichnung tun. Das Wort „Jude“ impliziert als reine Bezeichnung nichts Positives oder Negatives. Das Positive oder Negative oder Neutrale, das mit „Juden“ assoziiert wird, hat nichts direkt mit dem Wort „Juden“ als sprachlicher Ausdruck zu tun.

    Gäbe es keine neutralen Bezeichnungen, dann könnten Leute mit unterschiedlichen Wertungen einer Sache übrigens nie diskutieren; denn sie hätten ja nicht einmal eine gemeinsame Sprache. Sie hätten keine in sich neutralen Begriffe, die man wahlweise entweder mit positiven oder mit negativen Attributen versehen könnte, sondern allein Bezeichnungen, die positive respektive negative Urteile bereits präjudizieren.

    Dass Frauen gesellschaftlich akzeptierter als Schwarze waren, gestehe ich gerne zu. Das ändert jedoch nichts am Kern meiner Argumentation – dass die Abwertung einer Gruppe keineswegs impliziert, dass die jeweilige Abwertung stets (auch) in der Bezeichnung qua Bezeichnung liegen müsse. Dies gilt nämlich unabhängig vom Ausmaß der Abwertung oder Ausgrenzung.

    „Klar ist, dass z.B. das englische N-Wort in den USA eben nicht oder nicht nur ein neutraler Begriff war, sondern oftmals auch eine gewollte Abwertung enthielt und weiße Macht, bzw. Überlegenheitsgefühl demonstrierte.“

    Ist das tatsächlich so? Ist es nicht eher so, dass das N-Wort mit nur einem „g“ die gängige Bezeichnung für Schwarze war? Dass man sich den Schwarzen völlig unabhängig von diesem Wort für weit unterlegen hielt? Wollten die Weißen bereits durch die Sprache Schwarze abwerten, dann benutzten sie doch wohl eher das Wort mit dem Doppel-G, oder?

    Ob ein Wort tatsächlich negativ denotiert bzw. konnotiert ist oder eben nicht, lässt sich doch eigentlich relativ leicht testen: Man bilde eine Aussage, in der man demjenigen „Gegenstand“, der mit dem fraglichen Wort bezeichnet wird, positive Eigenschaften zuspricht; positive Eigenschaften, die dem Negativen, das oft mit dem Gegenstand mitgedacht wird, entgegengesetzt sind.
    Den Satz „Frauen sind so vernünftig wie Männer“ hätten die Leute vor ein paar Jahrhunderten beispielsweise für unsinnig gehalten – aber nicht aus logischen oder sprachlichen, sondern aus „sachlichen“ Gründen; aus Gründen, die außerhalb der Sprache liegen. „Frau“ ist als reines Wort weder negativ denotiert noch konnotiert, sondern eine neutrale Bezeichnung.
    In anderen Fällen hingegen würde uns eine positive Aussage über einen Gegenstand bereits aus logischen oder sprachlichen Gründen seltsam anmuten – eben weil der entsprechende Begriff negativ denotiert oder konnotiert ist.
    „Ein Schurke ist ein anständiger Mensch“ etwa wäre ein Beispiel für eine unlogische Aussage, weil es zur (impliziten) Denotation des Wortes „Schurke“ gehört, dass die so bezeichnete Person gerade nicht anständig ist. Der Satz „Klinkenputzer zu sein ist ein eherenwerter Beruf“ würde uns ebenfalls seltsam anmuten, sofern es nicht provokativ oder ironisch gemeint ist, weil „Klinkenputzer“ – anders als „Vertreter“ – negativ konnotiert ist.

    Da das N-Wort allgemein gebräuchlich war, erscheint es mir in diesem Sinne als sehr unplausibel, dass man positive Aussagen über Schwarze, in denen das N-Wort auftauchte, bereits aus rein logischen oder rein sprachlichen Gründen für unsinnig gehalten hätte.

    „Das N-Wort, bzw. beide N-Worte waren nicht unübliche Anrede für Schwarze, die von Weißen benutzt wurden – ähnlich wie Boy oder Monkey oder auch einfach nur mit dem Vornamen ansprechen.“

    Das man sein – heißt aber nicht, dass das Wort „boy“ oder das N-Wort (mit dem einen „g“) negativ besetzt waren. Die Abwertung ergibt sich hier vielmehr aus dem Kontext des Gebrauchs der entsprechenden Wörter und durch das Fehlen angemessener Umgangsformen. Wenn ein Sklavenhalter sich von seinem Sklaven stets siezen und mit „Herr“ ansprechen lässt, zu seinem Sklaven aber „komm mal, Du“ sagt, und sich weigert, den Namen zu nennen, dann ist das zweifellos sehr herabsetzend – aber das Wort „Du“ ist deswegen nicht „intrinsisch“ negativ oder abwertend.

    Aber nehmen wir einmal an, das N-Wort hatte zur Zeit seiner Entstehung eindeutig eine negative Konnotation. Dann wäre damit nur etwas über die GENESE gesagt. Die Bedeutung eines Wortes zu einer bestimmten Zeit ergibt sich jedoch aus dem jeweils AKTUELLEN Sprachgebrauch (der wiederum regional unterschiedlich sein kann). Spätestens da, wo das Wort allgemein üblich und auch (ohne negatives Gefühl) von Schwarzen benutzt wurde, konnte sicherlich nicht die Rede davon sein, dass es allgemein oder auch nur typischerweise negativ konnotiert war. (Die Wikipedia behauptet sogar, dass das N-Wort auch heute nicht universell negativ konnotiert sei: „The term can be construed as offensive, inoffensive or completely neutral, largely depending on the region where it is used.“)

    Dass das N-Wort den Schwarzen von Weißen „übergestülpt“ wurde, mag sein (und ist wohl in der Tat so); und dass manche Schwarze es dann lieber durch ein anderes ersetzt haben wollten, ist insofern sicherlich verständlich. Und das respektiere ich ja wie gesagt auch völlig. (Allerdings wurde dann einfach eine nicht-latinisierte Form des Wortes als Ersatz gewählt, was ein wenig seltsam anmutet – aber das ist nicht meine Entscheidung.)

    Die Frage wäre allerdings, ob es wirklich die Mehrheit der Schwarzen war, die eine neue Selbstbezeichnung wollten – sei es spontan oder weil entsprechende Vorschläge einen Nerv trafen und schnelle Akzeptanz fanden. Oder es nicht womöglich doch eher eine kleine Gruppe von Aktivisten und dann alsbald auch weißen Intellektuellen war, die durch das Ausüben von moralischem Druck eine Änderung des Sprachgebrauchs durchgesetzt hat. Ich habe den Eindruck, dass eher das zweite der Fall ist (siehe auch meinen ersten Beitrag); aber ich mag mich irren.

    Für die jetzige Situation ist das ja egal – denn wenn die meisten Schwarzen heute das N-Wort ablehnen, dann ist es zweitrangig, warum. Es ist so oder so zu respektieren. Aber für die Zukunft wäre es schon interessant, wie die Antwort auf diese Frage lautet; und es wäre ggf. sinnvoll, aus der Antwort zu lernen. Denn die Sprache gehört der Sprachgemeinschaft; und wenn die Allgemeinheit ihr Sprechen verändern und Sprachverständnis soll, dann aus Rücksicht gegenüber dem Willen einer diskriminierten Gruppe. Aber sicherlich nicht, weil eine kleine elitäre Gruppe das per ordre du mufti so beschließt und den Rest der Sprachgemeinschaft unter Druck setzt.

  54. @LLL

    >„Frau“ ist als reines Wort weder negativ denotiert noch konnotiert, sondern eine neutrale Bezeichnung.

    Das war aber nicht immer schon so:
    „„Weib“ war noch bis ins 19.Jahrhundert die neutrale Bezeichnung für Menschen weiblichen Geschlechts. Das Wort, das die rechtlich nicht voll selbstständige, dem Mann untertane, für Haushalt und Kinder zuständige Lebensgefährtin bezeichnet, nimmt im Lichte der heraufziehenden bürgerlichen Gleichheit eine abwertende Bedeutung an; zur Abhilfe greift die Gesellschaft zu dem Wort Frau, mittelhochdeutsch ‚frouwe‘ = Herrin, das zunächst adeligen Weibern vorbehalten war.“
    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/leserbrief-zur-sprachhygiene

  55. Ich finde die Artikel und Themen auf übermedien in letzter Zeit wieder deutlich besser! Erstmal danke dafür!

    Zum Artikel: ich finde die Diskussion darüber, wann man welche Wörter nehmen sollte auch spannend. Ich bin der festen Überzeugung, dass „political correctness“ — früher einfach Anstand genannt — generell etwas sehr sinnvolles ist.
    Tatsächlich ist aber auch die Frage interessant, wer in einer Minderheit entscheidet, ob das Wort negativ konnotiert ist oder nicht. Da gibt es ja sicherlich keine Abstimmungen, oder?

    Ich denke nämlich auch, dass das nur sinnvoll funktioniert, wenn auch die Mehrheitsgesellschaft diese Notwendigkeit versteht. Und da sehe ich auch in letzter Zeit aufgrund der Vielzahl von „Wörtern die man nicht mehr sagen darf“ eine gewisse Ermüdung, die in Trotz umschlägt. Das ist mMn der einfache Grund, warum es diese Diskussionen überhaupt gibt.

    P.S.: Ich halte Diskussionen über ein Wort, wenn man es nicht ausschreiben darf auch für schwierig. Noch verrückter wird es, wenn man noch zwischen „N-Wort mit einem g“ und „N-Wort mit 2 g“ unterscheiden muss.

  56. @#60 LLL
    „Ist es nicht eher so, dass das N-Wort mit nur einem „g“ die gängige Bezeichnung für Schwarze war? […] Wollten die Weißen bereits durch die Sprache Schwarze abwerten, dann benutzten sie doch wohl eher das Wort mit dem Doppel-G, oder?“.

    Ihre Annahme ist zutreffend.
    Z. B. , im Nachschlagewerk „Der Sprachbrockhaus“ (*, F.A. Brockhaus, 1972, 8. Auflage) heißt bzw. hieß es
    – zur Bezeichnung mit „einem g“ (*, Seite 464):
    „… Angehöriger, der in Afrika beheimateten Dunkelhäutigen, kraushaarigen Rasse, durch Sklavenhandel auch in Amerika. …“
    – zur Bezeichnung mit „zwei g“ (*, Seite 469):
    „… verächtlich für: Nxxxx. [engl.-amerikan.].“

  57. @ RKFTD:

    Mag sein, dass Sie mit ihren Ausführungen zu „Frau“ und „Weib“ recht haben. Bei „Weib“ bin ich mir nicht sicher, wie allgemein die Bezeichnung früher war. Die Wikipedia scheint jedenfalls zu bestätigen, dass die Bezeichnung „Weib“ ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch für „(verheiratete) Frau der niederen Schichten“ verwendet wurde.

    Ungeachtet dessen würde ich meinen, dass dies alles nichts am Kern meiner Argumentation ändert (falls Sie die denn überhaupt infrage stellen wollen):

    1. Auch wenn das Wort „Frau“ sich später als allgemeine Bezeichnung für weibliche erwachsene Personen durchgesetzt hat, dann war das doch zu einer Zeit, wo Frauen noch kein Wahlrecht hatten und nichts, im bürgerlichen Recht benachteiligt und dem Mann als weit unterlegen angesehen wurden. Dennoch können wir heute problemlos dasselbe Wort benutzen.

    2. Nehmen Sie das englische Wort „woman“. Das war als generische Bezeichnung für die adulte weibliche Person im Englischen offenbar deutlich früher in Gebrauch als bei uns „Frau“ – und „woman“ hat sich bis heute gehalten. Und die Leute von damals würden moderne Aussagen über „women“ verstehen, und Menschen von heute solche aus alten Zeiten – auch wenn man die Meinungen der jeweiligen anderen Zeit als kurios empfinden würde. Denn das Wort „woman“ ist eine schlichte Bezeichnung, einfach ein Name, ohne Wertung und Theorie. Man kann zwar mithilfe dieses Wortes Werturteile über Frauen äußern und ein ganzes Frauenbild kreieren, aber das Wort als solches enthält noch kein Werturteil und impliziert noch kein Frauenbild.
    Es kann daher auch von einer progressiven Feministin ebenso verwendet werden wie von einem Ewig-Gestrigen, der extrem antiquierte Vorstellungen von Frauen hat. Und die Feministin und der Ewig-Gestrige könnten mithilfe dieses „neutralen“ Wortes sogar miteinander diskutieren, ohne dass eine Seite sich allein durch die Verwendung des Wortes in logische Widersprüche verstricken müsste, weil das Wort aufgrund seiner Bedeutung der Theorie der einen oder der anderen Seite entgegengesetzt wäre.

    (Trotzdem könnte es natürlich sein, dass die Frauen ungute Assoziationen bei Wörtern wie „Frau“ oder „woman“ hätten und anders bezeichnet werden wollten. Und wenn das nicht nur die Meinung einiger Feministinnen wäre, sondern wirklich die der meisten Frauen, würde ich das auch akzeptieren. Aber das ist wieder etwas anderes.)

  58. @65 LLL
    Keine Ursache!
    Meinen (Ab-)Tippfehler, „dunkelhäutigen“ statt „Dunkelhäutigen“, bitte ich zu korrigieren.

  59. Ich warte mit Furcht auf den Tag, an dem Niggemeier seinen Namen ändern muss, weil da noch ein viel böseres N-Wort drinsteckt. Aber ansonsten sehe ich keinen Grund, die einen oder anderen Reizwörter zu benutzen. Auch nicht aus Widerspruchsgeist. Der deutsche Wortschatz wird durch ein Dutzend ohnehin obsolete Begriffe nicht ärmer. Bei der „Mohren-Apotheke“ könnte vielleicht etymologische Aufklärung helfen. Aber wenn es jemanden aufregt – aber bitte nur jemand, der dies auch erklären kann -, dann würde ich auch darauf gerne verzichten.

  60. @57, Stefan: Nein, ich habe schon den gesamten Artikel gelesen. Mit: „Es gibt die Theorie, dass solche Wörter bei Betroffenen Erinnerungen an traumatische Erfahrungen wecken können.“ wird ja der pathologisierende „Trigger“-Quark erwähnt, der gerne von selbsternannten pseudolinken Sprachaufsehern zur Einhaltung der „reinen Sprache“ und Aufrechterhaltung von Sprachverboten herangezogen wird.
    Viel interessanter als die Frage, warum Rassisten gerne weiter „Neger“ sagen wollen (sie sollen sogar, schon, damit man sie leichter erkennt), finde ich solche Sprachänderungs- und -tabuisierungsmechanismen und ihre Berechtigung.
    Ich verstehe übrigens den Satz nicht, warum es Journalisten „leichter“ hätten, weil sie „sogar die Diskussion darüber führen [können], was man sagen darf.“ Sprache ist und bleibt doch wohl eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und die Diskussion darüber muss von allen, nicht nur von Journalisten, geführt werden.

  61. Das mit der Retraumatisierung durch Wortnennung ist wirklich ganz großer Quark. Diese „Theorie“ hat in der Psychologie nicht einen anerkannten Fürsprecher. Sie wird eigentlich nur unter Aktivisten und an iwS Gender-Studies-Lehrstühlen vertreten. Auch wenn das bei der heutigen Milieuzusammensetzung im medialen Sektor fast zwangsläufig bedeutet, dass sich so etwas dann auch unter Journalisten herumspricht und erst einmal als Wahrheit gehandelt wird. Quasi die Gender-Pay-Gap-Theorie reloaded.

  62. „selbsternannten pseudolinken Sprachaufsehern“

    Im Gegensatz zu offiziell bestätigten Sprachaufsehern? Oder zu echten linken Sprachaufsehern? Oder zu selbsternannten rechten Sprachaufsehern? Oder wer wäre hier das Positivum zum von Ihnen erwähnten Negativum?

  63. Ähh, Trigger gibt es schon. Jedenfalls, soweit ich das mit meinen laienhaften, bei Tante Wiki erworbenen Wissen nachvollziehen kann.

    Ob die N-Wörter (das, das sich auf Fliesenleger reimt, und das, das sich auf Trigger reimt) immer und überall Trigger im psychologischen/psychiatrischen Sinne sind, wäre die eigentliche Frage, aber uneigentlich doch nicht. Man muss den Wunsch nach Höflichkeit und Respekt nicht pathologisieren.

    Umgekehrt kann auch jedes andere Wort für irgendwen ein Trigger sein – in letzter Konsequenz dürfte man am besten gar nicht mehr reden. Oder schreiben. Oder vorlesen. Zeichensprache ginge vllt., aber sicher ist sicher.

  64. #71 Mycroft:

    Wenn Sie sich zB die Sitte in Teilen der Jusos oder grünen Jugend vergegenwärtigen, nicht mehr zu klatschen, sondern zu schnipsen, weil Klatschen jemanden triggern könnte, dann ist mE nicht gesichert, dass irgendeine menschliche Kommunikationsform dauerhaft sicher vor Triggerwarnungen ist. :-)

    Trigger gibt es, ja. Aber in dem Sinne der o.g. „Theorie“ gibt es sie nur in dem durch ICD10/DSM-5 gut umgrenzten und definierten Bereich der posttraumatischen Belastungsstörung PTSD. Und auch wenn sich heutzutage manche Internetaktivisten nicht entblöden, sich nach einem Twitterstreit eine solche zu diagnostizieren, ist das tatsächlich eine schlimme Krankheit, bei der jedoch nicht ein Fall dokumentiert ist, in dem die Aussprache des N-Wortes Retraumatisierungen ausgelöst hätte.

    Für einen Betroffenen kann sich eine solche Beleidigung schlimm anfühlen. Man sollte hier unbedingt für menschlichen Anstand und Rücksichtnahme plädieren. Aber wie Sie mE sehr richtig schreiben sollte man sich davor hüten, Gefühle sachwidrig zu pathologisieren um sie noch plastischer und Gegenrede noch verwerflicher zu machen.

  65. Es ist ärgerlich, wie wenig in der Diskussion hier zwischen verschiedenen N-Wörtern verschiedener Sprachen unterschieden wird. Ein Zitat aus dem englischen Wiki-Artikel zu “n***o“ sagt überhaupt nichts darüber aus, wie das deutsche Wort “N***r“ konnotiert ist (das meinen Sprachempfinden nach irgendwo zwischen “n***o“ (engl.) und “n****r“ (engl.) angesiedelt ist).
    Diese Gleichsetzungen erklären m.E. auch ganz gut, wieso das deutsche N-Wort in den letzten Jahren oder Jahrzehnten deutlich negativer gewertet wird als früher; der Diskurs aus dem angloamerikanischen Sprachraum wird unbesehen übernommen und dabei das deutsche N-Wort mit n****r gleichgesetzt. (Dass diese Rolle nicht dem deutschen N-Wort mit zwei g zugefallen ist, liegt vielleicht einfach daran, dass letzteres viel weniger gebräuchlich war.)

  66. So jetzt wird es mMn langsam wirklich albern. Jetzt haben wir schon 5 (oder 4? Ich komm nicht mehr ganz mit) Wörter mit N, die nicht ausgeschrieben werden dürfen. Und es wird darüber diskutiert, welches davon schlimmer ist und welches OK – – aber natürlich ohne sie auszuschreiben. Das verkommt hier llimmer mehr zu Rätselraten mit Textbausteinen.

    Und da wird sich gewundert, dass viele Leute da nicht mehr mitmachen wollen/können.
    Ernsthaft?

  67. #75, @Ichbinich
    Selbstverständlich ist es absurd, bei einer Diskussion über Wörter diese Wörter nicht auszusprechen/-schreiben. Aber hey, über den, dessen Name nicht genannt werden durfte, wurde 7 Bestseller-Bücher geschrieben inkl. anschließender Verfilmung und zugehörigem Merchandising. Diese Erfolgsgeschichte muss sich doch auch mit anderen Wörtern – außer Lord Voldemort – wiederholen lassen.

    Die Ablehnung von „Schwarz“ oder „Dunkel(-häutig)“ für die Bezeichnung von Menschen ließe sich ja noch nachvollziehen, da neben der Denotation zumindest in den Sprachräumen der westlichen Welt beide Wörter sehr häufig mit negativer Konnotation verwendet werden. IIRC war das auch die Begründung meiner Kindheit/Jugend nicht vom schwarzen Mann sondern besser von N***r aber noch besser von Afrikaner bzw. Afroamerikaner zu sprechen. N*gg*r war allerdings schon immer ein Schimpfwort.

  68. @ichbinich, 75: Och, ich finde solche sprachlichen Herausforderungen eigentlich ganz spaßig. Sie halten es für albern, in Zitaten und in einer Metadiskussion die N-Wörter zu vermeiden — solange Sie davon nur amüsiert, nicht erzürnt sind, bin ich da ganz bei Ihnen. Aber das ist natürlich Geschmackssache; ich freue mich auch schon darauf, hierzulande demnächst semantischen Unsinn wie “Paula Deen said she didn’t want to seem like a lazy N-word“ zu lesen. Wenn irgendjemand sich durch die strikte Vermeidung des N-Worts höflicher behandelt fühlt, bin ich gerne dabei, und wenn diese darüber hinaus noch witzige sprachliche Effekte generiert, umso lieber.

  69. @HIMMELUNDHÖLLE

    Wie gesagt bin ich ganz bei Ihnen, wenn es darum geht, Minderheiten nicht zu diskriminieren. Und wenn das nunmal durch das N-Wort passiert, sollte man es lassen. (auch wenn immer noch offen ist, wie man das generell regeln will — denn auch Minderheiten sind ja keine homogenen Gruppen. Da gibt es sicherlich viele unterschiedliche Ansichten).
    Vor allem natürlich in der direkten Kommunikation.

    In dem Artikel geht es ja aber auch um die Frage, warum sich einige Leute der Mehrheitsgesellschaft so vehement dagegen wehren. Und ich glaube nicht dass das alles Rassisten sind. Sondern das solche Diskussionen mit mehreren N-Wörtern, die aus „trigger-Gründen“ nicht mal ausgeschrieben werden dürfen genau dazu beiträgt, diese Ablehnung zu schüren.
    Und das kann ich sogar nachvollziehen.

  70. Mag jemand, der in Deutschlang geboren wurde, im Ausland grundsätzlich als „Nazi“ bezeichnet werden?

    Das „Gewicht“ dieses Wortes kann man sich dann (als Deutscher) spontan doch sehr gut vorstellen, oder? Und vielleicht kann man sich dann auch vorstellen, wie auf einen dann diese Befindlichkeiten wirken, die nun hierzulande diskutiert werden. Ich stelle mir gerade vor, wie mir wäre, wenn ich in den USA, die bekanntlich ein ziemlich laxes Verhältnis dazu haben, quasi nicht nur ertragen müsste, von Leuten locker-flockig als „Nazi“ bezeichnet zu werden, sondern dass sich obendrein den Medien noch darüber echauffiert wird, dass „man das ja nicht mehr darf wegen der sch* political correctness.“

    Great. Ich würde wohl den nächsten Flieger nehmen, was womöglich auch der Zweck ist. Hau ab, du bist nicht willkommen.

  71. Was mich an diesem ganzen Diskurs über rassistische Begriffe immer wundert, ist die Tatsache, dass es niemanden auffällt, dass es keinen äquivalenten Begriff zm N-Wort für Weiße gibt. Und komme mir niemand mit Begrifflichkeiten wie „Krauts“ oder „Kartoffeln“. Erster Begriff ist ein abwertender Begriff gegen Deutsche und nicht gegen eine Menschengruppe an sich. Den zweiten Begriff sehe ich als Abwehrmechanismus von Diskriminierung betroffener. Wer ständig von der Mehrheitsgesellschaft auf Grund seines Äußeren abgewertet wird, sucht sich halt selbst Abwehrstrategien.

    Das N-Wort benutzten die spanischen und portugiesischen Sklavenhändler zur pauschalen Benennung von Afrikanern und hielt Anfang des 17. Jahrhunderts zusammen mit dem Begriff „Rasse“ in den deutschen Sprachgebrauch Einzug. Allein wegen der Herkunft erübrigen sich die Diskussionen über den Begriff, der eine eindeutige Fremdbezeichnung darstellt. Jeder Ethnie hat das Recht auf seine Eigenbezeichnungen. Da gibt es nichts zu diskutieren. Wer das nicht respektiert, will halt partout seine Deutungshoheit behalten und muss sich dem Vorwurf der white supremacy zu recht gefallen lassen.

    Die in rechten politischen Spektrum so beliebte Political Correctness- Keule ist auch nur eine Verdrehungsstrategie: Ich will weiter meinen rassistischen, sexistischen, antisemitischen usw Sprachgebrauch als „Meinungsfreiheit“ deklarieren. Ganz klar, dass solche Leute weniger wegen der bösen gutmenschlichen PC im abseits stehen, sondern eher wegen ihrer menschenverachtenden Grundhaltung. Und wer meint, dass Triggerwarnungen „linke Küchenpsychologie“ darstellen, der beweist, wessen Geistes Kind er ist. Empathiefähigkeit hat nun mal nich jeder.

    Ein weiteres beliebtes „Argument“: Ich kenne einen Schwarzen Menschen, dem diskriminierende Begriffe überhaupt nichts ausmachen. Sozugen der als Alibi herhaltende Schwarze Mensch. Nun ja. Dann gilt diese Aussage nur für diese Person und nicht für die Allgemeinheit Schwarzer Menschen. Das sollte eigentlich logisch sein. Oder gelten Individualrechte nur für Personen mit der „richtigen“ Hautfarbe und Pass? Alles andere, siehe Rassismus. Es soll im südlichen Deutschland Männer geben, die ihre Frau als „Muschi“ bezeichnen. Ich wage es zu bezweifeln, dass die Allgemeinheit der Frauen in solcher Art bezeichnet werden möchte.

  72. @ELEKTRISCHE STRECKENTASTENSPERRE
    > ist die Tatsache, dass es niemanden auffällt, dass es keinen äquivalenten Begriff zm N-Wort für Weiße gibt.

    In USA: https://en.wikipedia.org/wiki/Honky

    Wegen Fremdbezeichnung: Du bist doch bestimmt von der Sorte, die sich auch über die brutale Praxis der „Objektifizierung“ aufregt, gell?

    Also, z.B. wenn jemand zu einem anderen spricht, dann hat man den Sprecher, der ist das Subjekt, und den Angesprochenen, der das Objekt der Ansprache ist. Sauschlimm, ne?

  73. #80, @Elektrische Streckentastensperre
    „Das N-Wort benutzten die spanischen und portugiesischen Sklavenhändler zur pauschalen Benennung von Afrikanern“
    Ich glaube kaum, dass Spanier oder Portugiesen den eingedeutschten Begriff N***r verwendeten. Der spanische Begriff lautet schlicht negro/negra, was wiederum schlicht Schwarzer/Schwarze bzw. N***r/N***rin bedeutet. Eine Unterscheidung zw. Scharzer und N***r gibt es so im Spanischen nicht. So wie es im deutschen keine Unterscheidung zw. den amerikanisch-englischen Begriffen n*g*o und n*gg*r gab, sondern einfach mit N***r übersetzt wurde. Etymologisch existiert m.E. kein Grund statt N***r jetzt Schwarzer zu verwenden, da beide dieselbe Herkunft haben – eingedeutscht bzw. übersetzt.

    Das Eigenbezeichnungsargument ist ebenfalls nicht stichhaltig. Als Deutscher werde ich fast überall in der Welt nicht als Deutscher bezeichnet sondern als alemán, alemão, Allemand, Alman, tedesco, german, Němec, не́мец …

  74. @Stefan, #79:
    Wenn Sie (oder ich) in den USA unwillkommen sind, wird sich daran nichts ändern, wenn man den Einheimischen erzählt, dass „Nazi“ eine Beleidigung ist. (Ist jetzt ein eher unpassender Vergleich, weil Nazi nicht per Hautfarbe, sondern per politische Überzeugung definiert ist, welche a) nicht von außen sichtbar und b) ablegbar ist.)

    Aber ja, ich möchte nicht als Nazi bezeichnet werden, habe aber nichts grundsätzliches gegen Bücher, in denen das Wort „Nazi“ vorkommt. Bzw., wenn doch, dann lese ich sie einfach nicht und beschwere mich nicht beim Verlag, dass er das Wort nicht ändert.
    Und ich habe definitiv nichts dagegen, wenn Nazis „Nazis“ genannt werden. (Nein, ich kenne keinen Nazi, der Nazi genannt werden will, aber der politisch korrekte Begriff „Mitglied der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei (bzw. deren Nachfolger)“ ist jetzt etwas sehr umständlich.)

  75. @Strecktastensperre:

    Ich bin ja im Ergebnis mit Ihnen einer Meinung, dass man das N-Wort nicht gebrauchen sollte, aber in Ihrer Argumenation geht wirklich alles durcheinander.

    Zum einen gibt es natürlich auch pejorative Bezeichnungen für Weiße; neben dem erwähnten Honky zB das relativ aktuelle white trash. Jetzt kann man natürlich ein Fass aufmachen, inwiefern das vergleichbar ist. Aber unabhängig davon führt doch die Beobachtung, es gebe mutmaßlich keinen vergleichbaren Begriff für Weiße, zu keinerlei Erkenntnisgewinn. Denn die Diskussion über das N-Wort ergibt sich aus der Slavereigeschichte Europas. Ob und in welchem Umfang andere Kulturen oder Gruppen abwertende Begriffe für Weiße besitzen ist dafür völlig belanglos.

    Man kann eine Diskussion auch nicht dadurch für beendet erklären, indem man feststellt, ein Wort sei eine Fremdbezeichnung. Jedes Wort, das eine Sprache über Kategorien außerhalb des eigenen Sprachraums bildet, ist notwendig eine Fremdbezeichung. Die Briten nennen uns Germanen, wir selbst aber Teutonen. Sollen wir das den Briten jetzt verbieten?

    Aus der bloßen Tatsache einer Fremdbezeichnung ergibt sich in Wahrheit noch gar nichts, sondern es müssen weitere Kriterien hinzutreten, nach denen ein Wort zB in seinem moralischen Gehalt beurteilt werden kann.

    Auch Ihre „Widerlegung“, ein Schwarzer, den das N-Wort nicht stört, beweise nichts, weil er nicht für die Allgemeinheit stünde, ist so richtig wie nichtssagend. Denn das gilt natürlich umgekehrt auch für den einen Schwarzen, dem es etwas ausmacht. Auch er ist nur ein Individuum mit individuellen Rechten. In Wahrheit widerlegt der eine Indifferente die abwertende Bedeutung des N-Wortes deshalb nicht, weil bereits ex ante ein gesellschaftlicher Konsens darüber besteht, dass es abwertend ist.

    Im Übrigen wurde jetzt in einigen Beiträgen differenziert diskutiert, was Gründe für das gefühlte oder tatsächliche Wiederaufkommen von Sprachverbotsdiskussionen sein könnten. Da jetzt mit einem Schwall von -Ismen anzukommen und von „menschenverachtender Grundhaltung“ zu reden ist moralisch sicher außerordentlich befriedigend, aber selbst nicht mehr weit weg von einer menschenverachtenden Grundhaltung, nur, dass man die Menschen, die man dadurch verachtet, als moralisch minderwertig imaginieren kann, was es dann nachgerade zur ersten Bürgerpflicht macht, sie zu verachten.

    In Wahrheit ist bereits die Versuchung, anderen jede Moral abzusprechen der erste Schritt dahin, selbst den Anstand zu verlieren.

  76. Weil jetzt schon zum zweiten Mal das Argument kam, dass andere Länder ja auch andere Namen für uns Deutsche haben: Übertragen auf Menschen mit schwarzer Hautfarbe führt das genau zum Kern des Problems. Wir Weißen sind also die Einheimischen und dürfen denen, den Schwarzen, einfach einen von uns bestimmten Namen geben? Schwarze Deutsche dürfen die deutsche (!) Bezeichnung für sich nicht selbst bestimmen?

  77. Klar dürfen schwarze Deutsche die deutsche Bezeichnung für sich selbst bestimmen. So, wie deutsche Homosexuelle die deutsche Bezeichnung für „homosexuell“ bestimmen dürfen.
    Oder deutsche Polizisten die deutsche Bezeichnung für deutsche Polizisten. (Und das ist _nicht_ dieselbe wie die für unkastrierte männliche Rinder.)
    Dass sich trotzdem nicht alle daran halten, hat unterschiedliche Gründe; einer ist, dass erwachsene Menschen sich ungern etwas sagen lassen. (Kinder eigentlich auch nicht, aber Kinder empfinden Erziehung nur als nervig, nicht als Beleidigung.)

    Das angesprochene Problem, dass Menschen mit deutschem Migrationshintergrund im Ausland sich ihre dortige Bezeichnung auch nicht aussuchen dürfen/können, ist mMn eh‘ blöd – weil Deutsche im Ausland selten oder nie „Deutsche“ genannt werden, rächen „wir“ uns jetzt an Afrodeutschen?

    Wo wir bei Eigenbezeichnungen sind: Ich bin gegen „Hete“ und gegen „Kaukasier“.

  78. #86 Stefan Niggemeier:

    Jetzt bringen Sie glaube ich etwas durcheinander. Die Tatsache, dass es in anderen Sprachen abweichende Begriffe für Deutsche gibt ist kein Argument für die Benutzung des N-Wortes, oder für wir Weißen gegen die Schwarzen. Der Vergleich zeigt nur, dass aus der bloßen Feststellung, etwas sei eine Fremdbezeichnung, nicht bereits folgt, dass das Wort deshalb abzulehnen ist.

  79. @Illen:
    Jein. Das gehört zum Themenkreis der weißen Privilegien, zu denen es gehören soll, dass Weiße sich ihre Eigenbezeichnung selbst aussuchen dürften, alle anderen aber nicht.
    Der Punkt hier ist, dass sich Deutsche zwar ihre Eigenbezeichnung tatsächlich selbst aussuchen, aber die wenigsten Nicht-Deutschen darauf Rücksicht nehmen. Typische Bezeichnungen für „deutsch“ sind:

    – ein antiker Begriff, der damals schon keine Eigenbezeichnung war
    – ein mittelalterlicher Begriff, der zwar tatsächlich eine Eigenbezeichnung war, aber kaum jemand unter den heutigen Einheimischen wiedererkennt
    – eine ableistische Ableitung des Wortes für „stumm“
    – eine Bezeichnung eines Teilstammes, mit dem sich die meisten Deutschen jeweils nicht identifizieren
    – und gelegentlich Wörter, die so ähnlich wie „deutsch“ klingen, wie z.B. „dütsch“

    Umgekehrt nennt alle Welt Botswana Botswana/Botsuana.

    Aber wie gesagt, nur weil die Welt unfair ist, ist das trotzdem kein Grund, unfair zu sein. Vor allem nicht D-intern.

  80. @Stefan Niggemeier
    Ich finde das ein sehr schlechtes Kriterium. Ich werde auch schon mal als Hete, weißer Cis-Mann, linksgrünversifft oder anderes bezeichnet, was ich für unterschiedlich bescheuert halte. Trotzdem muss ich mir das gefallen lassen, weil es zwar abwertend gemeinte, aber keine ehrabschneidenden Begriffe sind. N. dagegen ist im Sinne eines objektiven Betrachters ganz klar eine Beleidigung und kann – außer im historischen Kontext – also auch nur ehrabschneidend benutzt werden.

    Ich würde keines meiner Beispiele anderen gegenüber benutzen wollen; der Maßstab ist das aber nicht. Der Maßstab kann nur der eines objektiven Betrachters sein.

  81. #90 Mycroft:

    Die white-privilege-‚Theorie‘ ist ein Faß, das ich mit Ihrer Zustimmung hier mal geschlossen lassen würde. ;-)

    Soweit Sie sagen, Weiße würden sich ihre Bezeichnungen selbst aussuchen und alle anderen nicht, formulieren Sie ja selbst bereits im Konjunktiv; mE völlig zu recht. Das ist unhaltbar. Zahlreiche Staaten – auch mit kolonialer Vergangenheit – wie China, Iran oder Ägypten, besitzen seit jeher eigene Benamungssysteme. In anderen Ländern haben Europäer nicht indigene Völker gezwungen, einzelne europäische Begriffe zu verwenden, wo sie viel lieber eigene verwendet hätten, sondern sie haben die Länder erobert und kolonisiert, und die überlebende indigene Bevölkerung hat (größtenteils) das gesamte Sprachsystem übernommen. Das ist mit all den geschehenen Grausamkeiten ganz sicher eins der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte, aber rein sprachlich ist es völlig absurd anzunehmen, ein Brasilianer wird heute dazu gezwungen, brasilianisch-portugiesisch zu sprechen, wo er viel lieber eine indigene Sprache sprechen würde.

    Hier werden die großen geschichtlichen Untaten der ‚Weißen‘ unbesehen auf Kategorien ausgedehnt, in denen sie einfach nichts zu suchen haben.

    Im Übrigen ist mir nicht ganz klar, worauf Sie hinaus wollen. Soweit Sie sagen, andere würden unsere Begriffe gerade nicht übernehmen, sind wir doch ganz beieinander?

  82. @Stefan Niggemeier:

    Übertragen auf Menschen mit schwarzer Hautfarbe führt das genau zum Kern des Problems. Wir Weißen sind also die Einheimischen und dürfen denen, den Schwarzen, einfach einen von uns bestimmten Namen geben?

    Dass das ein Problemkern wäre sehe ich ehrlich gesagt nicht (auch wenn Sie die Formulierung vielleicht etwas überspitzt haben). mE gibt es auch heute noch einen starken Konsens, das N-Wort nicht zu gebrauchen. Dieser ist entstanden, obwohl die Anzahl schwarzer Deutschen seit jeher sehr gering war, er wird also schon immer auch von den meisten Weißen mitgetragen.

    Auch richtet sich doch der weit überwiegende Teil der ‚Sprachverbotskritik‘ nicht dagegen, Schwarze nicht mehr direkt mit dem N-Wort titulieren zu dürfen, sondern dagegen, das Wort insgesamt, auch in Metadiskussionen, nicht mehr zuzulassen. Oder würden Sie dem widersprechen? Das ist jedenfalls mein Eindruck.

  83. Ich fand es allerdings auch seltsam, dass der MDR ausgerechnet das N-Wort als Beispiel nennt. Das war außerhalb tatsächlich rechtsextremer Kreise mE eigentlich nirgendwo mehr ein Thema. Da hätten andere, aktuellere Beispiele wie ,Flüchtling‘ viel näher gelegen. Aber vielleicht ist das N-Wort einfach auch heute noch schlicht das erste Beispiel, dass einem beim Thema Sprachtabus in den Sinn kommt, auch wenn es selbst eigentlich nicht mehr groß umstritten ist.

  84. Ich finde halt, dass das Argument in beide Richtungen nicht richtig funktioniert – weder akzeptiere ich den Vorwurf, ich könnte mir ohne Widerstand meine Eigenbezeichnung selbst aussuchen, während andere quasi per Kolonialismus ihre Bezeichnungen aufgedrückt bekommen, noch ist der Umstand, dass meine Eigenbezeichnung tatsächlich nur von Leuten mit derselben (oder ziemlich ähnlichen) Muttersprache verwendet wird, ein Argument dagegen, dass man den Wunsch von anderen Deutschen, nicht mit bestimmten Wörtern benannt zu werden, nicht zu respektieren braucht. Insofern stimme ich Herrn Niggemeier zu.

    Was ich für überzogen halte, ist die Tabuisierung. Wenn in einem Kinderbuch, welches halt in einer extrem rassistischen Gesellschaft spielt, wo rassistische Sprache noch zu den „harmloseren“ Formen von Rassismus gehört, die rassistischen Wörter geändert werden, ist das für mich sinnlos. Wenn, dann müsste man alle anderen rassistischen Sachen weglassen, und dann bleibt von der Geschichte knapp die Hälfte übrig, und man kann das Buch gleich streichen.
    Wer das nicht lesen will, weil sie oder er im richtigen Leben genug Rassismus erlebt, oder bestimmte Wörter seinen oder ihren Kindern nicht vorlesen will, ok, der braucht das Buch ja nicht zu lesen.

    Ich rede übrigens von Huckleberry Finn.

  85. #95 Mycroft:

    Huckleberry Finn ist in der Tat ein gutes Beispiel. Anders als bei Pippi Langstrumpf, wo diese Änderung ja nun gar nichts an der Geschichte ändert und die Aufregung wohl nur der bereits schwelenden Metadiskussion geschuldet war, ist der Rassismus dort essentieller (und mE gerade durch die Benennung aufklärerischer) Bestandteil der Geschichte.

    Ich stimme Ihnen im Übrigen voll zu, will nur noch einmal darauf hinweisen, dass ich sprachliche Eigenbezeichnungen ebenfalls nicht als Argument in der N-Wortdebatte selbst verstehe (siehe #89).

  86. Was mir in dieser und vielen anderen Diskussionen fehlt ist eine Diskussion um die simple Frage: Was denken die (ganz normalen, durchschnittlichen) Schwarzen eigentlich selbst?

    Ganz ehrlich gesagt habe ich nämlich das Gefühl, dass die Meinung dieser Leite gar nicht im Zentrum der Debatte steht oder je stand; ja, dass diese Meinung im Grunde niemanden besonders interessiert. So konnte ich keine einzige Umfrage finden – weder im Englischen noch im Deutschen – die Aufschluss darüber gäbe, ob die Mehrheit der Schwarzen das englische bzw. deutsche N-Wort als beleidigend empfinden. Zumindest in den USA sollte es aufgrund der größeren Anzahl der Schwarzen dort technisch ja möglich sein, eine solche Umfrage durchzuführen. (Es gibt in den USA offenbar Umfragen, die zeigen, dass die Schwarzen das N-Wort inzwischen nicht mehr gegenüber anderen Bezeichnungen präferieren – aber das ist ja etwas anderes. Und ja, es gibt Verbände, von denen aber wohl niemand weiß, ob deren Meinung etwas mit der Mehrheitsmeinung unter Schwarzen zu tun hat.)

    Vielleicht gibt es solche Umfragen – nur ist es seltsam, dass man dann nie von ihnen liest oder hört. Ist es ein Zufall, dass sie – wenn sie denn existieren – in der öffentlichen Debatte nicht vorkommen?

    Das Fehlen von Interesse für die Sicht der Betroffenen selbst scheint übrigens Tradition zu haben. So schreibt Gallup:

    „In fact, a 1969 Gallup poll of blacks found ‚Negro‘ to be the most widely preferred term among blacks — at 38%, compared with 19% for ‚black‘ and 10% for ‚Afro-American‘.“
    http://news.gallup.com/poll/163706/blacks-hispanics-no-preferences-group-labels.aspx

    Und direkt im nächsten Satz fährt Gallup dann fort:

    „Since 1971, Gallup has used the term ‚black‘ when asking questions about U.S. blacks.“

    Mit anderen Worten: Gallup stellte fest, dass das N-Wort das unter Schwarzen mit Abstand beliebteste war – um dann zwei Jahre später diese Bezeichnung zu streichen und sie durch ein Wort zu ersetzen, das bei den Schwarzen nur halb so beliebt war. Was die einfachen Schwarzen zu wollen haben, wissen sie selbst offenbar nicht so recht. Das überfordert sie. Einige schwarze Aktivisten (zum Großteil sicher couragierte Leute) und die Vertreter eines weißen Juste Milieu wissen es offenbar besser, weshalb ihnen auch die natürliche Aufgabe zufällt, der Masse der einfachen Schwarzen mit sanftem Paternalismus den rechten linguistischen Weg zu weisen.

    Und weil den Schwarzen eben nun ständig gesagt wurde, dass „Schwarze“ das richtige und das N-Wort das falsche Wort sei, von der Presse und von an sie selbst gerichteten Zeitschriften usw., akzeptierten sie es so. Zumindest ist dies auch die Version, die der Artikel „When Did the Word Negro Become Taboo?“ in Slate nahelegt, auch wenn der Prozess dort viel wohlwollender beschrieben wird. (Zwei Links gehen nicht wegen Spam-Schutz.)

    Und hier passt durchaus auch das Wort „selbsternannt“, auch wenn es Herrn Lobos Hasswort ist. Denn es gibt Leute, die so auftreten (und schlimmstenfalls auch so behandelt werden!), als würden sie für eine bestimmte Gruppe sprechen, obwohl die Gruppe sie nie zu ihren Vertretern ernannt hat, und obwohl auch nie belegt wurde, dass ihre Forderungen auch dem Wunsch der Gruppe entsprechen.

    Wie schon gesagt habe ich ein gewisses Verständnis für das Argument, dass manche Schwarze das N-Wort schon vor längerer Zeit ablehnten, da es von Weißen herstammt. Und ich nehme an, dass die meisten Schwarzen das Wort inzwischen tatsächlich ablehnen und würde es daher – bis zum Beweis des Gegenteils – sicherlich vermeiden.
    Aber eine Verfemung, die so weit geht, dass man das Wort, das unter den Schwarzen am beliebtesten war und von Martin Luther King mit Stolz gebraucht wurde, nicht einmal mehr in einer Diskussion um genau dieses Wort benutzt werden darf, scheint mir maßlos und ahistorisch zu sein.

    Zudem ist diese Ablehnung doch auch zu einem Gutteil „gemacht“. Hätte die veröffentlichte Meinung den Leuten seit Jahrzehnten gesagt, dass die Bezeichnung „Schwarze“ rassistisch sei, weil sie die Leute über ihre Hautfarbe definiert (oder besser noch: auf ihre Hautfarbe „reduziert“); und hätte man verkündet, dass der Ersatz des N-Wortes durch „Schwarzer“ eine besonders absurde und heuchlerische Form der Augenwischerei sei, weil „Schwarze“ einfach nur die nicht-latinisierte Variante des N-Wortes darstelle: Heutzutage würde man dann über das „Sch-Wort“ diskutieren, ohne es ausschreiben zu dürfen; und es würde suggeriert werden, dass dieses Wort „intrinsisch“ diskriminierend und rassistisch sei (also unabhängig davon, wie die Sprachgemeinschaft es versteht und verwendet). Mal ehrlich: Genau so wäre es doch gekommen.

    Wenn ich auch keine Umfragen finden konnte, die Aufschluss darüber geben würden, was die Schwarzen selbst über das N-Wort denken, so konnte ich immerhin Umfragen unter den Deutschen (unabhängig von ihrer Hautfarbe) finden: Zwei Drittel empfinden das N-Wort demnach als neutral, wobei davon die Hälfte von diesen zwei Dritteln es selbst benutzt. Wenn die große Mehrheit einer Sprachgemeinschaft ein Wort als neutral empfindet und die Denotation und die Konnotation eines Wortes vom Gebrauch der Sprache durch ihre Sprecher abhängen, dann lässt sich definitiv nicht sagen, dass das N-Wort in einem allgemeinen Sinne pejorativ oder rassistisch sei. Ehrlicher wäre es klarzustellen, dass das Wort zwar keineswegs immer negativ konnotiert ist (oder gar in einem „intrinsischen“ Sinne rassistisch); dass man aber vermutet, dass viele Betroffene es heutzutage als abwertend empfinden, und dass man daher anrät, aus Gründen des Respekts und der Rücksicht auf seinen Gebrauch zu verzichten. (Was wie gesagt zweifellos ein vernünftiger Rat ist.)

    Matthias Dell schrieb (zit. nach S. Niggemeier):

    „Das N-Wort ist der verführerischste Name der Abwertung, der prominenteste und mächtigste, weil älteste (nicht zu sagen: traditionsreichste) Begriff des Hasses, in dem wie in einer Zip-Datei die Jahrhunderte alte, blutige Geschichte des Rassismus kompromiert [!] ist und dessen Aussprache daher ein ganzes Bündel an Attraktionen freisetzt, die schwer zu beschreiben sind, weil sie Bereiche berühren, die sich nicht leicht rationalisieren lassen – das macht das Spiel mit dem eigentlich problematischen Wort so faszinierend für die bürgerlichen Stände.“

    Dazu fallen mir (u.a.) folgende kritische Rückfragen ein:

    – Inwiefern kann eine Bezeichnung – offenbar in einem zeitlich und örtlich unbeschränkten Sinne – ein Wort der Abwertung und des Hasses sein, wenn die Sprachgemeinschaft (einschließlich der Betroffenen selbst) es allgemein als neutrales Wort empfand und gebrauchte, und wenn die Sprachgemeinschaft es (laut Umfragen in Deutschland) überwiegend auch heute noch so bewertet?
    – Damit zusammenhängend: Wenn nicht die Sprachgemeinschaft und ihr Sprachgebrauch, wer entscheidet dann darüber, wie ein Wort innerhalb einer bestimmten Sprache konnotiert ist, und ob es etwa ein „Wort des Hasses“ ist oder nicht?
    – Inwiefern kann in einem Wort eine „blutige Geschichte des Rassismus“ komprimiert sein? Das kann doch nichts anderes als eine zugespitzte Formulierung dafür sein, dass ein Wort besonders rassistisch konnotiert ist, dass es in besonderer Weise mit Negativem assoziiert wird. Aber hier nochmals: Was entscheidet über die Konnotation und die Assoziationen eines Wortes, wenn nicht der Sprachgebrauch der Sprecher?
    – Herr Dell scheint indirekt rassistische Motive dafür zu unterstellen, wenn man bei einer Diskussion über das N-Wort das N-Wort nennt? Gibt es aber nicht auch andere und naheliegendere Erklärungen? Könnte es beispielsweise nicht auch sein, dass einige Leute es ablehnen, wenn eine kleine Minderheit (von der keinesfalls klar ist, ob sie für eine diskriminierte Gruppe spricht oder nicht) für sich die Definitionsmacht über Sprache beansprucht, und wenn sie der Sprachgemeinschaft als ganzer einen Sprachwandel aufdrängt? Gar noch mit massivem moralischem Druck, indem man alle, die nicht folgen, in die Rassisten-Ecke stellt? Wäre es nicht recht und billig, solche oder auch andere und noch trivialere Möglichkeiten (s.u.) in Erwägung zu ziehen, bevor man anderen Leuten gleich das Schlimmste unterstellt?

    Dell schreibt des Weiteren:

    „Im Aussprechenwollen des N-Worts über die Bande des vermeintlich notwendigen Zitats oder des vorgeblichen guten Zwecks (Kritik) verbinden sich mehrere psychosoziale Prozesse: der Reiz des Verbotenen; die exhibitionistische Tapferkeit des Sagenkönnens eines gemeinhin inkriminierten Begriffs; das Gefühl der Erhebung über die gesellschaftlich und intellektuell niedriger gestellten Stichwortgeber und, vor allem, über die damit Gemeinten, was eine nicht unbedingt reflektierte, aber tiefempfundene Lust triggert, die Kern und Mächtigkeit unseres Rassismus berührt (…).“

    Vielleicht hat die „Lust“, das N-Wort zu nennen, wenn man über es spricht (!), auch viel banalere Gründe – etwa den, dass alles andere auf viele Leute einfach furchtbar verdruckst wirkt?
    Und eine „Erhebung über die gesellschaftlich und intellektuell nieder gestellten“ Menschen: Zeigt die sich nicht viel eher darin, wenn man die Veränderung von Sprache (mit erhobenem Zeigefinger) einfordert, und dabei zuerst den Willen der Mehrheit der amerikanischen Schwarzen und später dann das Sprachempfinden von zwei Dritteln der hiesigen Sprachgemeinschaft für komplett irrelevant erklärt – und zwar ohne jede Debatte, ohne jede Diskussion?

    @ Stefan Niggemeier:

    Sie zitieren Herrn Dell, ohne eine Distanzierung erkennen zu lassen. Darf ich Sie daher fragen, ob Sie sich dessen Zitate uneingeschränkt zueigen machen? Wenn ja, dürfte ich Sie trotz Ihrer sicherlich knapp bemessenen Zeit fragen, ob Sie zu meinen obigen kritischen Rückfragen in Richtung Dell kurz Stellung nehmen können?

  87. @ Illen:

    “ Denn die Diskussion über das N-Wort ergibt sich aus der Slavereigeschichte Europas.“

    Auch wenn das vielleicht nur am Rande relevant ist, fällt auf, wie die deutsch- und die englischsprachige Wikipedia sich diesbezüglich unterscheiden. Die deutsche schreibt:

    „Nach dem Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache hat das Wort Neger die Ausgangsbedeutung ‚Schwarzer‘ und ist ein Lehnwort nach dem französischen nègre, das wiederum vom spanischen negro, der Nachfolgeform des Lateinischen niger (’schwarz‘) kommt.[1] Die Bezeichnung wurde erstmals im 16. Jahrhundert während des spanischen und portugiesischen Sklavenhandels für Menschen verwendet, vornehmlich für afrikanische Versklavte, und bezog sich auf deren Hautfarbe.[2] “

    Demnach stünde das N-Wort (in seinen ausländischen Verwendungen) in einem engen Zusammenhang mit der Sklaverei. In der englischsprachigen Wikipedia heißt es hingegen:

    „Around 1442, the Portuguese first arrived in Southern Africa while trying to find a sea route to India.[1][2] The term negro, literally meaning ‚black‘, was used by the Spanish and Portuguese as a simple description to refer to the Bantu peoples that they encountered. Negro denotes ‚black‘ in Spanish and Portuguese, derived from the Latin word niger, meaning black, which itself is probably from a Proto-Indo-European root *nekw-, ‚to be dark‘, akin to *nokw-, ’night‘.[3][4] ‚Negro‘ was also used of the peoples of West Africa in old maps labelled Negroland, an area stretching along the Niger River.
    From the 18th century to the late 1960s, negro (later capitalized) was considered to be the proper English-language term for people of black African origin.“

    Demnach ginge die Bezeichnung auf die Zeit vor dem Sklavenhandel zurück und wäre unabhängig von ihm.
    Die Fragestellung ist eher von historischem Interesse, denn Genese und Bedeutung (einschließlich Konnotation) eines Wortes sind nicht dasselbe; und wenn die Schwarzen heutzutage (mutmaßlich) die Bezeichnung ablehnen, sollte dies unabhängig von ihrem Ursprung respektiert werden.
    Dennoch ist das nicht uninteressant; denn wenn die englische Version stimmt, würde sich zumindest die Frage stellen, ob die Irrtümer der deutschen Version etwas mit einem gewissen ideologischen „Belastungseifer“ zu tun haben.

  88. @RKTFD

    Und wo ist die deutsche Version der Bezeichnung „Honky“? Hier wird Ursache und Wirkung verwechselt. Wer hat die heutige USA unter teilweisen Landraub besiedelt? Wer hat die indigene Bevölkerung fast ausgelöscht? Wer hat Millionen Afrikaner versklavt und deportiert? Wer sorgt bis heute dafür, dass der Rassismus weiterhin gesellschaftsfähig ist? Ist es da verwunderlich, dass Menschen, die ständiger Abwertung ausgesetzt sind, Abwehrstrategien entwickeln?

    @ Ronald Fein:

    Ja, Sie haben Recht. Ich habe mich wohl etwas missverständlich ausgedrückt. Selbtverständlich haben die Spanier und Portugiesen nicht die eingedeutschte Version des Wortes benutzt. Da aber der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm ab 1681 in den Sklavenhandel einstieg, ist wohl die spanische Version des Wortes als deutsche Version in Sprachgebrauch eingegangen.

    @ Illen

    Das kommen sie wieder, die Whataboutism. Ich sehe die nicht vorhandene Äqivalenz überhaupt nicht belanglos an. Europäische Mächte haben einen Kontinent überfallen, Menschen deportiert und ganze Ehtnien ausgelöscht, Menschengruppen unteschiedslos einen Begriff übergestülpt. Und genau das ist einzigartig. Es ist bloß wieder die alte Leier, die Deutungshoheit darüber zu haben. Oder können Sie mir belegen, dasss eine afrikanische Streitmacht Europa überfallen, Menschen verklavt und ihnen einen ehrabschneidenden Begriff verpasst hat, gegen den wir uns heute noch heute wehren müssen? Es bleibt dabei: Europäische Mächte haben einen Großteil der Welt okkupiert, die Ressourcen ausgebeutet für einen Reichtum, an den wir noch heute partizipieren und dafür Millionen Menschen vernichtet. Ein anderers Beipsiel: Es gibt Holocaust-Leugner, die behaupten, dass die Vergasung von Menschen nicht einzigartig war, weil es lange vorher immer wieder Pogrome gegen die Juden gegeben hat. Der Vergleich zwischen einzelnen lokalen Ausschreitungen und einer industriellen Massenvernichtung verbietet sich wohl von selbst, nicht wahr?

    Zitat „Auch Ihre „Widerlegung“, ein Schwarzer, den das N-Wort nicht stört, beweise nichts, weil er nicht für die Allgemeinheit stünde, ist so richtig wie nichtssagend.“

    Auch hier betreiben Sie wieder Derailing: Sie wissen genau so gut wie ich, dass dieses „Argument“ sehr gerne von Menschen gebraucht wird, die ihren rassistischen Sprachgebrauch damit legitimieren möchten. Alle Schwarze Menschen, mit denen ich mich über diskriminierende Begriffe unterhalten habe, lehnen unisolo diese und die anderer Versionen des Wortes ab. Hier können Interessierte gern nachlesen, was die Betroffenen von bestimmten Vokabeln halten: http://www.derbraunemob.de/faq/

    Und, mal am Rande bemerkt. Was hat das N-Wort überhaupt im der Kommunikation zwischen Menschen zu suchen? Der Mensch mir gegenüber hat einen Namen, eine Herkunft. Das ist die Grundlage für eine Kommunikation und nichts anderes. Wenn doch, empfehle ich bestimmten Leuten Selbstreflektion und ein Antirassismus-Seminar.

    Zitat: „Die Briten nennen uns Germanen, wir selbst aber Teutonen. Sollen wir das den Briten jetzt verbieten? “

    Ich wusste gar nicht, dass die Bezeichnung „Germanen“ eine rassistische Fremdbezeichnung ist. Gut, hätte ich ich in meinen obigen Text dazuschreiben sollen. Es geht mir vielmehr um Fremdbezeichnungen, die eine Ethnie mehrheitlich als diskriminierend ablehnt und die daraus resultierende Weigerung der Mehrheitsgesellschaft, die Eigenbezeichnung zu respektieren.

    Zum Thema, wie die Betroffenen das selbst sehen. Seit dem rassistische Sprache dank gewisser rechtspopulistischen Kräfte wieder an der Tagesordnung steht, gibt es genügend Veröffentlichungen im Internet. Beispiel https://www.vice.com/de/article/8xkbjb/so-fuhlen-sich-schwarze-deutsche-wenn-der-mdr-uber-das-n-wort-diskutieren-will
    Wer über genügend Empathie verfügt, sollte vielleicht in der Lage sein, den Standpunkt ohne „ja, aber“-Ablenkungsmanöver zu verstehen.

    Es gab in der Schwarzen Bürgerechtsbewegung sehr wohl kontroverse Diskussionen über die Eigenbezeichnungen. Die Bewegung um Macolm X assoziierte das N-Wort mit Anpassung und Assimilierung und ersetzen es durch durch das Wort Black, während die Anhänger von Martin Luther King mit dem N-Wort keine Probleme hatten. Sehr schön beschreibt das Ibrahim X Kendi in seinem Buch Gebrandmarkt ab Seite 424. Das war in den 1960er. In den rund 50 Jahren war genug Zeit für die Betroffenen selbst zu erkennen, welche Bezeichnungen diskriminierungsfrei und nicht ehrabschneidend sind.

    Es gibt unter https://gssdataexplorer.norc.org/documents/855/download (Achtung PDF_Download) einen Artikel über die Wandlung rassistischer Begriffe. Auf Seite 500 befindet sich eine Tabelle mit Umfrageergebnissevon 1940 bis 1990. Fazit: Zwischen 1940 und 1949 war „Negro“ die präferierte Bezeichnung, 1960-1969 „Black“, 1980-1989 „Afro-American“ und 1990 „African-American“.

    Übrigens. In unserer Gesellschaft gilt doch das Mehrheitsprinzip. Aber anscheinend nur für Mehrheitsverhältnisse, die in Konzept passen. Bei Minderheiten wird gern von diesem Grundsatz großzügig abgewichen.

  89. Nachtrag zum PDF-Artikel: Die Tabelle bezieht sich auf Organisationen. Auf Seite 504 wird die Benutzung von Bezeichnungen unter Schwarzen aufgeschlüsselt: 1969 war das Verhälnis Negro zu Black 38 zu 19, 1990 0 zu 59.

  90. #99 Streckentastensperre:

    Sie haben irgendwie übersehen, dass ich Ihnen in all den Punkten, die Sie jetzt mit großem moralischen Pathos ansprechen, gar nicht widerspreche.

    Ich bin wie Sie der Meinung, dass man das N-Wort gegenüber Schwarzen als höflicher Mensch keinesfalls verwenden sollte. Dieser Befund rechtfertigt es aus einer sachlich-rationalen Sicht aber nicht, alles, was einem zur an Greuel reichen europäischen Kolonialgeschichte so einfällt, in eine Kanone zu stopfen und sie anderen Leuten ins Gesicht zu feuern.

    Natürlich „bleibt es dabei“ (als hätte ich das in Zweifel gezogen, jetzt kommen Sie!), dass europäische Mächte einen Großteil der Welt ausgebeutet haben (und das bei verschobenen Machtmechanismen auch immer noch tun). Das war überhaupt nicht mein Punkt, vielleicht lesen Sie meinen Kommentar einfach noch einmal.

    Genauso das Beispiel Germanen/Teutonen. Das sagt nur aus, und das schreibe ich mehrfach explizit, dass die bloße Feststellung einer Fremdbezeichnung noch nicht ausreicht, um „die Diskussion zu beenden“. Wenn Sie jetzt sagen, Germanen sei nicht rassistisch, dann machen Sie genau das, was ich anmerke, Sie führen ein weiteres Kriterium ein. Leider ein tautologisches, denn im Falle des N-Worts geht es ja gerade darum herauszuarbeiten, warum es als rassistisch gilt, da können Sie als Kriterium schlecht „weil es eben rassistisch ist“ bringen.

    Nochmal. Dass es heute als rassistisch verstanden wird sehe ich wie Sie. Nur Ihre Ausführungen in der Sache kritisiere ich.

  91. #98 LLL:

    Ja ein interessanter Befund. Da dürfte die deutsche Wikipedia den Sachverhalt etwas ungenau darstellen. Die Spanier und Portugiesen haben das Wort „negro“ wohl nicht erst gebraucht, als sie mit dem Sklavenhandel anfingen, sondern bereits, als sie mit ihren Erkundungen der südlichen Küsten Afrikas und deren Völker beschäftigt waren. Eine Sprache braucht ja bereits in diesem Moment ein Wort für die „neue“ Kategorie (schwarze Völker in Südafrika). Trotzdem ist das Wort in den folgenden Jahrhunderten sicher durch die Sklavereigeschichte geprägt worden.

  92. @101:

    Sie geben sich redlich Mühe, jemanden zu überzeugen, der nicht aufrichtig argumentieren *will* (das ist die freundliche Interpretation; oder es nicht kann); es wird Ihnen daher nicht gelingen, fürchte ich.

  93. @Streckentastensperre:

    Danke im Übrigen für das verlinkte Paper, eine sehr interessante Zusammenstellung.

    Sie schrieben noch (das hatte ich übersehen):

    Es geht mir vielmehr um Fremdbezeichnungen, die eine Ethnie mehrheitlich als diskriminierend ablehnt und die daraus resultierende Weigerung der Mehrheitsgesellschaft, die Eigenbezeichnung zu respektieren.

    Da würde ich Ihnen grundsätzlich zustimmen. Beim hier diskutierten Beispiel des deutschen N-Wortes sehe ich den bestehenden gesellschaftlichen Konsens zwar nicht wirklich in Gefahr, aber das ist natürlich subjektiv. mE lässt sich die Häufigkeit, mit der das N-Wort in Sprachverbotsdiskussionen als Beispiel herhalten muss zum Großteil dadurch erklären, dass es einfach das plakativste Beispiel ist, dass so gut wie jedem sofort zum Thema Sprachtabus einfällt.

    Dass es jenseits dieser Stellvertreterdiskussionen (das N-Wort steht nach meinem Empfinden meist nur für die gefühlte generelle Tendenz, Sprache für verletzend zu erklären und stärker zu reglementieren) eine echte gesellschaftliche Mehrheit gibt, die Schwarze endlich wieder mit dem N-Wort titulieren will, sehe ich persönlich nicht.

  94. #103 RKTFD:

    Meine Grundregel im Internet lautet da, den Tonfall und/oder abwertende Hohlphrasen wie „whataboutism“ das erste Mal einfach zu ignorieren, durch Sachlichkeit mit gutem Beispiel voran zu gehen und erst aufzugeben, wenn es sich danach nicht ändert. ;-)

  95. Ähh, hierzu:

    Ich wusste gar nicht, dass die Bezeichnung „Germanen“ eine rassistische Fremdbezeichnung ist.

    Was sonst?
    Das war ursprünglich die Bezeichnung für unzivilisierte Mitteleuropäer, die man als zivilisierter Mittelmeeranrainer bekämpfen, unterwerfen und versklaven durfte.

  96. @ Elektrische Streckentastensperre:

    Ich verzichte darauf, mich mit Ihrem Beitrag im Allgemeinen auseinanderzusetzen, möchte aber doch auf folgenden Satz eingehen:

    „In den rund 50 Jahren war genug Zeit für die Betroffenen selbst zu erkennen, welche Bezeichnungen diskriminierungsfrei und nicht ehrabschneidend sind. “

    Es waren womöglich weniger „die Betroffenen“ im Sinne der „einfachen Schwarzen“, die entschieden haben – deren Präferenz wurde wohl eher ignoriert – sondern augenscheinlich eine kleine, tonangebende Gruppe, die sowohl aus Schwarzen wie aus Weißen bestand (siehe #97).

    Aber das nur am Rande. Sie gehen – das legt Ihre Formulierung nahe – offenbar davon aus, dass Worte „inhärente“ Bedeutungen haben oder „inhärent“ beleidigend sind. Zum letzten mal versuche ich, diesem profunden Missverständnis entgegenzutreten:

    Ein Wort im Sinne einer Folge von Lauten oder Schriftzeichen hat erst einmal überhaupt keine Bedeutung. Sie existieren einfach nur. Auch eine rote Ampel hat per se keine Bedeutung. Bedeutung kommt erst hinzu, indem intelligente Wesen einer Sache eine Bedeutung zusprechen und es damit zum Symbol für eine Idee machen. Welche Bedeutung einem bestimmten „Ding“ zugeordnet wird, ist dabei grundsätzlich willkürlich bzw. Sache der KONVENTION; die Worte könnten auch etwas ganz anderes heißen, und eine rote Ampel könnte das Symbol dafür sein, dass man weitergehen/weiterfahren darf.

    Deshalb kann auch ein Wort (eine Lautfolge) beispielsweise auch in zwei Sprachen vorkommen (bei gleicher oder fast gleicher Schreibweise) und dabei Verschiedenes bedeuten. Das Wort „Kamera“ etwa bezeichnet im Deutschen Fotoapparat, das italienische „Camera“ hingegen ein „Zimmer“ und ähnliches. Und die Frage, was denn die „wahre“ Bedeutung dieser Lautfolge ist, und ob die Deutschen oder die Italiener recht haben, ist schlichtweg sinnlos. Denn diese Lautfolge (oder jede beliebige andere Laut – oder Buchstabenfolge) besitzt eine Bedeutung eben immer nur im Hinblick auf ein bestimmtes Kommunikationssystem. Deshalb kann man immer nur fragen, was ein Wort INNERHALB einer vorgegebenen Sprache (zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Gegend in einem bestimmten Milieu) bedeutet. Das sollte zu verstehen sein.

    Welche Bedeutung (Denotation und Konnotation) hat ein Wort aber nun in einer bestimmten Sprache? Wenn man wissen will, was ein bestimmtes Wort in alt-isländisch bedeutet, was macht man dann? Nun, man versucht herauszufinden, wie die Alt-Isländer dieses Wort verstanden und gebraucht haben. Nichts anderes. Denn was ein Wort in einer bestimmten Sprache bedeutet, wird durch den Sprachgebrauch der jeweiligen Sprachgemeinschaft festgesetzt (bei Fachwörtern durch die Fachgemeinschaft). Auch das sollte zu begreifen sein. Wer oder was sollte denn auch sonst über die Bedeutung eines Wortes „entscheiden“? Lexika und Enzyklopädien legen nicht, was Worte bedeuten; sondern sie beschreiben (!), was sie bedeuten. (In einem geringen Umfang mag der Duden auch normativ festlegen, was „richtig“ ist und was „falsch“; aber er kann die Sprache nicht umschreiben oder einen natürlichen Sprachwandel aufhalten.)

    Deswegen ist die Frage, ob das N-Wort zu einer gewissen Zeit in einem gewissen Sprachraum „diskriminierend“ oder „ehrabschneidend“ war oder nicht, natürlich auch nur dadurch zu beantworten, dass man sich den zur jeweiligen Zeit herrschenden Sprachgebrauch ansieht. Und da kann man einfach nur feststellen: Das N-Wort wurde von einem Wort, das allgemein als sachlich und neutral verstanden wurde (auch von den Betroffenen selbst), zu einem Wort (gemacht), welches negativ konnotiert ist (wenn auch nicht bei der Mehrheit der deutschen Sprecher).

    Die (implizite) Behauptung hingegen, dass ein Wort, welches von der Sprachgemeinschaft NICHT als diskriminierend empfunden wurde, dennoch stets schon diskriminierend gewesen sei (da es eben objektiv und inhärent diskriminierend sei), und dass man diesen diskriminierenden Charakter halt erst später „erkannt“ habe, ist von ausgesuchter Absurdität.

    Natürlich kann ein Wort dennoch als problematisch empfunden werden – es kann beispielsweise eine belastete Entstehungsgeschichte oder einen belasteten etymologischen Ursprung haben. Und wenn die meisten Schwarzen das N-Wort heutzutage als negativ empfinden – warum auch immer -, dann sollte das respektiert werden. (Das habe ich in jedem meiner Beiträge ausdrücklich gesagt – ich bitte freundlich darum, dies nicht zu ignorieren und mir nichts zu unterstellen, was ich nicht schreibe.)

    Die (mutmaßlichen) Wünsche der Schwarzen zu respektieren ist gut und richtig; das setzt aber ganz sicher nicht voraus, Pseudo-Argumente ins Feld zu führen, die eine jede Person mit auch nur elementarem semiotischem und linguistischen Verständnis als Beleidigung empfinden muss. Und man verschone uns bitte mit dem Gebrauch von Schlagwörtern wie „Derailing“ oder „Whataboutism“, wenn sie als Killerphrasen gebraucht werden (siehe # 23).

  97. @106:

    Der Irrsinn des freifuchtelnden Missbrauchs der Etymologie wird an diesem Beispiel deutlich:
    „So geht das Wort „Mohr“ etymologisch sowohl auf das griechische „moros“ zurück, das „töricht“, aber auch „dumm“ bedeutet. Aber auch auf das lateinische „maurus“, das für „schwarz“, „dunkel“ und „afrikanisch“ steht. Daraus wurde im Althochdeutschen „mor“ und davon der „Mohr“ abgeleitet.

    So ist es im Band „Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache“, herausgegeben von den Bayreuther Literaturwissenschaftlerinnen Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (Unrast Verlag), zu lesen. Darin werden rund 120 Alltagsvokabeln, die von Rassismus geprägt sind, besprochen.“
    https://diepresse.com/home/panorama/integration/741984/Wie-rassistisch-der-Begriff-Mohr-wirklich-ist

    Weil es also ein so ähnlich lautendes Wort mit negativer Denotation im Griechischen gibt, stammt „Mohr“ also einfach mal *auch* davon ab, weil’s einem in den denunziatorischen Kram passt.
    Ja, das ist „Wissenschaft“.

  98. #108 rktfd:

    Ein Wort, das einerseits aus dem Lateinischen entlehnt ist, andererseits auch aus dem Griechischen! Man musste wohl extra noch zweites, phonetisch und inhaltlich passendes Wort suchen, weil man natürlich nicht einfach ein Wort für eine Bevölkerungsgruppe brauchte, sondern unbedingt auch ausdrücken wollte, dass die dumm sind. Na da ist den beiden ‚Literaturwissenschaftlerinnen‘ ja eine Jahrhundert-Entdeckung gelungen ;-)

  99. @ Mycoft
    Zitat: „Was sonst?
    Das war ursprünglich die Bezeichnung für unzivilisierte Mitteleuropäer, die man als zivilisierter Mittelmeeranrainer bekämpfen, unterwerfen und versklaven durfte.“
    Ich verlinke hier mal der Schnelligkeit halber zu wikepedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Germanen#Eine_germanische_Identit%C3%A4t_in_der_Antike?

    Aus dem Beitrag: Etymologie des Namens:

    “ Am wahrscheinlichsten wird damit eine keltische Etymologie. Erwogen werden die Wurzeln von altirisch gair ‚Nachbar‘ oder gairm ‚Schrei‘, woraus die Benennungsmotive „die Nachbarn“ bzw. „die Schreienden“ resultieren.“

    Weiter: „Der Germanenname bildete in der Antike einen völkerkundlichen Oberbegriff für eine Großgruppe zwischen Kelten und Skythen. Es handelte sich also in der Hauptsache um eine Fremdbenennung bestimmter Völker und nur zum geringeren Teil und wohl erst sekundär um eine Selbstbezeichnung der germanischen Völker für sich selbst.“

    Weiter: „In jüngster Zeit wird in der Forschung verstärkt die Instabilität ethnischer Identitäten gerade in der Antike betont und dabei auch das vermeintlich dem nationalstaatlichen Denken des 18. und 19. Jahrhunderts entstammende Konzept der Germanen in Frage gestellt. „Germane“ sei (wie „Barbar“) nur eine Fremdbezeichnung, die mehr über Griechen und Römer aussage als über die mit den Begriffen bezeichneten Gruppen und Individuen. Vereinzelt wird sogar gefordert, Germane und germanisch im wissenschaftlichen Kontext überhaupt nicht mehr zu verwenden.“

    Einige Aussagen zum Germanenbegriff. Wenn, wie Sie schreiben, der Germanenbegriff derart rassistisch konnotiert ist, dann müssen doch unsere Vorfahren, die im 19. Jahrhunderts erst diesen ganzen Germanenkult erschaffen haben und einem Cheruster Namens Arminius ein Denkmal bei Detmold gesetzt haben, ziemlich vom Nationalstolz besoffen gewesen sein.

  100. Einige Aussagen zum Germanenbegriff. Wenn, wie Sie schreiben, der Germanenbegriff derart rassistisch konnotiert ist,

    Ich schrieb, dass das Wort, als es eingeführt wurde, rassistisch konnotiert war (um den Einwand vorwegzunehmen, antiker „Rassismus“ funktionierte etwas anders als heutiger, aber wenn die antike Herleitung des Wortes „Mohr“ – der sich die allermesiten der heutigen Menschen nicht bewusst ist – ein gültiges Argument ist, ist eine Ableitung von „schreiend“ natürlich auch eines). Die Frage wäre, warum bestimmte Leute darauf bestehen, diesen Begriff weiterhin zu verwenden, anstatt einen neuen, unbelasteten. Wie die Italiener.

    dann müssen doch unsere Vorfahren, die im 19. Jahrhunderts erst diesen ganzen Germanenkult erschaffen haben und einem Cheruster Namens Arminius ein Denkmal bei Detmold gesetzt haben, ziemlich vom Nationalstolz besoffen gewesen sein.

    Ich sag mal vorsichtig, „besoffen“ ist noch harmlos formuliert. Aber ja, Deutsche, die vor 100-200 Jahren kein Problem mit dem Wort „Germane“ hatten, sind ungefähr so relevant für die heutige Debatte wie Afroamerikaner, die vor 100-200 Jahren das Wort verwendeten, das sich auf Fliesenleger reimt. (Nein, nicht Schornsteinfeger.)

  101. @Mycroft:
    Einverstanden, ich gehe selbstverständlich mit Ihnen mit, wenn die Bezeichnung „Germane“ aus heutiger Sicht ebenso problematisch ist, wie anderere Wörter. Dann stellt sich doch die Frage, warum es (meines Wissens) keine gesellschaftlichen Käfte gibt, die den Briten auf diese Problematik hinweisen. Vielleicht etwa, weil im Gegensatz zu Organisationen Schwarzer Menschen, die auf Problematiken aufmerksam machen, bisher keine Deutsche gesellschaftliche Kraft dafür das notwendige politische Interesse aufgebracht hat? Oder weil es egals ist?

  102. Spontan würde ich sagen, weil die britische Gesellschaft eine andere ist als die deutsche, weil der effektive Schaden durch eine Fremdbezeichnung nicht besonders groß ist, weil man sehr wenig Aussicht auf Erfolg hätte, weil Briten, Amerikaner und andere Völker, deren Sprachen Ableitungen von „Germanen“ für „deutsch/Deutsche“ verwenden, nicht spontan ihre Vorurteile über Mitteleuropäer ablegen werden, wenn sie ein anderes Wort verwenden, und insbesondere, weil die Briten usw. die Augen verdrehen werden und sagen: „Kleinkarierte Regelauslegungen und anderen gerne Vorschriften machen, das ist ja wieder typisch deutsch!“

    Aber ja, als Betroffener habe ich die Deutungshoheit und darf sagen: „Das Wort beleidigt mich, also beleidigen mich alle, die es benutzen.“ Oder etwa nicht?

  103. Warum fragt man nicht einfach einen, Ich nehme hier mal das etwas komisch wirkende Wort, „Betroffenen“ wie er dazu steht?

    Warum wurde in die Diskussionsrunde beim MDR kein nicht-Weißer eingeladen?

    Mich erinnert das an die „Krüppel-Behinderter-Anders begabter Mensch“-Diskussion.

    Ist es nicht respektlos ein solches Gespräch über Betroffene zu führen statt mit?

    Grüße aus Dresden

    Philipp

  104. @ Philipp
    Erlauben Sie etwas Sarkasmus zum Anfang: Man könnte mit Adolf Hitler über die Sozialdemokratie und der Massenvernichtung in Auschwitz sprechen, das wäre genauso hilfreich. Sarkasmus Ende

    Es ist nichts neues, dass man Betroffene nicht zu diesen Diskursen einlädt. Es könnten ja unbequeme Perspeltiven zur Sprache kommen. Besonders arrogant gegenüber den Betroffenen war auch die Absicht, eine Rechtspopulistin wie Frau Petry zu solch einem Gespräch einzuladen. Gerade diese Kräfte sorgen z.Z. für dieses rassistische Klima hier im Land.

    Es steckt eine gewisse Intension dahinter, warum man Betroffene außen vor lässt.

  105. @115:
    Schon mal was von Meinungsvielfalt gehört? Dazu zählt nicht nur die weiße Mehrheitsgesellschaft. Ich möchte mir meine Meinung aus unterschiedlichen Quellen bilden. Und dazu möchte ich auch die Betroffenen hören. Wenn man aber immer nur die gleichen zu Talkshows einlädt, dann ist das Meinungseinfalt statt -vielfalt.

  106. @Philipp
    Das wäre aufgrund der persönlichen Erfahrungen der Person zwar wünschenswert, hälfe aber objektiv auch nicht weiter.
    Wenn diese Person nun urteilte, dass sie sich gerne als N. benennen lasse, würden wir zurecht argumentieren, dass man diese Sichtweise nicht verallgemeinern dürfe. Um objektiv zu bleiben, müssen wir dieses Beispiel aber schlechterdings auch umdrehen dürfen, ohne dass sich die Logik ändert. Eine schwarze oder dunkelhäutige Person, die sich nicht N. nennen lassen möchte, ist also ebenso kein objektiver Maßstab. Ein objektiver Maßstab können also nur Erkenntnisse über die Gesellschaft sein, in der die Betroffenen und die Diskutanten alle leben. Und wenn nun diese Erkenntnisse Ergebnis eines sauberen Forschens sind, sollte die Betroffenheit der forschenden Person irrelevant sein.
    Zum Glück brauchen wir aber beim Begriff N. das alles gar nicht, weil wohl überhaupt nicht strittig ist, dass fast ausnahmslos alle, die andere so betiteln, dies beleidigend und abwertend meinen.

  107. @108
    Zitat: Weil es also ein so ähnlich lautendes Wort mit negativer Denotation im Griechischen gibt, stammt „Mohr“ also einfach mal *auch* davon ab, weil’s einem in den denunziatorischen Kram passt.
    Ja, das ist „Wissenschaft“.

    Ihr Link gibt den Beitrag nicht vollständig in seinen Sinn wieder. Als Eigentümer des genannten Buches kann ich Ihren Vorwurf des „denunziatorischen Kram“ zurückweisen. In dem Beitrag werden sehr wohl die Etymologie und die Begriffskonzepte nachgezeichnet. Aber dazu müßte man den gesamten Beitrag auch gelesen haben, wenn man sich ein Urteil bilden möchte.

  108. @VonFernseher:

    Wenn Sie schreiben, dass bei objektiven Forschens die Betroffenheit der Person irrelevant ist, so trifft Ihre Aussage nicht in allen Belangen zu. Eine nicht von Rassismus betroffene Person als Beispiel kann keine Aussage dazu treffen, wie sich solch ein Erleben anfühlt und auf die Person auswirkt. Oder, eine anderere Analogie: Was halten Sie von einem Mann, der in einer Talkshow über das Erleben von Vergewaltigungen an Frauen spricht und urteilt? Würden Sie nicht lieber eine von Vergewaltigung betroffenen Frau dazu hören wollen, sofern sie darüber sprechen kann?

  109. @Elektrische Streckentastensperre : Ja, wenn man eine Frau Petry zu einem Gespräch einlädt tut man das nicht weil man an einer sachlichen Diskussion interessiert ist, das ist so. Punkt. Das kann man dem MDR völlig zu recht vorwerfen.

    @Vonfernseher : Ja, da muss Ich dir recht geben. Es kommt immer darauf am wer es sagt und wie er es sagt. Ich sage auch „Behinderter“ und Ich kenne auch Menschen mit Behinderungen die sich selbst so nennen. Nur kann man diesen Begriff wertfrei in den Mund nehmen oder mit negativer Konnotation. Es kommt auf dem Absender und die Situation an.

  110. #119 Streckentastensperre:

    Das würde mich tatsächlich interessieren; ich besitze das Buch nicht, kann mir aber auch nicht vorstellen, wie die Ansicht, der Mohr hätte zwei verschiedene etymologische Abstammungen, durch ausführlichere Darstellung irgendwie zu retten wäre.

  111. Bzgl. des MDR sei kurz darauf hingewiesen, dass das N-Wort nur plakativer Aufhänger war, das Thema aber ganz allgemein Sprachverbote/Tabus/Sprachregulierung. Dazu kann, ja sollte man durchaus auch die durch zB Frau Petry repräsentierte Position einladen.

  112. #113 @ Mycroft:

    Sehr wohl hat ein Betroffener die Deutungshoheit über ihn beleidigende Begriffe. Was mich an dem Diskurs zu den Begriff „Germanen“ etwas verwundert ist folgendes:
    Ich habe bis zu diesem Diskurs hier noch nirgends gelesen, dass die Verwendung der Vokabel „german“ im britsch-angloamerikanischen Sprachraum hierzulande eine ähnliche Abwehr bei Deutschen hervorruft wie der Gebrauch rassistischer Vokabeln bei Schwarzen Menschen. Schwarze Menschen haben vor rund 60 Jahren mit ihren Bürgerrechtsbewegungen besonders in den USA der Gesellschaft vermittelt, was sie stört und was sich gesellschaftlich ändern muss. Damit brachten sie ihre Perspektive langsam aber sicher in den gesellschaftspolitischen Diskurs ein.
    Auf das „german“ bezogen heißt das: Es gibt (meines Wissens – Sie können mich gern verbessern) keine gesellschaftspolitische Kraft hierzulande, die sich gegen die Verwendung der Vokabel „german“ im englischsprachigen Raum als Bezeichnung für Deutsche auspricht und das auch offen kommuniziert. Deshalb nehme ich an, dass diese Bezeichnung der überwiegenden Mehrheit der Deutschen überhaupt nicht als abwertend betrachtet. Denn wo nichts ist , kann auch nichts werden.

  113. # 122 @ILLEN:
    Ich würde gegen das Urheberrecht verstoßen, wenn ich den gesamten Artikel hier einstellen würde. Deswegen werde ich den Artikel noch einmal lesen und eine Zusammenfassung posten.

  114. @Elektrische Streckentastensperre, die Bürgerrechtsbewegung von Schwarzen in den USA richtet sich in allererster Linie an Weiße in den USA, also Menschen, die idealerweise dieselbe Gesellschaft sind.
    Eine wie auch immer geartete deutsche Bewegung gegen Bezeichnungen für „deutsch“ in anderen Sprachen richtete sich – im Falle, das man dergleichen in Angriff nähme – gegen Menschen in anderen Ländern und Gesellschaften. Jetzt ist es aber so, dass ein Deutscher, der umgeben von 80 Mio. anderen Deutschen in einem einflussreichen Industrieland lebt, nur sehr eingeschränkt von Leuten in anderen Ländern diskriminiert werden könnte, egal, wie viele Vorurteile die haben oder nicht.
    Im deutlichen Unterschied zu einem Schwarzen in den USA, der von Weißen in den USA diskriminiert wird, was wohl die dortige, deutlich heftigere Abwehrreaktion zur Folge hat.

    In #113 habe ich aufgezählt, warum eine solche Aktion wenig Aussicht auf Erfolg hätte. Das beweist nicht, dass „german“ grundsätzlich ein wertneutraler Begriff ist.

  115. @ alle:

    Leute, es ist im Grunde doch völlig egal, von wem der Begriff „Germanen“ und die von ihm abgeleiteten Wörter herstammen und ob sie ursprünglich mal pejorativ gebraucht wurden oder nicht. Entscheidend ist doch, dass solche Begriffe zumindest später allgemein akzeptiert waren und keinen negativen Beiklang hatten – und vor allem: Dass sich heute niemand daran stört. Sprache verändert sich, Sprache ist dynamisch, sprachliche Bedeutung transzendiert Etymologie und Genese; und die gegenwärtige Bedeutung und Konnotation von Sprache hängt vom gegenwärtigen Sprachgebrauch ab und von sonst nichts. So einfach ist das.

    Nachdem ich gebetsmühlenartig wiederholt habe, dass ich dagegen bin, Bezeichnungen zu verwenden, die (mutmaßlich) von vielen Betroffenen negativ empfunden werden, wage ich dennoch einmal folgende These: Um die Sprache und Bezeichnungen wird teilweise ein Fetischismus betrieben, der großteils nichts bringt und teilweise vielleicht sogar kontraproduktiv ist. Dabei werden Eigenheiten der Sprache, die im Grunde völlig arbiträr sind und abgesehen von kleinen elitären Zirkeln ursprünglich niemanden interessiert haben, mit geradezu magischen Eigenschaften beladen.

    Das extremste Beispiel, das mit bekannt ist, sind die „Antideutschen“, die dem Vernehmen nach sogar das Wort „Juden“ meiden, weil die Nazis es angeblich mit negativer Konnotation gebraucht hätten (was vermutlich schon nur sehr eingeschränkt stimmt, siehe # 60), und die stattdessen von „Menschen jüdischen Glaubens“ sprechen. Dass die allermeisten Juden sich selbst als „Juden“ bezeichnen und vermutlich auch so bezeichnet werden wollen, und dass genügend Juden gar nicht jüdischen Glaubens sind, und dass man auf diese Weise den Nazis die Definitionsmacht über Worte einräumt, die es schon lange vor ihnen gab, stört da offenbar nicht.

    @ VonFernseher:

    „Zum Glück brauchen wir aber beim Begriff N. das alles gar nicht, weil wohl überhaupt nicht strittig ist, dass fast ausnahmslos alle, die andere so betiteln, dies beleidigend und abwertend meinen.“

    Eher unwahrscheinlich angesichts der Zahlen:
    https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1077/umfrage/meinung-zum-wort-neger/

    Bereits die Tatsache, dass fast zwei Drittel der Mitglieder der hiesigen Sprachgemeinschaft das N-Wort NICHT als negativ empfinden, sollte doch eigentlich Anlass für eine Diskussion ohne erhobenen Zeigefinger sein. In deren Rahmen könnte man dann auch versuchen, die Leute mit rationalen und fairen Argumenten (und nicht mit sprachwissenschaftlichen Absurditäten) davon zu überzeugen, auf das N-Wort zu verzichten. Das beste Argument wäre dabei zweifellos einfach eine Umfrage unter Schwarzen, die zeigt, dass für sie das N-Wort mehrheitlich negativ konnotiert ist.

    Selbst wenn man das Sprachempfinden der großen Mehrheit der Sprachgemeinschaft für irrelevant hält – was „man“ ja offenbar tut – wäre wenigstens aus taktischen Gründen vielleicht der Versuch sinnvoll, die Leute mitzunehmen. Sonst kommt es irgendwann zur Entfremdung zwischen einer linken, gebildeten, progressiven Minorität mit ihren sich stets ausweitenden Sprech-Etiketten auf der einen und einem Großteil der Bevölkerung auf der anderen Seite. Sicher nicht speziell wegen des N-Wortes, aber vielleicht doch auch wegen der sog. „politisch korrekten Sprache“ im Allgemeinen. Es könnte nämlich auch sein, dass manche Leute mit einem schlichten Bildungshorizont sich von den jeweils neuesten sprachhygienischen Errungenschaften (es heißt nun bitte „Studierende“ statt „Studentinnen und Studenten“) vielleicht auch schlicht überfordert fühlen. Die haben dann am Ende womöglich das Gefühl, dass sie anders sprechen sollen, als sie es gelernt haben, ohne zu verstehen warum oder auch nur zu wissen wie – während sie sich einer Vorwurfshaltung ausgesetzt sehen, wenn es ihnen nicht gelingt.

    Das ist kein grundsätzliches Plädoyer gegen sensible Sprache; aber bei jedem Eingriff in die Sprache, der „von oben“ kommt, sollte man sich vielleicht doch gründliche Gedanken machen. Und ein ganz wichtiger Gedanke wäre, ob die Menschen, um deren Schutz es eigentlich geht, eine entsprechende Änderung mehrheitlich überhaupt wollen, und ob sie ihnen tatsächlich zugute kommt.

  116. @Elektrische Streckentastensperre
    Die forschende Person soll überhaupt keine Äußerung darüber treffen, wie sich irgendwas für Sie anfühlt, sondern soll das über sein Forschungsobjekt herausfinden.
    Der Rest ist dann der von Ihnen bei anderen gescholtene Whataboutism. Die fachliche Eignung eines Mannes oder einer Frau, der/die sich in einer Talkshow wissenschaftlich über Traumatisierung durch Vergewaltigung äußert, hat nichts damit zu tun, ob Sie oder ich lieber einer „echten“ Betroffenen zuhörten.
    Und dass jemand sich aussuchen kann, von was er sich beleidigt fühlt, hat nichts damit zu tun, was man dann gesellschaftlich als Beleidigung anerkennt. Eine solche Einstellung ist der Tod jeder Gesellschaft, wenn dann erst einmal alle getriggert in ihren Safe Spaces hocken.

  117. @LLL
    Bloß, dass das so gar nicht in dieser Statistik steht. Sie stören sich nicht am Gebrauch oder gebrauchen es selbst. Das heißt nicht, dass sie es für einen neutralen oder positiven Begriff halten, wie ja schon die mitabgefragten Arschloch oder Krüppel zeigen. (Mal abgesehen davon, dass man nicht viele Einzelheiten zu der zehn Jahre alten Erhebung erhält, ohne dort ein Konto zu eröffnen. Beim Auftraggeber kann ich die Umfrage auch nicht mehr finden.)

  118. Da ist man eine Woche weg und zack – Germanen sind die Opfer (chapeau, Roland Fein, mit #83 erhalten Sie das Derailing-Diplom) und Antideutsche (quantitativ so relevant wie Reichsbürger) sind die größte Bedrohung von (jüdischer) Religionsfreiheit.
    Dass hier noch nicht über „islamischen Antisemitismus“ gerantet wird, ist auch schon alles.

  119. #128 @VonFernseher
    Dann machen wir das ganz einfach: Ein „Forschender“ wird zusammen mit einer/einen Betroffenden in die Talkshow eingeladen. Stichwort Meinungsvielfalt. In der Sendung war Frau Petry eingeladen. Die hat mit Forschenden so viel gemeinsam wie eine Kuh mit dem Fahrradfahren. Frau Petry ist eine rechtspopulistische Politikerin, die komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge simpel einem gewissen Bevölkerungsanteil, der für diese simple Rhetorik emfänglich ist, vermitteln möchte. Ihre Meinung ist hinlänglich bekannt und trägt zur Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas bei. Und, um bei Frau Petry zu bleiben: Sie bestimmt natürlich, nach Ihrer Logik, was gesellschaftlich relevant ist und was nicht, während die Schwarze Person die Legitimität abgeprochen wird? Dass bestimmte Menschen nicht in Talkshows eingeladen werden, hat sehr wohl seinen Sinn. Mit Ihren Ausführungen bestätigen Sie genau das, was Schwarze Menschen Weiße in diesem Diskurs vorwerfen: Die Ignoranz des nicht Betroffenseins.

  120. #130 Anderer Max

    Ja, man konnte hier die letzten Tage wirklich in insgesamt angenehmer und sachlicher Atmosphäre Gedanken austauschen. Ich fand zB die Diskussion über Rassismus im Germanenbegriff auch skurril, wäre aber nicht auf die Idee gekommen, sie derart abwertend und zudem falsch zusammen zu fassen („Germanen sind die Opfer“).

    Aber dafür sind ja jetzt Sie wieder da.

  121. @Streckentastensperre
    @vonFernseher

    Das Ideal wären sicher Talkshows, in denen vor allem Wissenschaftler, Praktiker und Betroffene diskutieren würden. Ich denke da würde kaum einer widersprechen. Innerhalb der derzeitigen Talkshow-Logik, in der gesellschaftliche Positionen vor allem durch Politiker vertreten werden sollen, kann man mE nicht erfolgreich gegen Frau Petry argumentieren. Das Thema war eine Zustandsaufnahme über mutmaßliche Sprachreglementierung. Da steht sie politisch eben für die PC-Kritik-Position.

    Dass bei unseren Talkshow-Formaten so gut wie nie sachlicher Mehrwert produziert wird liegt mE nicht erst an der Einladund Petrys.

  122. #130 @ Anderer Max:

    Es ist schon interessant, wie plötzlich der Diskurs vom N-Wort zu den Germanen wandert. Ich sehe es so, dass die Mehrheit der Deutschen mit der englischsprachigen Bezeichnung „german“ keine Abwertung ihrer persönlichen Ehre durch ein Fremdbezeichnung sieht. Da es meines Wissens keine gesellschaftlichen Kräfte gibt, die gegen diese Bezeichnung vorgehen, halte ich diesen Diskurs doch etwas für konstruiert. Außerdem haben unserer Vorfahren ab dem 19. Jahrhundert genau diesen Germanenkult bis zum Erbrechen ausgelebt. Und ein gewisser Österreicher hat dem noch einen draufgesetzt. Wenn heute zu Recht gesagt wird, dass der Kult um die Germanen vor 200 Jahren seinen Anfang nahm und genau wie die Diskussion um rassistische Wörter durch geänderte geseschaftliche und sprachliche Realitäten nicht mehr zeitgemäß ist, dann sollen die Betroffenen das gesellschaftlich zu Sprache bringen und nicht über Fremdbezeichnungen jammern.

  123. @Elektrische Streckentastensperre
    Ihre „ganz einfache“ Lösung hatte ich schon in #118 angesprochen. Gesprächsrunden mit Betroffenen (oder den Interessensvertretern, je nach Thema) sowie ein einordnenden Experten und journalistischen Moderatoren (im ursprünglichen Sinne) wären mir auch lieber. Das hat aber mit der Idee der modernen Talkshow nichts zu tun, die unterhalten und polarisieren möchte, um die Zuschauer/-hörerschaft bei der Stange zu halten.

    (Einst waren Politiker ja auch mal als Experten für die Angelegenheiten der ‚polis‘ gedacht, aber jeder bekommt halt die Politexperten, die er wählt.)

  124. (Einst waren Politiker ja auch mal als Experten für die Angelegenheiten der ‚polis‘ gedacht, aber jeder bekommt halt die Politexperten, die er wählt.) Sprache ändert sich, und wenn Wörter mit Herleitungen aus antiken Sprachen durch geänderte gesellschaftliche und sprachliche Realitäten nicht mehr zeitgemäß sind, dann sollten die Betroffenen das gesellschaftlich zur Sprache bringen und nicht über Fremdbezeichnungen jammern.

  125. @Mycroft
    Es hat sich bei Politikern doch gar nichts zwischen Bezeichnung und Funktion verschoben. Nur die Ansprüche der meisten Wähler scheinen weit unter meinen zu liegen.

  126. @ VonFernseher:

    So wie ich das verstehe, handelt es sich da nicht um eine simple Online-Befragung, bei der jeder klicken kann (siehe weitere Infos). Persönliche Daten muss man wohl angeben, um vollen Zugriff auf die Erhebung zu haben.
    Und wenn man nicht gerade davon ausgeht, dass das Gros von zwei Dritteln er Deutschen rassistisch denkt, dann ergibt sich zumindest indirekt, dass für einen Großteil das N-Wort nicht rassistisch konnotiert ist (oder gut, genauer: vor zehn Jahren nicht so konnotiert war).

  127. @ Anderer Max:

    „…und Antideutsche (quantitativ so relevant wie Reichsbürger) sind die größte Bedrohung von (jüdischer) Religionsfreiheit.“

    Können Sie mir bitte aufzeigen, wo jemand so etwas auch nur im Ansatz behauptet hätte? Wenn nicht, wieso behaupten Sie es dann?

  128. @VonFernseher, #137:
    Ok, bei Ihnen klang das erst anders. Aber ok.

    Achja, noch eine weitere mögliche Erklärung, warum sich in D. kaum jemand über Fremdbezeichnungen aufregt:
    Die allermeisten hierzulande sind für die Problematik (potentiell) abwertender Fremdbezeichnungen nicht sensibilisiert. Das kann sich aber ja mal ändern.

  129. @LLL
    Es geht doch um die Verwendung, nicht um die Konnotierung. Die Frage lautete ja nicht, ob man etwas Negatives mit dem Begriff verbinde, sondern ob man ihn verwende.

    Ist ‚Arschloch‘ bei mir negativ konnotiert? Ja.
    Empfinde ich den Begriff als Beleidigung? Mitunter.
    Verwende ich ich ihn? Ja.
    Stört es mich, wenn andere ihn verwenden? Nicht grundsätzlich.

  130. @ VonFernseher:

    Wenn ich „A..loch“ für negativ halte, kann ich es dennoch verwenden. Wenn ich das N-Wort aber für rassistisch halte und zugleich den Rassismus ablehne, dann werde ich das Wort doch eher meiden. Und wenn ich den Rassismus ablehne und das N-Wort für rassistisch halte, dann werde ich es doch auch eher als ärgerlich empfinden, wenn andere Leute es verwenden.

    Wenn zwei Drittel der das Wort benutzen und/oder sich nicht an ihm stören, dann liegt nahe, dass die meisten Leute das Wort nicht als sonderlich rassistisch ansehen – jedenfalls wenn man mal davon ausgeht, dass die meisten Leute keine Rassisten sind. [Oder dass es jedenfalls vor zehn Jahren so war.]

  131. @ alle:

    Was übrigens die Behauptung angeht, dass das N-Wort zu Retraumatisierungen führen könne – und zwar unabhängig vom Kontext und auch dann, wenn es allem Anschein neutral gebraucht wird! -, so halte ich diese These wie auch Illen für weit hergeholt und frage mich, ob es irgendwelche Belege für sie gibt. Es wäre jedenfalls schlimm, wenn sie wahr sein sollte: Man müsste Schwarze dann warnen, dass sie sich nicht unvorbereitet die bekannteste Rede von Martin Luther King ansehen bzw. anhören, und dass sie sich nicht unvorbereitet mit der Geschichte der Emanzipation der Schwarzen in den USA befassen:

    „Negro superseded colored as the most polite word for African Americans at a time when black was considered more offensive.[7]…The American Negro Academy was founded in 1897, to support liberal arts education. Marcus Garvey used the word in the names of black nationalist and pan-Africanist organizations such as the Universal Negro Improvement Association (founded 1914), the Negro World (1918), the Negro Factories Corporation (1919), and the Declaration of the Rights of the Negro Peoples of the World (1920). W. E. B. Du Bois and Dr. Carter G. Woodson used it in the titles of their non-fiction books, The Negro (1915) and The Mis-Education of the Negro (1933) respectively. ‚Negro‘ was accepted as normal, both as exonym and endonym, until the late 1960s, after the later Civil Rights Movement. One well-known example is the identification by Martin Luther King, Jr. of his own race as ‚Negro‘ in his famous ‚I Have a Dream‘ speech of 1963.“
    (Quelle: Wikipedia)

    Wie gesagt bin ich entschieden dagegen, eine diskriminierte Minderheit mit Wörtern zu bezeichnen, die sie aktuell ablehnt – und doch finde ich die Debatte um das N-Wort, so wie sie (nicht) geführt wird, zum Großteil ärgerlich, scheinheilig und lückenhaft. Vielleicht darf ich meine Kritik stichpunktartig zusammenfassen und ausweiten:

    – Was die Schwarzen selbst denken, scheint eine Frage von völlig untergeordneter Bedeutung zu sein. Wie gesagt konnte ich weder im Deutschen noch Englischen eine Umfrage dazu finden, ob die Schwarzen das N-Wort als rassistisch empfinden; entweder solche Umfragen existieren nicht, oder man hält sie für derart belanglos, dass man sie in den Medien nicht mal erwähnt.
    – Paternalismus: Man hat den Schwarzen seitens von Aktivisten und weißen Eliten eine Bezeichnung aufgedrängt, die sie laut Umfragen nicht wollten, und ihnen eine weggenommen, die sie wollten. Und man sage nicht, dass sie freiwillig mitgemacht haben. Ja, haben sie; aber sie hätten aller Wahrscheinlichkeit nach auch freiwillig mitgemacht, wenn die veröffentlichte Meinung ihnen über Jahre und Jahrzehnte hinweg erklärt hätte, dass Afroamerikaner die einzig korrekte Bezeichnung sei, und dass „Schwarze“ rassistisch sei (zumal „Schwarze“ früher offenbar ohnehin eher als negativ konnotiert empfunden wurde als das N-Wort). Es handelt sich hier doch eher um ein passives Folgen als um um eine aktive Entscheidung.
    – Dass die Weißen (wie Gallup) den Willen der einfachen Schwarzen ignoriert haben und dem von Aktivisten gefolgt sind, ist m.E. opportunistisch. Es ist der Weg des geringeren Widerstands, da man so weniger veröffentlichte Kritik fürchten muss.
    – Normalerweise entscheidet die Sprachgemeinschaft als ganze über den Sprachgebrauch und über Denotation und Konnotation von Worten – sie ist ja auch die „Eigentümerin“ der Sprache. Ihr „von außen“ einen Sprachwandel aufdrängen zu wollen, ist zumindest nicht unproblematisch. Es gibt Fälle, wo so etwas durchaus legitim sein mag – etwa wenn eine diskriminierte Gruppe eine bestimmte Bezeichnung als ehrenrührig empfindet. Was aber, wenn die diskriminierte Gruppe das NICHT tut, und wenn (dennoch) moralischer Druck auf die Sprachgemeinschaft als ganze ausgeübt wird? Müsste man das nicht wenigstens problematisieren und fragen, wer da eigentlich mit welchem Recht so handelt?
    – Um zu beweisen, dass das N-Wort kategorisch rassistisch sei, wird immer wieder mit Pseudo-Argumenten gearbeitet, denen eine völlig unhaltbare Annahme zugrunde liegt: Die Auffassung, dass Worte so etwas wie eine „wahre und inhärente Bedeutung und Konnotation“ besitzen, die unabhängig vom allgemeinen Sprachgebrauch besteht und diesem sogar direkt entgegengesetzt sein kann. Es müsste genug Leute geben, denen klar ist, dass dies schlichtweg absurd ist (vgl. z.B. # 107); dennoch werden entsprechende Pseudo-Argumente oft weitergetragen und allem Anschein nach selten kritisiert.
    – Ein anderes Argument, das ebenfalls als ziemlich fragwürdig erscheint, ist das von der – kontextunabhängigen – Traumatisierung durch das N-Wort. Trotz seiner hohen Unplausibilität wird dieses Argument anscheinend unkritisch kolportiert wird. (Ob es vielleicht doch valide ist, ist allerdings letztlich eine empirische Frage.)
    – Da der Sprachgebrauch die Bedeutung (einschließlich Konnotation) eines Wortes festlegt, und da höchstwahrscheinlich viele deutsche Sprecher das N-Wort nicht als pejorativ empfinden (siehe vorherige Beiträge), lässt sich vermutlich auch nicht sagen, dass das Wort (im Deutschen) generell und uneingeschränkt rassistisch sei. Die englischsprachige Wikipedia anerkennt Entsprechendes für den englischen Sprachraum übrigens ausdrücklich an, indem sie feststellt:
    „The term [N…] can be construed as offensive, inoffensive or completely neutral, largely depending on the region where it is used. It has various equivalents in other European languages.“
    Dass einfach behauptet wird, das N-Wort sei schlichtweg rassistisch – ohne Einschränkung, und ohne diese Behauptung durch Rekurs auf den Sprachgebrauch durch die Allgemeinheit zu belegen – suggeriert, dass manche Leute den Sprachgebrauch durch die Sprachgemeinschaft entweder für irrelevant halten, oder dass sie Angst haben, der „falschen Seite“ zu weit entgegenzukommen. (Dass man das Wort dennoch vermeiden sollte, weil die meisten Schwarzen es vermutlich ablehnen, bleibt davon selbstredend unberührt. Aber das ist eben etwas anderes.)
    – Noch schlimmer ist es, wenn man anderen Leuten allzu schnell Rassismus vorwirft. Selbst diejenigen, die das N-Wort nur benutzen, weil die Diskussion eben über dieses Wort geht, müssen teilweise diese Keule fürchten (siehe die Einlassungen von Matthias Dell).
    – Es spricht wie gesagt viel dafür, dass ein Großteil, wenn nicht der Mehrheit der hiesigen Sprecher das N-Wort neutral wertet (oder das jedenfalls noch vor zehn Jahren getan hat). Zu sagen, dass man mit diesen Leuten gar nicht erst diskutiert (um sie mitzunehmen), und dass entsprechende Diskussions-Vorschläge grundsätzlich illegitim und höchst kritikwürdig seien, mag zwar im Hinblick auf den Respekt gegenüber einer diskriminierten Minderheit verständlich sein. Dass diese Haltung dennoch vielleicht auch nicht ganz unproblematisch ist, liegt auf der Hand.
    – Diese Art von Haltung mag im Hinblick speziell auf das N-Wort nicht von großer Relevanz sein – aber es geht ja oft auch um „politisch korrekte“ Sprache im Allgemeinen. Und um die Grundsatzfrage, wem Sprache eigentlich gehört, und wer mit welchen Mitteln die Sprachgemeinschaft zu (von wem auch immer) gewünschten Veränderungen erziehen sollte. Und wie das jeweils bei welchen Teilen der Gesellschaft „ankommt“, und welche (teils vielleicht auch unbeabsichtigten) Folgen das hat.
    – Auch wenn das N-Wort heute „verbrannt“ ist, könnte man sich einmal die Frage stellen, ob seine Verfemung irgendetwas gebracht hat. Sehr wahrscheinlich nicht. Wäre man damals dem Sprachempfinden und den Präferenzen der deutlichen Mehrheit der Schwarzen gefolgt und hätte das N-Wort beibehalten, dann gäbe es vermutlich keinen Deut mehr Rassismus heutzutage. Im Gegenteil – vielleicht lenkt die ganze Sprachdebatte eher vom eigentlichen Themen (Rassismus) ab und erzeugt mitunter auch Widerstand.
    – Auch wenn man beim N-Wort die Uhr nicht mehr zurückstellen kann, könnte man versuchen, etwas für die Zukunft zu lernen. Wie schon gesagt scheinen doch zwei Fragen nahezuliegen: Wird ein Sprachwandel von der Mehrheit einer diskriminierten Gruppe überhaupt gewünscht? Und ist tatsächlich anzunehmen, dass er positive Folgen hat (die mögliche negative Folgen überwiegen)?

    Man mag nicht all diese Fragen oder Gesichtspunkte für relevant halten; die Behauptung jedoch, dass kein einziger diskussionswürdig sei, scheint mir dann allerdings doch etwas weit hergeholt zu sein. Und doch werden entsprechende Fragen kaum diskutiert; weder im Zusammenhang mit Debatten zum N-Wort, noch sonst. Und dahinter dürfte auch der Wunsch stehen, bloß auf der richtigen Seite zu stehen, bloß mit einer diskriminierten Minderheit solidarisch zu sein und bloß nichts zu sagen, was irgendwie missverstanden werden könnte.

    @ Mycroft:

    „Die allermeisten hierzulande sind für die Problematik (potentiell) abwertender Fremdbezeichnungen nicht sensibilisiert. Das kann sich aber ja mal ändern.“

    Wenn eine (diskriminierte) Gruppe wirklich aus eigenem Antrieb meint, dass eine Fremdbezeichnung sie abwertet, soll mir Sensibilität recht sein! Aber ansonsten habe ich ehrlich gesagt Angst, dass viele Gruppen (bzw. deren „Vertreter“) „entdecken“ werden, dass diese oder jene Bezeichnung, die bisher nie jemanden gestört hat, doch „eigentlich“ abwertend sei. Und dass dann ständig nach Umformungen der Sprache gerufen wird, die den jeweiligen Leuten oft gar nicht helfen, sondern von den eigentlichen Problemen ablenken und zudem noch Widerstand hervorrufen. Mir scheint, dass man vielerorts Wort-Magie betreibt, dass man Sach-Probleme zu Sprachproblemen erklärt und meint, sie auf diese Weise lösen zu können – was in vielen Fällen aber ein großer Irrtum sein dürfte.

  132. Bleiben wir doch bei dem Vergleich „Arschloch“- rassistische Begriffe.

    Bezeichne ich eine Person aus welchen Grund auch immer als „Arschloch“, dann ist diese Bezeichnung individuell gegen diese Person gerichtet. Das N-Wort gilt aber nur für Schwarze Menschen. Sie werden unterschiedslos über ihre Hautfarbe abgewertet.
    Dessen ungeachtet gibt es überhaupt keinen objektiven Grund für die Verwendung dieses Wortes, insbesondere wenn man mit Schwarzen Menschen kommuniziert. Es ergibt keinen Sinn. Und mal am Rand notiert: Schwarze Menschen möchten genau so individuell behandelt werden wie alle anderen auch und auf Stereotypen und Hautfarbe reduziert werden. Ist simpel, aber für manche halt nicht begreifbar.
    Ich unterstelle den meisten Menschen keinen Rassismus, wenn sie, weil sie es z.B von vor 50 Jahren noch kennen, das N-Wort benutzen. Spätestens dann, wenn ein Schwarzer Mensch verdeutlicht, dass er diese Benennung nicht wünscht, trennt sich die Spreu von Weizen. Und wer dann nicht einsichtig ist , muss sich mit dem Vorwurf, Rassist zu sein, abfinden.

    #143: Komisch, ich habe weiter oben ein PDF verlinkt. Eine Tabelle verdeutlicht den Sprachwandel unter Schwarzen. Das sollte doch ein Indikator dafür sein, dass bestimmte Wörter mehrheitlich aus dem Sprachschatz verschwunden sind. Und übrigens: Warum sollten die Menschen der 54 afrikanischen Staaten eine Umfrage starten, wie sie am besten genannt werden wollen? Es ist nicht das Problem der Afrikaner, dass wir Europäer unseren Rassismus nicht eleminieren können.

  133. Zitat: „alle anderen auch und auf Stereotypen und Hautfarbe reduziert werden. Ist simpel, aber für manche halt nicht begreifbar.

    Das soll heißen …nicht auf Stereotypen und Hautfarbe…

  134. @ alle:

    Mir fällt noch eine interessante Frage ein. In der Wikipedia heißt es:

    „The United States Census Bureau included Negro on the 2010 Census, alongside Black and African-American, because some older black Americans still self-identify with the term.[14][15][16] The U.S. Census now uses the grouping ‚Black, African-American, or Negro‘. Negro is used in efforts to include older African Americans who more closely associate with the term.“

    Der Leiter des statistischem Amts sagte [16]:

    „Many older African-Americans identified themselves that way, and many still do…Those who identify themselves as Negroes need to be included.“

    Die Frage lautet hier: Ist das falsch (oder sogar rassistisch)? Oder eher respekt- und rücksichtsvoll?
    Oder zugespitzter: Sollen Weiße bestimmten Schwarzen sagen, dass der Ausdruck, mit dem sie sich identifizieren, rassistisch sei und keine Erwähnung finden dürfe? (Oder wäre das gar „Whitesplain“?)

    Eine Frage, die sicher ganz allgemein nicht unproblematisch und nicht unheikel ist. Für diejenigen, die anerkennen, dass Sprache flexibel ist und je nach Zeit, Milieu und Kontext verschiedene Bedeutungen und Färbungen annehmen kann, dürfte das Problem aber vielleicht eher lösbar sein als für jene Leute, die meinen, dass das N-Wort „inhärent“ zutiefst böse sei, oder dass es derart traumatisierend sei, dass man es nicht mal in einer Debatte über das N-Wort erwähnen dürfe.

    @ Elektrische Streckentastensperre:

    „Dessen ungeachtet gibt es überhaupt keinen objektiven Grund für die Verwendung dieses Wortes, insbesondere wenn man mit Schwarzen Menschen kommuniziert. Es ergibt keinen Sinn.“

    Hmmm. Können Sie mir sagen, wer in der (neueren) Diskussion so etwas je bestritten hätte? Ich erinnere mich daran jedenfalls nicht. Im Gegenteil meine ich, dass das hier doch Konsens ist – oder? (Abgesehen davon scheint es zumindest in den USA allerdings durchaus Situationen zu geben, wo es Sinn ergibt.)

    „Schwarze Menschen möchten genau so individuell behandelt werden wie alle anderen auch und [nicht] auf Stereotypen und Hautfarbe reduziert werden.“

    Entschuldigung – aber immer wenn man von einem Kollektiv spricht, benötigt abstrakte oder Allgemein-Begriffe (nur sollten es eben höfliche sein). Wenn ich von „Weißen“ oder „Schwarzen“ sprechen, dann „reduziere“ ich übrigens weder Weiße noch Schwarze auf irgendetwas – es sei denn, für Sie ist es ein „Reduzieren“, wenn man Menschen in bestimmten Situationen durch eine gemeinsame Eigenschaft unter einen Allgemein-Begriff fasst (z.B. Frauen, Senioren, Franzosen, Journalisten, Katholiken, Segelflieger usw.).

    „Ist simpel, aber für manche halt nicht begreifbar.“

    Für wen ist was nicht begreifbar? Dass man keine Allgemein-Begriffe wie „Weiße“ und „Schwarze“ bilden soll, und zwar grundsätzlich nicht? Oder nur keine Allgemein-Begriffe für Schwarze? Wie soll man dann beispielsweise Aussagen formulieren wie ‚Schwarze werden in den USA noch immer diskriminiert‘ oder ‚Schwarze haben ein viel kleineres Hautkrebsrisiko‘ als Weiße‘? Oder muss man Schwarze – jedenfalls als Gruppe – sprachlich ausradieren?

    „Spätestens dann, wenn ein Schwarzer Mensch verdeutlicht, dass er diese Benennung nicht wünscht, trennt sich die Spreu von Weizen.“

    Wenn EIN schwarzer Mensch das tut? Es gibt wohl für jede Bezeichnung zumindest einen Schwarzen, der sie ablehnt. Dann dürfte man logischerweise gar nicht mehr von Schwarzen sprechen.

    „Und wer dann nicht einsichtig ist , muss sich mit dem Vorwurf, Rassist zu sein, abfinden.“

    Ich lehne es ab, Leute mit Worten zu bezeichnen, die sie großteils oder mehrheitlich nicht mögen (es sei denn vielleicht, derjenige würde es selbst so wünschen – siehe das obige Beispiel aus den USA). Und jemandem eine problematische Bezeichnung auch noch „an den Kopf zu werfen“, wenn man es weiß, wäre sicherlich sehr unhöflich und taktlos. Trotzdem sollte man mit dem Begriff „Rassist“ sehr vorsichtig sein, weil er ein vernichtendes Etikett ist. Was Rassismus ist und was nicht, ergibt sich aus allgemein anerkannten Definitionen – und nicht aus Ihrem Gefühl. Und so lange sie nicht mit hoher Plausibilität darlegen können, dass ein bestimmtes Verhalten nur als Ausdruck von Rassismus und nicht anders gedeutet werden kann, wäre Zurückhaltung angebracht.

    „Komisch, ich habe weiter oben ein PDF verlinkt. Eine Tabelle verdeutlicht den Sprachwandel unter Schwarzen. Das sollte doch ein Indikator dafür sein, dass bestimmte Wörter mehrheitlich aus dem Sprachschatz verschwunden sind.“

    1) Ob ein Wort [weitgehend] „aus dem Sprachschatz [der Betroffenen] verschwunden“ ist, dürfte für unsere Diskussion völlig irrelevant sein; und es wurde im Übrigen auch nicht bestritten.
    2) Es ging darum, ob die Schwarzen das N-Wort als beleidigend empfinden. Dass dies heutzutage anzunehmen ist, habe ich nie abgestritten, sondern mehrfach so gesagt. Dass man dazu keinerlei Erhebungen findet, ist dennoch sehr merkwürdig – und m.E. in der Tat auch sehr bezeichnend.
    3) In Ihrer Statistik geht es um die Frage, welchen Ausdruck die Leute präferieren – nicht darum, ob sie ein bestimmten Ausdruck als beleidigend ansehen (was meine Fragestellung war). Es könnte ja sein, dass niemand ein Wort präferiert, die meisten Leute es aber dennoch nicht als Beleidigung empfinden.
    4) Höchstwahrscheinlich ist Ihre Statistik nicht valide. Nach ihr bevorzugten beispielsweise im Jahr 1990 100% den der Befragten den Ausdruck „African American“ und 0% die Bezeichnung „Black“. Merkwürdiger noch: Nach derselben Statistik sollen zwischen 1980 und 1989 nur 6.4 % „African American“ bevorzugt haben, das alsbald auf 100% hochschnellte, und 91.5 das „Black“, das dann kurz darauf auf Null fiel. Das kann mir kein Mensch erzählen. Die Erhebung muss schwerste methodische Fehler haben und ist völlig unbrauchbar.
    5) Selbst wenn die Erhebung valide wäre (was unmöglich der Fall sein kann), wäre aus ihr absolut nichts über die Haltung der Schwarzen zum N-Wort abzuleiten. Abzuleiten wäre allein, dass Schwarze überhaupt keine Präferenzen hätten, außer hochgradig fluktuierenden.

    „Warum sollten die Menschen der 54 afrikanischen Staaten eine Umfrage starten, wie sie am besten genannt werden wollen? Es ist nicht das Problem der Afrikaner, dass wir Europäer unseren Rassismus nicht eleminieren können.“

    Es geht erst mal um die Schwarzen hierzulande (und je nachdem auch in den USA, von denen aus unser Sprachwandel ja beeinflusst ist). Und diese Umfragen müssen ja nicht von Schwarzen erstellt werden. Sie können auch von Weißen oder einer gemischten Gruppe durchgeführt werden. Denn wenn man wissen will, was Schwarze als rassistisch empfinden, wäre es vielleicht gar nicht so abwegig, mal die Betroffenen selbst zu fragen, was sie denn so meinen – oder?

    Natürlich nur, wenn man sich denn dafür interessiert, was die Schwarzen denken – was nach meinem Eindruck aber eben nur sehr eingeschränkt der Fall ist und es früher vielleicht sogar noch eingeschränkter war. Siehe beispielsweise die Gallup-Organisation, die in einer sehr wahrscheinlich validen und seriösen Untersuchung herausfand, wie die Schwarzen mehrheitlich genannt werden sollten, um im Dienste der politischen Korrektheit dann nahezu instantan das exakte Gegenteil zu tun. (Und in diesem Zusammenhang hat der Begriff „politische Korrektheit“ es dann in der Tat verdient, ohne Anführungszeichen geschrieben zu werden.)

  135. Wenn eine (diskriminierte) Gruppe wirklich aus eigenem Antrieb meint, dass eine Fremdbezeichnung sie abwertet, soll mir Sensibilität recht sein! Aber ansonsten habe ich ehrlich gesagt Angst, dass viele Gruppen (bzw. deren „Vertreter“) „entdecken“ werden, dass diese oder jene Bezeichnung, die bisher nie jemanden gestört hat, doch „eigentlich“ abwertend sei.

    Jau, genau das könnte passieren. Und, ehrlich gesagt, es ist nicht unplausibel zu behaupten, dass es in den USA z.B., die einen eher fremdenfeindlichen Rechtspopulisten zum Präsidenten gewählt haben, Ausländerfeindlichkeit weit verbreitet ist.

    Und die AfD hat Angst vor Deutschenfeindlichkeit (wozu es natürlich kontraproduktiv ist, alles zu reproduzieren, weswegen Leute deutschenfeindlich waren, sind oder werden könnten, aber hey), von daher möchte ich Ihnen nicht widersprechen.

    Demnächst wird Kartoffelsalat in Erdäpfelsalat umbenannt. Bio- und Gen-Deutsche dürfen weiterhin Kartoffel sagen, wenn sie unter sich sind, aber wenn Deutsche mit Migrationshintergrund oder gar Ausländer das K-Wort verwenden, ist das natürlich abwertend. Kartoffel ist „unser“ Wort.

  136. Natürlich will sich niemand vorschreiben lassen, was er sagen soll und was nicht, unabhängig davon ob er das jeweils Tabuisierte überhaupt sagen will. Oder sie.

    Und natürlich war das N-Wort von Anfang an eine Fremdbezeichnung der europäischen Kolonisatoren für die von ihnen Kolonisierten und in der Folge in jeder erdenklichen Weise Ausgebeuteten; weil sich die Europäer den Afrikanern überlegen wähnten, und das ja faktisch nicht zu Unrecht, denn offenbar waren die Europäer den Afrikanern ja überlegen, sonst hätten sie sie (also jene diese) ja nicht unterwerfen können. Daß mit diesem Sich-überlegen-Fühlen auch gleichzeitig eine herablassende Benennung und zum Teil grausame Behandlung der Afrikaner einherging, war vor dem Hintergrund der Zeit vielleicht sogar verständlich, gleichwohl immer unrecht.
    (Und „Pippi Langstrumpf “ wurde zu einer Zeit verfaßt, als Afrika noch großflächig von Europa kolonisiert war und die indigene Bevölkerung Europas noch in dem ..naja.. Bewußtsein einer Überlegenheit gegenüber weiten Teilen der kolonisierten Welt lebte und aufwuchs. Im Lichte ihres Gesamtwerks würde ich Astrid Lindgren nie plumpen Rassismus unterstellen, sondern eine zutiefst humanistische Denkweise, trotzdem war auch sie halt nur ein Kind ihrer Zeit.)

    Die Maskierung des N-Worts als „N-Wort“ ist natürlich Kokolores. Der Hörer oder Leser soll ja – das ist im Allgemeinen der Sinn von Sprache – das Bezeichnete verstehen, also soll der Hörer oder Leser wissen, was mit „N-Wort“ gemeint ist, mithin also für sich dechiffrieren: „Aha! Neger! Das sagt man ja nicht mehr!“ Mit jeder Nennung des „N-Worts“ bringt man also wieder in irgendeinem Gehirn ein „Neger“ zum Aufflackern, und Stefan Niggemeier schien ja bemüht, möglichst oft „N-Wort“ in seinem Artikel zu schreibenunterzubringen, vielen Dank auch!

    Das ist ungefähr so sinnvoll wie „Scheibenkleister“, „Sch….“, „zum Kot*en“ (was immer daran so verwerflich sein soll) und ähnliche Wortmaskierungen. Der Umstand, daß man’s nicht in seiner vollständigen Form ausschreibt oder -spricht, bedeutet nicht, daß man’s nicht insinuiert hätte, eben weil ja eindeutig* ist, was es jeweils meint. Und „Ich bin ja nicht schuld an deiner, Lesers, schmutziger Phantasie!“ ist hochgradig heuchlerisch. Wohl bist du!

    *) Jaja, „N-Wort“ ist uneindeutig, aber denjenigen, die vorgeben, nicht auf Anhieb gewußt zu haben, welches Wort grundsätzlich hier maskiert wurde, glaube ich kein Wort!

    Ich bin jedenfalls für ein Verhüllungsverbot für Wörter. Auch und vor allem für mißliebige Wörter.

  137. @ JoJo ohne Blog:

    Zumindest laut der englischsprachigen Wikipedia wurde das N-Wort (bzw. seine Äquivalente) keineswegs von den Sklavenhändlern geprägt, sondern ist Jahrhunderte älter. Zudem galt dieses Wort laut derselben Quelle ziemlich lange als die sachliche und neutrale Selbst- und Fremdbezeichnung für Schwarze („‚N[…]‘ was accepted as normal, both as exonym and endonym, until the late 1960s…“).
    Und die Statistik-Behörde der USA hat das Wort 2010 mit der ausdrücklichen Begründung verwendet, dass viele ältere Schwarze sich mit diesem Ausdruck identifizieren. Tatsächlich fing man an, die Bezeichnung innerhalb von Veröffentlichungen in einer Zeit zu meiden, in der sie von der deutlichen Mehrheit der Schwarzen bevorzugt wurde.

    Es ist daher allem Anschein nach eine ziemlich einseitige und daher letztlich auch irreführende Darstellung, wenn das N-Wort ohne jedwede Differenzierung einfach nur wie folgt apostrophiert wird: „…[als] verführerischste[r] Name der Abwertung, [als] der prominenteste und mächtigste, weil älteste (nicht zu sagen: traditionsreichste) Begriff des Hasses, in dem wie in einer Zip-Datei die Jahrhunderte alte, blutige Geschichte des Rassismus kompromiert ist“ (Matthias Dell).

    Des Weiteren sei nochmals dies betont: Auch wenn man einen Sache oder eine Person sehr abwertet, kann man dennoch einen Begriff benutzen, mit dem sie einfach nur BEZEICHNET wird. Der entsprechende Begriff kann also neutral sein und muss keine versteckte Theorie und keine versteckte Wertung enthalten (siehe auch # 60, 64). Man kann ja auch einen Mensch einfach mit einem Namen bezeichnen kann, ohne damit bereits eine versteckte Wertung vorzunehmen. So viel Differenzierungs- und Abstraktionsvermögen hat der Mensch schon. Andernfalls könnten Leute, die eine Sache unterschiedlich bewerten, nicht einmal miteinander diskutieren; denn sie könnten ja nicht einmal einen gemeinsamen Namen für diese Sache finden, der nicht bereits ein verstecktes Werturteil beinhaltet und somit der einen Seite a priori recht gibt.

    Die Abwertung und Ablehnung, die einer Gruppe von Menschen entgegengebracht wird, hat oft nichts mit einer Bezeichnung als Bezeichnung zu tun, sondern mit den Überzeugungen, die mit der bezeichneten Gruppe verbunden werden. Nicht das Wort als Wort, sondern bezeichnete der „Gegenstand“ ist in diesem Fall oftmals „negativ konnotiert“. Die Bezeichnungen/Wörter könnte man beliebig austauschen; es würde sich gar nichts in der Einstellung der Leute gegenüber zum Bezeichneten ändern. Natürlich gibt es auch Wörter, die eben als Wörter nicht neutral sind, sondern schon einen abwertenden Beigeschmack haben – aber das ist eben etwas anderes als eine neutrale Bezeichnung für etwas, was weithin als negativ betrachtet wird.

    Mit alledem streite ich natürlich NICHT ab, dass die meisten Schwarzen die Bezeichnung heute ablehnen (mutmaßlich, denn Befragungen gibt es offenbar nicht), und dass man es daher meiden sollte!

    Aber ich habe das Gefühl, dass in dieser Debatte im Eifer, bloß alles gut zu machen, auch mit Halbwahrheiten, Verkürzungen (bis hin zu Verfälschungen) oder Pseudo-Argumenten gearbeitet wird. Ganz abgesehen davon scheint mir eine gewisse Heuchelei in der Debatte zu stecken (# 143). Dies alles passiert zumeist sicher nicht in böser Absicht – aber unerfreulich ist es dennoch, wenn nicht mitunter im Sinne des Kampfes gegen Rassismus und Diskriminierung sogar kontraproduktiv.

  138. Ich muss auch sagen, das von Herrn Niggemeier recht ausführlich zitierte Elaborat Matthias Dells ist mE ein Beispiel für viele gängige Kritikpunkte am Journalismus unserer Zeit. Sprachlich durchaus gefällig, aber inhaltlich von einer Position aus geschrieben, die erkennbar bereits ex ante wusste, wie das Thema zu erzählen ist, ohne dass eine vertiefte Beschäftigung mit selbigem die Erzählung noch hätte ändern können.

  139. @ Illen:

    Gerade habe ich einen SPON-Artikel („Peter Hahne verliert ein Wort“) zu einer Maischberger-Sendung gelesen, der niveaumäßig leider symptomatisch ist für weite Teile der Debatte rund um „korrekte“ Sprache.

    Auf der einen Seite werden Leute, die bestimmte Formen des Sprachwandels nicht mitmachen, in eine sehr negative Ecke gestellt. Auf der anderen Seite wird aber beteuert, es gebe keinerlei „Sprechverbote“; es gebe allein „Widerspruch“, wenn bestimmte Formulierungen gebraucht werden.
    Natürlich kann man es als eine Art von (moralischem) „Sprechverbot“ bezeichnen, wenn jemand als rücksichtsloses Individuum oder gar als Rassist dargestellt wird, sofern er seine Sprache nicht den Veränderungen der Zeit anpasst – auch wenn das Wort „Sprechverbot“ natürlich zugespitzt und polemisch ist. Jedenfalls handelt es sich hier aber um wesentlich mehr als einfach nur „Widerspruch“.

    Dabei halte ich es unter Umständen ja wie gesagt auch selbst für in Ordnung, wenn bestimmte sprachliche Ausdrücke, die früher als neutral galten, heutzutage eine gewisse Tabuisierung erfahren (mit all der Vorsicht und den Differenzierungen, die ich in früheren Beiträgen zum Ausdruck gebracht habe). Nur sollte man dazu auch ehrlich stehen und bekennen, dass hier eben ein teils erheblicher moralischer Druck ausgeübt wird.

    Dann ging es um das „Zig…-Schnitzel“, das jetzt eben ein Unwort ist. Ob die Mehrheit der Sinti und Roma sich an diesem Wort – oder an ihrer herkömmlichen Bezeichnung „Zig…“ – stört oder nicht, war dabei offenbar kein Thema. Und dies trotz der Geschichte des N-Wortes, bei dem die Gutmeinenden es schon versäumt hatten, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen (oder genauer: ihren Willen zu berücksichtigen).

    Des Weiteren wird Marlies Krämer, die sich für eine geschlechtergerechte Sprache einsetzt, wie folgt zitiert:

    „Sprache ist Ausdruck von Denken und Handeln, sie bestimmt unsere gesamte Gesellschaft.“

    In dieser extrem nebulösen Vagheit ist diese Aussage vermutlich weder wahr noch falsch, und man kann sich mit ihr auch nicht auseinandersetzen. Die relevante Frage ist doch: In welchen Fällen haben sprachlichen Unterschiede oder Veränderungen tatsächlich signifikante Konsequenzen und in welchen nicht? Nach einer Studie soll es beispielsweise durchaus etwas bringen, wenn man nach geeigneten Kandidatinnen und geeigneten Kandidaten für das Kanzleramt statt nur nach geeigneten Kandidaten fragt (sinngemäß). Das mag sein, und dann wäre es in vergleichbaren Fällen ja auch tatsächlich sinnvoll, die weibliche Form explizit zu verwenden.
    Aber wie verhält es sich in Fällen, die deutlich anders gelagert sind? Wenn man zu jemandem sagt: „Geh mit Deinem Husten doch mal zum Arzt“, statt „Geh mit Deinem Husten doch mal zu einer Ärztin oder einem Arzt“: hat das dann Folgen? Wird der Angesprochene im ersten Fall beispielsweise eher zu einem Arzt als einer Ärztin gehen, oder wird sein Frauenbild im Allgemeinen negativ berührt? Eher fraglich (auch wenn Krämer uns versichert, dass Sprachliche Diskriminierung sich in alle Bereiche ausbreiten würde).

    So viel Differenzierung kann man allerdings wohl selten erwarten – stattdessen bekommt man gewöhnlich das „Argument“ zu hören, dass Sprache enorm wichtig sei und das gesamte Denken und die gesamte Gesellschaft präge…

    Dass die Autorin des Spiegel-Artikels offenbar noch nie etwas vom generischen Maskulinum gehört hat, wie aus ihrem weiteren Text hervorgeht, überrascht dann auch nicht mehr. Und ja, natürlich kann man diskutieren, ob das generische Maskulinum eine sinnvolle und angemessene Form ist, auch Frauen zu berücksichtigen. Wer aber nicht versteht, dass es einen Unterschied ausmacht, ob man Frauen als „Kunden“ oder Bushido als „Rapperin“ bezeichnet, versteht entweder von Deutsch nicht viel oder will davon nicht viel verstehen.

    Was in solchen Debatten häufig fehlt sind Differenzierung, Klarheit, kritische Analyse, Unbestechlichkeit und Ehrlichkeit – dafür findet man aber viel „guten Willen“ samt der Entschlossenheit, bloß nichts zu sagen, was direkt oder auch nur indirekt rechten Positionen Auftrieb geben könnte. Guter Wille ist an sich ja gut – aber gut gemeint ist eben noch nicht immer gut gemacht.

    Offen gesagt glaube ich, dass man mit dieser Art von Diskurs Widerstand und sogar rechte Personen fördert. Denn auch wenn viele Leute nicht im Detail verstehen werden, wo der Hase im Pfeffer liegt, dürften sie doch merken oder wenigstens ahnen, dass da ein Spiel gespielt wird, das nicht ganz aufrichtig ist.

  140. Abteilung „Zigeunerschnitzel“:
    https://www.welt.de/kultur/history/article13811031/Wir-sind-Zigeuner-und-das-Wort-ist-gut.html

    „[…] Zum Entsetzen der Lehrer meldeten sie ihre Kinder wieder ab. Mit der Begründung: Wir sind keine Roma!

    Ich vermutete, die Roma aus Rosia würden die Bezeichnung ablehnen, um nicht von der rumänischen Mehrheitsgesellschaft diskriminiert zu werden. Ein Irrtum. Die Roma hatten einfach nur einen schlechten Ruf. Die Leute schimpften auf kriminelle Clans, mit denen sie nichts gemein haben wollten. Einige Männer, die im Dorf Feuerholz schlugen, erklärten: „Wären wir Roma, würden ihre Chefs die Geldeintreiber schicken und wir müssten Tribut zahlen. Aber wir sind keine Roma. Wir sind Tzigani.““

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