Gesundheit für Leute, die sie eh noch haben

Es gibt zu jedem Zeitpunkt eine wichtigste Figur in unserer Kultur, um die sich zumindest ein Großteil der Mainstreamkultur dreht, und wir erleben gerade einen Schichtwechsel: Zu Zeiten, als Plattenverkäufe und Kinobesuche noch viel Geld einspielten, war es der männliche Teenager, für den Kultur gemacht wurde, und für mich, der ich in den achtziger und neunziger Jahren aufgewachsen bin, war es völlig normal, dass junge Männer und männliche Jungs die Helden waren, von Filmen wie „Zurück in die Zukunft“ bis „Top Gun“.

Danach wurde die wichtigste Zielgruppe älter – was meiner Meinung nach nicht unwesentlich mit den Preissprüngen zusammenhängt, die mit der Umstellung von der LP auf die CD einherging, aber auch mit der Massentauglichkeit von PCs und dem Privatfernsehen –, jedenfalls verschwanden die jüngeren Männer in größerer Zahl aus dem relevanten kulturellen Setting, so dass die Actionhelden meiner Jugend mangels Nachfolgern noch genauso aktiv sind wie die Megabands jener Zeit. Denn im Mainstream ist letztlich nur relevant, was Geld bringt.

Als Jungs noch ins Kino gingen, gab es Actionhelden. Heute hat das Kino eine völlig andere Rolle: Es ist eine Date-Location. Und Date-Movies werden von den Mädchen ausgewählt, die außerdem auch noch viel produktaffiner sind als Jungs. Abgang Sylvester Stallone, Auftritt Matthias Schweighöfer. Die jungen Männer von heute müssen vor allem Mädchen gefallen. Und natürlich gilt das in vielerlei Hinsicht bei dem, was Mainstreamkultur ist, von Castingshows bis zu Beautybloggern auf YouTubern.

Diese Entwicklung hat eine Rückkopplung: Während es vor 20 oder 30 Jahren noch erstrebenswert war, erwachsen zu werden, und zu den Ritualen des Erwachsenwerdens gehörte, eine „Brigitte“, „FAZ“ oder den „Playboy“ zu kaufen, manifestierte sich die Zwischenphase in dem unglaublichen Erfolg von „Neon“, einem Heft, das mit dem Claim antrat „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“ – genau das verweigerte diese Generation.

Heute sind wir einen Schritt weiter: Die Mädchen und jungen Frauen regieren, und der Rest des Feldes blickt gebannt auf sie. War es einmal das Ziel, etwas zu werden wenn man groß ist, ist der Traum heute, vier Millionen Follower auf Instagram oder musical.ly zu haben, bevor man volljährig und damit offiziell alt ist. Teenager haben keinen Grund mehr, jemals älter zu werden, weil selbst der Führerschein seinen Reiz verloren hat. Korrekt muss die Oma-Frage heute also lauten: „Na, was willst du denn mal werden bevor du groß bist?“ Denn wer groß ist, guckt nur noch zu.

So erkläre ich mir die Existenz von „Feel Good – Das junge Gesundheits-Magazin“, das neu auf dem Markt ist1 und es schafft, gefühlte 82 Schriftarten zu benutzen, ohne dabei auch nur zufällig eine erträgliche zu treffen. Sie sieht aus wie eine „Closer“, die statt aus Promi-Cellulite aus cheesy Stock-Fotos zusammengebastelt ist.

Und möglicherweise ist das wahnsinnig schlau. Denn gerade weil die plötzlich wichtigste Zielgruppe des Augenblicks, ganz junge Mädchen, noch wahnsinnig gesund und rauchfrei und smoothie-gestählt durch die Welt geht, hat das Thema „gesundes Leben“ plötzlich wieder eine Aktualität – wenn auch nur als Accessoire einer Generation, die das alles eh noch hat.

Die Titelthemen sind „Detox your Life“, was hier als eine Mischung aus Hyggelichkeit und Karma-Aufräumen verstanden wird, „Easy-Peasy Küche“2, „Heuschnupfen in den Griff bekommen“ und „Kinderkrankheiten – So hilfst du deinen Kids am besten“3. Anhand der „Kids“ kann man sagen, das Heft richtet sich wahrscheinlich an Frauen um die 30. Anhand der Überschriften kann man sagen, es müssen Frauen um die 30 sein, die pseudo-handgeschriebenen Überschriften etwas abgewinnen können. Und anhand der Werbung im Heft für „Doppelherz“ und „Schüßler-Salze“ würde ich sagen, dass die Nahrungsergänzungs- und sonstige Mittelchen-Industrien da nicht ganz dran glauben4. Die erwarten trotzdem ältere Leserinnen. So richtig doll viele gesundheitliche Probleme haben die meisten Frauen rund um die 30 abgesehen von einem strammen Kater dann und wann ja auch wirklich noch nicht.

Und so wird das Heft zu einer bunten Mischung aus gesunden Rezepten5, Psycho-Geschichten6 und medizinischem Rat, der sich manchmal an den Rändern des wissenschaftlich Nachweisbaren bewegt, zum Beispiel bei einer großen Geschichte, in der es darum geht, wie man seinen mentalen Typ mit den richtigen homöopathischen Kügelchen unterstützt (solltest du vom Typ her „Die Glucke“ sein, ist dein Mittel „Pulsatilla“. Just sayin’).

Das ist alles wild und bunt gemischt wie ein Yellow7, ein blubberndes Potpourri aus zwanghaft guter Laune und Matcha-Tee, und ich kann mir vorstellen, dass es Leute gibt, die das kaufen, weil ich mir schon auch vorstellen kann, dass es Menschen gibt, die sich danach sehnen, (wieder) so zu sein: gefühlt so jung, dass man noch Anschluss zu haben glaubt an das Lebensgefühl des Augenblicks. Und tatsächlich ist zumindest mentale Gesundheit und Ausgeglichenheit heute viel mehr Thema als früher: Meine Teenager-Töchter erklären mir regelmäßig, sie würden heute nichts machen als „einfach mal entspannen“. Das ist eine Art von Gesundheitsbewusstsein, die mir als Teenager abging8.

Wenn ich es zusammenfassen soll, dann finde ich die Idee eines jungen Gesundheitsmagazins intuitiv falsch, aber man darf nie vergessen, dass die Zielgruppe von Magazinen sehr oft nicht die Menschen sind, die sind wie die, die im Heft angeblich angesprochen werden, sondern solche, die nur so sein wollen. Mein viel zu oft genutzter Standardsatz dazu ist: Der „Playboy“ wird nicht für Playboys gemacht. Playboys haben nämlich keine Baubuden, in denen sie die Poster aufhängen können.

Und ich glaube, es gibt eine Menge Frauen – und angesprochen werden bei „Feel Good“ fast ausschließlich Frauen –, die gerne noch einmal jung und gesund wären. Und die müssen dafür, anders als ihre tatsächlich noch jungen Geschlechtsgenossinnen, tatsächlich etwas tun – oder glauben das zumindest. Für die mag gut gelaunte Matcha-Homöopathie selbst in Pseudo-Handschrift etwas sein.

Bei mir werden allerdings die Haare dünn, für mich ist das zu spät.

Feel Good
Jahreszeiten Verlag GmbH
1,95 Euro

17 Kommentare

  1. „Als Jungs noch ins Kino gingen, gab es Actionhelden. Heute hat das Kino eine völlig andere Rolle: “
    Hm. Mag sein das ich an Confirmation Bias leide, aber in Hinblick auf die Star Trek, Star Wars, Marvel und Michael Bay-Filme der letzten Jahre möchte ich doch zumindest leise Zweifel anmelden.

    Was allerdings nicht zwingend ausschließt das man eher als Pärchen ins Kino geht als mit Kumpels.

  2. Zu Zeiten als der Autor jung war gab es auch schon genauso Dating-Filme wie eine Generation davor. Oder waren Sissi und O.W.Fischer Action-Helden für Jungs?
    Wen man ddie Dating-Filme seiner Generation verpasst hat, lag es vielleicht an mangelnden Dates?

    Und wann kommt der erste obligatorische Fußnoten-Nörgel-Comment?

  3. es muss zutiefst mit Sorge erfüllen, wenn die Verblödung derart voran getrieben wird, indem man eine bunte Postille, die für wirkstofffreie Zuckerkügelchen und anderen Homöopathie-Quatsch wirbt, mit „Gesundheitsmagazin“ überschreibt.

    Nebenbei kann man sich auch wieder die Frage stellen, wie verantwortungs- und skrupellos die Schreibkräfte solcher Publikationen sind, wenn sie ihren verdammten Job nicht anständig machen, sich endlich umfassend und objektiv zum Thema informieren, und stattdessen unbelegten Blödsinn veröffentlichen.

  4. @Schnellinger: Hier bitte: Dieses Mal entsteht die ulkige Situation, dass Pantelouris in einer Fußnote über mangelnde Lesbarkeit aufgrund sich überlappender Ebenen spricht, wobei sich besagte Fußnote durch mangelnde Lesbarkeit aufgrund sich überlappender Ebenen auszeichnet. Siehe hier: https://i.imgur.com/Mv4PMvd.jpg

    Und es ist halt wirklich ein absurd schlechtes System: Bewegt man den Mauszeiger auf die Fußnote, überlagern sich Fußnoten-Tooltip und Title-Tooltip. Klickt man die Fußnote an, verschwindet der Tooltip mit der Fußnote, um dann wieder aufzutauchen und den Text zu verdecken, sobald man den Mauszeiger von der Fußnote wegbewegt.

  5. Ich sage, es dauert noch mindestens drei Rezensionen, bis das behoben ist.

    Merke: Mit Sternchen wär‘ das nicht passiert. Früher(TM) war alles besser.

  6. Fußnoten setzt man übrigens nach dem Komma, wenn sie sich auf den ganzen Halbsatz beziehen, und nach dem Punkt, wenn sie sich auf den ganzen Satz beziehen. Vor dem Komma/Punkt bezieht sich die Fußnote nur auf das vorangegangene Wort. Gern geschehen!

  7. Diese sich überlagernden Fußnotentexte müssen diese Meta-Ebene sein.
    Schade, dass auf der Meta-Ebene dasselbe steht wie auf der Nicht-so-Meta-Ebene, sonst wäre die Parodie perfekt.

  8. Das junge Frauen knapp nach der Pubertät das erstrebenswerte Ideal sind hat Michel Houellebecq schon vor 10 oder 15 Jahren geschrieben. Also das macht die Erkenntnis nicht falsch, aber diesen Trend gibt es schon länger.

  9. Die entspanteste Methode mit den Fußnoten umzugehen, ist sie zu ignorieren und sich völlig darauf zu konzentrieren, was die Mutter und die Töchter des Rezensenten so denken und machen!

  10. Pppfft.
    Ppfffffffttt und Doppelppffft!

    Bei mir geht (Android 6.01) goarnix mehr, mit den Fußnoten.

    Offengestanden verleidet mir das den Guten Griechen so ziemlich.

    Ich drohe mit äußerster Zerknirschung, fußaufstampfendem Luftanhalten bis zur Behebung und allgemeinem Liebesentzug sowie Beendung meiner professionellen Abonnentenwerbung (1 Erfolg) für Übermedien!
    Wollt ihr das?

    Sich in den Schlaf weindend :
    O.

  11. @3: SCHMIDT123 14. MÄRZ 2018 UM 9:39 UHR
    „Nebenbei kann man sich auch wieder die Frage stellen, wie verantwortungs- und skrupellos die Schreibkräfte solcher Publikationen sind, wenn sie ihren verdammten Job nicht anständig machen, sich endlich umfassend und objektiv zum Thema informieren, und stattdessen unbelegten Blödsinn veröffentlichen.“

    Der aktuelle Gegentrend kritischer Berichterstattung zur Homöopathie hinterlässt bei mir ein etwas mulmiges Gefühl. Nicht die Berichte an sich, auf die warte ich schon seit Jahren – aber die 180° Wende kam überraschend schnell.
    Bei mir bleibt das ungute Gefühl zurück das man in den Redaktionen die Kritik nicht verstanden hat und einfach nur das schreibt, wovon man glaubt das die Leute (Kunden) es lesen wollen.

    @11:ANDREAS HUTFLESS 15. MÄRZ 2018 UM 15:01 UHR
    „Sich in den Schlaf weindend :“

    Sehr unterhaltsamer Kommentar. Danke. :)

  12. Traurig ist ja, dass die verantwortlichen Arschgeigen* sich in der Kommentarspalte seit Wochen nicht mehr zeigen und das Problem geflissentlich ignorieren.

    *Nicht so gemeint, ich hoffe lediglich, dass Fäkalsprache die Kommentarmoderation triggert und ihr dadurch mal aufmerksam werdet.

  13. Wie hat das denn funktioniert? Ich wollte dem Link von Julian (4) folgen und habe dafür Pantelouris Chiller-Fußnote erneut angezeigt bekommen:
    Bild
    Sie war dann aber auch nicht mehr wegzubekommen, egal wie ich geklickt oder gescrollt habe. Ich dachte schon, Julian hätte ein bombastisches Feature entdeckt, mit dem man die Kommentare pimpen kann, aber sein Link führt zu einem anderen Bild.

    —0—

    Ich hätte wirklich sehr gerne noch die ausführliche Rezension der Scheibenwurst-Anzeige gelesen.

  14. @6

    Es mag diese Regel geben, aber ich kenne niemanden, der sie anwendet – was wiederum an mir liegen mag. Jedenfalls setze ich Fußnoten in Publikationen mittlerweile konsequent hinter die Satzzeichen, schon weil ich keine Lust habe, mehr als ein Millisekündchen darüber nachzudenken, ob das der Regel entspricht. Bislang hat sich noch niemand beschwert.

  15. Wenn ich nach den ersten Sätzen schon an einen alten Mann denken muss „Damals war alles besser!“, muss ich dem starken Drang wiederstehen den Artikel sofort zu schließen.

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