Achtsamkeit mit Jesus-Walking

Eines der wichtigsten Themen, mit denen sich Menschen auseinandersetzen müssen, die kommerziell-kreativ tätig sind, ist Konditionierung: In der Regel hat jeder Konsument eines unserer „Produkte“ schon hunderte oder gar tausende ähnliche Dinge gelesen, gesehen oder gehört. Wir alle erkennen innerhalb von Sekundenbruchteilen an einem Filmplakat, worum es ungefähr geht, und wir brauchen, wenn überhaupt, nur unwesentlich länger, um von einem Titelbild auf den Inhalt einer Zeitschrift zu schließen.

Titelseite mit einem Foto einer Wiese mit einem rosa blühenden Kirschbaum

„Der Pilger – Magazin für die Reise durchs Leben“ verspricht so etwas wie „Landlust“ mit Wandern und „Happinez“ – Achtsamkeit mit Jesus-Walking. Man versteht das, weil man die Codes kennt. Und das ist gut, denn es ist immer schwierig, wenn man ein Produkt erst erklären muss. Gleichzeitig ist es gefährlich, weil Leser eben immer so viel schon kennen, dass die Gefahr besteht, sie, nun ja, kennen es schon.

Meine Mutter hat sich immer beschwert, wenn sie bei einem Film das Gefühl hatte, sie wisse zu früh, wie er ausgeht, was das Problem überragend gut falsch beschreibt. Bei „Titanic“ etwa weiß jeder, wie es ausgeht. Bei „Romeo und Julia“ noch viel mehr. Das ist überhaupt kein Problem. Was sie beschreiben wollte, ist die ganz große Falle innerhalb jeder erzählenden Form: das Klischee.

In Wahrheit erzählen alle Kreativen seit Jahrtausenden immer die gleichen Geschichten. Die guten Erzähler schaffen es, sie immer wieder frisch zu füllen. „Der Pilger“ schafft das nicht.

Im Prinzip müsste es doch einfach sein, Klischees aus dem Weg zu gehen: Man kann ja einfach alles anders machen. Aber das funktioniert eben auch nicht: Die Regeln des Geschichtenerzählens sind spätestens seit den alten Griechen einigermaßen unverändert1, und jede frische Erzählweise kann immer nur innerhalb der gesetzten Leitplanken als aufregend empfunden werden.

Natürlich kann man alles anders machen. Man könnte auch ein Heft von hinten nach vorne drucken, mit einem durchlöcherten Cover oder betörendem Geruch. Aber all das wäre nur ein Trick, der einen Moment Aufmerksamkeit sichert, aber mehr auch nicht. Man muss die Regeln schon gut beherrschen, um sie spannend brechen zu können. Ich würde das hier gern an einem plastischen Beispiel veranschaulichen.

Nehmen wir Männermode: Es gibt hier klassisch nur zwei Pole. Formelle Kleidung, die sich, grob gesagt, von oben nach unten herleitet, also dem, was der Adel einmal getragen hat.2 Und: funktionelle Kleidung, die man erst bei der Arbeit, im Militär, als Kirchendiener oder später beim Sport getragen hat.

Aber wir kennen alle einen dritten Pol, ich nenne ihn mal global „Punk“. Anders als Arbeitskleidung hat er keine Existenz aus sich selbst heraus: Es gibt ihn nur als Gegenteil von formeller Kleidung, die bei Männern eine Fixierung darauf auszeichnet, alles zu verdecken, wo der Mensch sich Bahn bricht. Wir verdecken die Knopfleiste mit der Krawatte3, zeigen kein Bein zwischen Sockenkante und Hose, und wir lassen die Jacke über den Hosenbund fallen.

Punk macht nur das Gegenteil: reißt Nähte auf und verziert sie ironisch mit Sicherheitsnadeln, zeigt Haut und beschäftigt sich obsessiv mit allem, was sonst verdeckte Technik ist, nämlich Nieten, Reißverschlüssen und Hosenträgern. Das ist nur spannend, weil wir die Konventionen kennen, und nur so lange, wie das Versprechen einer Konfrontation aufrecht erhalten wird, also der Punk nicht selbst zur Konvention wird4 – oder besser: zum Klischee.

Linke Seite: Blick auf ein Dorf in einem Tal, rechte Seite: Eine Frau mit Rucksack schaut auf eine Karte, Schlagzeile: "Sehnsucht nach Heimat"

Wenn Sie bis hierher gelesen haben, liegt das wahrscheinlich daran, dass ich oben schon mehr oder weniger angekündigt habe, dass ich „Der Pilger“ gleich verreiße. So schafft man Spannung. Anders, als meine Mutter es annimmt: Dadurch, dass jeder ahnen kann, was passieren wird. Spannung ist das Gegenteil von Überraschung. Die Frage ist nur, wie es passiert, und das sollte klischeefrei sein5, gleichzeitig unterliegt es aber den Regeln jedes Dramas.

Ich komme kurz zum Punkt: „Der Pilger“ ist ein irrsinniges Klischee, und da, wo er es nicht ist, ist er noch furchtbarer. Die bemerkenswert „Landlust“-hafte6 Titelseite präsentiert als wichtigstes Thema „Sehnsucht nach Heimat – Nur wer Wurzeln hat, kann wachsen“, was eine schreckliche Binse ist, aber erst richtig nervig wird, wenn man die dazugehörige Geschichte liest.

Sie besteht zu nicht unwesentlichen Teilen aus Zitaten wie:

„Ich sehe die Berge und die Täler. Und genieße es, allein zu sein, nichts zu hören. Dann entspanne ich. Ich bin zu Hause.“

Das hat Wolfgang Schäuble gesagt, allerdings nicht zu „Der Pilger“, sondern bereits im Jahr 2004 zum „Stern“, der damals eine Geschichte „Grundbedürfnis – Was ist Heimat?“ gemacht hat, die hier lässig in Teilen recycelt wird.

Thomas Gottschalk hat damals gesagt:

„Das ist Kulmbach, die Landschaft, der Rehberg, die Plassenburg, bildhafte Erinnerungen. Von der Pfarrkirche ,Unsere liebe Frau’ kommt mir der Altar in den Sinn, und ich erinnere mich an den abgestandenen Weihrauchgeruch, an dieses etwas langgezogene Orgelspiel des Herrn Hertl.“

Jetzt sagt er es wieder in „Der Pilger“, oder besser: „Der Pilger“ schreibt es ab, ohne die Quelle zu nennen, genau wie bei den Zitaten von Prominenten, die sie aus der „Themenwoche Heimat“ der ARD von 2015 klauen.7

Das ist sehr früh im Heft, aber schon hier gehen sie mir auf den Sack mit ihrer sanft hingehauchten Spiritualität. Da haben Reporter Interviews geführt, Ihr Möchtegern-Heiligen! Wenn man das abschreibt, tut man nicht so, als wäre man es selbst gewesen. Journalistisch ist das mindestens eine Schande.

Blick auf ein Haus und einen Leuchtturm an der Küste, Schlagzeile: "Inselglück im Nordseewind"

Danach kommt weitgehend, was kommen muss: Eine Pilgerstrecke in Italien, ein Rundgang über Pellworm, der mit folgenden Sätzen beginnt.

„Bekannt und beliebt sind einige der nordfriesischen Inseln, allen voran Sylt, aber auch Föhr und Amrum. Diese drei sind auch mir vertraut, doch seit Jahren fahre ich einmal im Jahr auf die südlichste der nordfriesischen Inseln: auf Pellworm“.

Ein Texteinstieg aus der Hölle.

Abgesehen davon, dass sich „ich fahre auf Pellworm“ falsch anhört, wenn man nach Pellworm fährt: „Diese drei sind auch mir vertraut“? Ein Rätseleinstieg ist ohnehin die langsamste Form, einen Text zu beginnen, und nein, ich meine nicht die schöne, kontemplative Form von langsam, sondern die Art, wie Kindergartenkinder sich die Schuhe anziehen, wenn man es eilig hat.

Und dann baue ich einen sinnlosen Halbsatz ein, der einzig den Sinn hat, mich vor den Lesern als coolen Checker dastehen zu lassen, der alle Inseln kennt? Formuliert in einem Deutsch, das klingt, als würde Goethe seinem Neffen Nutten in der Herbertstraße zeigen: „Sieh, Jüngling, diese drei sind auch mir vertraut.“ Bei anderen sind sie nur „bekannt und beliebt“, aber bei mir, haha!

„Diese drei sind auch mir vertraut“ ist ein Satz, den seit Jahrhunderten niemand so gesprochen hätte, aber bei „Der Pilger“ fällt niemandem auf, dass sie reden wie in einem Kostümfilm. Und dass ich das hier so schreibe, liegt natürlich daran, dass es nur beispielhaft steht für viele solcher Sätze.

Links ein Teller mit einer Forelle, rechts das Rezept.

Allerdings gibt es auch gute – und auch gut geschriebene – Geschichten im Heft. Eine über ein indisches Dorf, das auf schlaue Art dem Wassermangel trotzt, den der Klimawandel bringt. Dazwischen sind jede Menge Schönheitselixiere, die man sich aus Kräutern mischen kann, und im Zusammenhang mit einer schönen Geschichte über eine klösterliche Forellenzucht auch Rezepte.

Dann kommt der Typ, der gerade eine Milliarde Bücher über das geheime Leben der Bäume verkauft, und schreibt unter der Headline „Meine Freunde, die Bäume“ Dinge wie:

„Ich spüre die Geborgenheit, und ich bin immer wieder neu berührt, wenn ich himmelwärts schaue und diese tiefe Verbindung zwischen Himmel und Erde erfahre.“

Man beneidet ihn da ein bisschen, als Normalsterblicher muss man sich schließlich im Wald noch selbst berühren.

Die „Pilger“-Väter hielten es außerdem noch für eine gute Idee, einen stellvertretenden „Bild“-Chefredakteur stolz erklären zu lassen, er glaube an Jesus Christus: „Jawoll, das tue ich!“, denn das wird man jawohl noch sagen dürfen. „Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass wir Christen meinen, uns für unseren Glauben schämen zu müssen.“ Mich hat das überrascht, ich glaube nämlich, da hätte er andere, bessere Gründe. Aber er besteht hier sehr drauf, dass die Bibel „kein Büffet zur freien Auswahl ist“, man müsse dann schon alles mitnehmen, was ja bedeutet, kein falsches Zeugnis ablegen und so, insofern begrüße ich es.

Aber möglicherweise hätte ich es von jemand anderem glaubwürdiger gefunden. Sean Spicer ist doch Katholik, oder? Trotzdem, es ist ein Moment, in dem „Der Pilger“ mit den Konventionen bricht: Beiträge aus dem „Angst, Hass, Titten“-Blatt „Bild“ hätte ich hier so wenig erwartet wie geklaute Zitate. Aber egal. Hatte ich erwähnt, dass es eine Kolumne von Pater Anselm Grün gibt und Kräuterelixier-Rezepte von einer Nonne? Hätte ich es erwähnen müssen, oder war das eh klar?

Das ist „Der Pilger“: In weiten Teilen Klischee, mit ein paar Ausrutschern, die dann daneben gehen. Und leider ergibt das nur insoweit einen mittleren Durchschnitt, wie ein Urlaub im Durchschnitt mittelmäßig spannend ist, wenn man sich zehn Tage langweilt und dann brutal ausgeraubt wird.

Der Pilger
Peregrinus GmbH
4,80 Euro

6 Kommentare

  1. Ich kriege die Fußnoten doppelt angezeigt. DAS durchbricht meine Erwartungshaltung aufs entschiedenste.

    Beim Thema Jesus-Walking fällt mir immer der Witz mit den drei Priestern auf dem See Genezareth ein.
    Punschlinie: „Wir hätten ihm besser sagen sollen, wo die Steine sind.“

  2. Bei „Titanic“ etwa weiß jeder, wie es ausgeht.

    Exakt. Sie schmuggelt einen Redakteur erfolgreich in irgendein Medium, das darauf reinfällt und dann bloßgestellt wird. Trotzdem immer wieder schön.

    Man könnte auch ein Heft von hinten nach vorne drucken, mit einem durchlöcherten Cover oder betörendem Geruch.

    Irgendwie schön finde ich, daß all das bereits probiert wurde: LTBs, die von beiden Seiten lesbar sind; das Mafia-Kochbuch mit Einschußloch oder Matador, bei dem man auf der Frau vom Cover rumrubbeln darf, damit sie anfängt zu duften.

    Aber ja, ich weiß, das war nicht gemeint.

  3. Wieder mal ein wunderbarer, eloquenter Verriss. Ich habe sehr gelacht. Obschon ich in diesen hartherzigen Zeiten froh um jede Stimme bin, die »achtsam mit Jesus walkt« und ein bisschen Feenstaub in die Runde pustet. (Ich weiß, Stimmen können nicht walken oder pusten. Aber um 21:50 fallen mir keine sinnigen Metaphern mehr ein.)

  4. So ein Mist! Bei dem Satz mit Goethe und den Nutten musste ich so lachen, dass jetzt alle im Büro wissen, dass ich gerade nicht gearbeitet habe.

  5. Da ist aber jemand in Höchstform. Danke!

    Btw, diese FussNoten, die keine sind, finde ich prinzipiell wunderbar. Aber gleich zwei Kästchen müssen nun wirklich nicht sein. Zumindest nicht gleichzeitig, oder?

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