Schon wieder ein paar mal geschwängert: Kein Verlass auf Julia Becker

Es sollte einer der so genannten Höhepunkte des gestrigen Abends werden: Der Journalist Deniz Yücel, frisch entlassen aus der türkischen Haft, erhält bei der „Goldenen Kamera“ einen Sonderpreis! Und auch wenn er nicht persönlich erscheinen konnte oder wollte, war es doch ein besonderer Moment. Ein Moment, in dem vor allem eine im Vordergrund stand: Julia Becker.

Julia Becker steht auf der Bühne der "Goldenen Kamera" am Rednerpult, hinter ihr ein großes Foto von Deniz Yücel, der nach der Freilassung aus dem Gefängnis seine Frau umarmt
Funke-Verlegerin Becker bei der „Goldenen Kamera“. Das Foto hinter ihr entstand kurz nach Deniz Yücels Freilassung. Screenshot: ZDF

In ihrer Laudatio sprach die neue Chefin der Funke-Mediengruppe, die den Preis seit ein paar Jahren verleiht, über den Kampf um Meinungs- und Pressefreiheit, über Demokratie und Journalismus.

„Wir wollen durch gute, präzise, journalistische Arbeit überzeugen“, sagte sie am Ende ihrer Rede. „Wir werden uns weiter dafür einsetzen, dass jeder Journalist ohne Angst vor Zensur oder Repressalien seinen Beruf ausüben kann. Und zwar kritisch, unbeugsam und mutig. So wie Deniz Yücel. Vielen Dank.“

Großer Applaus.

Am Ende bekam also Becker ihren großen Auftritt für die Pressefreiheit, live gesendet im ZDF, und Yücel doch keine „Goldene Kamera“; er hatte, laut Becker, offenbar ausdrücklich darum gebeten, dass man ihm keine verleihe.


Seit Julia Becker Anfang des Jahres den Chefposten bei Funke übernahm, taucht sie ständig irgendwo auf. Sie war Rednerin auf dem Deutschen Medienkongress, sie hielt die Keynote auf dem „Publishers‘ Summit“ des Verbandes der Zeitschriftenverleger (VDZ), sie sprach mit „kress“, „Horizont“, dem Medienmagazin des „Deutschlandfunks“, und neulich trank sie Wein und lachte viel vor der Kamera des Branchendienstes „turi2“.

Ganz im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin und Mutter Petra Grotkamp, die in ihrer Zeit als Funke-Chefin öffentliche Auftritte tunlichst vermieden hatte, geht Julia Becker in die Offensive. Sie sucht dabei meistens ein ganz bestimmtes Publikum: ihresgleichen. Medienkongresse. Verlegertreffen. Auch ihre Interviews gibt sie nicht etwa dem „Spiegel“, der „Zeit“ oder „Bild“, sondern Medien, die von denen gelesen werden, die selber welche machen. Beckers Zielgruppe sind Journalisten, Verleger, Kollegen. Kurz: die Branche.

Und Beckers Botschaft an die Branche lautet: Bei Funke weht jetzt ein anderer Wind!

Screenshots von drei Interviews mit Julia Becker: 1. "kress news", Überschrift: "Die neue Funke-Verlegerin Julia Becker: 'Es ärgert mich, wenn eine Geschichte nachweislich an den Haaren herbeigezogen ist'", 2. "Horizont", Überschrift: "Julia Becker zeigt klare Kante gegen Klatschblatt-Lügen", Teaser: "Frischluft bei Funke: Julia Becker wirbt um Vertrauen. Ab 2018 ist die Enkelin von Jakob Funke Verlegerin der mächtigen Funke Mediengruppe. Beim Publishers' Summit in Berlin zeigt sie sich der Branche - und anschließend vor der Kamera von HORIZONT Online und turi2.tv. Im Video-Interview macht Becker eine klare Ansage: Einige Schlagzeilen ihrer Klatschblätter gehen gar nicht. Sie mahnt zur 'moralischen Verpflichtung, Grenzen zu wahren'", 3. "Turi2",Überschrift: "'Testosteron ist nicht der beste Ratgeber': Julia Becker und Katarzyna Mol-Wolff im Doppel-Interview" [auf dem Screenshot des Video-Interviews sitzen Becker und Mol-Wolff nebeneinander und trinken Wein]

Selbstkritisch, offen und modern gibt sie sich, spricht über Werte, Persönlichkeitsrechte, Grenzen der Berichterstattung. Deutliche Worte findet sie vor allem immer wieder in Bezug auf Klatschblätter und deren Arbeit. Funke gibt unter anderem „Die Aktuelle“, „Das goldene Blatt“ und „Echo der Frau“ heraus.

Becker sagt dazu:

Mich ärgert es, wenn eine Geschichte nachweislich an den Haaren herbeigezogen ist. Dass Yellow Unterhaltung ist und immer auch etwas Spekulatives dazu gehört, ist selbstverständlich. Die Informationen dürfen nur nicht aus der Luft gegriffen sein, sondern müssen auf gründlicher Recherche beruhen.

Erfundene Schwangerschaften zum Beispiel. Damit seien sie „absolut nicht einverstanden“. Da sei „eine Grenze überschritten“.

Eine Grenze sei auch dann „definitiv überschritten, wenn Sie jemanden für tot erklären, der noch lebt“.

Eine Grenze sei „auch dann überschritten, wenn es an die Verletzung von Persönlichkeitsrechten geht“.

Na denn – kurzer Realitätscheck.


Seit Julia Becker verantwortlich ist, haben ihre Zeitschriften die Königin von Spanien geschwängert, die Verlobte von Prinz Harry, und dann nochmal die Königin von Spanien – diesmal gleich mit Zwillingen. Auch Horst Lichter dichteten sie ins Baby-Glück. Und die Königin der Niederlande. Und dann nochmal Horst Lichter. Und den „Bergdoktor“.

Titelschlagzeilen verschiedener Funke-Regenbogenblätter: "Letizia & Felipe - HURRA! 2 süße JUNGS" | "Es wäre so schön! - Bergdoktor Hans Sigl - Spätes Baby-Glück?" | "Harry & seine Meghan - Süßes Geheimnis - EIN BABY!" | "Letizia & Felipe - ENDLICH! - Hurra, ein Junge!" | "Königin Maxima -Süße Überraschung - Im BABY-GLÜCK!" | "Süßes Geheimnisgelüftet - Horst Lichter - Babyglück mit 55?"

Und schon eine Woche nach Beckers Amtsantritt ließ es eines ihrer Blätter so aussehen, als wäre Prinz Philip mausetot, dabei lebt er noch heute:

Titelschlagzeile der "Frau Aktuell": "Sie vermisst Philip so sehr! - Königin Elizabeth - Abschied von ihrer großen Liebe"

Seit Becker das Sagen hat, mussten die Redaktionen Geschichten über Franz Beckenbauer, Helene Fischer, Stefan Mross und andere Prominenten schwärzen; sie erfanden Scheidungen, Krankheiten, Dramen und Skandale.

Vor ein paar Monaten schrieben wir:

Nächstes Jahr wird Julia Becker von ihrer Mutter den Aufsichtsrats-Vorsitz bei Funke übernehmen. Spätestens dann werden wir sehen, ob sie wirklich etwas ändern will. Oder auf ihre Aussagen ähnlich viel Verlass ist wie auf die ihrer Blätter.

Das wäre dann wohl geklärt.

11 Kommentare

  1. „Mutterglück im Hause Funk!
    Warum steht sie hinter diesem hohen Pult, will sie ihren Baby-Bauch verbergen? Die Augen strahlen, Glückshormone?“

    Ich hoffe das genügt als Bewerbungsschreiben für das „Goldene Bunte Frau Blatt im Echo Spiegel“

  2. Da scheint bei der Artikelausarbeitung was schief gelaufen zu sein. Horst Lichter und dem Bergdoktor musste man ein Fragezeichen zuschustern.

  3. Danke für diesen Artikel. Wirklich unglaublich, dass diese Millionärs-Verleger-Erbin glaubte, mit dieser Erwartungs-PR davon zu kommen, die sich so rasch als armselig herausgestellt hat. Und armselig, dass die genannten Branchenmedien da mitspielen. Willkommen im 21. Jahrhundert, Frau Julia Becker: Da kommen Sie mit solchen dreisten Ankündigungs-Lügen nicht lange davon. Das hätten Sie in Ihren (jungen) Jahren als „Digital-Native“ eigentlich gleich wissen sollen. Wechseln Sie mal Ihre PR-Berater aus.

  4. Adelt man diese Müllblätter nicht mit solchen Geschichten noch?
    „Herzlichen Glückwunsch, Ihre irrelevanten Geschichten waren so dreist erlogen, dass sogar wir darüber berichten müssen, der Vollständigkeit wegen.
    Nicht vergessen: Beim nächsten mal muss die Schöpfunghöhe der Lüge noch ein bisschen größer sein, damit wir wieder berichten und Ihnen Aufmerksamkeit schenken! Oder Sandra Bullock!“

    Seien wir ehlich: Die Zielgruppe bekommt das zu 90% eh nicht mit und den Rest interessiert das nicht die Bohne, die werden auch nach 20 verlorenen Rechtsstreits mit Promis und 10 Berichten darüber noch zu einer „Der schlimmste Verlust seines Lebens – Kann er sich je zurückkämpfen?“ Überschrift abgehen.

    „Wenn es da steht muss da ja wohl was dran sein. Sonst würde es ja wohl nicht veröffentlicht werden. Und wenn sich da so viele drüber aufregen, muss da ja wohl erst recht was dran sein!“
    Mit diesem Image kokettiert man doch absichtlich, oder will ich mal wieder nur das Schlechte im Menschen sehen?

  5. Man muss ja befürchten, dass sie sich selbst ernst nimmt, das glaubt, was sie von sich gibt und die Werke aus ihrem Verlag tatsächlich für Journalismus hält. Beschämend.

  6. @Stefan: OK, verstehe. Sie ist seit Anfang 2018 im Amt, das habe ich doch richtig verstanden? Ist es da nicht etwas früh für so einen Realitätscheck. Bzw. wäre es nicht eigentlich spannender, sie mal zu fragen, was sie denn bisher umgesetzt hat, bzw. was sie gelernt hat bezüglich der Umsetzung?

    Ein wenig ist es doch so, als ob man einem neuen CEO von Daimler, der mit dem Claim angetreten ist: „Wir wollen keine Benziner mehr bauen“, vorwirft, das auch eine Woche nach seinem Amtsantritt doch noch ein Benziner gebaut wurde? (Und ja, das Bild ist natürlich ziemlich schief, da die Umstellung einer Autoproduktion deutlich länger dauert, als Lügen aus Presseerzeugnissen rauszuhalten.)

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