Funke-Medien sollen weniger lügen, haben damit aber noch nicht angefangen

Petra Grotkamp ist eine der mächtigsten Medienfrauen Europas — und eine der scheuesten. Seit 2012 gehört ihr die Mehrheit der Funke Mediengruppe. Sie ist damit Verlegerin von Zeitungen wie der WAZ, der „Berliner Morgenpost“, dem „Hamburger Abendblatt“ und von Lügenblättern wie der „Aktuellen“, dem „Goldenen Blatt“ oder „Echo der Frau“. Interviews gibt sie so gut wie nie, man findet kaum Fotos von ihr, sie hat nicht mal einen Wikipedia-Eintrag und tritt nur in seltenen Ausnahmefällen in die Öffentlichkeit.

Vor etwa vier Wochen gab es so eine Ausnahme. Gemeinsam mit ihrer Tochter Julia Becker, die seit einigen Jahren auch im Funke-Aufsichtsrat sitzt, gab sie dem Branchenmagazin „kress pro“ ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Interview. Nicht nur, weil die beiden darin einen Generationswechsel ankündigen (Grotkamp hat ihre Gesellschafteranteile gerade an ihre Kinder abgegeben), sondern weil sie darin auch Selbstkritik üben und sogar eine Veränderung ihrer Klatsch-Berichterstattung versprechen.

Julia Becker: Mich ärgert es, wenn eine Geschichte nachweislich an den Haaren herbeigezogen ist. Dass Yellow Unterhaltung ist und immer auch etwas Spekulatives dazu gehört, ist selbstverständlich. Die Informationen dürfen nur nicht aus der Luft gegriffen sein, sondern müssen auf gründlicher Recherche beruhen …

„kress pro“: Gutes Stichwort. Kürzlich wurde bekannt, dass die schwedische Kronprinzessin ein Kind erwartet.

Julia Becker: Hätten Sie die Funke-Titel gelesen, hätten Sie das schon vor 14 Monaten gewusst. So sind wir manchmal.

Und manchmal sind sie im Witzeklauen so gut wie im Geschichtenerfinden. Jedenfalls: Becker spielt darauf an, dass Funke-Blätter schon im Sommer 2016 behaupteten, die Kronprinzessin sei schwanger, obwohl sie es seinerzeit gar nicht war.

Julia Becker: Im Ernst: Das ist ein Fall, der zu einer Berichterstattung gehört, mit der wir absolut nicht einverstanden sind. Da ist eine Grenze überschritten.

Interessant. Denn dafür, dass sie damit überhaupt nicht einverstanden sind, waren sie damit lange Zeit erstaunlich einverstanden.

Allein Funkes „Echo der Frau“ hat seit 2013 (also seit Grotkamp und Becker gemeinsam im Aufsichtsrat sitzen) mindestens 135 Fake-Babys in die Welt gesetzt.

Und „Das goldene Blatt“ mindestens 174.

In den anderen Blättern des Verlags haben wir jetzt nicht genau nachgezählt, auf jeden Fall waren es noch viele, viele mehr.

Und auf einmal, nach Jahren, finden die Funke-Frauen solche Lügengeschichten total inakzeptabel?

Gut, glauben wir ihnen das einfach mal. Ansichten ändern sich. Vielleicht haben sie, aus welchem Grund auch immer, ja wirklich eingesehen, dass solche Erfindungen auch in der Yellow-Unterhaltung nichts zu suchen haben.

Aber was machen sie nun dagegen?

„kress pro“: Was machen Sie dagegen?

Petra Grotkamp: Gegen Dinge, die unter die Gürtellinie gehen, verwahren wir uns und haben zuletzt auch Schritte dagegen unternommen. (…)

Im Hause Funke weht nun also ein anderer Wind. Erfundene Schwangerschaften? No Go! Weil: Grenzen überschreitend! Geschichten, die unter die Gürtellinie gehen? Nix da! Die Informationen dürfen nicht mehr einfach nur „aus der Luft gegriffen“ sein, sie müssen auf „gründlicher Recher…

Links: "Das goldene Blatt", Titelschlagzeile: "Harry & seine Megan - BABY-JUBEL vor der Traumhochzeit" | Rechts: "Echo der Frau", Titelschlagzeile: "William & Kate - Zwillings-Glück - Aber es gibt Grund zur Sorge"

Nanu, was ist das? Ach ja: Das sind die Ausgaben, die aktuell am Kiosk liegen. Erschienen in dieser Woche – einen Monat nach der vermeintlichen Läuterung der Funke-Verantwortlichen.

Der „BABY-JUBEL“ bei Prinz Harry ist genauso an den Haaren herbeigezogen wie in den Jahren zuvor; auch dass seine „Traumhochzeit“ bevorstehe, hat sich die Redaktion einfach ausgedacht. Die Schwangerschaft von Herzogin Kate hat der Hof zwar vor Kurzem offiziell verkündet, aber dass es Zwillinge werden, ist auch eine Erfindung.

Auch die sonstige Berichterstattung der Funke-Yellows geht unverändert weiter, Gürtellinien hin oder her.

Links: "frau aktuell", Titelschlagzeile: "Ist der Alkohol schuld? - Charles & Camilla - Bittere Trennung" [dazu ein großes Foto von Charles und ein kleines Foto von Camilla, auf dem sie etwas trinkt] | Rechts: "Echo der Frau", Titelschlagzeile: "Charles & Camilla - Scheidung! - DRAMA IM PALAST"

„Scheidung“ heißt es da, mit Ausrufezeichen. Weil Camilla alkoholkrank sei (links) bzw. weil Charles alkoholkrank sei (rechts). Als angebliche Belege dienen den Redaktionen wie üblich bloß irgendwelche Fotos, zum Beispiel dieses hier:

Ein Foto, auf dem Camilla etwas trinkt. Beschriftung: "Durstig: Beim Kanada-Besuch im Juni griff die Herzogin zu Weißwein. Doch bei einem Glas blieb es nicht."

In Wahrheit trinkt sie da Lavendeltee.

Derweil titelt „frau aktuell“ in der aktuellen Ausgabe:

Michael Schumacher - Endlich gibt es neue Hoffnung!

In der Geschichte geht es darum, dass neulich ein Schumi-Museum eröffnet wurde, in dem seine alten Formel-1-Autos, Helme, Pokale und andere Dinge ausgestellt werden. Seine Managerin erklärte dazu:

Während seiner aktiven Jahre hat Michael die meisten seiner Autos sowie viele Overalls und Helme behalten. Im Hinterkopf haben wir immer geplant, diese der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Und „frau aktuell“ fantasiert:

Meint sie mit „Wir“ etwa auch den Formel-1-Helden?! Heißt das etwa, dass der ehemalige Rennfahrer womöglich in der Lage ist, selbst bei der Ausstellung mitzuwirken? Endlich gibt es neue Hoffnung!

Alles wie immer. Lügen, Täuschungen, Übertreibungen.

Dabei hatte uns das Interview doch ein wenig Hoffnung gemacht. Vor allem Julia Becker wirkt darin stellenweise reflektiert, als wäre es ihr ein ehrliches Anliegen, die Klatschberichterstattung in ihrem Haus zu verbessern. Als „kress pro“ zum Beispiel fragt, was sie gegen die erfundenen Geschichten tun wolle, sagt sie:

Wichtig sind zunächst zwei Dinge: Erstens nehmen wir so etwas wahr, weil wir die Titel tatsächlich lesen. Zweitens haben wir ein Bewusstsein für diese Titel, die vom Inhalt und Auflagenverlust her einer besonderen Herausforderung gegenüberstehen. Schon die Diskussion darüber ist der erste Schritt, um das zu ändern. Der zweite ist eine klare Positionierung, was in diesem Segment tragbar ist und was nicht.

Nächstes Jahr wird Julia Becker von ihrer Mutter den Aufsichtsrats-Vorsitz bei Funke übernehmen. Spätestens dann werden wir sehen, ob sie wirklich etwas ändern will. Oder auf ihre Aussagen ähnlich viel Verlass ist wie auf die ihrer Blätter.

6 Kommentare

  1. Ich finde die Montage der Echo der Frau-Titel sehr schön.
    Muß einer der kreativsten Jobs der Branche sein.
    Jede Woche zwei Gesichter in der Auswahlmaske weiter nach rechts schieben, bis man wieder beim Ausgang angekommen ist und neu anfangen kann. #photoshopphillip

  2. @Schnellinger
    Nicht nur die Montagen der Titel kommen offensichtlich aus einem Titelblattgestaltungsbaukasten, sondern auch die dahinter stehenden Geschichten.
    Wenn die Verantwortlichen also etwas ändern wollen – was so unglaubwürdig ist wie der Bullshit, der in diesen Schmierblättern steht – dann müssten sie erst eine neue Software für den Titelblatt- und Geschichtenschreibautomaten programmieren lassen.

    Mir wird doch wohl niemand erzählen wollen, dass da keine tumben, zur Eigenreflexion unfähigen und empathielosen Schreibroboter, sondern lebendige Menschen sitzen, die ständig solchen Bullshit produzieren.

  3. Hurra! Dieses Geständnis verzaubert alle!
    Aber es gibt Grund zur Sorge: Haben Lügen und Übertreibungen bei Julia Becker nun wirklich keine Chance mehr?

    Doch.

    Man kann nur hoffen, dass so ein Strukturwandel einfach nur sehr lang dauert, bis er erfolgreich ist, und dass ihn vor allem auch die Leser belohnen. Haltlose Übertreibungen und Lügen sind wahrscheinlich unterdessen ein so fester Bestandteil der Klatschredakteuren-DNA, dass so ein Gesinnungswandel mit denselben Leuten vielleicht gar nicht geht.

    Man liest hier stets nur die negativen Beispiele, doch gibt es eigentlich derzeit auch Blätter, die „gewissenhafter“ berichten und weiß man, wie so ein weniger knalliges Blatt im Vergleich zum Funke-Standard bei der Leserschaft ankommt?

  4. Ich hatte die Überschrift erst so verstanden, dass die mit dem _Lügen_ noch nicht angefangen hätten.
    „Wir müssen erstmal sündigen, bevor wir beichten können.“

  5. Hahahahahaha… Euer Artikel ist Gold!
    Dass das, was ihr da über die Regenbogenpresse beschreibt, tatsächlich Realität ist, will einfach nicht in meinen Kopf rein. Obwohl ich’s ja täglich selbst sehe. Irgendwie weigert sich mein Kopf, anzuerkennen, dass es wirklich so ist, wie es ist. Weil einfach alles daran so unlogisch erscheint.
    Menschen kaufen für Geld Zeitschriften, die am laufenden Band und immer wieder erfundende Dinge berichten – aber behaupten, es sei die Wirklichkeit – und wissen dabei, dass sie Zeitschriften kaufen, die ihre Geschichten einfach erfinden und behaupten, es sei die Wirklichkeit. Ist das wirklich so? Oder wissen es die meisten Käufer(innen) einfach nicht? Oder bin doch ich einfach der, der unlogisch denkt?

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