„Goldene Kamera“

Hamburger Kulturförderung: 150.000 Euro für Verlagswerbeshow

Roter Teppich, Hamburg, #goslinggate – erinnern Sie sich? An diese Veranstaltung, bei der im vergangenen Jahr ein eingeschleustes Double einen Preis bekam, der offenbar einfach nur fürs Dasein verliehen wurde? Und die Stargast Colin Farrell ungefähr so fand:

Morgen ist es wieder so weit: Die „Goldene Kamera“ wird verliehen. Als wir das ZDF Ende Januar fragten, welche Konsequenzen man aus dem Debakel des vergangenen Jahres gezogen habe, blieb der Sender eher vage:

Das Konzept bleibt das einer Preisverleihung. Parallel zur Bekanntgabe der Nominierten und Preisträger wird momentan die Gala inhaltlich gestaltet. Das Sicherheitskonzept für die Veranstaltung wurde auf Basis der Erfahrungen des letzten Jahres überarbeitet und angepasst.

Ausgerichtet wird der Preis von der „Hörzu“ und der Essener Funke-Mediengruppe, die die Fernsehzeitschrift vor vier Jahren vom Axel Springer Verlag übernommen hat. Die Gala ist vor allem auch ein Werbe-Event für Funke. Für den Deutschen Fernsehpreis gibt es schon seit einigen Jahren keinen Sendeplatz mehr im Programm. Die mehrstündige Funke-Veranstaltung hingegen wird wieder live im ZDF übertragen, unterstützt von zahlreichen Sponsoren wie BMW oder TUI Cruise – und der Hansestadt Hamburg.

Der Hamburger Senat unterstützt das Event – wie schon in den vergangenen drei Jahren – mit 150.000 Euro. Das Geld stammt aus den Einnahmen der Kultur- und Tourismustaxe, die in Hamburg seit 2013 erhoben wird.

Die Stadt unterstütze „eine breite Palette an Veranstaltungen“, sagt Hansjörg Schmidt, medienpolitischer Sprecher der regierenden SPD-Bürgerschaftsfraktion, auf Anfrage von Übermedien. „Sie alle generieren auf unterschiedliche Weise, aber immer im Sinne des Standortmarketings und der Außendarstellung einen Mehrwert für unsere Stadt. Dazu gehört mit Blick auf den Medienstandort Hamburg auch die Verleihung der ‚Goldenen Kamera‘.“ Die Frage, welche Kriterien genau öffentliche Ausgaben im sechsstelligen Bereich legitimieren, beantwortete er allerdings nicht im Detail.

Dass die Stadt Hamburg für diese Art von Veranstaltung Einnahmen aus der Kultur- und Tourismustaxe stiftet, wurde schon in den Vorjahren kritisiert. Nun wird die Kritik noch einmal lauter.

Die CDU freue sich zwar, dass die „Goldene Kamera“ wieder in Hamburg stattfinde. Sie findet es im Prinzip auch in Ordnung, dafür öffentliche Gelder auszugeben – aber nicht aus diesem Topf. Die „Einnahmen aus der Kulturtaxe sollten ausschließlich für zusätzliche Kulturprojekte in Hamburg ausgegeben werden“, sagt Dieter Wersich, Kultursprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion.

Die medienpolitische Sprecherin der FDP-Bürgerschaftsfraktion, Christel Nicolaysen, sagt dagegen: „Die ‚Goldene Kamera‘ ist die private Veranstaltung eines Verlagshauses. Diese mit öffentlichen Mitteln zu bezuschussen, ist aus unserer Sicht der falsche Weg. Es gibt zahlreiche Sponsoren, die auch noch die 150.000 Euro übernehmen könnten.“ Laut FDP wäre das Geld für junge, kreative Filmschaffende als echte Filmförderung besser angelegt.

Schärfer formulieren Linke und AfD ihre Ablehnung, dass die Stadt sich an der „Goldenen Kamera“ beteiligt. AfD-Fraktionschef Alexander Wolf spricht von einer reinen „‚Auf die Schulter klopfen‘-Veranstaltung für Prominente und Möchtegern-Prominente“, deren Nutzen für das Allgemeinwohl nicht zu erkennen sei.

Norbert Hackbusch (Die Linke), Schriftführer im Kulturausschuss, spricht von einem „Event ohne künstlerischen Wert“. Für ihn sei die Entscheidung des Senats, die Veranstaltung wieder zu bezuschussen, eine „peinliche Wiederholung“, womit sich der Senat auf eine Stufe mit TUI und BMW stelle.


Bevor die Kultur- und Tourismustaxe in Hamburg eingeführt wurde, hatte der Senat ein Versprechen abgegeben, wer von dem zusätzlichen Geld profitieren solle: „Die Einnahmen sollen zu 100 Prozent in touristische, kulturelle und sportliche Projekte investiert werden, die dem Image Hamburgs und damit letztlich auch der Tourismuswirtschaft zu Gute kommen.“

Inwiefern das für die „Goldene Kamera“ zutrifft, ist fraglich. Aber immerhin ist sie laut Eigenwerbung total schön: Dank ihres Sponsors Walbusch, einem Mode-Unternehmen, ist die Gala nämlich: „das bekannteste ‚Black Tie‘-Event in Deutschland“! Und wenn das mal nichts ist.

Korrektur, 22.2.2018. Wir hatten geschrieben, die Hamburgische Bürgerschaft unterstütze die „Goldene Kamera“, was aber nicht stimmt. Es ist der Senat. Wir haben das korrigiert und bitten den Fehler zu entschuldigen.

3 Kommentare

  1. Ich war heute mal wieder auf Niggis Twitteraccount. Der ist ja mittlerweile viel informativer und witziger als Übermedien. Wenn ich das Meinungsbild über aktuelle Medienskandale haben möchte, lese ich mir dort alles durch, und das völlig kostenlos. Hierher komme ich dann, um etwas über Hamburger Provinzpossen zu erfahren oder zum Schlagzeilenbasteln!

  2. Und in der „ersten Reihe“ wird als Alternativprogramm „Unser Lied für [die schwarze Null in] Lissabon“ geboten.
    Ist auch nicht viel besser …

  3. Und wieviel zahlt den das ZDF für diesen Verlags-Event und wieso ist dort nicht „Dauerwerbesendung“ eingeblendet?

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