Es ist besser, nicht zu bukowsken, als schlecht zu bukowsken

Der Autor nähert sich seiner Aufgabe mit einiger Demut: „Rolf, Fan von Charles Bukowski, denkt nicht im Traum daran, so schreiben zu können wie sein Held.“ Ich halte das für eine gesunde Einstellung. Ich bin auch ein Fan von Bukowski1 und denke auch nicht im Traum daran, so schreiben zu können wie er. Als Fan erinnere ich mich allerdings auch, dass Bukowski selbst an finaler Stelle davon abgeraten hat, es auch nur zu versuchen. Die Inschrift auf seinem Grabstein lautet: „Don’t try“2.

Bukowski-Fan Rolf ignoriert diese Weisung seines Helden und schreibt in dem Magazin „Fuel – Motorrad & Leidenschaft“ Geschichten, genauer: „Fahrberichte“, im „Bukowski-Stil“3. „Warum Bukowski?“, fragt das Heft selbst in der Rubrik „Produktionsgeflüster“, und die Antwort ist einerseits entwaffnend ehrlich und andererseits hätte man sie vielleicht besser weggelassen:

Durch die dreimonatige Erscheinungsweise des Heftes sind Fahrberichte meist inaktuell. Warum sollte man sich als Leser überhaupt noch für einen Fahrbericht interessieren, nachdem alle anderen Magazine bereits Tests oder Vergleichtests gebracht haben? […] Aber er nutzt diese Erzählweise, damit sich die Fuel-Fahrberichte von denen in anderen Magazinen abgrenzen, dadurch quasi ein wenig zeitlos werden.

Es ist ein ewiges Argument in Redaktionskonferenzen auf den Hinweis, man sei mit einer Geschichte viel zu spät dran: Ja, aber wir schreiben das besser4. Dieses Argument trägt in der realen Welt nur sehr, sehr selten, aber wer, wenn nicht ich, sollte es mögen, wenn ein Magazin sich explizit durch seine quasi literarische Qualität von der Konkurrenz abgrenzen will. Ich mag gutes Schreiben sehr. Ich finde, jeder sollte eins haben.

So ist also gleich mal eine Aufgabe gestellt, ganz am Anfang des Heftes, und wir freuen uns sicher alle schon darauf, endlich zu der Bukowski-Geschichte zu gelangen. Auf dem Weg dahin begegnet uns, wie gesagt, der Rolf, der Verantwortlicher Redakteur dieser Magazin-Tochter der Magazin-Mutter „Motorrad“ ist. Er selbst nennt seine Position „Fuel-Head“ und im Editorial Motorräder „Eisenpferde“, was ein bisschen misstrauisch macht in Bezug auf den ganzen Bukowski-Tüddelüt, denn der hat nichts auf der Welt mehr gehasst als Poser5, und „Fuel-Head“ klingt für mich eher wie Gepose, „Eisenpferde“ wie ganz schlimmes Gepose, aber es ist manchmal schwer, auf dem schmalen Grat zwischen langweilig und bemüht nicht vom Motorrad zu fallen.

„Motorrad und Leidenschaft“ bedeutet bei „Fuel“ – jedenfalls so, wie ich es nach dem Lesen eines einzigen Heftes verstehe –, mehr über das zu reden, was Menschen mit Motorrädern machen, als über die eigentlichen Maschinen. Das heißt, wir lesen zum Beispiel über Um- und Anbauten und Menschen, die für so etwas brennen, über Flat-Track-Rennen im Sand-Oval, Rockerclubs, einen geistesgestörten Raser, der bei 150 km/h Wheelies auf der Autobahn macht, einen Motorradrennfahrer, eine Grafikerin, die alles mögliche rund um Motorräder und Hersteller designt, über den Einfluss von Rockerclubs auf die Entwicklung des Motorrads in der Geschichte und über den Versuch der Reise zweier Männer auf ihren Oldtimern, der schnell beim Pannendienst endet.

Das ist auf jeden Fall mehr als ein technikverliebtes Motorheft mit PR-Optik; es ist schöner und auch ein Stück liebevoller gemacht. Ich habe ein bisschen das Problem, dass ich die manchmal bemüht männliche Optik nicht mag, bei der möglichst viel dunkel ist und Headlines in einer Typo gesetzt sind, die aussehen soll, als wäre die Schrift mit Pinsel und Schablone an eine Wand gemalt. Aber das ist mein Geschmack, handwerklich ist das alles gut. Und dann kommt Bukowski.

Herr Jesus, es geht mir nicht gut. Schmeiß doch die Bierdosen in den Müll. Ich hab nun mal Gott sei dank keine Alte, die das Zeug für mich wegräumt. Vielleicht bin ich deshalb so ein Spanner und Wichskünstler. Ich kann nicht dauernd eine Frau um mich haben.

Irgendwie mag ich das. Ich finde es sogar ziemlich gut, viel mehr Welt kann man mit so wenigen Worten gar nicht aufmachen, und es enthält so viel gebeichtete, intime Offenbarung, dass man den Mann in seiner merkwürdigen, selbst geschaffenen, diffus existenziellen Not vielleicht nicht sympathisch findet, aber ihm doch gespanntes Mitgefühl entgegenbringt.

Das ist der Anfang einer Geschichte von Bukowski. Hatte ich das gesagt? Jedenfalls kommen wir jetzt zu der Geschichte in „Fuel“, den Fahrbericht einer neuen Harley-Davidson-Reihe, die als im „Bukowski-Stil“ geschrieben angekündigt ist und mit „Bukowski fährt“ rubriziert. Also los:

Irgendein alter Sack hat mal gesagt, man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Sie hatten mich zu einem Leichenschmaus nach Barcelona eingeladen. Denn die Dynas sind tot. Ab 2018 wird es diese Modellreihe nicht mehr geben. Darauf wollte man anstoßen. Na ja, und wohl auch auf die acht neuen Bikes.

Das ist so doll nicht Bukowski, dass ich über diese Tatsache nicht einmal mehr reden möchte, ich würde aber gerne eine verwandte Frage stellen: Wie kann jemand, der das schreibt, glauben, das wäre „Bukowski-Stil“? Und warum sagt ihm niemand, dass das Quatsch ist?

Es wird auch im Verlauf der Geschichte nicht besser. Er raucht auf dem Motorrad und trinkt abends Bier und hat morgens Kopfschmerzen, und ich meine an einer Stelle den Versuch entdeckt zu haben, Bukowskis legendäres Gespür für Dialoge einzuflechten, aber es fehlt alles, was Bukowski grundlegend ausmacht: Die Perspektive des Außenseiters, das Sich-Verweigern, das gleichzeitige Hoffen und Ablehnen, dass in dem ganzen Dreck irgendwo ein Sinn stecken muss, und natürlich das Abgleiten in die schmuddeligen Ecken des menschlichen – vielleicht auch: männlichen – Daseins, das jede Grenze zwischen der öffentlichen und der privaten Person aufhebt, und das vielleicht den größten Teil der Anziehungskraft dieses Schriftstellers und seines Stils ausmacht.

„Fuel-Head“ Rolf hingegen inszeniert sich. Wenn nicht „Bukowski“ drüber stehen würde, hätte ich getippt, sein Vorbild wäre einer der Noir-Detektive, Marlowe oder Spade oder so etwas. Der einsame Wolf mit einer Zigarette im Mundwinkel, der an der bösen Welt verzweifelt und so zum Über-Zyniker wird, der sein verletztes Herz hinter Coolness verbirgt.

„Wie lief’s den so, Buk?“

„Ganz gut. Jetzt sogar noch besser. Hab nicht glauben wollen, dass ihr diese dicken Dinger über solche Straßen scheucht.“

„Gibt vieles, was man sich nicht vorstellen kann“, lächelte sie. Ich grinste zurück. Denn ich konnte mir ALLES vorstellen. Sogar, diesen Bikes eine Traktionskontrolle zu spendieren.

Doch, das ist ein echtes Zitat aus dem Text. Und wie gesagt, wir brauchen bitte nicht darüber reden, ob das Bukowski ist. Ist es nicht. Aber nochmal: Meine Frage ist, wie jemand glauben kann, das wäre es?

Der erste Einwand wäre, dass, nun ja, eben nicht viel Bukowskieskes passiert, wenn man mit Air Berlin nach Barcelona fliegt, um neue Harley Davidsons zu testen, aber selbst wenn ich das gelten lassen würde6, „Fuel-Head“ Rolf tut das nicht. Er erklärt vorne im Heft: „Die Handlung der Story beruht meist auf wahren Begebenheiten. […] Falls jedoch überhaupt nichts passiert, erfinde ich es einfach. Eine gute Rahmenstory, die erfunden ist, liest sich besser als eine wahre, die schlecht ist. Das bin ich Charles schuldig …“

Ich hätte da ein paar Einwände. Der erste ist, dass ich dagegen bin, dass Journalisten Rahmenstories erfinden. Und zwar kategorisch dagegen. Absolut und ausnahmslos. Erfundene Geschichten sind Fiktion und als solche zu kennzeichnen. Ich finde es sogar richtig scheiße. Zweitens liest sich eine Geschichte dann gut, wenn sie gut geschrieben ist. Das lasse ich kurz sacken. Und drittens glaube ich, die Schuld gegenüber „Charles“ ist eine andere. Ich würde vorschlagen, einfach nicht mehr doofe Ideen im Heft unterzubringen. Wenn man Geschichten, die inaktuell sind, dadurch aufhübschen muss, dass man erstens die konstituierende Grundlage des Journalismus aufgeben muss und zweitens versuchen, ein handwerkliches Meisterwerk zu vollbringen, obwohl einem dazu die Werkzeuge fehlen – warum lässt man die Geschichte nicht lieber ganz? Gibt es irgendeinen Zwang, schlechte, inaktuelle und in Teilen erfundene Geschichten in ein Heft zu drucken? Also, außer dem inneren Zwang?

Das Gefühl, das bleibt, ist leider ein fahles. „Fuel“ wirkt mit seinen präpotenten Eisenpferd-Momenten wie das halbentschlossene Aufbäumen eines Spießers gegen seine eigene Etabliertheit. Das hat es leider längst mit Harley Davidsons gemeinsam und mit diesen großen Reiseenduros mit Abenteuer-Koffern, auf denen gelangweilte Notare und im Schichtdienst zermürbte Klinikärzte ab ihrer Midlife-Crisis durch die Stadt fahren und wenigstens noch einmal wie die Männer wirken wollen, von denen sie dachten, dass sie sie werden würden. Aber sie sehen nur aus wie verzweifelte alte Männer.

Um kurz Bukowski zu zitieren:

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einer werde. Und ich komme mir auch nicht wie einer vor. Oder vielleicht doch. Ich weiß nicht, wie die sich vorkommen. Ich weiß nur, wie ich mir vorkomme.

Ab und zu hab ich mal was über einen in der Zeitung gelesen, und das war’s.

Wenn, dann dachte ich kurz, warum um Gottes Willen macht einer sowas?“

Wie lief’s denn so, Buk? Im Ernst?

Fuel
Motor Presse Stuttgart
6,50 Euro

6 Kommentare

  1. Danke. Ich kannte Bukowski nicht, aber die Geschichte des Vergewaltigers liest sich (auf Google Books als Teaser bis zu den fehlenden Seiten) so schön, daß ich mir „Held außer Betrieb“ direkt bestellt habe. Allein die Wetterbeschreibung:

    Es war so ein verhangener Tag, wo es nach Regen aussieht, aber kein Regen fällt und man fast verrückt wird, weil es nicht endlich zu schütten anfängt, und man denkt, jetzt komm schon, Regen, komm schon, aber er kommt nicht.

  2. „Das hat es leider längst mit Harley Davidsons gemeinsam und mit diesen großen Reiseenduros mit Abenteuer-Koffern, auf denen gelangweilte Notare und im Schichtdienst zermürbte Klinikärzte ab ihrer Midlife-Crisis durch die Stadt fahren und wenigstens noch einmal wie die Männer wirken wollen, von denen sie dachten, dass sie sie werden würden.“
    Fantastische Beschreibung. Dafür und für die ‚Fußnoten‘ liebe ich diese Rubrik.

  3. Schaut euch mal die South Park Folge S13 F12 „The F Word“ an.

    Obligatorischer Kommentar zu Fußnoten.

  4. Yep, wieder ein Volltreffer. Bukowski gegoogelt, wird noch vertieft, und Kommentar Nr. 2 schon in den Fingern gehabt, aber steht da ja schon: Fantastisch!

  5. Ich mag Rolf, empfinde den beschriebenen Stil aber auch eher als Detektiv (Noir) als Bukowski. Wer tatsächlich für mein Empfinden etwas bukowskeske Geschichten schreiben kann (ohne das explizit zu versuchen), ist Timo Großhans, aus dem einfachen Grund, dass er dieser Person menschlich wie fachlich mehr ähnelt.

  6. Ich habe als wilder Jugendlicher Bukowski verschlungen und fast alle Bücher, die es bis zu seinem Tod gab, im Schrank. Aber erst jetzt weiss ich warum das so war.

    Für die neuen Fans: „Das Liebesleben der Hyäne“ oder „Notes of a dirty old man“ sind meiner Meinung die Grundlage von ihm und „Faktotum“, wenn man Bukowski verstehen möchte. Die Kurzgeschichtensammlungen sind aber alle lesenswert

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