Vorsicht! Redaktion und Leser schwer bewaffnet

Das wird jetzt potenziell noch lustiger als mit den Schachspielern neulich, die Kritik an ihrem Magazin als Kritik an ihrem Sport betrachten,1denn diesmal sind Redaktion und Leser schwer bewaffnet: In der Zeitschrift „Visier“ geht es im Wesentlichen um Geräte, mit denen man Munition verschießen kann. Und von denen habe ich noch weniger Ahnung als vom Schach, dafür aber noch mehr Vorurteile. Popcorn irgendwer?

Unter dem Tite "VISIER" sind mehrere Gewehre zu sehen, eine Hand, die eine Waffe hält, und eine weitere Waffe, die liegt. Schlagzeile unter anderem: "Zwei super Sniper-Gewehre"

Das Konzept von „Visier“ ist einigermaßen schnell erzählt: Der größte Teil des Magazins besteht aus Rezensionen neuer, hochästhetisch als Stillleben inszenierter Feuerwaffen. Titelmotiv sind „Zwei super Sniper-Gewehre“. Außerdem gibt es noch in kleiner Dosis waffenjournalistischen2 Beifang wie Messer und Ferngläser, Geschichten über historische Waffen, eine aus dem Zweiten Weltkrieg, eine Geschichte über die Polizistenausbildung in Afghanistan und an mehreren Stellen die Forderung, die neue Bundesregierung solle das Waffenrecht liberalisieren oder zumindest nicht noch restriktiver machen.

Das scheint meine Vorurteile erst einmal zu bestätigen: Abgesehen von Jagdgewehren sind Waffen mehr oder weniger automatisch verbunden mit den dunklen Seiten menschlichen Zusammenlebens. Ich glaube, man kann relativ sicher – wieder mit Ausnahme der Jagd – sagen: Wenn eine Schusswaffe zum Einsatz kommt, ist der schöne Teil des Abends schon vorbei.

Neben der Überschrift "Wehrsport-Gewehre ganz nah" sind mehrere Gewehre zu sehen.

Mich erfüllt das mit Vorurteilen gegenüber Menschen, die von Schusswaffen fasziniert sind. Wenn ich sie mir als Zielgruppe eines Magazins vorstellen sollte, wäre mein erster Impuls, sie suspekt zu finden. Wer eine Waffe hat, will sie doch auch mal benutzen, oder nicht? Und sei es, dass er davon träumt, in die Situation gebracht zu werden, sich mit der Waffe verteidigen zu müssen. Das weckt zunächst mal Unwohlsein bei mir. Und dann noch mal, nämlich in dem Moment, in dem mir klar wird, dass mein Gedanke kompletter Blödsinn ist.

Darauf gebracht hat mich der wahrscheinlich beste Leserbrief, den ich in meinem Leben gelesen habe, und zwar in der aktuellen Ausgabe von „Visier“.

„Zu Seite 72 in Ihrer Sonderausgabe Long Range ist eine Anmerkung zu machen: Der Cosinus eines Winkels ist kleiner gleich 1. 91 ist daher der Cosinus von gar nichts. Der Cosinus von 91 ist denn auch nicht 91%. Tatsächlich gilt:
acos 0,91=~24,5°
cos 24,5°=~0,91
Die gemessene Strecke ist mit 0,91 zu multiplizieren, um die Länge der Flugbahn im Grundriss zu erhalten. Bemerkenswert auch die Ausführungen zur Jagd im Gebirge, bei der man tatsächlich beachten muss, dass das Herz einer Gämse sich im Innern derselben befindet, nicht außen am Fell.“

Ich finde, wer so schreibt, soll ruhig bewaffnet sein, er ist es mit dem Schreibstil ja eh schon. Und es ist offensichtlich, dass meine leicht pubertäre Vorstellung von der Faszination für Pistolen und Gewehre – die sich wahrscheinlich von meiner eigenen, ahnungslosen, zivildienstleistermäßigen ableitet – mit der tatsächlichen Faszination, die Menschen haben, die sich mit dem Thema auskennen, nur wenig zu tun hat.

Dazu passt, dass in Deutschland tatsächlich praktisch keine der Straftaten, in denen Schusswaffen eine Rolle spielen, mit registrierten, legal geführten Waffen begangen wird. Die Waffennerds, die sich in cosinushafter Tiefe mit dem Kram auseinandersetzen, sind entweder ein friedliches Volk, oder sie bringen zumindest ihre Pistolen nicht mit zu einer Messerstecherei.


Das ist mal das eine. Diese nerdmäßige Ernsthaftigkeit der Waffenliebhaber macht es auf der einen Seite einfach, ihnen ein Heft zu machen. Sie interessieren sich derart für technische Details, dass für den Nichteingeweihten (sprich: mich) am Ende die meisten Geschichten im Heft sehr, sehr ähnlich klingen.

Überschrift: "Deutsches Engagement in Afghanistan: Aus alter Freundschaft", daneben ist unter anderem eine Polizeistation in Afghanistan zu sehen und ein Panzer.

Man muss schon eine Menge über Waffen wissen, bis man „Visier“ versteht. Und man muss ein wirklich einseitiges Interesse haben, denn während ein Grundsatz des Magazinmachens in der demilitarisierten Zone des Bahnhofskiosks eigentlich ist: „Menschen! Menschen! Menschen! Alles an Menschen erzählen!“, kommt „Visier“ praktisch ohne aus und zeigt ausschließlich Waffen – mit Ausnahme der Geschichte über die Polizisten in Afghanistan.

Bei der – und das ist echt wahr, keine Übertreibung – wird in keiner einzigen Bildunterschrift der Name des abgebildeten Polizisten genannt, dafür immer dann, wenn er eine Waffe trägt, die möglichst genaue Typenbezeichnung („Bei diesem Polizisten hängt eine AKM-Variante mit Vorderschaftgriff über der rechten Schulter.“). Das ist fast noch komischer als der Text selbst, in dem ein deutscher Polizeiausbilder von seinen Erlebnissen berichtet:

„Eine besondere Herausforderung für einen Mitteleuropäer stellt die Fortbewegung im afghanischen Straßenverkehr dar. Gerüchten zufolge soll es zwar eine Straßenverkehrsordnung geben. In der Praxis erscheint dies aber unglaubwürdig. […] Zeitweilig lockern ein Eselskarren oder eine überquerende Schafsherde das Bild auf. Gegenseitige Rücksichtnahme ist unbekannt und wird als Schwäche ausgelegt […].“

Mich dürfte man da mit nicht bewaffnet fahren lassen, was auch wieder belegt, dass „Visier“-Leser offensichtlich diszipliniertere Menschen sind als ich.

Unter der Überschrift "Aus dem Reich des Zaren" ist eine alte Schusswaffe zu sehen, eine "Steinschlosspistole M 1809", außerdem eine alte Zeichnung, auf der ein Reiter diese Waffe benutzt.

Ich habe, wenn ich ehrlich bin, von dem technischen Kram über die Waffen nichts verstanden, und ich glaube, dass dieses Magazin als Einstieg für Menschen, die noch nichts oder nur wenig über Waffen wissen, praktisch nicht taugt, und andere Inhalte hat es in dem Heft einfach zu wenig. Aber es gibt diesen anderen Punkt, den ich glaube, ein bisschen verstanden zu haben.

Gleich an mehreren Stellen wird „mit banger Sorge“ oder ähnlichem eine Verschärfung des Waffenrechts befürchtet: Im Editorial, den Leserbriefen und in einem ewig langen offenen Brief eines 70 Jahre alten Waffensammlers an den Bundespräsidenten, der als schwer lesbare, dreiseitige Bleiwüste auf farbigem Grund abgedruckt wird.

Die Sorge speist sich erstens aus der Tatsache, dass möglicherweise die Grünen mit an die Regierung kommen, und zweitens aus dem Amoklauf/Terrorakt/der Wahnsinnstat von Las Vegas, durch die Politiker aus Sicht der „Visier“-Nerds zu Aktionismus aufgefordert sein könnten. Das für mich Erstaunliche ist: Es gibt offenbar nur zwei Parteien, bei denen die „Legalwaffenbesitzer“ ihre Position3 vertreten sehen, und das sind die FDP und die AfD.

Jetzt hätte ich in meiner Vorurteilswelt gedacht, so Waffennerds wären tendenziell welche, die in allem eine Bedrohung sehen und dabei durchaus auch der AfD nahestehen. Umso erstaunlicher finde ich, dass die Haltung im Heft sehr selbstverständlich und fast beiläufig eine ist, in der die AfD als Partei gar nicht vorkommt. Sie wird nur als eine Art trauriger Zwischenfall erwähnt. Alle Hoffnungen ruhen hier auf der FDP, was ich keine besonders beneidenswerte Position finde, aber angesichts der Tatsache, wie wichtig den Typen ihre Knarren sind, dann doch wieder ganz herzig.

Jetzt fällt mir auf, dass ich wahrscheinlich zu wenig Böses gesagt habe, um in den Waffenforen richtig beschimpft zu werden. Aber vielleicht könnten die Schachspieler dort um Hilfe bitten? Ach, und das noch – der mit Abstand witzigste Wahlslogan während der Bundestagswahl war meiner Meinung nach:

No Wummen, No Cry.

Visier
VS Medien GmbH
5,90 Euro

 

16 Kommentare

  1. Toller Leserbrief hin oder her, aber einen Satz mit einer Ziffer enden zu lassen und den nächsten mit einer beginnen zu lassen, ist ganz, ganz schlimm. Ich habe zweimal gelesen: „Der Cosinus … ist kleiner gleich 1,91…“, bis ich den Punkt als Satzzeichen erkannt habe, nicht als amerikanisches Komma (und ein normales Komma hätte da auch stehen können). Mal abgesehen davon, dass ich mal gelernt habe, dass ganze Zahlen <13 ausgeschrieben werden, warum da kein Semikolon setzen? "Der Cosinus eines Winkels ist <=1; 91 kann daher kein Cosinus sein." oder "Der Cosinus … ist kleiner oder gleich eins. 91 …"

    Und heißt es wirklich DAS Slogan?

  2. Dann schon eher Pornoheftchen… da kriegen die in Szene gesetzten Standbilder wenigstens eine Gage.

    Und Vorurteile klingt so vorsichtig, als wenn die nicht stimmen würden.

  3. Hallo, Herr Pantelouris, hier mal ein Rätsel für Sie: Wo in Ihrem schaurig-schönen Kommentar müsste „das“ durch „dass“ ersetzt werden?
    Wenn so ein Heft am Kiosk ausliegt, hat es offenbar mehr Kunden als die legalen Waffenbesitzer, mich grausts ein bisschen…

  4. @ Eins (Mycroft): Die Zahl auszuschreiben wäre hier aber, da es sich um einen mathematischen Referenzbezug* handelt, falsch. Der Duden erklärt derzeit in fahlem Grau, der besseren Unlesbarkeit wegen:

    Eine früher gültige Buchdruckerregel, nach der generell die Zahlen von 1 bis 12 in Buchstaben und die Zahlen ab 13 in Ziffern zu schreiben sind, gilt heute nicht mehr!

    https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/Schreibung-von-Zahlen-0

    Man beachte den dudenuntypischen Gefühlsausbruch in Form eines Ausrufezeichens.

    Weiterhin zählt er auf, wo man auch bei Anwendung dieser ominösen Regel Ausnahmen macht – bei Statistiken, in wissenschaftlichen Texten, wenn man ganz allgemein die Aufmerksamkeit auf die Zahl als wesentliches Element lenken will sowie vor Zeichen, Abkürzungen von Maßen, Gewichten, Geldsorten usw.

    Die Fußnoten in Texten wie diesem, obwohl vom Duden nicht explizit genehmigt, werden ebenfalls nicht ausgeschrieben – leider, da ich diese kleinen Zahlen hier im Gegensatz zu den Sternchen gerne mal übersehe. Aber irgendjemand meckert ja immer.

    * Mit Dank an Fußnote 2.

  5. @Raoul:
    Ok, wusste ich nicht.
    Aber dann sollte man konsequenterweise gleich „<=1" schreiben. Bzw. das entsprechende Sonderzeichen für "kleiner gleich" verwenden.

    Oder halt ein Semikolon.

    Ich meckere, weil das Unterbewusstsein normalerweise unnötige Leerzeichen und Tippfehler "überspringt" und erkennt, was richtig ist, aber hier musste mein Unterbewusstsein an mein Bewusstsein abgeben, was auch erst mal überlegen musste. Und das muss ja nicht sein.

  6. Völlig verständlich und gerade Semikola (ich liebe diese erfrischende Bezeichnung für Strichpunkte) werden im Allgemeinen leider recht stiefmütterlich behandelt.

    Was den Leserbrief selbst angeht, so bin ich ohnehin raus. Wenn mathematische Kenntnisse verlangt werden, die über die Anwendung eines Dreisatzes hinausgehen, hilft mir leider weder ein richtig gesetztes Semikolon, noch eine ausgeschriebene Zahl.

  7. Ich glaube, ich würde eher eine Bukkake-Zeitschrift (so heißt das doch, wenn der Hintergrund verschwommen fotografiert wird, oder?) in einem Bahnhofskiosk kaufen wollen als so eine Knarrenpostille.

  8. @ 12 Danny:
    Gewehrsammler schießen gern.
    Uhrensammler gucken gern nach der Zeit.

    @ 9 Svetlana: dto. Danke!

    Full disclosure: Ich habe in meinem über 60-jährigen Leben noch nie eine Schußwaffe in der Hand gehabt. (eine Uhr aber schon ;-)

  9. Da beim Rezensenten völliges Unverständnis durchscheint, warum man von Waffen fasziniert sein kann, möchte ich meine persönliche Erfahrung, erworben durch Bundeswehr und Jägerausbildung, gerne beisteuern: Richtig ernsthafte Schusswaffen sind präzise gefertigte Instrumente, bei denen die beweglichen Teile einfach unglaublich „satt“ ineinandergreifen. Wer schon mal eine Jagdflinte/-büchse auf- und zugeklappt hat, weiß vielleicht, was ich meine. So eine „Wumme“ in der Hand ist einfach kapital, ernst, erhaben, tödlich präzises Werkzeug … unabhängig von irgendwelchen Gewaltphantasien und hoffentlich recht objektiv, weil ich dieser Faszination selbst nicht verfallen bin, sie aber zumindest nachvollziehen kann.
    Und ja, ich würde nicht nur im Sinne eines Vorurteils, sondern als festen Glaubenssatz annehmen, dass die Waffennerds zumindest davon träumen, Schusswaffen auch zu benutzen, weil auch der Schuss selbst wesentlicher Teil der Faszination ist und etwa die erwähnten Uhrennerds sicher auch lieber auf eine funktionierende Uhr gucken. Schießen ist nunmal die Bestimmung der Schußwaffe.
    Aber: Den allermeisten dürfte es völlig reichen, auf eine Zielscheibe oder sowas zu schießen. Erfüllt sämtliche Funktionen der Waffe und trifft man gut, hat man einen Erfolg wie in tausend anderen, auf Wettbewerbe etc. ausgerichteten Betätigungen/Sportarten/Hobbys.

  10. Oh ja, zum Thema:
    Soll das Schach-Theaterstück zur „sprachlichen Auflockerung“ militär-historische Stellungskriegsvergleiche enthalten, oder lieber doch nicht?

    Wenn einer der Schachspieler mehr in Richtung Binärwesen geht – um nicht zu sagen Computer, kann er nebenbai auch noch die Bonität des Kontrahenten berechnen und eine Krypto-Währungsmine im Hintergrund laufen lassen, weil in den AGB steht, es würden nebenbei Rechenaufgaben gelöst.

    @Raoul
    Schrift vergrößern geht mittels Tastenkombination „CTRL“ und „+“, falls da Bedarf bestehen sollte.

  11. Ich habe nach meinem Abitur 1988 den 15-monatigen Wehrdienst bei der Bundeswehr geleistet. Der Umgang mit einer Waffe und insbesondere das Schießen auf der Schießbahn hat mir durchaus Spaß gemacht.

    Während man als Wehrdienstleistender insbesondere von den Unteroffizieren sonst eher schikaniert wird, habe ich die Übungen im Umgang mit Waffen als sehr sachlich und fundiert wahrgenommen. Die Bestandteile des Gewehrs G3 wurden genau erklärt, und so hat mir auch das Auseinanderbauen, das Waffenreinigen und das Zusammenbauen gefallen. Und auf dem Schießstand geht es sowohl mit dem Gewehr als auch mit der Pistole um Atemtechnik und Rückstoß, also auch sehr technisch-sachliche Dinge.

    Ich möchte niemals auf Menschen schießen müssen, und ich will auch keine Schußwaffe bei mir zu Hause im Schrank lagern. Aber ich kann durchaus nachvollziehen, daß eine Schußwaffe als mechanisches technisches Gerät ein gewisses Interesse auslöst. Und so erscheint mir durchaus auch diese Zeitschrift gerechtfertigt.

    Das Beste an diesem Artikel steckt aber diesmal in den Kommentaren, nämlich bei Raoul in Kommentar #6: „Man beachte den dudenuntypischen Gefühlsausbruch in Form eines Ausrufezeichens.“

    Dieser Satz trifft zielsicher mein Humorzentrum. Danke dafür!

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