Timurlengia, Australovenator & Co.

Nachdem ich letzte Woche unfreiwillig komisch war bei meinem Versuch, ein Magazin über ein Thema zu besprechen, von dem ich unzweifelhaft keine Ahnung habe, folgt nun eine Premiere: Zum ersten Mal habe ich bei der Bewertung einer Zeitschrift eine Expertin gebeten, mich zu unterstützen.

Sophia Pantelouris (Foto) verfügt über extensives Wissen über Dinosaurier und darüber, wie es ist, neun Jahre alt zu sein. Im Zivilleben begann sie ihre akademische Karriere an der Grundschule Thadenstraße in Hamburg-Altona und hat sich dort ein außerordentliches Renommee erarbeitet für ihren Beitrag zu Forschheit und Belehrung. Sie bespricht in dieser Woche mit mir das zweimonatliche Magazin „Dinosaurier“.

Schon auf den ersten Blick wirkt „Dinosaurier“ ausgesprochen attraktiv, was auch daran liegen mag, dass als Gimmick ein erstaunlich großes „zielsicheres Riesengewehr“ auf dem Cover klebt, mit dem Schaumgummiwürstchen mit Plastikkopf verschossen werden können*.

Ansonsten ist der Titel eher dazu ausgelegt, wohliges Schaudern zu erzeugen als Freude: Als Aufmacheroptik rast ein Zähne fletschendes Ungetüm auf den Leser zu („Timurlengia – Zähne wie Fleischermesser“) und die auffälligste Headline verkündet mit einem kleinen Pfeil auf die Abbildung eines Australovenators** seinen „Tod im Morast“. Die Expertin nimmt das eindeutig mit Freude auf. Ihre erste Reaktion auf das Magazin-Gewehr-Paket auf dem Küchentisch ist ein erwartungsfrohes: „Ist das für mich?“

Ich bin ein Fan von dem wild wirkenden Layout, wie ich es aus Zeiten als „Bravo“-Leser kenne, und das heute von Zeitschriften wie „InTouch“ benutzt wird. Leider gibt es keine Zeitschrift, die ich wirklich lesen möchte, die so gestaltet ist. Aber ich genieße es hier.

Falls sich jemand mal einen Augenblick damit auseinandersetzen möchte: Meiner Meinung nach funktioniert es vor allem dadurch, dass es dreidimensional wirkt. Die Werkzeuge dafür sind einfach, aber man muss sie gut anwenden. Beispiel: Wenn ich einen Kasten auf eine Seite layoute, liegt er noch auf der Ebene der Seite. Wenn ich ihn einen Schatten werfen lasse, tritt er eine Ebene nach vorne. Ich könnte ihn auch so zwischen die Beine eines Sauriers platzieren, dass ein Bein dahinter verschwindet und eins davor bleibt. Dann habe ich schon drei Ebenen. Eine vierte wäre, wenn zum Beispiel ein Pfeil aus dem Kasten wächst und auf irgendetwas auf dem Saurier zeigt, dabei aber vor dem Körper verläuft. Die Ebenen sind dann hinteres (teilweise nicht sichtbares Bein), Kasten, Beim vorm Kasten und Pfeil vor dem Bein.

Nach meinem Erleben führt ein auf diese Art gut gemachtes Layout den Blick und erweckt das Gefühl optischer Opulenz (im Sinne von: Es ist viel da, viel zu erleben). Es wirkt auch bunt und billig, aber das kann durchaus etwas Gutes sein. Es sieht nicht nach Arbeit aus, das zu lesen. Wenn man so ein Layout schlecht umsetzt, sieht es schnell fürchterlich aus, deshalb ist es meiner Meinung nach die höhere handwerkliche Kunst, ein schönes Boulevard-Layout wie dieses zu gestalten als ein edles.

Bei „Dinosaurier“ machen sie das gut und professionell. Ich würde mir eigentlich noch mehr Verspieltheit wünschen, aber ich kann mir auch vorstellen, dass es mir dann zu viel wäre, ich müsste das erst sehen, um mir sicher zu sein. So, wie es ist, ist es auf jeden Fall mehr als nur okay.

Sophia sagt: „Es ist ein schönes Heft, und das Allerschönste ist der Comic“ – in dem eine Gruppe Kinder Abenteuer mit Dinos erlebt, wie auch immer die Logik dahinter ist, und dabei zum Betäuben eines kranken T-Rex das gleiche „zielsichere Riesengewehr“ benutzt, mit dem Sophia in der Wohnung jagt. Es gibt also tatsächlich eine Verbindung.

Eine zweite, die ich im ersten Moment etwas konstruiert fand, ist, dass auf einer halben Seite erklärt wird, wie man zielt, und dass sich dafür die Sichtfelder der Augen überlappen müssen, was sie bei fleischfressenden Sauriern tun, bei Pflanzenfressern, die nicht jagen, aber anschleichende Feinde frühzeitig erkennen müssen, jedoch nicht. Bei den Pflanzenfressern waren deshalb die Augen seitlich am Kopf. Das wusste ich nicht.

Sophia meint dazu: „Ich habe aus der Zeitschrift etwas gelernt, obwohl ich schon den ganzen ‚Was ist was‘-Band zu Dinos gelesen hatte“. Dann hat sie mir erklärt, was ein Paläontologe tut, und dabei Paläontologe richtig ausgesprochen. Manchmal möchte ich einfach aufspringen und rufen: „Und wer hat sie gemacht? Ich!“***

Die Geschichten in „Dinosaurier“ sind eine Kombination aus populärer Wissenschaft, in der knapp, aber schön und verständlich erklärt wird, wie bestimmte Arten gelebt haben, aber auch, warum man das weiß oder annimmt. Es wird jeweils erklärt, wie welcher Saurier zu seinem Namen gekommen ist und ähnliches. Dazwischen gibt es unterhaltsame Geschichten wie die mit Filmfiguren bebilderte, in der überlegt wird, wie Menschen als Saurier aussehen würden, oder eben den Comic, Rätsel und zwei Poster.

Es ist ein eher dünnes Heft und mit vier Euro recht teuer, finde ich, aber die kindgerechten und entsprechend groß gedruckten Texte sind eben kurz, was bei mir das Gefühl von „wenig“ auslöst, bei Sophia aber dazu geführt hat, dass sie sie komplett gelesen hat.

Ihr Fazit ist übrigens: „Ich glaube, dass jeder, der diese Zeitschrift liest, hinterher klüger ist als vorher.“ Was sie selbst offenbar so stolz gemacht hat, dass sie sich zur Belohnung heimlich Saure Pommes aus dem oberen Küchenschrank geklaut und dabei vergessen hat, den Stuhl, den sie braucht, um dort anzukommen, wieder zurück zu stellen. Manchmal denke ich, das kann unmöglich meine Tochter sein, so bräsig, wie die ist.

Dinosaurier
Blue Ocean Entertainment AG
3,99 Euro

*) Letzte Warnung: Wenn du noch einmal auf mich zielst, auch aus Versehen, ist das Scheißding weg. In meinem Haus wird nicht auf Menschen geschossen!

**) Ich werde die mir bis dato meist völlig unbekannten Namen von Dinosaurier-Arten so selbstverständlich wie möglich einstreuen, um gebildet zu wirken.

***) Nicht ganz allein. Aber trotzdem!

4 Kommentare

  1. Dinos sind für Kinder das, was nackte Haut bei Erwachsenen ist: Geht immer.
    Seien sie nicht so streng mit ihrer Tochter und ihrem neuerworbenen Betäubungsgewehr, das bei mir zuhause sofort von meiner Regierung eingesackt worden wäre (Ihre Frau ist auf Dienstreise, nehme ich an ? ;), schliesslich sind Sie in ihrer Fantsie zum T-Rex mutiert bzw kommen dem am nächsten ran. Vor allem wenn Sie ob des Gewehrs böse werden, muss sie erst recht versuchen, Ihnen ein Betäubungspfeil zu verpassen.
    Und das nächste mal mehr fernseh-style ankündigen: „Unsere renommierte Dinosaurierexpertin S.P. von der altehrwürdigen Grundschule Thadenstraße hat bla bla bla…

  2. Sie wissen hoffentlich das ihre Tochter jetzt prominent ist?
    Werden wir sie irgendwann im australischen Busch sehen?

  3. „Bei den Pflanzenfressern waren deshalb die Augen seitlich am Kopf.“
    Präteritum ist knapp daneben, denn das ist auch heute noch die einfachste Möglichkeit, Flucht- und Jagdtiere voneinander zu unterscheiden. Man vergleiche z.B. die Augenposition bei Katze und Kaninchen…

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