Kulturjournalismus

Caroline Wahl kauft sich eine Tasche und geht mit allen spazieren

Natürlich könnten Journalisten die Bücher von Caroline Wahl rezensieren. Oder die Autorin in Interviews dazu befragen. Lieber treffen Feuilletonisten sie aber in St. Moritz oder sonstwo, um ihr seit Jahren die immer gleichen Fragen zu stellen – zu Autos, Geld und ihrem angeblichen Größenwahn.

Verlässlich wie Lebkuchen im spätsommerlichen Supermarktregal erscheint jedes Jahr ein (Bestseller-)Roman von Caroline Wahl. Seit 2023 geht das schon so. Und alle Jahre wieder wollen die Kulturredaktionen des Landes erneut erkunden, wer diese erfolgreiche Autorin denn nun ist. Eine arrogante Größenwahnsinnige? Eine selbstbewusste Durchstarterin? Eine konsumgetriebene Luxusliebhaberin? Jedes Jahr dasselbe. 

Ende August ist Wahls vierter Roman erschienen und auch dieses Mal haben sich die wenigsten Medien mit einer einfachen Rezension begnügt. „Spiegel“, „Süddeutsche Zeitung“, „Zeit“, der Schweizer „Tagesanzeiger“ – sie alle trafen die Autorin, um kurz mit ihr über ihr neues Buch zu sprechen. Und dann sehr lange über Geld, Autos, Erfolg.

Zwei Artikel über Caroline Wahl mit Fotos der Autorin
Alle Jahre wieder: Interviews mit Caroline WahlScreenshots: „Zeit“, „Spiegel“

2024 war das noch alles aufregend. In einem Podcast sagte Wahl, dass sie „irgendwo die Beste“ sein wolle und „eine der bekanntesten Autorinnen Deutschlands“. Bäm. Eine selbstbewusste junge Schriftstellerin? Leser, Redaktionen, Menschen auf Social Media – alle konnten kaum fassen, wie mutig, wie direkt, wie arrogant sie ihre Ziele hinausposaunte.

Drei Monate später dann der nächste Aufreger: Auf Instagram schrieb Wahl, dass sie „traurig und wütend“ sei, mit ihrem Debütroman „22 Bahnen“ nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert worden zu sein, obwohl sie das verdient hätte. Parallel wurde darüber debattiert, ob Wahl, wie in „22 Bahnen“, überhaupt über Armut und eine alkoholkranke Mutter schreiben dürfe, wenn sie das selbst doch gar nicht erlebt habe. 

Doch meistens hat die Aufregung über oder Beschäftigung mit Caroline Wahl kaum etwas mit ihren Büchern zu tun, sondern vor allem mit ihr als Person. 

Lieblingsthema Nummer 1: Größenwahn 

Ob ihr Erfolg für sie irgendwie abzusehen war, wollte bereits 2024 der „Spiegel“ wissen. Was sie denn dazu bewogen habe, diesen Wut-Post über den Deutschen Buchpreis rauszuhauen, fragte kurz darauf das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Und ob sie das bereue. Und warum sie diesen „Größenwahn“ besitze und die erfolgreichste Autorin Deutschlands werden wolle. 

Plötzlicher Erfolg, enttäuschter Ehrgeiz, großes Ego – daraus ist offenbar guter Feuilleton-Stoff gemacht.

2025, Wahls drittes Buch erscheint. 

Wie sie sich ihren Erfolg erkläre, fragt der „Stern“. Warum sie sich über die Nicht-Nominierung für den Buchpreis beschwert habe. Woher ihre Ambitionen kämen, die bekannteste Autorin Deutschlands zu sein. 

Ach, einmal geht noch!

2026, Wahls viertes Buch erscheint. 

Der „Spiegel“ möchte wissen, ob sich Wahl je gefragt habe, ob „dieser ganze Rummel“ um ihren „kometenhaften Aufstieg“ gerechtfertigt sei. Wie sie sich gefühlt habe, auch dieses Mal nicht auf der Nominierungsliste des Deutschen Buchpreises zu stehen. Wie man es messe, die „Beste“ in der Literatur zu sein. 

Das Resultat der Fragerei: Auch im dritten Jahr haben sich die Antworten von Caroline Wahl nicht geändert. Die Autorin steht, Überraschung, nach wie vor ganz selbstbewusst zu sich, ihren Ambitionen und ihrem Erfolg. 

Lieblingsthema Nummer 2: Autos

Einen besonderen Narren gefressen haben Kulturjournalisten an Wahls Vorliebe für schnelle Autos. So protzig und konsumgetrieben darf man als junge Schriftstellerin ja eigentlich gar nicht sein! Wie passt das nur zusammen? Auch nach drei Jahren des Hirnzermarterns finden Journalisten darauf offenbar keine befriedigende Antwort. 

Bereits 2023 taucht Wahls Begeisterung für Autos in einem FAZ-Artikel auf („Sie hat sich ein Mercedes-Cabrio gekauft, ‚ein älteres Modell‘“). 2024 im „Stern“ („schwarzes Mercedes SLK-Cabrio“) und in der „Welt“ („Wir haben sie beim Porschekauf begleitet“), 2025 in der SZ („Oft sieht man sie mit ihrem hellblauen Mercedes irgendwohin cruisen“) und im „Stern“ („Jetzt haben Sie sich einen neuen, babyblauen BMW gekauft“).

Schriftstellerin Caroline Wahl in ihrem hellblauen Auto
Die „Kulturzeit“ bei 3sat zeigt Caroline Wahl beim – Überraschung – AutofahrenScreenshot: 3sat

2026 aber ist das wahre Jahr des Autos, zumindest für Caroline Wahl. Sie ist jetzt Mercedes-Markenbotschafterin, hat sie „Spiegel“ und „Zeit“ erzählt. Dazu feuert sie in üblicher Manier Knallersprüche ab wie: „Ich fahre nicht gut Auto, aber dafür schnell.“ 

Das motiviert sowohl den SWR als auch Ippen Media zur ironischen Nachdenkerei darüber, welche anderen Schriftsteller und Promis für welche Marken als Botschafter infrage kämen. Und auch SZ, „Stern“ und NDR müssen Wahls schwarzes Mercedes-Cabrio einfach erwähnen. Der SZ-Feuilletonistin brennen gleich drei Auto-Fragen unter den Nägeln: 

„Nach dem großen Erfolg des Buches haben Sie sich ein Auto gekauft, ein schwarzes Cabrio Mercedes SLK. Als Belohnung?“ 

Dass Wahl nach dem Belohnungsprinzip funktioniert, erzählte sie schon 2025 im „Stern“ und dieses Jahr auch noch mal im „Spiegel“. 

„Haben Sie gezögert, das Auto auf Social Media zu zeigen?“

Wie wenig Scham Caroline Wahl für ihr Auto empfindet, hat sie bereits 2024 im „Stern“, in der „Welt“ und 2025 abermals im „Stern“ erklärt. 

„Was begeistert Sie eigentlich so am Autofahren?“

Die Freiheit, die damit einhergeht. Wie bereits 2024 im „Stern“ erläutert. 

Lieblingsthema Nummer 3: Geld

Wer sich weder für teure Autos noch für ungefilterte Aussagen schämt, der redet natürlich auch gerne über Geld. Zumindest Caroline Wahl hat damit kein Problem, Journalisten nehmen das dankbar an. Der „Spiegel“ quetscht sie zu den Vorschüssen aus, die sie für ihre Bücher bekommen hat. Der „Stern“ will wissen, ob sie bereits reich sei, und in der „Zeit“ heißt es: Wahls „erklärtes Ziel ist es, mit dem Schreiben Millionärin zu werden.“ Was sie laut dem Schweizer Portal „20 Minuten“ bereits ist.

Caroline Wahl auf einem Sessel bei der LitCologne 2026
Bestseller-Autorin Caroline WahlFoto: Imago/Panama Pictures

Doch es bleibt nicht bei diesen – zugegeben nachvollziehbaren – Fragen. SZ und „Spiegel“ haben sich da noch etwas ganz Originelles ausgedacht: 

„Legen Sie Ihr Geld an?“, möchte die „Süddeutsche“ wissen. Und: „Macht Wohlstand Sie als Autorin freier?“ Als würde Geld auf dem Konto nicht einfach jeden freier machen, nicht nur Autorinnen mit Mercedes-Cabrio.

„ETF-Sparplan oder Tesla-Aktien?“, fragt der „Spiegel“. „Schreibt man besser mit vollem oder leerem Konto?“ 

Auch gerne: Schuhe, Strände, Kaffee

Ebenfalls häufig erwähnt (und fotografiert) sind Wahls markante Plateauschuhe („mit denen sie durch die Alster waten könnte, ohne nass zu werden“), ihre Frisur („dieser Charakter-Bob mit windschiefem Pony“) oder ihre Klamotten („Glitzerkleidchen und Lederjacke“, wahlweise auch: „Leopardenprint“). 

Ihr Aussehen wurde in den vergangenen Jahren so oft beschrieben, dass man sich sogar unter der bescheuerten „Zeit“-Wortneuschöpfung, Caroline Wahl sehe „ganz carolinewahlhaft“ aus, fast etwas vorstellen kann.

Klassische Literaturkritiken über Wahls Bücher sucht man lange. Es gibt sie, etwa in der „Süddeutschen Zeitung“ oder der FAZ. Aber für die meisten Texte treffen sich die Journalisten einfach mit der Autorin und schauen mal, wohin sie das so bringt. Der „Spiegel“ trank 2024 mit Wahl einen Kaffee an der Alster und besucht sie dieses Jahr auf einem niederländischen Campingplatz, einem Ort ihrer Kindheit. Die „Süddeutsche“ spazierte 2024 mit ihr am Rostocker Hafen entlang, zwei Jahre später trifft man sich an einer Kieler Strandbar. Der „Stern“ läuft mit ihr in Warnemünde an „Backfisch-Udo“ vorbei, mit der „Zeit“ verpasst sie eine Fähre in Kiel.

Die Dinge, die man über diese Treffen mit Caroline Wahl und folglich über Caroline Wahl erfährt, sind so banal, dass man sie gleich wieder vergessen kann: Die SZ beschreibt etwa, dass Wahl Badesachen dabeihabe, und die „Zeit“, wie ihr der Kaffee aus dem Emaillebecher „über Hand und Ärmel“ schwappt. 

Wenigstens in zwei Texten von „Welt“ und „Zeit“ kommen einigermaßen erwähnenswerte Szenen heraus: Wahl lässt sich von den Journalisten beim Prada-Sonnenbrillen-Kauf respektive Prada-Handtaschen-Kauf begleiten, was dann natürlich wieder eine wunderbare Steilvorlage ist, um ihren Hang zu Konsum und Reichtum auf dem Präsentierteller zu servieren.

Dass es mit der überbordenden medialen Präsenz von Caroline Wahl so langsam reicht, beschrieben bereits im vergangenen Jahr zwei Kulturjournalistinnen: „Zeit“-Feuilletonistin Antonia Baum kotzte sich in einem „Nervenzusammenbruch“ über die endlosen Debatten über Wahl aus. Und „Spiegel“-Kolumnistin Margarete Stokowski mahnte an, den Fokus auf den Literaturbetrieb zu lenken, anstatt so sehr auf die Autorin. 

Viel gebracht hat das allerdings nicht, wenn man sich die diesjährigen Caroline-Wahl-Festspiele in den Medien so ansieht. Naja. Das nächste Buch ist schon in der Mache, erzählt die Autorin im „Spiegel“-Interview. Ob Wahl nächstes Jahr einen babyblauen Ferrari fährt? Das lesen wir dann wohl 2027.

5 Kommentare

  1. Preisfrage: Was ist interessanter? Ein Roman von Caroline Wahl oder eine Shopping-Tour mit Caroline Wahl? Ich kann es nicht beurteilen, weil ich mit den Romanen nie über die Leseprobe hinauskomme (Geschmackssache, aber die Mischung aus Präsens und Stakkato-Dialogen macht mich kirre).

    Vermutlich ist beides interessanter als identitätspolitische „Literaturdebatten“ über Caroline Wahl vom Schlage: „Die darf das nicht schreiben, weil sie nicht arm ist!“ / „Das sagst Du nur, weil sie eine Frau ist!“

    Funfact: Über Schriftsteller und ihr Faible für teure Autos ist schon vor 20 Jahren ein Buch erschienen. https://www.spiegel.de/kultur/literatur/autos-und-autoren-im-rausch-der-bewegung-a-446398.html

  2. „Auf Instagram schrieb Wahl, dass sie ‚traurig und wütend‘ sei, mit ihrem Debütroman ’22 Bahnen‘ nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert worden zu sein, obwohl sie das verdient hätte.“
    Hat Trump das von ihr? Oder sie von ihm?

  3. Ich vermute, Caroline Wahl ist das Gesülze recht – Hauptsache man schreibt über sie und erwähnt dabei jeweils den Titel ihrer Bücher. Das sorgt für Absatz/Umsatz und damit bringt es sie ihrem Ziel näher, viele Bücher zu verkaufen. Nebenbei: Wenn Autoren/Autorinnen nur über Dinge schreiben dürften, die sie selbst erlebt haben, wäre die Weltliteratur arm dran. Goethe wird kaum je Mephisto begegnet sein und Schiller hat wohl nie versucht, mit einer Armbrust einem Kind einen Apfel vom Kopf zu schiessen. (Engels hätte sich nie am Kommunistischen Manifest beteiligen dürfen – als wohlhabender Industrieller)

  4. Homer hat keine Zyklopen geblendet. Dante war nie im Erdinnern. Shakespeares Vater wurde wohl nicht von seinem Onkel ermordet.
    Aber erfährt man eigentlich nix über Wahls Bücher?

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