„KI-Künstler“ Robert Gabor

Unechter Pudding, komische Tiere: Die KI-Bilder-Flut, die in die Kioske quillt

Seit kurzem tauchen in Zeitschriftenläden Heftchen mit KI-generierten Bildern auf. Was soll das, wer will das? Und wer steckt dahinter? Ein Mann, der in den Neunzigern unter anderem Rätselmagazine und Sexheftchen herausgab. Heute promptet er von Thailand aus für den deutschen Markt.
Titel und Innenseiten der Zeitschrift „HIGH END amigurumi – KI DESIGN IDEEN“ mit verschiedenen gehäkelten Figuren.
KI-Hof der KuscheltiereAusrisse: „High End Amigurumi“

Einen Teil der Handarbeitscommunity hat diese neue Zeitschrift jedenfalls schon mal verärgert. „Im ernst, denen brennt doch der Hut“, schreibt die strickbegeisterte Lara. Eine Zeitschrift, in der es um Handarbeit geht, aber ausschließlich mit KI-Bildern? Und ohne Anleitungen? Und dafür soll man auch noch Geld bezahlen!? Lara ist ganz außer sich, als sie das Magazin im Supermarkt entdeckt. Viele ihrer Follower sind es nun auch.

Das Heft, über das sie sich aufregen, heißt „HIGH END amigurumi“, Untertitel: „KI DESIGN IDEEN“. Amigurumi ist eine japanische Häkelkunst, und aus dem Heft glotzen und grinsen einen Dutzende Wollfantasiefiguren an, die nicht von Hand hergestellt wurden. 47 Seiten dünn ist dieses Magazin, es kostet 5,99 Euro, und Text gibt es darin quasi gar nicht. Nur ein zweiseitiges Vorwort des KI-Bedieners, der das Heft herausgibt. Dieser Text ist ebenfalls „with the support of AI technology“ entstanden.

Seine „exklusiven Amigurumi-Design-Ideen“ seien „nicht als Anleitung gedacht, sondern als Inspirationsquelle für erfahrene Profis oder höchstversierte Amateure, die ihre handgefertigten Werke zu Höchstpreisen verkaufen“. Und „verwirklichen“ ließen sie sich ja auch, die Design-Ideen – mit „handwerklicher Meisterschaft“, mit „Geduld, Geschick und Sorgfalt“. Und dem KI-Tier auf dem Cover fehlt irgendwie ein Bein. Naja. Details. 

Serviervorschläge für anonyme Speisen

Das Amigurumi-Magazin ist nicht das einzige dieser Art, das seit kurzem in Supermärkten und Bahnhofskiosken angeboten wird. Es ist eine KI-Bilder-Flut, ausgedruckt auf Papier, die da in die Läden quillt. Und man fragt sich, was das soll, wer das will. Lässt sich, zum Beispiel, tatsächlich jemand (beim Hausbau?) von einem Heft voller eisgrauer „Mini Houses“ inspirieren, die in nebligen Gärten stehen, in die KI fehlerhafte Formhecken halluziniert und pinkfarbene Bäume getupft hat? Oder ist das eine „Backrooms“-Variante der Kategorie „Schöner Wohnen“, nicht ganz ernst gemeint?

Ausrisse aus den Zeitschriften „High End Dessert Design“ und „Mini House & Garden“ mit KI-generierten Bildern von Desserts und Häusern.
Lecker bis wolkig: KI-Desserts und KI-GartenhäuserAusrisse: „High End Dessert Design“, „Mini House & Garden“

Insgesamt acht Titel liefert der IPS Pressevertrieb in den Handel aus: „High End Garden“, heißen sie, oder „High End Dream Home“, „High End Tattoo“, „High End Coture Bright Dream“, „High End Irgendwas“. Das „High End Dessert Design“ betitelte Heft besteht aus unechten Pudding-, Kuchen- oder Glibberkombinationen in schillernden Farben, oft mit Soße. Es sind glänzende Fine-Dining-Ergüsse, und wieder geht es nur um die Oberfläche. Geschmack, Zutaten, Rezept, alles egal. Serviervorschläge für anonyme Speisen.

Verleger mit Bart

Ausgedacht, wenn auch eben nicht allein, sondern mit KI-Hilfe, hat sich das alles ein Mann, der den Älteren in der Verlagsbranche ein Begriff sein könnte. Er heißt Robert Gabor. In den Neunzigern und 2000er-Jahren mischte er im Magazingeschäft mit. Dann war er lange verschwunden. Und jetzt, mit Ende 60, ist er plötzlich wieder da.

Auf Fotos, etwa auf seinem Instagram-Account, sieht er aus wie ein Presserübezahl, eine Art KI-Guru mit Rauschebart bis auf die Brust. Er scheint viel unterwegs zu sein: Indonesien, Sudan, Afghanistan, Indien. In einem kurzen Clip ist er auch mal sturmumbraust im Schnee zu sehen, offenbar in Österreich. Er sei „Weltenbummler“, sagt der Geschäftsführer des Vertriebs, der für Gabor die KI-Hefte in die Kioske schafft. Auch Gabors Gesellschaften waren früher verstreut: im badischen Gaggenau, in einem ungarischen Dorf, im steuergünstigen Fürstentum Liechtenstein. Heute dient ein Postfach in Wien als Magazin-Adresse, Vorworte unterschreibt er mit: Gabor AI-Studios Dubai.

Telefonieren mag Gabor nicht, er sei „extrem schwer zu erreichen“, also besser per Mail. Er braucht etwas, bittet noch mal um Aufschub („Stecke gerade mitten in einer Druckabgabe“) und antwortet dann freundlich und ausführlich auf jede Frage. Was hat es also auf sich mit diesen KI-Magazinen? Und auch noch gedruckt. Wer braucht das? Das Internet, Social Media vor allem, ist doch längst voll mit KI-Bildern und -Videos, und jeder kann sie selbst generieren. Wer will auch noch darin blättern?

Robert Gabor schreibt, das seien nun mal „die Medien unserer Zeit“, und dass es verkehrt wäre, sie nicht zu nutzen. Irgendwann habe ja auch die Fotografie die Zeichnung ersetzt: „Stellen Sie sich mal vor, wir hätten heute anstatt Fotos nur Zeichnungen im ,Stern’“. Und so ein gedrucktes Magazin sei halt eine Alternative zum Netz, jeder könne selbst entscheiden, wo er sich die Bilder ansehe. Und dass sich solche KI-Bilder jeder auch selbst prompten könne – nun ja, findet Gabor: „Man kann auch mit einem Bleistift den Hasen von Albrecht Dürer selbst zeichnen und geht trotzdem noch ins Museum.“

Mit 13 schon Rembrandt

Dürer. Das muss man als Anspielung lesen. Gabor selbst sieht sich auch als Künstler. Er erzählt es als Wunderkindgeschichte: „Mit sechs Jahren begann ich mit der Ölmalerei“, heißt es in einem Magazin-Vorwort, „und als 13-jähriges Kind kopierte ich die Werke großer Meister wie Rembrandt so authentisch, dass sie kaum vom Original zu unterscheiden waren.“ Trotzdem wurde Robert Gabor zunächst weder der deutsche Rembrandt noch der Dürer Baden-Badens, sondern nach eigenen Angaben Polizist in Karlsruhe. Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger war das. Erst dann wurde er Verleger. 

Rätselmagazine. Rezepthefte. Illustrierte wie „unsere Neue“ oder eine Zeitschrift mit Fotoreportagen. Alles, was man so auf Papier drucken konnte, hatte er im Angebot. Er versuchte sich auch als Verleger von „Job aktuell“, der laut Eigendarstellung „ersten gesamtdeutschen Zeitschrift für Arbeitslose“, brachte aber schnell die Redaktion gegen sich auf, als die spitzbekommen hatte, dass er in Finnland drucken ließ, aus Kostengründen. Man stritt sich vor Gericht, die „taz“ nannte Gabor damals mal „Yuppie-Verleger“, mal „Ferrari-Fahrer“. Und Sexheft-Verleger war er auch: „Genial obszön“, „Frech & frivol“, „Extrem haarig – Das Magazin mit den Buschfrauen“. Mindestens 30 solcher Titel dürften es gewesen sein, die Gabor vertrieb. 2006 übernahm er noch die altehrwürdige „Praline“ vom Bauer-Verlag und 2009 das Männermagazin „Maxim“ von Axel Springer. Nachdem er ein paar Jahre später beide eingestellt hatte, zog sich Gabor aus dem Verlagsgeschäft zurück.

Dann reiste er offenbar viel. Und eröffnete 2016 ein Museum in Spanien. Künstlername: An Idiot, kurz AI – wie Artificial Intelligence. Kein Jahr nach Eröffnung war aber wieder Schluss, angeblich wegen der Katalonien-Krise. Auch danach: eher schwierig. Seine Coffeetablebooks wollte keiner kaufen, zu teuer. Dann habe er geplant, „Abenteuerreisen in Länder wie Afghanistan, Irak oder Syrien“ anzubieten. Ließ er aber, zu gefährlich. 

Bis die Server glühen

Rund 50 Titelbilder von Magazinen mit KI-generierten Bildern.
Bilderflut: Gabors KI-MagazineAusriss: „High End Dessert Design“

Und nun promptet er also professionell. Nach zwölf Jahren in Dubai lebe er seit anderthalb Jahren in Thailand. Dort mache er die Magazine allein, schreibt Gabor. 15 bis 30 Stunden dauere es, „bis das erste ansehnliche Ergebnis da ist“ – also: ein erstes Bild. 15 bis 30 Stunden, in denen die Server glühen. Wenn das stimmt und angesichts der schieren Menge an Heften und Büchern, die Gabor anbietet und ankündigt, muss er unzählige Tage und Nächte vor dem Computer verbracht haben. Mit dem Strom, der dabei für die KI-Rechenleistungen draufgegangen ist, könnte eine Kleinstadt wahrscheinlich ein Jahr lang Wäsche waschen. (Komplett unrepräsentative, KI-freie Schätzung.)

Und was kommt dabei raus? „Black Beauty“, „Boho Jewel“, „AI Photo Landscape“. Auch KI-Parfum-Flakons gibt es. Ja, selbst Vorschläge, wie man Musik-CDs mit goldenen Motiven versehen könnte; vielleicht für Leute, die sich nicht nur KI-Bilder-Hefte kaufen, sondern auch noch Compact Discs. Und bald sollen „bildbandartige Bookazines“ hinzukommen. „Horror Clowns“, „New Action Heroes“, „Da Vinci Mystery“, in verschiedenen Sprachen, scheinbar völlig grenzenlos, immer mehr und mehr. Nur mit Brüsten und „Buschfrauen“, wie früher, macht Gabor bisher nichts. Kein KI-Sex-Magazin weit und breit.

Letztlich, schreibt er, sei er beim Design „gelandet“, und werde dort auch bleiben. Fotografie, Design, Kunst, das habe ihn schon seit seiner Kindheit am meisten gefesselt.

Ausrisse aus den digitalen Magazinen „High End Coture Eye Wear“ und „Jewel Ideas“ mit KI-generierten Bildern von Brillen und Schmuck.
Sie haben da was im Gesicht: Auszüge aus den digitalen KI-Magazinen zu Brillen und SchmuckScreenshots: „High End Coture Eye Wear“, „Jewel Ideas“

Die Zielgruppe, die er ansprechen will, seien „Ästheten und designaffine Menschen“. Das Problem ist nur: „Die Verkäufe sind nicht gerade berauschend“. Am besten liefen derzeit „High End Dessert“, „Tiny House“ und, bloß nicht der strickenden Lara sagen: das Amigurumi-Heft. Wie hoch die Auflage ist, sagt Gabor nicht. Auch nicht, wie er das finanziert. Es sind zwar einfache Heftchen auf schlichtem Papier, keine Hochglanzmagazine, aber auch deren Druck und Vertrieb kosten natürlich. Und nirgends findet sich auch nur eine bezahlte Anzeige. Es handle sich ausschließlich um „vertriebserlösorientierte Produktionen“, schreibt Gabor. Anzeigen zu akquirieren, sei leider noch nie seine Stärke gewesen.

Womöglich ist auch mit diesem Gabor-Geschäft bald schon wieder Schluss. Weil es womöglich einfach keinen Markt gibt für auf Papier verewigte KI-Massenware, jedenfalls in dieser Form und diesem Ausmaß. Dabei hatte Robert Gabor es sich reiflich überlegt, wie er schreibt: „Mein Beweggrund dafür war, dass man es einfach machen muss.“

12 Kommentare

  1. Schöner Beitrag wie immer!

    Eine Kleinigkeit: „Und dem KI-Tier auf dem Cover fehlt irgendwie ein Bein. Naja. Details. “ Da hätte ich mir ein Foto vom Cover gewünscht gehabt, der Hund im Bild obendrüber scheint beide Beine zu haben.

  2. @2 Fedor: Danke dir! Und das Tier auf dem Cover hat in meinen Augen drei Beine, das vierte hinten links fehlt.

  3. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Bewunderung. Ich mag auch nicht an die Ressourcenverschwendung denken, den ganzen Quatsch zu produzieren, zu verteilen und zu entsorgen. Aber es einfach zu machen – Chapeau.

  4. Vielen Dank @Boris Rosenkranz für diesen aufschlussreichen Text! Ich bin Konditormeisterin und habe das Dessert-Heft neulich am Bahnhof in der Hand gehabt und mich nur wundern können. Grundsätzlich sucht man ja immer nach Inspiration und freut sich über kreative Ideen, aber beim durchblättern sind mir nur Fragezeichen geblieben. Die Umsetzbarkeit ist vollkommen unklar bei vielen Produkten, die geschmackliche Komponente wird gar nicht erwähnt. Aber jetzt weiß ich wenigstens ein wenig darüber, was dahinter steckt. Danke!

  5. Danke für den schönen Artikel. Ein Beispiel für KI generierte Drucke ist mir auf einem Kinder-Abenteuerspielplatz mit Hüpfburgen begegnet. Auf dem ersten Blick sahen die großflächigen Fototapeten nach Disneys „König der Löwen“ aus.
    Doch jedes Tier darauf sieht im Detail eher gruselig aus. Im besten Fall fehlt nur ein Bein. Alpträume garantiert.

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