Sprachkritik

Inside Inside

Deutsche Redaktionen haben entschieden, permanent ein englisches Wort in ihre Doku- und Podcast-Titel einzubauen: „Inside“. Weil das so bedeutungsvoll klingt, so nah dran und tief drin. Nur sind einige dieser Titel dann eher lächerlich. Und wie inflationär kann man so ein Wort eigentlich verwenden?

Wenn Journalisten in ein Thema tief eingedrungen sind, oder wenn sie Orte betreten haben, die nur Eingeweihte betreten dürfen, oder mit Menschen gesprochen haben, die exklusives Wissen besitzen, dann, so wirkt es jedenfalls, sind Journalisten irgendwann komplett „Inside“. 

Der im Mai erschienene ARD-Podcast „Inside CumEx – Jagd auf die Steuer-Mafia, zum Beispiel, basiert auf ausführlichen Interviews. Einerseits mit der Staatsanwältin Anne Brorhilker, die das CumEx-System zu Fall gebracht hat, andererseits mit dem im Gefängnis sitzenden Rechtsanwalt Hanno Berger, der mit CumEx viele Millionen kassierte. Wenn die beiden aus ihrer jeweiligen Perspektive erzählen, hat man als Hörer das Gefühl, nicht nur von außen auf das Phänomen CumEx zu schauen, sondern wirklich mittendrin zu stecken – „Inside“ eben.

Verschiedene Titelgrafiken von TV-Dokus: „Indie Kokain“, „Inside Ferrero“, „Inside CDU“ und „Inside Bäckereien“.
„Inside“-DokusScreenshots: ZDF, RTL, ProSieben

Ein Blick in die Mediatheken der Sender zeigt, dass es sehr viele Systeme, Firmen, Organisationen und Orte gibt, in die Journalisten offenbar ähnlich tief vordringen. Ein weiterer Finanzskandal-Podcast des Deutschlandfunks heißt „Inside Private Equity“. In ZDF-Dokus geht es „Inside CDU“, „Inside Bündnis Wagenknecht“ und „Inside NATO“. Bei RTL werden Konzerne bevorzugt, von „Inside Ferrero“ bis „Inside Ikea“.

„Inside Gastro: Inside Gstaad Palace“ 

ProSieben schaut sich hingegen besonders gerne entlegene Orte von innen an, in seiner Reihe „Galileo X-Plorer“ mit Folgen wie „Inside Texas“ und „Inside Taiwan“ – aber auch in Dokus wie „Inside Ischgl – So geht Luxus – so geht Party!“. Wenn es hart auf hart (oder tief auf tief) kommt, sind manchmal sogar ineinander verschachtelte „Insides“ notwendig, wie in der 3sat-Doku „Inside Gstaad Palace – Luxus und Tradition im Kulthotel“, die Teil der Reihe „Inside Gastro“ ist, also „Inside Gastro: Inside Gstaad Palace“. Bereits hier dämmert einem womöglich, dass das mit diesen so gern und häufig genutzten „Inside“-Titeln nicht ganz unproblematisch ist. 

Die Titeltradition kommt natürlich aus dem Englischen. Dort findet sich bereits im Jahr 1938 eine Wochenschau mit dem Titel „Inside Nazi Germany“. Das Wort „Inside“ leistet dabei eine Menge. Es trägt ganz alleine das Versprechen, das auch die Dokus und Podcasts von heute vermitteln wollen: Einen Blick nicht nur aus der Rolle des außenstehenden Beobachters zu gewähren, sondern einen privilegierten Zugang zu liefern, den sonst nur Menschen haben, die selbst Teil des Systems sind, und die man ja nicht umsonst auch „Insider“ nennt.

„Blick hinter die Kulissen“

Das Titelmuster „Inside X“ taucht über die Jahrzehnte in englischsprachigen Dokumentarfilmen immer wieder auf, in den vergangenen Jahren aber hat seine Verwendung erheblich zugenommen. Nicht nur im investigativen Journalismus, oft wird es auch für PR-Dokus genutzt, die einen „Blick hinter die Kulissen“ ankündigen wie etwa „Inside Pixar“. Die einfache sprachliche Konstruktion wird allerdings nur verwendet, wenn das X hinter dem „Inside“ im weitesten Sinne ein Name ist. Sonst verlangt sie einen Artikel. Louis Theroux’ Netflix-Doku über die Abgründe der Maskulinistenszene heißt deshalb nicht „Inside Manosphere“, das würde sich für Muttersprachler:innen merkwürdig anhören, sondern „Inside the Manosphere“.

Für Deutsche, die sich kurze, knackige Titel für Fernseh- und Audio-Stücke ausdenken sollen, ist „Inside“ sehr verlockend. Es erlaubt ihnen, mit einer einzigen kurzen Präposition sehr viel Bedeutung zu transportieren. Die deutsche Sprache hat keine vergleichbare Wortkonstruktion. Man kann einen Beitrag nicht einfach „In Tschernobyl“ oder „Mitten in Tschernobyl“ nennen. Das würde nach Reisereportage klingen. Auch „Im Inneren von Tschernobyl“ ist einfach nur eine Ortsangabe. „Inside Tschernobyl“ hingegen verkündet mit nur einem Wort: Wir legen hier bisher verborgene Mechanismen offen!

Being irgendwer

„Inside“ ist nicht das einzige englische Titelmuster, das so funktioniert. Es gibt etwa auch keine echte Möglichkeit, auf Deutsch in einem Wort zu beschreiben: „So fühlt es sich an, jemand anderes zu sein“. Im Englischen gibt es für diese Zustandsbeschreibung aber ein Gerundium, das sich für Titel anbietet. Auch deutsche Dokus heißen deshalb „Being Franziska van Almsick“ oder „Being Michael Schumacher“.

Die Titelkonstruktion mit „Inside“ ist also sehr „produktiv“, wie man in der Linguistik sagt. Das heißt: Sie erzeugt ein Muster, das sich ohne Mühe auf neue Fälle übertragen lässt. Also haben deutsche Redaktionen entschieden, das auch ohne Rücksicht auf Verluste zu tun. In Deutschland kann man nicht nur Inside Institutionen und Orte sein, sondern Inside alles. Einen Artikel braucht man dafür nicht: „Inside Klassenchat“, „Inside Fankurve“, „Inside Fußball“, „Inside Gooning Szene“, „Inside Schlachthof“, „Inside Mennoniten“, „Inside Jehovas Zeugen“, „Inside Supermarkt“, „Inside Bäckereien“ – und mein absoluter Favorit, allerdings wegen des Gesamtkunstwerks: „Helau und Hell No – Inside Karnevalistischer Tanzsport“.

Dativ- und Sinnsuche

Bei allem Verständnis für das Entlehnen englischer Wörter und die Zweckmäßigkeit solcher Titel: Hier regt sich bei mir dann doch ein gewisser Widerstand. Das liegt auch daran, dass mein auf deutsche Grammatik getrimmtes Hirn nach „Inside“ einen Dativ erwartet, also „in dem karnevalistischen Tanzsport“ oder „in der Fankurve“. Die Wörter in diesen Titeln stehen aber im Nominativ, also im ungebeugten grammatischen Fall. Dass auch Redaktionen hier manchmal stolpern, zeigen Ausreißer wie „Inside Evangelikalen“.

Teilweise geben die Titel allerdings auch semantisch, also in ihrer Bedeutung, keinen Sinn. Die ZDF-Doku „Inside Kokain“, dringt ja nicht investigativ ins Innere des Rauschgifts vor, sondern beleuchtet den Handel und den Konsum drumherum. Sie müsste also viel eher „Outside Kokain“ heißen. Oder die Insider-Titel wecken falsche Erwartungen. In der n-tv-Doku „Inside Putin“ schaffen es die Autoren nämlich gar nicht, ins Innere des russischen Autokraten vorzudringen, was wohl auch nicht so schön wäre. Sie stellen lediglich Mutmaßungen über Putins Charakter an. Beim Vorläuferformat „Inside Hitler“ ging es immerhin um Adolf Hitlers Krankenakte, also tatsächlich um das Innere seines Körpers.

Eine so erbsenzählerische, fast schon Bastian-Sick-mäßige Kritik verfängt natürlich nur, wenn man sich gegen ein typisches Phänomen des Sprachwandels stemmt. Nämlich, dass solche sprachlichen Muster mit der Zeit semantisch verblassen. Wird ein Wort in immer mehr Zusammenhängen verwendet, kann seine Bedeutung unschärfer werden.

Die Duftmarke des investigativen Journalismus

„Inside“ ist in Doku-Titeln längst kein Wort mehr, das wirklich „exklusive Innenperspektive“ bedeutet. Es ist vor allem eine Duftmarke des investigativen und Selbstversuchs-Journalismus und soll zusätzlich die mondäne Coolness von Anglizismen (wie „Coolness“) ausstrahlen. Und inzwischen ist es vermutlich auch ein Klischee, vielleicht sogar (noch ein tolles linguistisches Wort) ein Snowclone. Es ist vielseitig einsetzbar und wird vom Publikum sofort verstanden, möglicherweise sogar geschätzt. Niemand erwartet ernsthaft, dass in „Inside Putin“ eine Magenspiegelung vorkommt.

Aber ich finde dennoch, dass einige dieser Titel lächerlich klingen. Und ich frage mich, ob diejenigen, die sie vergeben, sich nicht selbst doof vorkommen. Wie oft, wie inflationär kann man „Inside“ noch verwenden? Wie banal können die im Detail durchleuchteten Phänomene nach „Inside Supermarkt“ und „Inside Klassenchat“ noch werden? 

Ich weiß allerdings auch: Das sind die falschen Fragen. Die eigentliche Frage lautet: Welches englische Sprachkonstrukt werden deutsche Medienmacher:innen als nächstes für sich entdecken? Es werden noch Wetten angenommen.

8 Kommentare

  1. Bastian-Sick-Referenz in meinem journalistisch und sprachlich einwandfreien Lieblingsmagazin! Wie Wickies Kompagnon gesagt hätte: „Ich bin entzückt!“
    Meine Familie hat mich eine Zeitlang Frau Sick genannt, weil ich ständig aus „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ zitiert habe :D

  2. Ich bin ebenfalls entzückt, denn zu meinen unfreiwilligen Hobbies gehört es, bei totgerittenen Sprachmustern (Wörter, Phrasen, Metaphern) in Rage zu geraten. Hier denke ich mir, dass Inside Kokain sicher noch weniger gesund ist als Kokain inside (my Nase). Und Inside Bäckereien möchte man sich bei diesem Wetter auch nicht lange aufhalten. #Ofen

    Das wäre eine Hasswort-Kolumne gewesen, wie ich sie mir seit langem wieder wünsche: Sprachkritik zu einem nervigen Trend, ohne moralisches Fingerwedeln. (Sollte dieser Hinweis Inside Übermedien zu der Überlegung beitragen, Herrn Matzkeit häufiger mal mit Ähnlichem zu betrauen – ick tät mir freuen!)

  3. Fand den Artikel auch sehr gut. Und als nächstes die Wahrheit über „Die Wahrheit über…“

  4. the truth about xyz
    how to xyz
    the secret of xyz
    the next xyz
    Gerne auch in Kombination:
    The truth about how to be the secret of the next Michael-Schumacher-Bäckerei

  5. Ich habe mir gestern vormittag auf dem Media Markt eine Tüte Chips gekauft und schaue heute Abend „Intel inside“.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.