Fake-Reportagen

„Die Beiträge, an denen auch ‚Stern TV‘-Redakteure beteiligt waren, sind zufälligerweise alle verschwunden“

Krötenlecker, Katzenjäger, Kindersklaven: Michael Born hat in den 90er Jahren zahlreiche TV-Redaktionen mit absurden Fake-Reportagen beliefert. Rund 30 Jahre später haben sich die Filmemacher Erec Brehmer und Benjamin Rost auf die Spuren des fast vergessenen Fälschers begeben. Herausgekommen ist ein Film, der nicht nur die Geschichte eines unglaublichen Skandals erzählt, sondern auch eine ganz aktuelle Frage stellt: Können wir glauben, was wir sehen?
Der Filmemacher Michael Born steht lachend mit einem Mikrofon vor der Kamera.
Fälscher und Luftikus: Michael Born lieferte dem Privatfernsehen der 90er absurde Fake-Reportagen. Screenshot: Born to fake

Ku-Klux-Klan-Treffen in der Eifel, Kindersklaven bei IKEA in Indien und deutsche Süchtige, die an Kröten lecken: Michael Born lieferte in den 1990er Jahren spektakuläre Geschichten an Formate wie „Stern TV“, „Spiegel TV“ und ZAK (WDR). Viele seiner Reportagen waren frei erfunden und mit Mitarbeitern inszeniert. Der Skandal flog auf, als auffiel, dass ein angeblicher Drogenkurier aus Guadeloupe eine erstaunlich ähnliche Stimme hatte wie der Redner bei einem vermeintlichen Ku-Klux-Klan-Treffen.

1996 wurde Born zu vier Jahren Haft verurteilt – allerdings nicht für den Betrug am Publikum. Das Gericht urteilte damals, dieser sei nicht strafbar. Verurteilt wurde er für Straftaten im Zusammenhang mit der Herstellung seiner Fälschungen.

Der Prozess zeigte, wie sehr die Jagd nach spektakulären Bildern die Kontrollmechanismen des Privatfernsehens überlagerte. Im Mittelpunkt stand dabei „Stern TV“ mit Moderator und Chefredakteur Günther Jauch. Vor Gericht erklärte Jauch eidesstattlich, er habe die Fälschungen nicht erkennen können, weil er noch nie einen Schnittraum von innen gesehen habe.

Der Dokumentarfilm „Born to Fake“ von Erec Brehmer und Benjamin Rost erzählt die Geschichte des Fernsehfälschers – und fragt, was sein Fall über die Gegenwart verrät: Warum glauben Menschen Bilder? Wie funktionieren Manipulation und Vertrauen? Und was lässt sich aus einem Medienskandal der 1990er Jahre für das Zeitalter von KI und Deepfakes lernen?


Übermedien: Ihr habt jahrelang an einem Dokumentarfilm über den Fälscher Michael Born gearbeitet und dafür hunderte Stunden Archivmaterial gesichtet. Wer war dieser Mann – und warum hat er euch so lange beschäftigt?

Erec Brehmer: Es ging damit los, dass ich 2018 einen Bericht über Michael Born gelesen habe und mich wunderte, dass ich trotz ZDF-Ausbildung und Filmhochschule nie von ihm gehört hatte. Also begann ich, mich für ihn und das Urteil zu interessieren, nach dem Betrug am Zuschauer nicht strafbar ist.

Born starb leider Anfang 2019 bei seinem besten Freund Roland Berger in Graz. Ich schrieb ihm und fragte, wer Michael Born eigentlich war. Er antwortete: Wenn du magst, hier sind drei Kisten Rohmaterial. Das war der Startschuss.

Benjamin Rost: Wir haben das Material abgeholt und dabei ist uns aufgefallen, dass gerade die ersten Fälschungen, zum Beispiel die berühmte Krötenlecker-Geschichte, relativ gut gemacht waren. Born hatte seine Familie in einer Zoohandlung anrufen und nach der Sonora-Kröte fragen lassen, um dann anschließend den Zoohändler zu interviewen und ihn zu fragen, ob es eine Nachfrage von Drogenabhängigen nach der Kröte gebe.

In dem Beitrag spielt Borns Kameraassistent einen Drogensüchtigen, der an einer Kröte leckt. Aber Born hat schon das Material, das er an die Redaktion gab, verfremdet und den Protagonisten unkenntlich gemacht. Normalerweise wird das Material ja erst in der Redaktion bearbeitet, oder?

Brehmer: Genau, sonst wäre schnell aufgeflogen, dass er immer dieselben Protagonist*innen benutzte. Viele Formate wie „Süddeutsche TV“, „Spiegel TV“ und auch öffentlich-rechtliche Sender haben ihm Beiträge abgekauft. Sie wurden aber misstrauisch, weil er bereits verfremdetes Material lieferte, und warnten auch andere. Deshalb kauften viele Formate nichts mehr bei ihm ein – nur „Stern TV“ machte weiter.

Rost: Bei „Stern TV“ kann man im Verlauf der Zeit sehen, wie seine Beiträge immer schlampiger wurden und immer wieder derselbe Kameraassistent und Freund auftaucht. Es gab da einen Beitrag von einem Jäger, der Katzen schießt, und im Rohmaterial sieht man sogar, wie der angeklebte Bart herunterrutscht. „Stern TV“ hat sich dann eidesstattlich versichern lassen, dass diese Geschichte echt sei. Daran kann man schon erkennen, dass ein gewisses Misstrauen vorhanden war.

Brehmer: Er hat sich Erklärungen ausgedacht, wenn etwa die Frage aufkam, warum bei einer Schleppergeschichte, die er angeblich im Juni gedreht hatte, überall Schnee lag. Das waren Wildwest-Zeiten. Das Privatfernsehen musste seine Arbeitsweise erst noch finden und ausloten, wie weit man für dieses Infotainment gehen kann.

Wenn man sich das Gerichtsurteil durchliest, ist es allerdings verwunderlich, dass später vor Gericht ausgerechnet das Rohmaterial und die Beiträge bei RTL verschwunden oder vernichtet worden sind, bei denen Michael Born nicht allein gearbeitet hat. Die Beiträge, an denen auch „Stern TV“-Redakteure beteiligt waren, sind zufälligerweise alle verschwunden.

Hat „Stern TV“ das Beweismaterial vernichtet?

Brehmer: Es steht im Gerichtsurteil, dieses Material wurde zwischenzeitlich von RTL vernichtet.

Ein angeblicher Jäger sitzt mit einem Gewehr in einem Hochsitz. Die Szene ist Teil einer Fake-Reportage von Michael Born.
Angeklebte Bärte und billige Verkleidung: Der angebliche Katzenjäger aus einem Born-Film.Screenshot: Born to Fake

Aber hat Michael Born für diese Katzenjägergeschichte wirklich eine Katze erschossen?

Brehmer: Er hat die Katze erschossen.

Oh Gott.

Brehmer: Dafür hat er ein Jahr und vier Monate Haftstrafe bekommen. Für das Töten eines Wirbeltieres, ohne die Absicht, es zu essen. Er hat eine Katze aus dem Tierheim geholt, die ist ihm weggerannt. Dann hat er sich eine zweite geholt und die hat er dann erschossen. Als die Redaktion nachgefragt hat, warum es keine Nahaufnahme gibt, ist er noch einmal losgezogen, hat die tote Katze ausgegraben, und sie mit einer Hand in die Kamera gehalten und abgefilmt.

In dem Film sieht man seine Schwester, die sehr überzeugt in die Kamera sagt, er habe die Katze nicht getötet.

Brehmer: Seine Schwester war Tierärztin, und ihr Bruder hat ihr immer gesagt, dass er natürlich keine Katze erschossen hat. Wir haben ihre Aussage bewusst im Film gelassen – obwohl wir wussten, dass sie nicht stimmt. Unser Ansatz war: Wenn sich Menschen widersprechen, wenn sie unterschiedliche Wahrheiten von Michael Born gehört haben, dann zeigen wir das.

Rost: Roland Berger, der unser Hauptprotagonist ist, sagt mit Tränen in den Augen: Er hat mir vielleicht nie im Leben die Wahrheit gesagt. Und gleichzeitig sagt er: Er war mein bester Freund. Diese Gleichzeitigkeit fanden wir schon bemerkenswert. Deshalb haben wir uns entschieden, diese Widersprüche stehen zu lassen und mit dem Film eher in einen philosophischen Diskurs zu gehen. Darüber, was Wahrheit ist und warum wir eigentlich glauben, was wir sehen.

Born hat nicht nur einzelne Szenen manipuliert, sondern komplette Wirklichkeiten erfunden – etwa den angeblichen Ku-Klux-Klan in der Eifel. Mit selbst genähten Kutten. War sein Geschäftsmodell am Ende so erfolgreich, weil er genau die Geschichten geliefert hat, die die Redaktionen sehen wollten – selbst wenn die Realität sie nicht hergab?

Rost: Man kann Michael Born nicht losgelöst vom Fernsehsystem der 90er Jahre betrachten. Ich habe das als „Blut-und-Sperma-Fernsehen“ in Erinnerung. Das Ziel der privaten Sender war, Werbung zu verkaufen. Dafür brauchten sie ein Programm, das möglichst viele Menschen erreicht. Dass die Beiträge im Rahmen eines vermeintlich gut recherchierten Formats wie „Stern TV“ liefen, verlieh ihnen zusätzliche Glaubwürdigkeit.

Brehmer: Wir waren überrascht, dass die Themen von damals im Grunde dieselben sind wie heute: Flüchtlinge, Gewalt, Drogen, Sex. Je wilder, desto besser. Wenn es stimmt, was der ehemalige Pressesprecher von „Stern TV“ in unserem Film erzählt – dass er die Redaktion auf fragwürdige Geschichten hingewiesen hat und ihm gesagt wurde: „Das muss nicht deine Sorge sein“ –, dann muss man auch über die Verantwortung der Redaktion sprechen. Dann geht es nicht mehr nur um spektakuläre Geschichten, sondern darum, wie gut die Kontroll- und Überprüfungsmechanismen funktioniert haben. Und in diesem Fall muss man sagen: überhaupt nicht.

Vermeintliche Hüte des Ku-Klux-Klan auf einem Tisch, im Hintergrund eine Reichskriegsflagge. Der Filmemacher Michael Born hat sie als Requisiten für seine Fake-Reportagen benutzt.
Requisiten, die Michael Born für seine Fake-Reportage über den angeblichen deutschen Ku-Klux-Klan benutzt hat.Screenshot: Born to Fake

Deswegen kommt Michael Born in eurem Film teilweise aber auch sympathisch rüber. Die geben ihm unmögliche Aufträge und dann löst er es halt so.

Rost: Er hat sich in den Deckmantel gehüllt, politisch aktiv zu sein, gegen Nazis zu kämpfen oder sich für den Tierschutz einzusetzen. Er gab sich die Aura eines politischen Aufklärers. Nach den Jahren, die wir uns mit ihm beschäftigt haben, hat sich das für mich allerdings nicht bestätigt. Im Gegenteil: Das hat ihn eher unsympathisch gemacht, weil er mit seinen Fälschungen viel Schaden angerichtet hat.  

Brehmer:  Born hat bis zum Schluss nicht eingestanden, etwas falsch gemacht zu haben, sondern die Schuld immer anderen zugeschoben. Interessanterweise gilt das auch für „Stern TV“. Auch dort hat niemand eigenes Fehlverhalten eingeräumt. Gleichzeitig besteht die Versuchung, Born sympathisch zu finden, weil er wie ein Underdog wirkt, der gegen ein großes System antritt. Ich glaube aber, dass man damit der Wahrheit nicht gerecht wird. Man muss auch sagen, dass er schlicht ein Betrüger war, der Geld verdienen wollte und dabei weder Verantwortung noch journalistischen Ethos kannte.

Bei der Kröten-Story bestätigt ein echter Wissenschaftler, dass man vom Krötenlecken high werden könne. Im Beitrag fehlt allerdings sein Hinweis, dass man ungefähr tausend Kröten lecken müsste, um den Rauschzustand von einem Bier zu erreichen. Hat denn nie jemand bei „Stern TV“ angerufen und gesagt: Ich wurde da falsch zitiert?

Brehmer: Wir können das natürlich nur mutmaßen. Fakt ist: Damals gab es eine andere Datenlage. Es gab nicht das Internet, und die Beiträge wurden einmal ausgestrahlt, teilweise wiederholt – und das war es. Ob dieser Forscher damals angerufen und gesagt hat, dass er falsch dargestellt wurde, wissen wir nicht. Es war halt eine starke Geschichte und die Quote hat gestimmt.

Michael Born hat mit seinen Fälschungen auch Unternehmen geschadet, etwa in dem Beispiel aus eurem Film, in dem er in Indien einen Raum gemietet und dort angeblich Kinder beim Weben von Ikea-Teppichen gefilmt hat. Haben sich Unternehmen wie IKEA in solchen Fällen nicht beschwert und gesagt: Ihr könnt doch nicht einfach behaupten, wir hätten Kindersklaven in Indien?

Brehmer: Nach der Ausstrahlung saß der IKEA-Chef bei „Stern TV“ im Studio, und Günther Jauch fragte ihn, ob so etwas bei ihnen passieren könne. Er antwortete sinngemäß, er wisse es nicht, habe erst durch den Beitrag davon erfahren und man werde nun alle Lieferketten genau überprüfen. Allein diese Reaktion hat den Beitrag indirekt wieder validiert.

Rost: IKEA hat sich später beschwert, daraufhin wurde das überprüft, und man hat festgestellt, dass im Film kein einziger echter Webvorgang gezeigt wird. Am Ende ist der Beitrag dann nicht mehr wiederholt worden, und das war es im Grunde. Born durfte weiter Beiträge machen. Auch nach dem Gerichtsurteil sind die Quoten von „Stern TV“ keinen einzigen Tag eingebrochen. Selbst die Feststellung des Gerichts, dass der Betrug am Zuschauer nicht strafbar ist, ist – persönlich finde ich das einen Skandal – letztlich ohne Konsequenz geblieben. Man hat die Sendung einfach weitergeschaut.

Er wurde aber zu vier Jahren verurteilt, wofür eigentlich, außer dem Erschießen der Katze?

Brehmer: Urkundenfälschung, Fahren ohne Führerschein, das Zeigen verfassungswidriger Kennzeichen, denn obwohl das Hakenkreuz im Ku-Klux-Klan-Beitrag falsch herum war, wurde er wegen Volksverhetzung verurteilt. Und nicht wegen Betrugs am Zuschauer, aber doch wegen Betrugs in anderen Fällen. Das hatte sich über die Zeit so aufgestaut. Er hat damit den Staatsapparat durchaus beschäftigt. Sobald es etwa um Drogenkuriere ging, wurden Sondereinheiten eingerichtet, um den Hintergründen nachzugehen. Auch beim Ku-Klux-Klan gab es eine Sondereinheit, die den angeblichen Klan in der Eifel ausfindig machen sollte. In diesem Sinne hat er tatsächlich staatliche Ressourcen in erheblichem Maß gebunden.

Dem Fälscher Michael Born werden vor Gericht die Handschellen abgenommen.
Vor Gericht: Michael Born wurde unter anderem wegen Urkundenfälschung und Betrugs zu vier Jahren Haft verurteilt.Screenshot: Born to Fake

Als Freigänger hat ihn dann sein Freund, der Filmemacher Roland Berger, eingestellt, der euch auch das Material zur Verfügung gestellt hat. Berger sagt in eurem Film, dass Michael Born eigentlich nichts konnte – weder Ton, noch Licht, noch Kamera. Hat sich die deutsche Fernsehnation über Jahre von einem kompletten Amateur verarschen lassen?

Beide: Ja.

Brehmer: Die Definition eines Amateurs ist jemand, der es nie gelernt hat. Wir hatten unglaubliche Probleme mit dem Einspielen des Materials: Timecode-Sprünge, schwarze Stellen – weder in der Bildgestaltung noch technisch wurden Standards eingehalten. Man kann also sagen, dass Michael Born bis zu seinem Tod ein kompletter Amateur war.

Rost: Alles ist verwackelt, es beginnt erst bei Minute 30 zu laufen, dann kommt ein kurzes Privatvideo, dann wieder etwas anderes. Er war extrem schlampig.

Apropos Schlampigkeit: Im Beitrag über angebliche PKK-Bombenbauer behauptet Born, in die kurdischen Berge gereist zu sein, obwohl er alles in Deutschland gedreht hat. Auch aus anderen Ländern gibt es fragwürdige Beiträge. Wären solche Fälschungen nicht früher aufgeflogen, wenn in den Redaktionen mal jemand die jeweiligen Sprachen gesprochen hätte?

Rost: Ich hatte ein Filmscreening in einer siebten Klasse. Bei der PKK-Szene rief ein Junge plötzlich: „Das stimmt ja gar nicht, das ist falsch übersetzt, er sagt etwas ganz anderes.“ Danach haben wir darüber diskutiert, wie leicht man allein durch falsche Übersetzungen manipulieren kann. Die Klasse hatte einen hohen Migrationsanteil mit vielen unterschiedlichen Sprachen – deshalb war das Thema für sie besonders relevant. Born hat teilweise auch in Kriegs- und Krisengebieten Menschen falsch übersetzt, zum Beispiel Kinder interviewt, die ihm freudestrahlend etwas erzählt haben. Und dann hat er übersetzt, der Vater sei am Fenster gestanden und ihm sei dann in den Kopf geschossen worden. Und eigentlich war schon im Gesicht des Kindes abzulesen, dass das überhaupt nicht das ist, was es gerade erzählt hat.

Brehmer:  Er hat oft nur das Rohmaterial abgegeben, die Beiträge wurden von anderen Redakteuren fertiggestellt. Ein Beispiel ist „Bomben auf Jerusalem“, für den er auch angeklagt wurde. Ein Redakteur von „Stern TV“ hatte ihm geraten, ein Bombengeräusch von der CD einzuspielen, weil sie keine Explosion gedreht hatten. Das wurde dann über die Szene eines Marktplatzes gelegt, auf dem die Menschen aber unabhängig von dem Bombengeräusch normal weiterlaufen. Verurteilt wurde Born dafür nicht, weil der Richter sagte, die Einflussnahme der Redaktion sei so groß gewesen, dass man nicht sagen könne, er habe die Redaktion bewusst hinters Licht geführt.

Gleichzeitig haben wir bei der Arbeit am Film gesehen, dass viele Fälschungen nie aufgeflogen sind. Born hinterließ Post-its an seinem Material, auf denen Beiträge und unentdeckte Fälschungen vermerkt waren. In den RTL-Archiven müsste zum Beispiel noch ein Beitrag mit dem unschönen Titel „Kinderficker in Bangkok“ liegen, den er gemeinsam mit einem Kollegen komplett inszeniert hat und der dort als authentisch archiviert ist. Es wäre spannend zu sehen, was da noch alles unentdeckt geblieben ist.

Das Material rücken sie aber nicht raus?

Brehmer: Wir haben gar nicht erst angefragt. Das macht keinen Sinn, weil leider RTL und der ehemalige Chefredakteur und all die Kolleginnen und Kollegen, die mit Born zusammengearbeitet haben, bis heute schweigen.

Rost: Tatsächlich haben wir auch Günther Jauch angefragt, aber da kam nichts zurück.

Der Name Günther Jauch wird heute kaum noch mit Michael Born verbunden. Wie ist er aus der ganzen Sache glimpflich herausgekommen?

Brehmer: Jauch selbst hat danach nie wieder darüber gesprochen, und auch die Beteiligten haben gesagt: Wir reden darüber nicht mehr. Der Skandal ging einmal 1996 durch die Presse, danach war er im Grunde vorbei und andere Themen rückten nach.

In eurem Film kommt Günther Jauch dann aber auch ganz glimpflich davon. Warum eigentlich?

Brehmer: Uns ging es um die Frage: Warum glauben wir, was wir sehen? Wie war das damals und wie ist es heute? Im Zentrum stand deshalb nicht nur die Verantwortung der Redaktion, sondern auch unsere Rolle als Publikum: Wie kritisch sind wir, wie sehr hinterfragen wir, und inwiefern sind wir selbst Teil der Wahrheitsfindung?

Der Moderator Günther Jauch steht beim Prozess gegen Michael Born vor Mikrofonen und gibt ein Interview.
Günther Jauch war Chefredakteur von Stern TV, als Michael Born dem Format Beiträge lieferte. Jauch hat bis heute jedoch jede Verantwortung bestritten. Screenshot: Born to Fake

Rost:  Es geht darum, was wir daraus für unser Zusammenleben heute lernen können. Dabei spielt Medienkompetenz eine große Rolle – also die Frage, wie wir Bilder und Aussagen beurteilen. Darüber hinaus geht es darum, was Journalismus leisten muss, um Vertrauen zurückzugewinnen, und welche Rolle Politik und Gesetzgebung in Zeiten von KI spielen. Uns war diese Brücke zwischen den 90ern und heute wichtiger, als einzelne Personen wie Günther Jauch anzuklagen.

Brehmer: Wir lassen Günther Jauch im Film ja nicht außen vor. Die peinlichen Dinge, die er damals gesagt hat, kommen durchaus vor. So hat er vor Gericht eidesstattlich versichert, dass er die Fälschungen nicht hätte erkennen können, weil er noch nie einen Schnittraum von innen gesehen habe.

Übermedien: Vielleicht ist es ja wirklich nicht Jauchs Verantwortung als Moderator, zu wissen, was im Schnittraum passiert?

Benjamin Rost: Es ist aber die Verantwortung eines Chefredakteurs, sein Programm im Griff zu haben.

Erec Brehmer: Sich auf diese Art herauszureden, ist blamabel, und das hat er sich selbst zuzuschreiben. Aber wenn wir Günther Jauch hätten vorführen wollen, hätten wir sicher einen anderen Film gemacht.

Heute verbreitet sich auf Social Media viel offensichtlich gefälschter AI-Slop, der aber von vielen geglaubt wird. Ist das die gleiche Dynamik wie damals bei Michael Born: dass Menschen Dinge glauben, weil sie sie glauben wollen?

Rost: Wir haben auf Instagram Fälschungen von Michael Born gepostet, auf denen sogar mitten im Bild „Fake Nummer 1“ steht. Trotzdem wird unter dem Katzenjäger-Beitrag kommentiert: „Ja, recht hat er“ oder „Ich bin Jäger, so und so viele Katzen dürfen geschossen werden.“ Selbst wenn etwas eindeutig als Fälschung gekennzeichnet ist, wird es nicht unbedingt erkannt. Wir glauben offenbar auch das, was wir glauben wollen.

Brehmer: Wir sind gerade – ähnlich wie in den 90ern mit dem Privatfernsehen – wieder in einer Art Goldgräberstimmung. Jetzt bekommen wir Bilder aus Algorithmen statt aus der realen Welt, und wir müssen erst lernen, damit umzugehen – Zuschauer ebenso wie Filmschaffende.

Gleichzeitig kommen Bilder auf uns zu, die keine Beweiskraft mehr haben, diese aber weiterhin für sich beanspruchen. Und wir erwarten von den Zuschauern, dass sie genug Medienkompetenz besitzen, um damit umzugehen – das ist illusorisch. Entscheidend ist deshalb nicht nur Transparenz, sondern auch, die Zuschauer von Anfang an mitzudenken. Film und Medien sind immer ein Dialog zwischen Sendenden und Zuschauenden.

Deshalb zeigt euer neuer Film nicht nur die fertige Schnittszene, in der jemand ins Bild läuft, sondern auch die Inszenierung, wie ihr das aufnehmt.

Rost: Wobei das natürlich eine sehr einfache Ebene ist, die zum Nachdenken anregen soll. Gleichzeitig gibt uns Hoffnung, dass eine Generation von Digital Natives heranwächst, die ein Gefühl dafür hat, ob etwas echt ist oder nicht. Am Ende des Films haben wir einen KI-Deepfake von Michael Born eingebaut. Vor zwei Jahren erkannte ein Testpublikum zu 80 Prozent nicht, dass es KI war. Heute bekommen wir dafür von jungen Leuten teilweise sogar kleine Shitstorms, weil sie sagen, wie schlecht dieser KI-Deepfake sei.

Heute würde das technisch schon sehr viel besser gehen, oder?

Rost: Es ist ja auch gut, dass wir mittlerweile einen viel besseren Blick dafür haben und das auch Teil der Medienkompetenz ist. Aber es geht einfach viel zu schnell, als dass wir da in der Geschwindigkeit wirklich mitkommen und das dann zuverlässig bewerten können.

Brehmer:  Es macht mich auch wütend, zu sehen, dass es offenbar ausreichen soll, KI-Inhalte als solche zu kennzeichnen. So funktioniert der Mensch nicht. Man geht raus und erinnert sich an die Bilder, aber nicht daran, dass darunter „KI“ stand. Wir leben plötzlich in einer Zeit, in der teilweise falsche historische Dokumente zu Illustrationszwecken erstellt werden.

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Terra X auf ZDF macht so was gerne, also eigentlich ein seriöses Format.

Brehmer: Ja, auch da. Das mögen auf den ersten Blick banale Beispiele sein: Muhammad Ali und Bruce Lee treten plötzlich gemeinsam in Wettkämpfen gegeneinander an. Aber das sind komplett falsche historische Dokumente, die ins gesellschaftliche Bewusstsein eindringen.

Ich habe vor Kurzem eine Dokumentation geschnitten, in der eine Hitler-Rede in ein Propagandavideo eingebettet war. Mehrere Experten konnten nicht eindeutig sagen, aus welcher Rede der Ausschnitt stammt. Genau das wird in Zukunft ein großes Problem sein: überhaupt noch nachvollziehen zu können, was die Quelle eines Bildes oder Videos ist. Darin liegt die Gefahr, in der wir schon heute stecken. Unser Zugang zur Wahrheit über Medien hat sich bereits massiv verändert – und vielen Menschen, auch vielen Medienschaffenden, ist das noch gar nicht bewusst.

Wenn ich dieses Gespräch für die Veröffentlichung kürze, wird das, was die Leser*innen bei Übermedien lesen, nicht ganz dem Wortlaut unseres Gesprächs entsprechen. Ist das schon in gewisser Hinsicht intransparent?

Rost: Ich finde die Frage gerade bei Wortlautinterviews spannend. Ich komme nicht aus dem Print und meine naive Vorstellung war lange, dass dort tatsächlich der Wortlaut abgedruckt wird. Das ist natürlich völlig illusorisch bei der Wortmenge, die wir hier auf euch einprasseln lassen.

Brehmer: Damit sind wir wieder beim Kernpunkt: Glauben wir, was wir sehen, weil wir der Quelle vertrauen? Man wird niemals die Realität oder die absolute Wahrheit abbilden können. Es geht immer um eine Annäherung an Wahrheit – und die hat viel mit Vertrauen zu tun.

6 Kommentare

  1. Großen Dank — für das Gespräch –und vor allem, dass Ihr den lieben Lesern nicht einfach einen Podcast liefert — ich höre keine Podcasts — auch die hier leider häufigen. Und schade –dass es die vielen spannend klingenden Beiträge in Neues vom Ballaballa Balkan nur zum Hören gibt

  2. @das ich

    Warum nicht? Ich selber finde die Einteilung von Tieren in „essbar“ und „wie kann man nur?“ zwar eher irrational, aber für einen Fernsehbeitrag eine Katze zu besorgen, um sie abzuknallen, dürfte deutlich außerhalb der Norm gesellschaftlich akzeptierter Verhaltensweisen liegen. Insofern erscheint mir ein „Oh Gott“ (welches nicht zwangsläufig große Betroffenheit ausdrückt, sondern auch einfach Überraschung, Ungläubigkeit oder Ablehnung transportieren kann) als Reaktion darauf nicht so wahnsinnig weit hergeholt.

  3. @das ich
    Ja, echt jetzt.
    Wie z.B. durch den Great British Psychopath Survey bekannt, arbeiten bei Funk und Fernsehen tatsächlich überdurchschnittlich viele Psychopathen. Bekanntlich auch charakterisiert durch mangelnde Empathie und soziales Gewissen… da erschießt man dann auch mal Katzen für einen Fernsehbeitrag und erzählt seiner Schwester, dass man das ja nie machen würde. Und wird von jemandem, den man nur belogen hat, für seinen besten Freund gehalten.

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