Vom Verzicht auf Fleisch und auf Selbstgerechtigkeit

Für sein Buch „Die Bibel und ich“ versuchte der amerikanische Autor AJ Jacobs, ein Jahr lang nach den Regeln der Bibel zu leben, jeweils ein halbes Jahr nach denen des Alten und des Neuen Testaments. Im Zuge seiner Recherche entwickelte er so etwas wie eine Obsession für die verschiedenen Übersetzungen und Auslegungen des Buches, und er beschreibt in einer wunderschönen Szene die Erschöpfung eines flüchtenden Zeugen Jehovas, der anderthalb Stunden vorher an seiner Haustür geklingelt und die Frage gestellt hatte: „Wollen Sie mit mir über die Bibel reden?“ Jacobs wollte unbedingt. Und sein tiefes, quasi unstillbares Interesse schaffte den Mann.

Im „Vegan-Magazin“ berichtet eine als Tierrechtsaktivistin anmoderierte Kolumnistin, wie sie einen Zeugen Jehovas zwar nicht in die Wohnung lässt, aber nach draußen verfolgt und ihm erklärt, er käme nicht in den Himmel, weil er Auto fahre und vor allem Fleisch esse. Mit spürbarer Befriedigung erzählt sie von ihrer schlagfertigen Performance im Angesicht des Unrechts, und bringt mich so in die schwierige Situation zu erklären, dass ich es angenehmer finde, wenn Kolumnisten in ihren Kolumnen die Verlierer sind*. AJ Jacobs ist so witzig, weil er dem Zeugen Jehovas mit echtem Interesse begegnet. Die Tierrechtsaktivistin begegnet ihm mit selbstgerechter Überheblichkeit.

„Wir ,hassen’ nicht die ,Fleischesser’ und Vegetarier, sondern laden sie ein vegan zu leben“, steht im Redaktionsstatut des „Vegan Magazins“, das im Impressum abgedruckt ist. Ich persönlich begrüße es total, wenn Redaktionen ein Statut haben, oder zumindest ein Selbstbild. Ich finde es mutig und gut, das auch noch zu veröffentlichen. Aber weiter hinten im Heft passiert dann Folgendes: Ein Autor (oder eine Autorin) mit dem Pseudonym „Momo“ fährt nach Bayern, um von einem Bauern zwei Kühe abzuholen, um sie vor der Schlachtung zu retten und auf einem „Lebenshof“ unterzubringen. Der Bauer – „Er wirkt nett“ – sagt ihm oder ihr, die Tiere reagierten oft unwillig, wenn es auf die Reise zum Schlachthof gehe, wahrscheinlich seien sie gar nicht so dumm, wie immer behauptet werde. Und dann kommt das:

„Bei diesem Satz wird mir klar, dass dieser Mensch in einer komplett anderen Welt lebt als wir. Sein Bild von Tieren unterscheidet sich grundsätzlich von unserem. Nie würde ich davon ausgehen, dass Tiere ,dumm’ sind. Sie sind anders als wir, sprechen eine eigene Sprache, haben andere Fähigkeiten als Menschen. Dumm sind wir Menschen, die sich als Krone der Schöpfung verstehen und und unsere Fähigkeiten dazu benutzen, schwächere Mitgeschöpfe zu unterdrücken, sie auszubeuten und dabei unsere eigene Lebensgrundlage zu zerstören. Für diesen Landwirt aber sind die Tiere anscheinend nicht sehr viel mehr als ,willenlose Geschöpfe’, mit denen er den Lebensunterhalt für sich und seine Familie verdienen musste. […] Trotzdem ist es auch in diesem Fall nicht so einfach möglich, alles in Schwarz und Weiß aufzuteilen, in Gut und Böse. Es fällt mir schwer, Hass für diesen Menschen zu empfinden.“

Die Auslassung kurz vor dem Ende beinhaltet einen Abschnitt darüber, dass der Bauer zwar ganz zufrieden scheint, dass die Kühe nicht geschlachtet werden, er das aber hätte machen lassen, wenn nicht Momo und Co. aufgetaucht wären. Und trotzdem: „Es fällt mir schwer, Hass für diesen Menschen zu empfinden.“ Na, Halleluja, er oder sie entschuldigt sich fast dafür, den eigentlich angemessenen Hass nicht aufbringen zu können.

Ich habe aus der ganzen Palette von Veganer- und Vegetarier-Magazinen das „Vegan Magazin“ ausgesucht, weil es auf den ersten Blick am professionellsten aussah, und gleichzeitig ein bisschen wie die Karikatur eines Lifestyle-Magazins, nämlich eines, das gerade noch heutig aussieht, aber exakt vor einem Jahr einen optischen Relaunch gebraucht hätte. Außerdem ist Richard David Precht drauf, und seine Haut sieht aus wie Marzipan. Ich dachte, das sei vielleicht ein subtiler veganer Gag. Es gibt auch tatsächlich so etwas wie eine Pin-Up-Strecke im Heft, nämlich ein glückliches Ferkel, das über eine Wiese läuft. Wieder und wieder. Ich fürchte nur, die meinen das alles ernst.

Das „Vegan Magazin“ ist dann auch kein professionelles Heft, sondern eher Content-Marketing einer Veganerlobby mit den Mitteln eines Lifestyle-Magazins (der Chefredakteur und Herausgeber ist der Vorsitzende eines Veganer-Verbandes), das Heft strotzt vor Rechtschreibfehlern, die Brotschrift** ist gemein zu lesen, und ich habe im gesamten Heft keine einzige eigene gestalterische Idee entdeckt. Und jetzt lassen wir das alles mal kurz und bewegen uns eine Ebene höher, aus meiner eigenen Komfortzone heraus, weil ich mich hier nämlich auch gerade in Selbstgerechtigkeit suhle.

Ich habe keinen Zweifel, dass – wie schon die Titelzeile mit einem Zitat aus dem Interview mit dem Philosophen Precht sagt – Veganer recht haben. Ich bin keiner, nichtmal Vegetarier***, aber ich bin überzeugt, dass es dem Planeten und seinen Bewohnern hilft, wenn wir weniger oder kein Fleisch essen. Dieses Heft vertritt das zwar mit einer Radikalität, wie sie nur Konvertiten aufbringen, aber dass sie mir dabei so auf den Sack gehen können, zeigt ja nur, dass ich mich von ihnen erwischt fühle. Es hindert mich ja keiner daran, kein Fleisch mehr zu essen, und wenn ich es trotzdem tue, muss ich damit leben, dass ich möglicherweise nicht die besseren Argumente auf meiner Seite habe. Es fällt mir aber wahnsinnig schwer. Es ist viel einfacher, mit wirklich einseitiger Präzision die Stellen in ihrer Argumentation zu suchen und zu finden, bei der sie scheiße aussehen. Das geht, wie ich es ja oben vorgeführt habe.

Mich interessiert das, weil ich glaube, dass wir gerade alle genau das mit den gemäßigten Anhängern der neuen Rechten machen****. Ich glaube nicht, dass die meisten Wähler der aus meiner Sicht tief rassistischen und nationalistischen AfD überzeugte Rassisten und Nationalisten sind. Trotzdem folgen sie denen. Und wir beschimpfen sie dafür. Nicht besonders erfolgreich.

Ich würde behaupten, wenn bei jedem Stück Fleisch, das ich esse, jemand mir ruhig und sachlich erklären würde, wie es entstanden ist, wie das Tier behandelt wurde und was die Folgen davon sind, würde ich nur sehr wenig Fleisch essen und vielleicht irgendwann ganz damit aufhören. Natürlich ist das ein bisschen bizarr, denn ich glaube, ich weiß einigermaßen gut Bescheid und ernähre mich auch einigermaßen bewusst. Wenn ich mein Essen selbst kaufe, also nicht auswärts esse, dann kaufe ich praktisch kein Fleisch und keine Eier aus Massentierhaltung, weil mir die Probleme im Prinzip bewusst sind. Im Prinzip bewusst heißt aber nicht, dass ich sie brennend präsent im Bewusstsein habe, wenn ich irgendwo sitze und Hunger habe.

Mein Problem mit jenen Veganern, die ihren missionarischen Eifer in meiner Umgebung ausleben, ist eigentlich ein Problem mit deren Frustration darüber, dass ich ein mir bewusstes Problem oftmals ausblenden kann. Sie versuchen, das zu verhindern, indem sie mich anschreien, wenn sie die Gelegenheit dazu haben. Und in dem Moment habe ich vor allem eins präsent im Bewusstsein: Dass ich echt ungern angeschrien werde. Dann wehre ich mich dagegen, etwas anzunehmen, von dem ich glaube, dass es inhaltlich richtig ist, weil mir die Form der Darreichung nicht passt. Ich sage nicht, dass mein Verhalten schlau oder logisch ist. Aber für einigermaßen menschlich halte ich es schon.

Das ist also mein Fazit: Wir werden an jeder einzelnen Stelle in möglichst zu sachlicher Kommunikation einladender Form die Menschenverachtung und die Schwachsinnigkeit von jedem Vorschlag und Antrag, jeder Behauptung und all dem anderen Unsinn erklären und darlegen müssen, den die Feinde der Demokratie und einer bunten, freien Zivilgesellschaft einbringen. Das wird so unfassbar nervig und anstrengend, dass ich fast lieber Veganer werden würde, als das durchzumachen, aber Demokratie ist eben, wenn Demokraten morgens aufstehen und was dafür tun.

Zum „Vegan Magazin“ vielleicht noch das: Es ist im Heft eine Modestrecke, nicht besonders spannend, aber es wird nirgendwo erwähnt, dass die abgebildete Mode natürlich komplett vegan ist. Das mag ich: Einen Lifestyle vorführen, der geil ist, und der ist völlig selbstverständlich vegan, darüber muss man gar nicht reden, nicht dauernd erklären, warum das geil ist. So gehört das gemacht.

Aber wenn ihr noch einmal „Vashion“ statt Fashion aufs Cover schreibt, töte ich diese Babyrobbe!

Vegan Magazin
Christian Vagedes
5,90 Euro

*) Immerhin ist diese Situation für mich nicht gewinnbar. Ich würde sagen, das spricht für mich, mach ich aber nicht, weil das ja dann wieder …

**) Ich kehre mal wieder in die alte Gewohnheit zurück, hier ein Proseminar Zeitschriftenslang abzuhalten. Brotschrift ist die, in der die Lauftexte gesetzt sind (die auch „Mengentext“ heißen können).

***) Falls es tatsächlich irgendwen interessiert: Ich habe in jüngeren Jahren knapp drei Jahre in der biodynamischen Landwirtschaft gearbeitet und bin nach wie vor ein Anhänger, und zwar ja, auch von dem esoterischen Teil. Ich versuche, so weit ich kann, diese Form von Landwirtschaft zu unterstützen indem ich ihre Produkte kaufe (Demeter zum Beispiel), auch das Fleisch (gerade das). Ansonsten kaufe ich „konventionelles“ Bio.

****) Dies ist eine Gedenkfußnote, anhand der ich nur einmal sagen möchte, dass mir bewusst ist, wie nervig es ist, dass wir noch keine klickbaren Fußnoten haben. Geil, oder?

13 Kommentare

  1. Mir gefällt die selbstreflektierte und augenzwinkernde Art des Autors, dem zwar die ein oder andere eigene Augenwischerei bewusst ist, sie ihn aber nicht in Panik verfallen lässt.
    Zudem gefällt mir der kleine Transfer zur Politik. Und das Fazit. Allerdings musste ich dessen ersten Satz mehrmals lesen. Hier fordere ich ganz klar: Zu der zu sachlicher Kommunikation einladenden Form zählt die sprachliche Einfachheit ;-)

  2. Der Artikel ist zwar interessant, aber irgendwie ein bisschen wirr…es kommt nicht so richtig raus worauf der Autor raus will, um ehrlich zu sein. Also ich kann’s mir zusammenreimen, aber irgendwie wirkt der Aufhänger etwas konstruiert. Gut ich habe verstanden, wenn man andere von seiner Meinung überzeugen möchte (z.B. AfD Anhänger), dann sollte man sachliche Argumente anbringen, geduldig sein, nicht missionieren, nicht verurteilen, nicht pöbeln. Das ist zwar wahr und richtig, hätte man aber glaub besser transportieren können (und ob der Autor dass „Vegan“ Heft jetzt gut oder schlecht findet, ist mir auch hinterher nicht klar ;-)). Was das angeht, möchte ich aber noch anmerken, dass ein Meinungsaustausch auf gleicher Ebene funktioniert, setzt aber auch voraus, dass der Gegenüber AUCH offen ist. Der Autor hier beschreibt sich selbst als durchaus schon offen für Argumente von Veganern (solange sie nicht mit dem missionarischen Holzhammer kommen), wenn der Gegenüber aber selber schon völlig fanatisch und unzugänglich pöbelt, kommt man aus meiner Erfahrung auch mit sachlichen und offenen Argumenten nirgendwo hin.

  3. Es rührt mich immer sehr an, wenn Menschen sich nicht scheuen, auch einer breiteren Öffentlichkeit ihre Essgewohnheiten darzulegen.
    Deshalb: Vielen Dank für diese schonungslose Lebensbeichte. Es sollte mehr mutige Menschen wie Michalis Pantelouris geben!

  4. „***) Falls es tatsächlich irgendwen interessiert: Ich habe in jüngeren Jahren knapp drei Jahre in der biodynamischen Landwirtschaft gearbeitet und bin nach wie vor ein Anhänger, und zwar ja, auch von dem esoterischen Teil.“

    Boah, der letzte Halbsatz ist ja mal eine ernüchternde kalte Dusche für den man-crush, den ich seit Monaten für MP hege… Thx, I guess?

    Aber mal was anderes: Wiederholt ist mir anderer Stelle (bei jetzt.de, wo ich – Offenlegung – aus unerfindlichem Grund relativ regelmäßig reinschaue. No, really!) unangenehm aufgestoßen, dass es in den Artikelkommentaren dort vermehrt User gibt, die unter jedem zweiten verdammten Artikel, egal wovon der handelt, immer gleich auf das Thema Flüchtlinge/Islam/Kriminalität umschwenken wollen. Und das geht mir auf den Sack!

    Nun sehe ich hier dasselbe Phänomen, nur nicht in den Kommentaren (kommt bestimmt noch…), sondern bereits im Artikel selbst. Besprechung eines Veganerheftes, und plötzlich geht’s darum, wie „wir alle“ mit der Neuen Rechten umgehen. Zum Glück nur einen Absatz lang. Ok, zwei. Hatte bei der Fußnote**** vor dem mühevollen Runterscrollen schon fest erwartet, dass MP genau das selbst auf die Schippe nimmt, aber nee. Doch kein Seelenverwandter, offensichtlich.

    Jetzt bin ich zwiegespalten, weil ich diese Kolumne unter anderem eben deswegen so mag, weil der Autor durchaus gerne mal etwas gedankenströmend abschweift. Die dabei vorbeiströmenden Gedanken finde ich generell – und auch in diesem Fall – durchaus erhellend, und die ganze Schose gewinnt dadurch, Win-Win möchte ich sogar fast sagen!1!

    Aber Mann ey, (oder sagt man heute „man ey“?), auch wenn das Thema voll wichtig ist und so, ich finde es echt SO ermüdend, dass anscheinend kein Gesprächsstoff mehr weit genug entfernt davon sein kann, dass man nicht befürchten muss, mit einer Rolle rückwärts doch wieder bei AfD/Islam/Deutschlandquovadis zu landen. :-P

    So. Genug gequengelt. Möchte auch niemanden davon abhalten, die wirklich wichtigen Dinge zu besprechen, aber ich gucke jetzt erstmal noch ein wenig Ferkelchen beim Grünewiesehoppeln zu. Yay! =D

  5. Ich finde das Phänomen Vegetarier/Veganer sehr interessant und habe das Gefühl, hier werden ein paar wichtige Aspekte ausgeblendet(*). Es gibt nicht die Vegetarier, die Veganer. Und ich denke, wir würden uns allen einen Gefallen tun, wenn wir wir weniger strikt in dieser Kategorien dächten. Das muss man nämlich vornehmlich in nur einer Situation: Wenn man für sie kocht. Unter Umständen auch, wenn man mit Ihnen auswärts essen geht, aber das wird jeden Tag weniger zum Problem, weil es immer einfacher wird, sich hierzulande(**) speziell(***) zu ernähren.

    (1) Es gibt Menschen, die Fleisch nicht sonderlich mögen. Für diese Menschen ist eine vegetarische Ernährung eine Notwendigkeit, wenn sie ihr Essen körperlich genießen wollen.

    (2) Es gibt andere Menschen, die Fleisch sogar sehr mögen, aber ein moralisches Problem in der Beschaffung sehen. Das gliedert sich wieder auf: Einige sagen, man solle keine Tiere essen, weil Tiere nicht durch Menschenhand sterben sollten (dieser Punkt ist nicht nur bei Fleisch sondern auch bei Eiern relevant wegen der männlichen Küken); andere sagen, sie stört damit häufig einhergehende, potentiell unnötige Qual für die Tiere.

    (3) Die Vorgänge in der Fleischverarbeitung sind aber auch schon als derart unappetitlich beschrieben worden(****), dass man hier eine weitere Gruppe von denen findet, die Fleisch äßen, ihnen gewisse Bilder aber den Appetit verderben.

    Wenn man sich z.B. diese grobe Einteilung in drei Gruppen ansieht, versteht man, dass ihre Werte und Motive im Allgemeinen sehr unterschiedlich sein werden, und deswegen auch die Auseinandersetzung. Für einen Vertreter der Gruppe (1) gibt es a priori keinerlei Gründe, den Fleischkonsum eines anderen zu verurteilen oder dabei nicht zugegen sein zu wollen. Ein Vertreter der Gruppe (2) könnte einen Omnivoren hingegen für seine moralische Schwäche verachten und um seine größere Handlungsfreiheit beneiden(*****).

    Diese empfundene moralische Schwäche des Gegenüber kann ausreichen, um sich überlegen zu fühlen, und den etwaigen Neid auf die Fähigkeit, Fleisch zu essen (siehe noch einmal vorherige Fußnote) ausgleichen. Tut sie das nicht — ist der Neid zu groß oder das Überlegenheitsgefühl zu gering, gibt es damit einen Anreiz, die Moral zu thematisieren, den Omnivoren zu kritisieren, und somit das Selbstwertgefühl weiter zu steigern.

    So kann man, denke ich, erklären, weshalb Omnivoren Menschen der Gruppe (2), und vereinfacht dann sämtliche Vegetarier und Veganer, häufig — nicht notwendigerweise zu Unrecht — als anstrengend empfinden.

    Ein Fehler, den Omnivoren dabei häufig machen, ist von einem Menschen, der der Einfachheit oder dem Bedürfnis dazugehören zu wollen wegen entsprechende Labels auf sich anwendet, absolute Konsequenz zu erwarten. Die harte in-or-out-Linie festigt die Trennung zwischen falschem und richtigem Handeln noch und spielt damit dem Moralapostel in die Hände.

    (*) Eigentlich ist das hier ja auch eine Heftkritik; aber irgendwie geht es auch gleichzeitig um alles. Und wenn es um alles geht, darf einiges nicht fehlen.
    (**) das ist nicht überall so
    (***) also z.B. vegetarisch, oder vegan; aber auch glutenfrei oder laktosefrei, obwohl das wieder ein ganz anderes Thema ist
    (****) z.B. was die in Chlor gebadeten Hühner in Jonathan Safran Foers “Eating Animals” anbelangt
    (*****) Zugehörigkeit zu den Gruppen (1), (2) und (3) schließt sich natürlich nicht gegenseitig aus. Grund zum Neid gäbe es hier natürlich nur für jemanden, der in Gruppe (2), nicht aber in (1) oder (3) fiele.

  6. #7 Überfall: „Boah, der letzte Halbsatz ist ja mal eine ernüchternde kalte Dusche für den man-crush, den ich seit Monaten für MP hege… “

    So gings mir auch gerade.
    Wobei ich es schon nicht mehr so unangenehm finde nachdem mir bewusst wurde das er den esoterischen Teil erkennt und benennt, sich der Divergenz wahrscheinlich bewusst ist.

  7. Ehrlich gesagt stelle ich mir die Zielgruppenfrage.
    Versteht sich die Zeitung als Veganer-Filterblase in Papierform – wenn ja ist das „Geschrei“ ja kein Problem, weil sich die anvisierte Leserschaft nicht angeschrien fühlt – oder sieht sie sich wirklich mehr als Werbung/Mission, wie dieses Redaktionsstatut behauptet, dann sind die nicht-Veganen die Zielgruppe, und an deren Erreichbarkeit sollte sich das Heft messen lassen.

    Argumente contra Fleisch und contra Eier, Milch etc. sind mir auch bewusst, ich bin aber nicht der Ansicht, dass ich Tieren genausoviel Ethik schulde wie Menschen. Aber meinetwegen kann man ruhig an der Preisschraube drehen, bis wir quieken.

    Und wenn alle Menschen Vegetarier werden, sterben Hausschweine wahrscheinlich nach einer Generation aus. Armes Ferkel.

  8. Das ist Richard David Precht? Hihi. Ich hätte ihn mir nicht so klischeehaft vorgestellt.
    Mir hätte **** ja fast gereicht, um *** wieder auszugleichen. Aber nur fast, halt.
    Freue mich als Feind der Demokratie aber trotzdem auf deine Darlegungen.

  9. Ihre Kritik ist nicht schlecht, aber indem Sie Ihr verhalten als „menschlich“ bezeichnen, kommen Sie auf das eigentliche Problem zu sprechen: es ist „menschlich“, in seinen Gewohnheiten zu verharren, auf ihnen zu beharren. Deshalb musste für die Dinge, die uns heute so selbstverständlich erscheinen – sei es nun das Frauenwahlrecht, die Religionsfreiheit, das Verbot von Kinderarbeit etc. – so lange gekämpft werden: Es gab neben jenen, die umdenken konnten und die Veränderung begrüßten, eben auch jene, die das nicht taten. Und von denen war sicherlich nicht der Großteil radikaler Verfechter der Gegenposition, sondern schlichtweg… zu „menschlich“.

    Ja, es ist „menschlich“, eine Verhaltensweise, von der man eigentlich weiß – und der Autor sagt, dass es ihm bewusst ist -, dass sie nicht gut ist, dennoch beizubehalten, sei es aus Bequemlichkeit, weil es einem Vorteile verschafft oder einfach nur wegen dieses grundsätzlichem Ekel vor Veränderung, der in so vielen Menschen schlummert. Das ist natürlich frustrierend für jene, die sich überwinden konnten. Wie würden Sie reagieren, wenn Sie jemanden argumentativ besiegt haben und diese Person das sogar einsieht, aber das Verhalten dennoch nicht ablegt?

    Es ist die gesellschaftliche Akzeptanz, dass Tiere schlicht „für den Menschen da sind und man alles mit ihnen machen kann“, die viele wütend macht. Und wenn die etablierten Omnivoren sich dann noch dazu als die armen Opfer der bösen Veganer inszenieren, die ihnen das Fleisch wegnehmen wollen, über ihre Gesundheit herziehen (obwohl viele unglaublich viel Müll konsumieren und sich dabei einbilden, dass Fleisch gesund ist, was es nicht ist) und vor allem am laufenden Band saublöde Witze raushauen, die oft irgendwelche Rollenbilder beinhalten… dann ist es nicht abwegig, wenn man selbstgerecht wird. Wenn man die tiefe Überzeugung hat, das Richtige zu tun, und viele von denen, die dies nicht tun, einem bestätigen, das man das Richtige tut, die meisten aber ohne gute Argumente die eigenen Bemühungen heruntermachen – wie kann man da nicht irgendwann selbstgerecht werden?

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