Notizblog (52)

Die hilflosen Versuche von Medien, sich eines Urteils zu enthalten

In Minneapolis erschießt ein US-Beamter eine Frau. Zum Tathergang gibt es zahlreiche Videos, dennoch tun sich vor allem Nachrichtenmedien schwer, eindeutige Tatsachen klar als solche zu benennen.
Das Auto, in dem eine US-Amerikanerin am Mittwoch von einem ICE-Agenten erschossen worden war. Foto: IMAGO / ABACAPRESS

Soviel ist unstrittig: In Minneapolis ist am Mittwochvormittag (Ortszeit) eine Frau am Steuer ihres Autos von einem Beamten der amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE erschossen worden. Doch über den Ablauf des Geschehens gibt es zwei grundlegend widersprüchliche Versionen. Die Regierung behauptet, die Frau habe ihr Auto als Waffe benutzt und den Beamten „gewaltsam und vorsätzlich“ angegriffen, der in Notwehr geschossen habe. Andere behaupten hingegen, die Frau habe versucht wegzufahren und ihr Auto von dem Beamten weggesteuert; er habe noch auf sie geschossen, als er neben dem Auto stand.

Beide Versionen schließen einander aus, und weil es mehrere Videoaufnahmen von der Situation aus verschiedenen Perspektiven gibt, lässt sich auch sagen, welche stimmt: die zweite. Die Behauptungen verschiedener Vertreter der Regierung über den Ablauf sind eindeutig unwahr. Präsident Donald Trump selbst verstieg sich sogar zu der Aussage, der Schütze sei tatsächlich überfahren und verletzt worden. Es ist eine besonders offenkundige Lüge in einer Flut dreister Lügen. 

Das Vorgehen der Trump-Leute erinnert an den berühmten Satz aus Orwells Dystopie „1984“: „Die Partei lehrte einen, der Erkenntnis seiner Augen und Ohren nicht zu trauen. Das war ihr entscheidendes, wichtigstes Gebot.“ 

Der klassische „He-said-she-said-Journalismus“

Aber was ist der richtige journalistische Umgang mit einer solchen Situation? Was können, dürfen, müssen Medien den Lügen entgegensetzen? 

Es gab in diesem Fall, wie in vielen ähnlichen Fällen, zunächst einmal eine Ungleichzeitigkeit zwischen der Diskussion in den sozialen Medien und den Meldungen der klassischen Medien. Während auf Twitter und anderswo schon aufgeregt Videos von dem Vorfall diskutiert und interpretiert wurden, waren die Medien noch im klassischen Nachrichtenmodus. Sie vermeldeten, was die Regierungsvertreter sagten, ergänzt um den Widerspruch der örtlichen Vertreter.

Es ist der typische „He-said-she-said-Journalismus“, mit dem man dem journalistischen Ideal der Neutralität Rechnung tragen möchte, aber in Situationen, in denen die Wahrheit nicht irgendwo in der Mitte liegt, das tatsächliche Geschehen so nur als eine von zwei Möglichkeiten darstellt.

Behauptungen bleiben im „Spiegel“ zunächst unwidersprochen

In diesem Fall wurde die Routine, zwei widersprüchliche Versionen einfach zu referieren, dadurch noch verstärkt, dass der Bürgermeister von Minneapolis, der die Regierungsversion als „Bullshit“ bezeichnete, ein Demokrat ist: Die eine Partei sagt so, die andere sagt so – politikjournalistischer Alltag.

Ein erster „Spiegel“-Artikel gab dabei den Darstellungen der Trump-Behörden sogar besonders viel Deutungsmacht. Er erschien am Donnerstagmorgen, rund 16 Stunden nach dem Vorfall, und beruhte auf Nachrichtenagenturen – es war also kein eigener Bericht eines Korrespondenten oder Fachjournalisten aus der Redaktion. Darin wurden die Behauptungen, die Frau habe versucht, „Einsatzkräfte zu überfahren“, zwar nur in indirekter Rede und mit „soll“ referiert, blieben aber inhaltlich komplett unwidersprochen. Zu diesem Zeitpunkt kursierten schon Videos von dem Geschehen.  

Während sich im Laufe des Donnerstags an vielen Stellen Entsetzen und Empörung breitmachten über den Versuch der Regierung, dem Opfer die Schuld am eigenen Tod zu geben, blieb im „Spiegel“ dieser Artikel vorerst der einzige zum Thema. Es wirkte so, als teile  der „Spiegel“ die Darstellung der Regierung sogar noch.

Die dpa tut sich schwer mit Eindeutigkeiten

In ihrem ersten Korrespondentenbericht am Donnerstag um 0:34 Uhr meldete die Nachrichtenagentur dpa:

„Bei einem Einsatz der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis fallen Schüsse, eine Frau stirbt. Trump spricht von Selbstverteidigung. Lokale Behörden widersprechen ihm inhaltlich.“

Das „inhaltlich“ wirkt wie ein etwas hilfloser Versuch, den Widerspruch als durchaus substanziell und nicht nur performativ darzustellen – er wird aber in der Meldung selbst kaum faktisch unterfüttert.

In späteren Meldungen verwies dpa auf die kursierenden Videoaufnahmen – referierte aber, dass sich beide Seiten auf sie beriefen:

„Der US-Präsident betonte, Videoaufnahmen deuteten auf Selbstverteidigung hin. (…)
Der demokratische Bürgermeister Jacob Frey hatte den Einsatz scharf kritisiert und die Darstellung der Selbstverteidigung nach Sichtung von Videoaufnahmen entschieden zurückgewiesen. (…)
In den US-Medien diskutieren Experten derzeit anhand von Videoaufnahmen vom Ort des Vorfalls, inwieweit der Einsatz gerechtfertigt war.“

Der Frust ist nachvollziehbar

Die Trump-Regierung dominierte die ersten Meldungen der Nachrichtenagenturen, indem sie sehr schnell und mit verschiedenen Vertretern ihre falsche Version des Geschehens verbreitete und als eindeutige Tatsache darstellte – sogar ohne sonst in solchen Fällen übliche Floskeln wie die, dass der Ablauf noch untersucht werden müsste. 

Man würde sich wünschen, dass Medien, die sich in irgendeiner Weise der Wahrheit verpflichtet fühlen, in solchen Situationen genauso schnell und massiv widersprechen würden. Der Frust und die Bestürzung vieler Beobachter, dass dort stattdessen Varianten des „Die einen sagen so, die anderen so“ zu lesen waren, sind nachvollziehbar.

Trotzdem ist es richtig, wenn sich seriöse Medien die Zeit nehmen, die Fakten selbst zunächst sorgfältig zu prüfen, bevor sie sich ein eigenes Urteil erlauben. Umso überzeugender ist das, wenn es dann so geschieht wie im Fall der „New York Times“. Die veröffentlichte am Donnerstagnachmittag deutscher Zeit ein Video, in dem sie das Geschehen mithilfe verschiedener Aufnahmen genau rekonstruierte und unter anderem zeigte, dass der ICE-Beamte nicht überfahren wurde und die Frau nicht in seine Richtung steuerte.

Zurückhaltung zu Beginn ist prinzipiell richtig

Eine bekannte Forderung an Journalismus lautet: „Wenn einer sagt, es regnet, und der zweite sagt, es ist trocken, dann ist es nicht die Aufgabe eines Journalisten, beide zu zitieren, sondern aus dem verdammten Fenster zu schauen.“

Ich glaube, dass es bei anfangs unübersichtlichen Situationen wie der in Minneapolis durchaus richtig ist, zunächst einmal beide Seiten zu zitieren. Das ändert sich aber dann, wenn Analysen wie die der „New York Times“ vorliegen – oder man selbst Gelegenheit hatte, die verschiedenen Videos auszuwerten.

Hätten Medien die falsche, unzulässige, tödliche Überreaktion des Beamten (und die Lügen der Regierung) nicht spätestens dann in deutlichen Worten schildern müssen? In einem Kommentar tat der „Stern“ das beispielsweise am Donnerstagnachmittag unter der Überschrift „Trumps Amerika ist ein Polizeistaat“. 

Wirklich nur „Zweifel“?

In den rein nachrichtlichen Formaten herrschte dagegen immer noch Zurückhaltung vor. Das ZDF etwa schloss aus einer eigenen Videoanalyse am Donnerstagabend nur vorsichtig, dass die Aufnahmen „Zweifel“ an der Darstellung des Präsidenten „aufkommen“ lassen.

Die Formulierung von „aufgeworfenen Zweifeln“ verwendete ebenfalls die Nachrichtenagentur dpa, die in einem Bericht am späten Donnerstagabend auch über die Videoanalysen berichtete – weit hinten, erst im zehnten Absatz: 

„Investigative Analysen von US-Tageszeitungen werfen ebenfalls Zweifel an der offiziellen Darstellung auf, es habe sich um Selbstverteidigung gehandelt. So kommen Videoauswertungen der ‚Washington Post‘ und ‚New York Times‘ zu dem Schluss, dass der ICE-Beamte sich bereits aus der unmittelbaren Gefahrenzone bewegt habe, als er auf die Fahrerin schoss. Das Fahrzeug wurde demnach sichtbar von dem Beamten weggelenkt und die Schüsse erfolgten von der Seite.“

Naive Versuche, sich eines Urteils zu enthalten

Diese Versuche, sich jedes eigenen Urteils über Geschehen zu enthalten und sich aus lauter Unparteilichkeit nicht einmal zu einer Formulierung hinreißen zu lassen, dass bestimmte Behauptungen der Trump-Leute eindeutig widerlegt wurden, wirken naiv und unangemessen angesichts der monströsen Lügen, der Gewalt und der Rechtlosigkeit.

Es ist sicher richtig, auch im Angesicht einer zunehmend faschistisch agierenden amerikanischen Regierung nicht alle Standards in den nüchternen journalistischen Formen aufzugeben. Aber es wäre ein Dienst an der Wahrheit, zumindest so zu formulieren, wie es der „Spiegel“ schließlich am Donnerstagnachmittag tat: „Präsident Trump spricht von Selbstverteidigung. Doch ein Video des Vorfalls zeichnet ein anderes Bild“, heißt es da etwa. Oder: „Die Fahrerin habe ‚absichtlich und bösartig den ICE-Beamten überfahren‘, schrieb Trump auf seinem Netzwerk Truth Social – was nicht stimmt.“  

Das ist, man muss es nochmal wiederholen, keine Meinungsäußerung. Es ist eine Tatsache. Was Trump schrieb, stimmt nicht. Auch ein streng neutraler Nachrichtenjournalismus muss solche Tatsachen formulieren können, wenn er im Dienst der Wahrheit steht.

„Tagesschau“ verpasst die Gelegenheit

Und spätestens, wenn eine Nachrichtensendung wie die „Tagesschau“ nach der Meldung zu ihrem Korrespondenten schaltet, wäre der Moment gekommen, den „Bullshit“ (um mit dem Bürgermeister von Minnesota zu sprechen) auch klar als solchen zu benennen. 

Doch selbst am heutigen Freitag versteckt sich ein Reporter der „Welt“ noch hinter Formulierungen wie dieser:

„Ob der Schütze schießwütig war oder um sein Leben fürchtete, weil das Auto auf ihn zuhielt – diese Frage spaltet Amerika.“

Journalisten könnten diese Frage beantworten. 

14 Kommentare

  1. Bei der WELT habe ich schon vor längerer Zeit es aufgegeben, sie als „Journalismus“ zu betrachten.

  2. das medien herumeiern, nennt man rechtsstaat. es gibt gesetze, die eindeutig stellung zu beziehen verbieten. dass sie einseitig die position der us-regierung verkünden, gehört sich nicht.

  3. @Wolgang Mizelli Es gibt Gesetze, die eindeutig Stellung beziehen verbieten?

    Also, in Europa dürfen Journalisten genau wie alle anderen Menschen die Wahrheit immer noch benennen – insbesondere wenn die Lügen von Trump derart offensichtlich sind. Journalisten müssen wahrheitsgemäß berichten, das ist alles.

  4. Und welches Gesetz verbietet zu schreiben. „Im Video ist zu sehen, wie die Frau vom Beamten wegsteuert während er die Waffe feuert?“

  5. @Wolfgang Mizelli:
    Es wäre genau das Gegenteil von Rechtsstaat, wenn Medien herumeiern müssten und es wäre genau das Gegenteil von Rechtsstaat, gäbe es “ gesetze, die eindeutig stellung zu beziehen verbieten“ würden. Das nennt sich in unserem Rechtsstaat Meinungs- und Pressefreiheitt und findet sich in Art. 5 unseres Grundgesetzes. Lesen Sie’s bitte nach.

  6. Die Medien hat immer Schwierigkeiten, richtig die Fakten zu nennen, wenn es um Polizeigewalt in westlichen Staaten geht.

  7. Ronny Chieng hat es in der Daily Show treffend zusammengefasst:
    „… everybody is arguing about what happened in the seconds leading up to the shooting. But what we really need to be looking at is what happened in the month leading up to the shooting, because something like this was almost inevitable when […] you have ICE promoting itself like this?“
    Darauf folgt eine Sequenz von Werbevideos, mit denen neue ICE-„Agents“ angeworben werden sollen – kulminierend in einer Anzeige, die ein Bild aus dem Videospiel Halo mit dem Slogan „Destroy the Flood“ verwendet.
    https://www.youtube.com/watch?v=a1Yo5Bcpx5c

    Eigentlich sollten wir uns eher fragen, warum nicht noch viel mehr passiert. Und auch das scheint nur eine Frage der Zeit zu sein.

  8. Genau das im Artikel beschriebene Problem (dass journalistisch nicht kommentiert wird, was die Videos tatsächlich zeigen) hat mich auch in der Tagesschau von gestern Abend sehr irritiert. Dort wird ab Minute 5:42 das Video aus der Perspektive des ICE-Agenten gezeigt und nur kommentiert, dass die US-Regierung das als Beleg für Selbstschutz sieht, obwohl das Video das überhaupt nicht zeigt.

    https://www.ardmediathek.de/video/tagesschau/tagesschau-20-00-uhr-10-01-2026/das-erste/Y3JpZDovL3RhZ2Vzc2NoYXUuZGUvZTE0Y2MxY2ItOWRjYS00YzIwLWI2NjQtOWQyZTU2MjQwZmVhLVNFTkRVTkdTVklERU8

  9. ich mutmaße, dass die deutschen Medien eher bemüht sind, nicht in die Schusslinie DTs zu kommen, wie die BBC, und deshalb so agieren, dass ihnen nichts angehängt werden kann.

  10. #11: Jap, da wollte ich auch drauf hinweisen: Leider müssen Medien heutzutage objektiv das Risiko mit in den Blick nehmen, von Trump auf Fantastilliarden verklagt zu werden.

  11. Es ist eine Szene wie aus einer Satire: „Sie kommt direkt auf mich zu!“

    Wobei ich ja schon verstehe, dass man sich nicht sofort festlegen will, aber was spricht dagegen, nach einem einerseits-andrerseits-Artikel noch einen „andererseits stimmt!“-Artikel zu veröffentlichen?

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