Interview mit Grünen-Politikerin

Was sagt eigentlich der Ehemann von Ricarda Lang dazu, dass ihr der „Spiegel“ solche Fragen stellt?

In einem „Spiegel“-Interview befragen Journalisten die Grünen-Politikerin Ricarda Lang zu ihrem Neustart ohne Parteivorsitz. Ganz kurz geht es auch ums Abnehmen. Klar, dass ausgerechnet dieses Thema groß im Teaser landet. Denn wie Politikerinnen aussehen, ist immer noch nicht egal genug.

Zum Jahresanfang hat der „Spiegel“ die Grünen-Politikerin Ricarda Lang interviewt, der Text im gedruckten Heft ist drei Seiten lang. Sie spricht darüber, wie sich ihr Leben verändert hat, seit sie Ende 2024 den Parteivorsitz abgegeben hat. Dass sie in der Öffentlichkeit jetzt weniger strategisch redet. In sozialen Medien befreiter auftritt. Ihr Studium abgeschlossen hat.

Es geht auch um allgemeinere Themen: die zunehmende Resignation unter Politikern, die aktuelle Lage der Grünen.

Kurz sprechen die Interviewer außerdem an, dass die Politikerin sich äußerlich verändert hat: Sie hat abgenommen. Lang antwortet auf die Fragen dazu eher knapp, zu anderen Themen hat sie mehr zu sagen.

„Hier spricht sie übers Abnehmen“

Trotzdem teasert der „Spiegel“ das Gespräch genau mit diesem Aspekt groß an. „Hier spricht sie übers Abnehmen“, heißt es vollmundig im Vorspann über dem Text. Und auch das Editorial vorn im Heft erwähnt prominent, dass die 31-Jährige „viel Gewicht verlor“.

"Spiegel"-Interview mit Ricarda Lang
Das Interview im gedruckten Heft hatte eine viel weniger private Überschrift als das Online-Interview.Screenshot: Spiegel

Nun ist es so, dass Ricarda Lang ihr Gewicht vor fast einem Jahr selbst groß zum Thema gemacht hat. Im Januar 2025 gab sie der „Zeit“ ein ausführliches Interview, in dem es explizit um ihr Äußeres ging. Sie habe lange überlegt, ob sie das machen wolle, sagte Lang damals. Aber wenn die Themen eh da seien, wolle sie auch die Deutungshoheit darüber haben.

Es war ein differenziertes Gespräch, mit viel Raum für Ambivalenz. Zu Beginn legen die Journalistinnen offen, wie komisch es sich für sie anfühlt, mit Lang ausgerechnet über ihr Gewicht zu sprechen. Das Interview thematisiert, welche Erfahrungen sie als junge Frau in der Politik gemacht hat, es geht um Bodyshaming, Hasskommentare, Körperbilder.

Das Dilemma zwischen Ansprechen und Ignorieren

Immer wieder wird in dem „Zeit“-Interview deutlich, in welcher Zwickmühle Lang als Frau in der Öffentlichkeit steckt: Dass sie lieber über soziale Gerechtigkeit oder Klimaschutz gesprochen hätte als über ihren Körper, er aber von anderen ständig zum Thema gemacht wurde. Wie sie das offen thematisierte und sich dann vorwerfen lassen musste, sie würde die ganze Zeit nur über ihr Äußeres reden.

Von diesen Meta-Überlegungen ist im „Spiegel“-Gespräch nichts zu finden. Dafür einiges von der Fokussierung auf Äußerlichkeiten, die Lang in der „Zeit“ beklagt.

Als die „Spiegel“-Journalisten sie auf ihren neuen Lebenswandel ansprechen, erzählt sie, dass sie jetzt konzentrierter und selbstbestimmter arbeite, weniger auf ihr Handy schaue. Nur am Schluss erwähnt sie kurz, dass sie auch mehr auf ihr Essen achte. Die Journalisten aber wollen wissen, ob sie inzwischen mehr Sport macht – daraus wurde dann auch die Überschrift der Online-Version des Artikels, auch auf Instagram: „Ich musste mich regelrecht zwingen, das erste Mal ins Gym zu gehen.“

Was macht eigentlich die Familienplanung?

Sie fragen, ob Lang „zur Abnehmspritze gegriffen“ habe, ob sie ihre alten Kleider weggeschmissen habe, was ihr Ehemann zu ihrer „Verwandlung“ sage. Und was die Familienplanung so macht, wollen sie durch die Blume gefragt dann auch noch wissen.

Zur Wahrheit gehört: Lang ist Medienprofi. Sie hätte für das Gespräch zur Bedingung machen können, manche Themen auszuschließen. Sie hätte bei einzelnen, privaten Fragen die Antwort verweigern können. Und sie hätte im Nachhinein, bei der Autorisierung des Interviews, ihr unangenehme Antworten aus dem Text herausstreichen können. Niemand zwingt sie, im „Spiegel“ über diese Themen zu reden.

Warum sie das tut, erklärt sie, als die „Spiegel“-Journalisten sie auf die zahlreichen Medienartikel über ihre neue Frisur ansprechen, einen Pony. Das sei absurd gewesen, aber sie wolle nicht klagen, sagt Lang:

„Ich habe mich ja bewusst entschieden, nicht nur über Tariftreue und Gerechtigkeit zu sprechen, sondern auch über private Dinge, damit die Menschen sich ein Bild von mir machen und für sich entscheiden können, ob sie mir vertrauen wollen.“

Um sich ein Bild von einem Pony zu machen, braucht es natürlich kein Interview, sondern, nun ja, ein Bild. Und damit, wie sehr man einer Politikerin vertraut, hat der Haarschnitt auch eher wenig zu tun (nur bei straffen Seitenscheiteln plus Lippenbärtchen wäre ich vorsichtig).

Passt eher in die „Bunte“ als zum „Spiegel“

Am Ende tut der „Spiegel“ genau das, was Lang und viele andere Politikerinnen seit Jahren kritisieren: Er rückt ihr Äußeres unnötig in den Mittelpunkt.

Das Problem daran ist die Botschaft, die gleichzeitig an alle anderen Frauen rausgeht, ob sie sich nun schon öffentlich engagieren oder nur darüber nachdenken. Stellt euch darauf ein, lautet diese Botschaft, dass ihr nicht nur aufgrund eurer Ideen, Rhetorik und Positionen bewertet werdet, sondern auch nach Body Mass Index und Kleiderstil.

Klar ist: Journalistinnen und Journalisten müssen erst einmal alles fragen dürfen. Und ja, es kann legitim und sinnvoll sein, auch Politikerinnen zu Privatem zu befragen. Das Nachbohren im „Spiegel“ hat allerdings eher „Bunte“-Niveau. Es fehlt die zweite Ebene, eine tiefere Erkenntnis, die politische Ableitung. Einfach nur möglichst viel Privates herausfinden zu wollen, passt zum Boulevard, nicht zu einem Nachrichtenmagazin.

Verräterische Online-Überschrift

Vermutlich interessieren sich die „Spiegel“-Journalisten selbst gar nicht so brennend dafür, ob eine Politikerin nun mit Spritze oder doch Diäten und Sport abgenommen hat. Wie oft sie das Laufband in ihrem Bundestagsbüro nutzt (Spoiler: nie) und ob in ihrem Kleiderschrank noch alte Klamotten lagern. Für solche Recherchen wird man ja eigentlich nicht „Spiegel“-Journalist.

Wahrscheinlich denken sie vielmehr, dass sich ihre Leserinnen und Leser dafür ganz besonders interessieren. Und dass Politikerinnen-Interviews mit dem Schlagwort „Abnehmen“ im Teaser immer noch besser geklickt werden. Bezeichnend ist, dass die Print-Version unter einer ganz anderen, weniger privaten Überschrift erschien: „Im Nachhinein mag das alles wie eine große Strategie wirken, aber das war es nicht“. Klingt angenehm sachlich.

Das „Zeit“-Interview vor einem Jahr war ein hoffnungsvoller Zwischenschritt auf dem Weg in eine Zukunft, in der Figuren, Frisuren und Outfits von Politikerinnen hoffentlich nicht mehr ständig öffentlich mitverhandelt werden. (Und ja, fürs Protokoll: Auch Politiker sollten davon verschont bleiben, bei Männern sind Rückschlüsse vom Aussehen auf die Kompetenz aber gesellschaftlich nicht so tief verankert.)

Beim „Spiegel“ scheinen sie das „Zeit“-Interview als Einladung missverstanden zu haben. Nach dem Motto: Nachdem Ricarda Lang dort schon selbst über ihr Gewicht gesprochen hat, dürfen wir jetzt auch alles Mögliche dazu fragen. Damit ist das „Spiegel“-Gespräch wieder ein ziemlicher Rückschritt.

4 Kommentare

  1. Mich wundert der Mis(t)griff der Spiegel-Redakteure gar nicht. Schon ein Blick auf die Spiegel-Website vor der Bezahlschranke erzählt von der Veränderung des „Sturmgeschützes der Demokratie“ zum Lebensratgeber und Home-story-Erzähler.

  2. Mir fiel in der letzten Zeit auch schon häufiger auf, dass sich der Spiegel – zumindest online – immer mehr vom „Qualitätsmedium“ entfernt (Print kann ich aus Gründen nicht einschätzen). Das gilt offenbar nicht nur bei der Schlagzeilenfindung, sondern auch bei der Wiedergabe von Meinungen. Mir fehlt da immer öfter die Einordnung in eine Sachlichkeit. Letztes, mir präsentes Beispiel ist der Artikel über eine Äußerung von Frau Lehfeldt bzgl. des Teilberliner Stromausfalls. Die wurde einfach nur zitiert. Ohne Einordnung, die die Meinung sicher als zumindest überdenkenswert und ein wenig kompetenzfrei einsortiert hätte.

  3. Mir hat das wenige, was ich Spiegel, was ich „früher“ als es nur Print gab, aber auch jetzt erst recht, noch nie gefallen. Es gibt selbst bei einigermaßen gut recherchierten Artikeln praktisch immer Verwirrung durch Überschriften oder Bildunterschriften, meist nach dem Muster Herr X (der abgebildete): „nicht alle Tassen im Schrank“ und man findet nicht sofort heraus, ob Herr X das sagte, jemand anders über ihn, oder was eigentlich..

  4. Man kann es beklagen, was die Medien mit ihr machen – aber es gehört auch jemand dazu, der das mit sich machen lassen will. Und ich vermute, dass die Gehässigkeiten, denen sie in ihrer Zeit als Vorsitzende ausgesetzt war – auch vom politischen Gegener, ihre nachhaltigen Spuren bei ihr hinterlassen haben. Ich denke, damit hatte sie nicht gerechnet und setzt jetzt auf diese Art von Öffentlichkeit, um dem bürgerlichen Milieu doch noch Respekt abzunötigen, den es ihr selbstverständlich versagen wird. Schade.
    Und die Presse macht das damit, was sie machen will: Geld verdienen – mit substanzlosem Quatsch, der die Leser*innen mehr in Bann hält, als Inhalte bei politischen Positionen.

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