Notizblog (41)

Dieser Text ist nicht so gemeint

Weniger Witz wagen? Über meinen Text über das Julia-Ruhs-Porträt im „Spiegel“ und das Risiko von Ironie in einer polarisierten, kontextlosen Welt.
Diverse Zwinkersmileys in verschiedenen Größen.

Der Fehler ist natürlich, überhaupt von Ironie Gebrauch zu machen. Journalistenlehrer warnen eindringlich vor ihren Gefahren. Wolf Schneider und Paul-Josef Raue etwa schrieben in ihrem Standardwerk „Handbuch des Journalismus“, dass

„die Zahl der Redakteure, die Ironie mögen, leider viel größer ist als die Zahl der Leser, die sie verstehen. So bleibt die Ironie eine Quelle von Missverständnissen. Schon [der Schriftsteller] Jean Paul schlug ein ‚Ironiezeichen‘ vor – aber wahrscheinlich ironisch.“

Insofern hätten wir gewarnt sein müssen, und insofern gehen die Missverständnisse, von denen im Folgenden die Rede ist, natürlich auf unsere Kappe.

Ich habe vorige Woche einen Artikel geschrieben über ein „Spiegel“-Portrait über die junge Vorzeige-Konservative der ARD, Julia Ruhs. Ich fand den „Spiegel“-Artikel aus verschiedenen Gründen merkwürdig oder misslungen, zum Beispiel weil er ziemlich angestrengt in der Biografie der Kollegin nach einer Ursache dafür sucht, wie es passieren konnte, dass sie nicht links wurde – als wäre das so eine abwegige Entwicklung, dass sich da irgendeine Art Knacks finden müsste. Tatsächlich fand der „Spiegel“ nichts, nur viele unaufregende, unspektakuläre Lebensstationen und eine behütete, friedliche Kindheit.

Satirische Überspitzung

Meine Formulierung, dass Julia Ruhs offenbar irgendwie „auf die schiefe Bahn geriet“, ist natürlich auch unernst gemeint, eine satirische Überspitzung der Motivsuche des „Spiegel“, und wer wollte, könnte mir das schon um die Ohren hauen: Als wäre ich der Meinung, dass eine konservative politische Einstellung vergleichbar ist mit dem Abgleiten in die Kriminalität.

Was mir tatsächlich um die Ohren gehauen wurde, ist eine Bildunterschrift. Unter einem Foto hatten wir getextet: 

Trotz glücklicher Kindheit heute konservativ: ARD-Moderatorin Julia Ruhs

Das ist natürlich ein Witz. Es ist eine satirische Übertreibung der von mir so wahrgenommenen Haltung des „Spiegel“-Stücks, dass irgendetwas in ihrer Kindheit schiefgelaufen sein muss, wenn eine Journalistin konservativ ist.

„Das können die doch nicht ernst meinen!!1!“

Ich weiß gar nicht, wie man das für etwas anderes als einen Witz halten kann. Aber es ist natürlich ein kleiner Schritt von „Das meinen die natürlich nicht ernst“ zu „Das können die doch nicht ernst meinen!!1!“ Insbesondere wenn man den Artikel nicht kennt, in dem das Foto und die Bildunterschrift stehen.

Und hier potenziert sich das Risiko beim Einsatz von Ironie durch die neuen Mechanismen der sozialen Medien: durch ihre gnadenlose Aufmerksamkeitslogik und durch die vielfältigen Möglichkeiten, Inhalte ihrer Zusammenhänge zu berauben. 

„Brüller“

Julia Ruhs demonstrierte das selbst eindrucksvoll, als sie einen Screenshot von der Bildunterschrift auf X teilte – zunächst ohne Link zum Artikel selbst. Gegen die Beschreibung als „Brüller“ habe ich gar nichts einzuwenden, aber wer ihren Tweet sah, musste denken, dass das, was da stand, unsere Einordnung ihrer Person ist.  

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Entsprechend wurden der Post und der Screenshot von vielen ihrer Follower kommentiert und weiterverbreitet, als Zeichen der Beklopptheit von Übermedien. In einzelnen Fällen widersprach Ruhs zwar, die unseren Witz offensichtlich genau richtig verstanden hatte. „Weil jetzt manche auf Übermedien rumhacken, die Kritik müsste da aber fairerweise den Spiegel treffen, weil Übermedien nur zugespitzt deren Artikel aufs Korn nimmt“, postete sie mehrere Stunden später und lieferte auch den Link zum Artikel nach. Aber das fand nur einen winzigen Bruchteil der Verbreitung und der Beachtung ihres Ursprungsposts, der laut X über 350.000-mal angezeigt und über 2000-mal repostet wurde. 

Aufmerksamkeit

Mehrere große und prominente konservative und rechte Accounts versuchten, von der Aufmerksamkeit zu profitieren, und veröffentlichten eigene aufgeregte Posts zu dem Screenshot. (Das ist natürlich kein rechtes Phänomen, sondern funktioniert auf der linken Seite genauso: Kontextlose Screenshots ziehen empörungswillige und empörungsproduzierende Social-Media-Nutzer an wie Sommerpicknicks Wespen.)

Meine Versuche, die Ironie zu erklären, wurden von vielen als peinliches nachträgliches Rückrudern verstanden.

Julia Ruhs‘ Screenshot produzierte dabei noch weitere Missverständnisse. Zum Beispiel dachten verschiedene Leute offenbar, dass er die Überschrift unseres Textes zeigt oder einen Social-Media-Post von uns, so dass nun noch der Verdacht im Raum stand, wir hätten mit der, höhö, Ironie auch noch Clickbait betrieben. Clickbaiten ist das Ködern von Leserinnen und Lesern mit irreführenden Inhalten. Der Hinweis, dass Formulierungen, die erst nach dem Click zu sehen sind, keine Köder für Clicks sein können kann, drang aber auch nicht so richtig durch.

„Anführungszeichen“

Schließlich wurde mir dringend der Einsatz von Anführungszeichen angeraten, wenn ich den „Spiegel“ schon zitiere. (Es handelt sich bei der Bildunterschrift, ich sage das sicherheitshalber hier nochmal, nicht um ein Zitat aus dem „Spiegel“, sondern ein überspitztes Mokieren.) 

Andere wiederum wiesen mich darauf hin, dass man Ironie auch mit Anführungszeichen kennzeichnen könne und solle und lieferten gleich mögliche Anwendungsfälle in Formulierungen wie: „Stefan Niggemeier ist ‚Journalist‘.“ Es scheint eine nicht ganz seltene Annahme zu sein, dass man Anführungszeichen als Ironiezeichen verwenden kann, trifft allerdings nur in seltenen Fällen zu und führt nur zu sehr viel schlimmeren Missverständnissen, weil das, was ich ironisch meine, dann wie ein Zitat aussieht, was es aber nicht ist, s.o.

Dass die meisten Menschen nur Julia Ruhs Screenshot sahen und nicht den Artikel selbst, hatte aber vermutlich auch etwas Gutes: So mussten sich wenigstens nicht so viele Leute auch noch über die Überschrift des Textes aufregen, die natürlich auch nicht eins zu eins zu verstehen ist, sondern sich lustig macht. 

„Spiegel“ enthüllt: Rechte Meinungsmacherin traut sich nicht einmal, selbst Nachtisch zu bestellen

(Auch hier gab mir jemand den Tipp, dass die Ironie klar würde, wenn man „enthüllt“ in Anführungszeichen setzte. Nein. Einfach nein.)

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es Schlimmeres gibt als diesen kleinen Auffahrunfall, auch wenn er bei einigen Schaulustigen bleibende Missverständnisse verursacht hat. Es ist vermutlich kein Wunder, dass die Karambolage an der Stelle stattfand, wo die schlecht einsehbare Witzgasse die streng polarisierte Aufmerksamkeitsautobahn kreuzt.

Problematische Polarisierung

Insofern hat das natürlich auch mit dem Thema Julia Ruhs zu tun, deren rasante Karriere sich nur dadurch erklären lässt, dass sie mit ihren konservativen Positionen nicht nur klar zu verorten ist, sondern auch für das angebliche sonstige Fehlen solcher Positionen in der Medienlandschaft steht. Ihr publizistischer Erfolg beruht auf einer problematischen Polarisierung, innerhalb derer sie sich als Heldin und Feindbild gleichzeitig anbietet. 

Vielleicht kann man sich in einem solchen Umfeld, in dem jede Seite sofort bereit ist, übers Stöckchen zu springen, besonders wenig Ironie erlauben. Andererseits glaube ich, dass die Verwirrung und Verstörung, die sie produzieren kann, auch etwas Gutes hat. Weil sie im idealen Fall zum Nachdenken anregt. Man muss sich gar nicht für eine Seite entscheiden: Man kann gleichzeitig den Erfolg von Julia Ruhs schwierig finden und die übertriebene Kritik an ihr.

Der berühmte Journalistenausbilder Wolf Schneider hat schon recht, wenn er vor dem Einsatz von Ironie warnt. Aber ich würde auch nach dem etwas anstrengenden Getöse der vergangenen Tage ungern in Zukunft darauf verzichten. Denn ich möchte meine Artikel nicht für die Leser optimieren, die sie im Zweifel nicht nur nicht verstehen, sondern auch nicht verstehen wollen. Und ich sehe in dieser kleinen Bildunterschrift nach wie vor auch ein freundliches Augenzwinkern, einen Hinweis, dass man das alles nicht so ernst nehmen muss.

Außer man will es wirklich unbedingt.

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