„Freizeitwoche“ soll erfundene Interviews veröffentlicht haben

Neulich sind wir in der „Freizeitwoche“ auf einen interessanten Artikel gestoßen:

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Nun kommt es nicht gerade selten vor, dass die Zeitschrift nachträglich Texte schwärzen muss. Grund dafür ist in der Regel, dass sich die betroffenen Prominenten juristisch gegen die Veröffentlichung gewehrt haben. Das Interessante in diesem Fall ist aber, dass es sich um ein vollständig geschwärztes Wortlaut-Interview handelt. Und dass es nicht, wie sonst üblich, um einen deutschen Schlagerpromi geht, sondern um Sandra Bullock.

Ursprünglich sah das Ganze mal so aus:

Angebliches Interview mit Sandra Bullock in "Freizeitwoche"
alle Ausrisse: „Freizeitwoche“, Unkenntlichmachungen: Übermedien.de

Ihr neuer Freund sei „unglaublich romantisch“, schwärmt die Schauspielerin dort, jeden Morgen schicke er „einen Liebesgruß“ auf ihr Handy oder lege ihr „eine kurze, liebe Nachricht“ unter ihre Kaffeetasse. Aber am meisten beeindrucke sie:

Dass er nicht heimlich wie mein Ex-Mann nach anderen Frauen schielt, wenn wir in unserem Lieblingscafé sitzen, oder ihnen gar zur Toilette folgt, um sie nach ihrer Handy-Nummer zu fragen.

All das und noch viel mehr hat Sandra Bullock vor vier Monaten angeblich also der „Freizeitwoche“ verraten, einer der auflagenstärksten Frauenzeitschriften des Landes. Jede Woche werden davon mehr als 400.000 Exemplare verkauft, herausgegeben wird sie von den Verlagen Bauer und Klambt. In dem Interview spricht Bullock auch über ihre Kinder, ihre Hochzeitspläne und darüber, was sie bei einem Mann anmacht.

Das Problem ist bloß: „Dieses Interview hat nie stattgefunden“, sagt Bullocks Anwältin Nina Lüssmann von der Hamburger Kanzlei Prinz Neidhardt Engelschall auf Anfrage von Übermedien.de. Die Anwältin hat bereits eine einstweilige Verfügung erwirkt, darum musste die „Freizeitwoche“ das Interview im E-Paper schwärzen.

Sandra Bullock

Es war nicht das erste Interview, das Sandra Bullock der „Freizeitwoche“ nicht gegeben hat.

2005 druckte das Blatt schon mal ein angebliches „Exklusiv-Interview“ mit der Schauspielerin:

Angebliches Interview mit Sandra Bullock in "Freizeitwoche"

Zwei Jahre später erschien noch eins:

Angebliches Interview mit Sandra Bullock in "Freizeitwoche"

2009 noch eins:

Angebliches Interview mit Sandra Bullock in "Freizeitwoche"

2013 noch eins:

Angebliches Interview mit Sandra Bullock in "Freizeitwoche"

2014 noch eins:

Angebliches Interview mit Sandra Bullock in "Freizeitwoche"

Auch in diesen Gesprächen gibt Bullock scheinbar ungehemmt Details aus ihrem Privat- und Seelenleben preis, sie spricht über ihre Beziehungen, ihre Familie, über Nacktszenen, Torschlusspanik und auch über Rostbratwürstchen. Sie sagt Dinge wie:

Was mir immer das Herz zerreißt: Vor mir an der Kasse klaubt ein altes Mütterchen mühsam die Cents aus seinem Portemonnaie zusammen. Die Einsamkeit, die aus diesem Menschlein so rausspringt, ist für mich wie ein Gespenst der Angst.

Oder:

Ich mag Erotik, finde auch, dass sie im Leben wichtig ist. Wenn ich einen Freund habe und glücklich verliebt bin, blühe ich auf. Dann merke ich auch das Weib in mir. Aber wenn ich alleine lebe, wie zurzeit, kann ich mein sexuelles Verlangen völlig einschlafen lassen, meine Sexualität in Kreativität verwandeln.

Aber: „Auch diese Interviews haben nicht stattgefunden“, sagt Anwältin Lüssmann. Gegen vier davon geht sie im Auftrag der Schauspielerin nun ebenfalls vor (der Fall von 2005 ist bereits verjährt).

150 Stars in 12 Jahren

Ein Blick ins Archiv der „Freizeitwoche“ zeigt: Das Blatt hat nicht nur Sandra Bullock interviewt, sondern – alle.

George Clooney, Leonardo DiCaprio, Tom Hanks, Johnny Depp, Julia Roberts, Robert De Niro, Matt Damon, Harrison Ford, Tom Cruise, Meryl Streep, Celine Dion, Sylvester Stallone, Bruce Willis, Al Pacino, Morgan Freeman, Nicole Kidman, Jennifer Aniston, Mel Gibson, Scarlett Johansson, Jim Carrey, Robert Redford, Angelina Jolie, Michael Douglas, Clint Eastwood, Kevin Costner, Dustin Hoffman, John Travolta, Jodie Foster, Ben Affleck, Jack Nicholson, Russell Crowe, Keira Knightley, Nicolas Cage, Matthew McConaughey, Pierce Brosnan, Kate Winslet, Richard Gere, Jennifer Lawrence, Susan Sarandon, Helen Mirren, Hugh Grant, Cameron Diaz, Brad Pitt.

Und das ist nur ein winziger Ausschnitt.

Mehr als 150 Hollywoodstars und weltberühmte Musiker will das Blatt schon zum Exklusiv-Gespräch getroffen haben. Die meisten davon sogar zwei-, drei-, vier-, fünf- oder sechsmal. So sind in der „Freizeitwoche“ in den vergangenen zwölf Jahren mehr als 300 Interviews mit internationalen Superpromis erschienen. Andere Medien brauchen Jahre, um nur einen einzigen Interviewpartner dieses Kalibers zu bekommen.

Unglaublich ist aber nicht nur dieses gigantische Ausmaß, sondern auch die Selbstverständlichkeit, mit der die Stars der „Freizeitwoche“ – oder den Interviewern, deren Gespräche sie einkauft – selbst intimste Geständnisse anvertrauen.

Wie in den vermeintlichen Interviews mit Sandra Bullock scheinen auch die anderen Prominenten ohne jede Scheu über ihr Privatleben zu plaudern, sie packen über ihre Beziehungen aus, über ihre Familien, ihre Sehnsüchte, Ängste und sexuellen Vorlieben, sie sprechen über Alkoholprobleme, Fehlgeburten, Selbstmordversuche und Schönheits-OPs. Sie beleidigen auch mal Kollegen und geben Seitensprünge zu.

Kann das sein?

Wir haben einige Interviews übersetzt, an die Managements der Interviewten geschickt und gefragt, ob die Gespräche stattgefunden haben.

Roger Moore

Angebliches Interview mit Roger Moore in der "Freizeitwoche"
Angebliches Interview mit Roger Moore in der "Freizeitwoche"

Der sympathische „Sir“ (er wurde im Jahr 2003 von der Queen zum Ritter geschlagen) plaudert mit FREIZEITWOCHE über seine Dünnhäutigkeit, Sünden und seine Nahtoderfahrung.

Roger Moore sei daran „nicht beteiligt“ gewesen, sagt seine Sprecherin.

Sean Connery

Angeblich Interview mit Sean Connery in "Freizeitwoche"
Angebliches Interview mit Sean Connery in "Freizeitwoche"

Der von der Queen zum Ritter geschlagene Star verrät FREIZEITWOCHE, was er unterm Schottenrock trägt, er spricht über seine Komplexe, seine peinlichste Panne, sein „erstes Mal“ und übers Weinen.

„Sir Sean ist im Ruhestand und spricht gar nicht mehr mit Medien, daher kann ich mir nicht vorstellen, dass er diese Interviews gegeben hat“, sagt ein Sprecher von Connerys Agentur.

Catherine Deneuve

Angebliches Interview mit Catherine Deneuve in "Freizeitwoche"
Angebliches Interview mit Catherine Deneuve in "Freizeitwoche"

Sie war und ist ein Weltstar. Catherine Deneuve feierte viele große Erfolge als Schauspielerin. Doch als Mutter versagte sie kläglich, wie die 69-Jährige im Interview mit FREIZEITWOCHE gesteht.

„Catherine Deneuve hat diesem Magazin noch nie ein Interview gegeben“, sagt ihre Sprecherin. Die Texte basierten zum Teil auf Aussagen, die „vor langer Zeit“ in einem anderen Magazin erschienen sind. Vieles sei jedoch „komplett erfunden“.

„Wir fälschen keine Interviews“

Veröffentlicht die „Freizeitwoche“ etwa seit Jahren gefälschte Interviews?

„Freizeitwoche“-Chefredakteur Michael Graf dementiert das vehement. Er schreibt:

Zu Ihrer haltlosen Unterstellung gibt es von mir nur klare Antwort [sic]: Wir fälschen keine Interviews!

Die Redaktion bekomme diese von „erfahrenen Korrespondenten“ im Ausland und von „freien Mitarbeitern, mit denen wir seit Jahren vertrauensvoll zusammenarbeiten“.

Zurzeit gebe es lediglich „mit einer interviewten Person, mit der einer unserer freien Mitarbeiter gesprochen hat, juristischen Klärungsbedarf.“ Da es sich „um eine laufende Recherche“ handle, könne er „noch kein Ergebnis liefern“. Von wem die fraglichen Interviews stammen und wann sie stattgefunden haben sollen, verrät er nicht.

12 Kommentare

  1. Bleibt also abzuwarten.
    Ohnehin überrascht es mich nicht, wenn sich die Stars oder die Agenturen nicht an die „Freizeitwoche“ erinnern. Denn wie im Text angedeutet, werden Interviews doch sicherlich einmal abgehalten und dann mehrfach verkauft, eben an solche Klatschblätter, wie die deutsche Presselandschaft sie eben zu Hauf hat. Dass sich manche deutsche Medien nur ab und an ein so großkalibriges Interview leisten oder es bekommen können, liegt doch dann daran, dass sie es selber führen wollen.
    Es wäre mal interessant zu wissen, wie oft ein einzelnes Interview weltweit in unterschiedlichen Medien abgedruckt wird. Gibt es da Zahlen oder Beispiele?

  2. Bemerkenswert ist auch, dass man die Weltstars nicht auch ordentlich fotografisch abgelichtet hat, sondern stattdessen irgendwelche beliebigen Stockfotos nimmt.

  3. Bullock wurde in einem Interview gefragt, wieso sie in Interviews eigentlich so nett sei, obwohl sie in ihren Filmen eher mehr kratzbürstige Charaktere spiele. Ihre Antwort: „Sie vergessen wohl, dass ich Schauspielerin bin! Immer, wenn ich Journalisten sehe, verstell‘ ich mich.“
    Jetzt frage ich mich, ob das eigentlich stimmt, oder ob das auch erfunden ist.

  4. Warum eigentlich wird die „Freizeitwoche“ in einem Joint-Venture-Unternehmen aus zwei konkurrierenden Verlagen herausgegeben?

    Übrigens: Welcome back topfvollgold!

  5. @Stefan Niggemeier
    Richtig. Und die „Freizeitwoche“ muss jetzt in ihrer „laufenden Recherche“ klären, ob der Vorwurf der Anwältin zutrifft. Also erst mal abwarten.

  6. Gerade den topfvollgold geschluckt, schon kommt eine solche „Enthüllung“?
    Nice!

    Ist das jetzt Lügenpresse? :D

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